Verhüllter Schatz

Es gibt ja in der Weinwelt eine Reihe von Flaschen, die nicht nur ganz profan Glasflasche mit Etikett und Verschluß sind, sondern noch ein oder mehrere Gimmicks extra haben. Entweder ein separater Verkaufskarton, eine besondere, einmalige Flaschenform (z.B. als Fisch) oder mit eingegossenen Emblemen etc., mit Netzen aus Metalldraht, mit Sand beklebt (ja, hatte ich auch schon!) oder mit Seidenpapier eingeschlagen. Wie hier!

Die Gründe dafür sind vielfältig. Nicht selten wird meiner Meinung nach mit solchem Schnickschnack versucht, die Defizite des Inhalts zu übertünchen. Bei eher hochpreisigen Produkten soll damit wohl die Exclusivität herausgestellt und der Preis in gewisser Weise gerechtfertigt werden. Oder es treffen beide Gründe zu! In abgeschwächter Form ist dies nun auch in der Apfelsaftwelt angekommen. Hier handelt es sich zwar nur um ein bedrucktes Seidenpapier, aber für diese Nische des Getränkemarktes ist es doch eher ungewöhnlich, daß man die Flasche so verkauft bekommt. Da dieser Apfelsaft

Kohl Grand Cru Bergapfelsaft – Ananasrenette, Obsthof Troidner, Südtirol

immerhin etwas unter 10 Euronen ab Hof kostet, unterstelle ich nun mal, daß das Seidenpapier in diesem Fall eher die Exclusivität unterstreichen soll. So schaut er übrigens ausgepackt aus:

20160722_103825

Auf der Rückseite ist übrigens noch handschriftlich das Verfallsdatum und die Flaschennummer „627“ vermerkt. Um die Exclusivität noch zu unterstreichen, sei hier noch erwähnt, daß es den Saft auch in der Magnumflasche gibt! Und so wird der Saft vom Obsthof selbst beschrieben:

Frisch und fruchtig – und ein klein wenig frivol – so muss er sein, ein Apfel mit diesem Namen. Und was steckt dahinter? Eine vermutlich hohe Geburt und eine ungeklärte, vielleicht gar mysteriöse Herkunft.

Die Spuren führen ins 18. oder 19. Jahrhundert und nach Deutschland, Belgien und Holland. Fest steht so viel: Im vorletzten Jahrhundert gab es unzählige Obstgärten und fast so viele Apfelsorten. Unter dieser harten Konkurrenz konnte sich die Ananasrenette mit ihrer Mischung aus Freude und Intelligenz durchsetzen und wurde „Everybody’s Darling“. Seine steile Karriere nahm auch in Südtirol ihren Lauf und erlebte erst nach hundert Jahren, zu Beginn der flächendeckenden Apfelproduktion, einen Knick.
Am sonnigen Ritten, in guter Luft, auf dem richtigen Boden, vor allem aber mit viel Erfahrung begleitet, wächst die Ananasrenette wieder. Saftig, würzig im Geschmack, an Ananas erinnernd, mit Noten von Zitrusfrüchten und Cassis, ist diese historische Apfelsorte ausgezeichnet geeignet für die Herstellung als sortenreiner Bergapfelsaft – und kann wie ehedem ihre besten Eigenschaften ausspielen: frisch, fruchtig und ein wenig frivol.

Jetzt aber zum Testobjekt, das es heute zum Frühstück gab: Im Glas zeigt sich eine Farbe, die man auch vom klassischen (gelben) Pampelmusensaft her kennt. In der Nase zeigt sich anfangs „nur“ ein frischer, leicht säuerlich wirkender Apfel. Tatsächlich aber erscheint nach einiger Zeit mit Luft (!) im Gabriel-Glas auch eine leichte, aber schon klare Ananasnote. Am Gaumen auch frisch-fruchtig, leicht säuerlich, das frische Apfelaroma wird hier anfangs nur von einer sehr zarten Ananasnote begleitet, die aber auch hier mit der Zeit an Gewicht zunimmt. Dazu noch etwas weiße Johannisbeere. Cassis -also schwarze Johannisbeere- wie auf dem Rückenetikett beschrieben, finde ich allerdings nicht. Der Abgang ist schön anhaltend und dabei recht frisch und leicht säuerlich.

Ein wirklich schöner Saft mit einer relativ vielschichtigen Aromatik, der ausnehmend Spaß macht. Allerdings ist er er mit dem oben erwähnten Preis auch jenseits von günstig, soviel geben die meisten Leute ja nicht mal für eine Flasche Wein aus. Ob der Aufwand, der hinter der „Saftwerdung“ in diesem speziellen Fall steht, den Preis rechtfertigt (und der ist immerhin mehr als doppelt so hoch wie der für die Kohl-Gourmet-Säfte) kann ich schwerlich sagen, aber ich für meinen Teil werde in Zukunft wohl eher im Ausnahmefall diesen Saft nochmals erwerben. Denn qualitativ und vom Spaßfaktor her stehen die Standard-Säfte nämlich durchaus auf der gleichen Ebene, es sind eher Nuancen, die die beiden Saftlinien trennen. Allerdings gibt es noch eine „Grand Cru“-Sorte, vielleicht stellt die ja alles in den Schatten. Demnächst hier in diesem Theater…

Meine Wertung: 2

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