Werlitsch-Fortsetzung – Ex Vero 1,5 – Nachtrag 5

Jetzt mußte ich mal wieder mit der Werlitsch-Reihe weitermachen. Heute habe ich den

2008er Ex Vero I – Spätfüllung – Cuvée – trocken – Landwein, Werlitsch, Südsteiermark

aus dem Regal gezogen. Auch dieser Ex Vero I ist eine Cuvée aus ca. 90% Chardonnay und einigen Prozent Sauvignon Blanc sowie Welschriesling, die einige Tage mit den Schalen eingemaischt und spontan im offenen Holzfaß vergoren wurde. Danach wurde der Wein auf der Feinhefe im großen Holzfaß ausgebaut. Diese  Spätfüllung lag von Herbst 2008 bis September 2012 im Faß auf der Hefe und wurde dann abgefüllt (steht seitlich auf dem Etikett). Ich habe im Netz auch andere Angaben zur Abfüllung des 2008ers gefunden (z.B. Mai 2014), ggf. gibt es hier mehrere Varianten.

Die Farbe ist ein deutliches Goldgelb mit Touch ins Bernsteinfarbige, zieht deutliche Schlieren am Glas. Wie erwartet zuallererst ein sehr mineralisches Bukett, Feuerstein und Kellergewölbe, dann Orangenzesten und Lychee in recht intensiver Form, abgeschwächt auch Tamarinde. Viel dichter und gelber übrigens als der „normale“ Ex Vero I. Am Gaumen dann schon das typische Ex Vero-Feeling, auch hier die oben beschriebene Sekundäraromatik, auf der Fruchtseite kommt ein leichtes Bitterchen von der Tamarinde mit. Die Säure ist etwas herb, fast wie vom Hopfen, die Spätfüllung hat mit 12 Volt ein bißchen mehr Spannung als die nicht so späte Füllung. Der Abgang ist ellenlang und bietet diese ganz eigentümliche Kombination aus der „sauberen“ Fruchtaromatik und dem „Schmutz aus dem Keller“.

Wie oben schon angedeutet, ist die Spätfüllung geschmacklich quasi ein Schritt in Richtung Ex Vero II. Er ist nach dem Öffnen schon deutlich gefälliger als der Standard-Einser, aber er bleibt dennoch ein eher polarisierender Wein. Ich mag ihn allerdings sehr und bin gespannt auf die Entwicklung der nächsten Tage.

Meine Wertung: 3

1. Nachtrag nach 48 Stunden mit Luft: War ja klar, daß ein Werlitsch-Wein ohne Nachtrag nicht geht. Also: in der Nase deutlich intensiver geworden, die Früchte drängen nach vorne. Neben Zitruszesten findet man jetzt auch eingemaischte Äpfel, Karambole und Jostabeeren. Der reduktive Charakter bleibt aber. Eine leicht ölige Note kommt auf, weiters saure Lakritze. Am Gaumen auch herbe Äpfel, Maracuja, etwas Lychee. Immer noch sehr erdig, vielschichtig trotz gefühlt eher wenig Extrakt, daher dem Anschein nach staubtrocken. Also schon signifikant anders als vor zwei Tagen. Hätte mich auch gewundert, wenn es anders gewesen wäre.

2. Nachtrag nach 72 Stunden mit Luft: In der Nase nun saure Mango, Karambole, Maracuja, grüne Tomate, am Gaumen Limette, Blutorange, Tamarinde und weiße Johannisbeere. Der phenolisch-erdige Geschmacksanteil ist jetzt ein bißchen „gefälliger“, aber everybodies darling ist der Ex Vero deshalb noch lange nicht…

3. Nachtrag nach 8 Tagen mit Luft: So, jetzt hatte der Ex Vero mal ein paar Tage Ruhe vor mir. Gestern Abend dann mal wieder ein Glas. In der Nase jetzt Apfelmost, Khaki, Maracuja, Tamarinde, Koriander, etwas Tabak, der Blumentopf wird kleiner. Am Gaumen zusätzlich wieder Limette, etwas Pfeffer sowie frisches Heu. Auch eine Spur Sauerkraut kam mir in den Sinn. Mit Wacholderbeeren! Jedenfalls lädt der spätgefüllte Ex Vero I nachhaltig dazu ein, aus der Aromenvielfalt die einzelnen Bestandteile zu extrahieren. Bei diesem Wein kann man dieses Spiel sehr lange mit Freude zelebrieren, deutlich länger als bei den meisten anderen Stöffchen. Außerdem zeigt der Wein jetzt nach 8 Tagen nicht die Spur einer Schwäche. Im Gegenteil: da geht noch was. Die Veränderung / Entwicklung über die Tage ist zwar weniger signifikant als beim „normalen“ Ex Vero, aber die Spätfüllung startete für mein Empfinden auch auf einem etwas anderen Niveau. Ist noch was da…

4. Nachtrag nach 16 Tagen mit Luft: Diese Woche war von Reisen und anderen Aktivitäten geprägt, so mußte der spätgefüllte Ex Vero I ein bißchen warten, bis er wieder den Weg ins Glas fand. Heute war es dann wieder so weit. Ist auch ein kleiner Rekord, über so lange Zeit habe ich noch keinen Wein probiert. In der Nase dominiert nun die Maracuja neben etwas Tabak, Gewürzgurke und einer feuchten Kellernote. Klingt krass, ist es auch! Am Gaumen setzt sich dieser Eindruck fort, dazu jetzt etwas Mineloa, deutliche Salzigkeit, etwas rauchig, leichte Muskatwürze. Warmer langer Abgang, bei dem ganze Rachen zu glühen scheint. Tut aber nicht weh, im Gegenteil. Ich weiß nicht, wer bei diesem Wein schon mal bis zu diesem Punkt gekommen ist. Und ich weiß auch nicht, was ich in den letzten 8 Tagen alles verpaßt habe. Aber es bleibt einfach spannend! Für ein Glas reicht’s noch…

5. Nachtrag nach 20 Tagen mit Luft: Jetzt habe ich meinen Rekord noch ein bißchen weiter ausgebaut. Jetzt ist dann aber Schluß, denn es reichte gerade noch für ein letztes Glas. In der Nase schiebt sich die Gewürzgurke weiter nach vorne. Jetzt ist das ja -genauso wie Sauerkraut- für mich nicht unbedingt eine wünschenswerte Aromatik im Wein. Aber komischerweise stört sie hier überhaupt nicht bzw. fällt nicht negativ auf. Es macht wohl die Kombination aus. Denn da sind nach wie vor die Maracuja und Mineloa, naturtrüber Apfelsaft, aber auch alter Ledergürtel und etwas Koriander. Am Gaumen heute noch ein bißchen mehr Rauch, die Früchte sind hier fast weg, etwas Lakritze und nasses Zeitungspapier noch. Der Abgang immer noch recht lang, hier sind juxigerweise wieder Zitrusaromen vernehmbar, die sich am Gaumen gar nicht gezeigt haben. Insgesamt heute aber schon auf dem absteigenden Ast, insbesondere was das Gefühl am Gaumen angeht, Nase und Abgang waren da jetzt deutlich spannender. Der Höhepunkt ist jetzt wohl überschritten, dennoch war dies eine sehr spannende Reise durch die Aromenwelt des Ex Vero I,V…

2 comments on “Werlitsch-Fortsetzung – Ex Vero 1,5 – Nachtrag 5

  1. Lieber Erich,
    vielen Dank für Deine zahlreichen Rezensionen der vergangen Tage. In Ermangelung von Urlaubstagen werde ich wohl die Griechen zunächst sausen lassen und lieber mal eine Bestellung aufgeben müssen, um die Werlitsch-Erfahrung machen zu können. Der Anbieter „Wagner´s Weinshop“ aus Österreich bietet glücklicherweise auch Weine von Wagentristl an, die ich gleich mitbestellen werde. Leider hatte dieses Weingut weinlesebedingt im September keine Zeit für meinen persönlichen Besuch – nun muss wohl ein bedauernswerter Kurierfahrer dem sicheren Bandscheibenvorfall entgegensehen und damit dieses Versäumnis ausbaden. Bis bald in Gauting, Andreas

    Liken

    • Hallo Andreas,
      da bin ich schon gespannt, was du zu den Weinen sagst. Die mag man entweder voll und ganz oder überhaupt nicht. Dazwischen gibt’s glaube ich nicht viel. Und Zeit dafür mitbringen!
      Bis Freitag, der XXX vom YYY steht schon bereit 😉
      VG Erich

      Liken

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s