Untypisch… – Nachtrag 2

…und / oder fehlerhaft war schon häufiger die Einschätzung der staatlichen Weinprüfer im Fall der etwas anders gekelterten Weinchen von Claus Preisinger. Jetzt habe ich mal wieder so einen Landwein aus dem Regal gezogen:

2013er GV ERDELUFTGRASUNDREBEN – Grüner Veltliner – Landwein, Claus Preisinger, Neusiedlersee

Nachdem den maischevergorenen, ungefilterten und ungeschwefelten Gewächsen aus der Lage „Edelgraben“ (den Weißburgunder gleichen Namens hatte ich ja schon mal im Glas) ja mittlerweile nur noch der Landweinstatus mit der Herkunftsbezeichnung „Weinland“ zugestanden wird, hat Claus Preisinger mit der Namensgebung seinen eigenen Weg gefunden, dennoch auf die Herkunft der Trauben hinzuweisen. Wie in anderen Regularien ist für besondere Säfte wie diesen eben bis dato kein Platz in den angestammten -vielleicht auch angestaubten- Schubladen. Aber auf die faktische Qualität eines Weines läßt sich aus der Bezeichnung heraus ja eh nur in den seltensten Fällen zweifelsfrei schließen. Gerade bei dieser Art von Weinen wäre das aber wünschenswert, denn die Weine, die man grob dem Bereich „Naturwein“ zuschreiben kann, sind in der Mehrzahl nicht außergewöhnlich, sondern einfach nur schlecht.

Trüb wie ein dunklerer Bio-Apfelsaft liegt der GV im Glas; nicht ganz orange, aber doch deutlich in die Richtung weisend, deshalb bei mir auch unter dieser Farbe eingeordnet. Die Nase wird -wie erwartet- mit oxidativen Noten, Traubenmaische, Maracuja und etwas Blumentopf konfrontiert. Am Gaumen dominieren ebenfalls die weißen Gerbstoffe aus den Schalen, auf der Fruchtseite hauptsächlich wieder Maracuja, aber auch Mandarine und Kumquat sowie sehr reife Abate-Birne. Allerdings tauchen auch ständig neue Aromen auf, andere verschwinden wieder. Man könnte also alle 5 Minuten was Neues über den Wein schreiben. Äpfel, Blutorangen, Johannisbeeren, frische Datteln und grüne Feigen spielen jedenfalls auch noch mit. Dabei sehr herb-steinig. Die recht gut etablierte Säure trägt diesen hochkomplexen Wein etwas auf die „leichte“ Seite, womit ich ausdrücken will, daß der Trinkfluß trotz des Anspruchs, den der Wein an den Konsumenten stellt, doch recht beeindruckend ist. Hier ist schon etwas Disziplin gefragt, wenn man die Flasche nicht ruckzuck vernichten will. Der Nachhall ist ebenfalls recht intensiv auf der oxidativ-fruchtschaligen Seite unterwegs.

Mal wieder einer dieser wunderbar polarisierenden Land-Weinchen aus dem Hause Preisinger. Untypisch ist der Wein in jedem Fall, aber genau das macht ja auch seinen Reiz aus. Ich habe nicht viel davon konsumiert, denn das ist mal wieder so ein Wein nicht nur für einen Tag, ich werde wohl mindestens zwei Nachträge schreiben…

Meine Wertung: 3

1. Nachtrag nach 8 Tagen mit Luft: Ich habe den „Quasi-“ Edelgraben jetzt bewußt mal etwas länger stehen lassen. In der der Nase ist er nun deutlich fruchtiger, wobei sich die Aromatik weiterhin etwas auf der fermentierten Seite aufhält. Maracuja, Mirabelle, Marula, aber auch Kamille, leicht hefig, auch eine kleine Cognac-Note. Am Gaumen kommt zu den o.g. Früchten ein Pomeranzen-Bitterchen, dazu eine leicht malzige Note, Dampfnudel mit Vanillesauce. Die straffe Säure kommt mit dem Extrakt gut zurecht. Im Hintergrund dann auch eine karamellige Note, die sich am deutlichsten beim Abgang zeigt. Dieser bietet ansonsten die leicht angemosteten Früchte mit der leicht malzigen Süße. Außergewöhnlich, eigenständig, spannend. Für mich nach wie vor eines der gelungensten Beispiele aus dem weiten Feld von Orange & Co.

2. Nachtrag nach 14 Tagen mit Luft: 2 Wochen offen, das überleben nicht allzu viele Weine unbeschadet. Dieser orange GV schafft das aber ohne mit der Wimper zu zucken. Gegenüber der Beschreibung vor 6 Tagen hat sich dabei aber gar nichts grundsätzliches getan, es ist mehr eine Verschiebung der Gewichtungen. Marula und Mirabelle sind am aufsteigenden Ast, die malzige und karamellige Note ebenfalls. Dampfnudel und Maracuja etwas im Sinkflug. Insgesamt kann man fast sagen, daß sich der GV einem „normalen“ Wein etwas angenähert hat, er wirkt auch etwas fülliger, runder. Auch etwas weniger „untypisch“ oder gar „fehlerhaft“ als kurz nach dem Öffnen. Ein Landwein wird’s aber dennoch bleiben. Und das ist auch gut so!

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