Sommerabend

Gestern waren wir in Anbetracht der negativen Wetterentwicklung eingeladen, einen Abend im Garten mit Lagerfeuer zu verbringen. Man weiß ja nie, ob man dazu in diesem Jahr nochmal die Chance hat, also mußten wir natürlich zusagen. Das Weinthema stand nicht unbedingt im Vordergrund, was ja auch nicht immer sein muß, zumal auch der Gastgeber selbst ebenfalls verstärkt weinaffin ist. Immerhin ist es bei einer solchen Konstellation aber doch unvermeidbar, daß ein paar schöne Fläschchen auf den Tisch kommen. Allerdings habe ich -weil der Wein nur die zweite Geige spielte- keine Notizen zu den Weinen gemacht, deshalb fallen die Beschreibungen hier etwas kürzer und vereinfachter aus als gewohnt.

Folgende Weinchen gab’s:

1. Wein: 2015er Riesling – Legér – trocken – Qw, Scheu, Pfalz

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Das „F“ als Nationalitätenkennzeichen auf der Flasche weist darauf hin, daß der Riesling aus Trauben gekeltert wurde, die in Frankreich wachsen. Das Weingut hat tatsächlich einen Großteil seiner Rebflächen auf der französischen Seite, trotzdem gilt der Wein aufgrund entsprechender Regelungen als deutscher Wein. Das Weingut bezeichnet sich selbst auch treffend als „Grenzgänger in Sachen Wein“. Dieser „legére“ Riesling ist aus der Basislinie des Weinguts und kostet ab Hof gerade mal 5,60 Euro. Ist das dann auch was?

Die Farbe ist eher hell und unauffällig, in der Nase zuerst eine eher grüne sauvignonlastige Aromatik, nach kurzer Zeit zeigen sich aber schöne Zitrusnoten, voran Limette bzw. deren Zesten in doch fortgeschrittener Intensität. Auch am Gaumen schön und dicht auf der Zitrusseite unterwegs, der deutlichen Säure steht auch ein nicht geringer Extrakt entgegen. Auch der Abgang macht zitrus-frisch Laune.

Für das Geld bekommt man hier ziemlich viel Wein, frisch und doch gehaltvoll, keineswegs dünn und auch kein bißchen kompliziert. Schön!

Meine Wertung: Nachkauf 2 von 3

2. Wein: 2014er Riesling – Deidesheimer Grainhübel – Kabinett – trocken – QmP, Winzerverein Deidesheim, Pfalz

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Bei Weinen von Winzergenossenschaften, -verbänden oder wie sie auch immer heißen mögen, bin ich -zumindest bei deutschen Weinen- eher skeptisch eingestellt. Zu oft sind die Weine schlicht und ergreifend profillos und wirken eher lieblos zusammengekeltert. Das ist ja auch nicht so ganz einfach, wenn man für die Weine keine durchgehende Philosophie vom Rebstock bis zum Keller anwenden kann. Der Kellerverantwortliche weiß in der Regel nicht so genau, was nun da draußen in den Gärten passiert bzw. passiert ist, er kann eigentlich nur auf die angelieferte Qualität im Nachhinein reagieren. Und ob die Weinbauern immer alles so machen, wie es der Kellermeister sich wünscht -soweit diese Wünsche überhaupt geäußert werden- ist nochmal was anderes. Aber das sind nur Gedanken eines reinen Konsumenten hier…

Im Glas jedenfalls ein schönes Goldgelb, in der Nase leicht flintig, dazu deutliche Orangenaromen, riecht fast etwas restsüß. Am Gaumen dann aber tatsächlich trocken, trotz deutlichem Fruchtextrakt. Auch hier vorwiegend Zitrusnoten, aber deutlich auf der orangen Seite. Dazu etwas Salzigkeit und eine sehr schön ausgewogene Säure. Auch der Abgang macht mit seinem dichten, aber doch frischen Orangenaroma Freude.

Ähnliches, wenn auch finessenreicher, habe ich schon an der Saar -allerdings für deutlich mehr Geld- gefunden. Dieser Lagenwein kostet gerade mal 8,90 Euronen und kann da mit der ein oder anderen Ersten Lage locker mithalten. Schöne positive Überraschung, die dazu ermuntert, auch den Winzervereinigungen ab und zu mal eine Chance zu geben, manchmal -wie hier- lohnt es sich ja.

Meine Wertung: Nachkauf 2 von 3

3. Wein: 2015er Chardonnay – Fass 500 – trocken – EdelStahl – Qw, Stahl, Tauberfranken

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Dazu muß ich ein bißchen ausholen: vor ein paar Wochen wurden bei Wernervino zwei Weine vom Winzerhof Stahl vorgestellt, die dort wohl ganz neu im Sortiment sind. Dies und die Tatsache, daß es wohl nicht allzuviele Flaschen davon gibt, mag der Grund dafür sein, daß die Weine auf der Heimseite des Winzerhofs (noch) nicht auftauchen. Im oben verlinkten Beitrag war man so begeistert von dem Wein (und noch von einem Sauvignon gleicher Machart), daß ich gleich nachgeforscht habe, ob und wo ich die Weine bekommen kann. Einer meiner Weinhändler hier hat die Weine von Stahl generell im Programm. Auf Nachfrage sagte er mir, daß er sie besorgen kann, nur sind sie wegen der begrenzt verfügbaren Anzahl nicht in seinem offiziellen Programm. Also fix geordert und schon ein paar Tage später konnte ich die Fläschchen abholen. Nach erfolgter Zerstreuung meiner doch vorhandenen Bedenken ob der Jugendlichkeit der Weine (ich tendierte eher zum noch liegen lassen) wurde also jetzt als erster Teil der Stahl-Holz-Verkostung der Chardonnay geöffnet.

Christian Stahl war bei mir eigentlich bis jetzt immer ein Synonym für Ausbau im Stahltank, egal wo man sich gerade in der Qualitätspyramide befindet. Inwiefern die „Fass 500“-Weine (von denen ich ausgehe, daß deren Material Holz ist), hier einen Wendepunkt darstellen, weiß ich nicht. Falls nicht, wer darüber verläßliche Informationen hat: Kommentar willkommen!

Die Farbe ist eher unauffällig. Anfangs riecht der Chardonnay noch ein klein bißchen verhalten, dabei fruchtig-mineralisch, aber ein bißchen schwer bestimmbar, dann kommen langsam auch typische Rebsorten-Aromen wie Banane auf, die verschwinden aber auch wieder relativ schnell. Nach einiger Zeit tut sich dann ein recht vielschichtiges und auch frisches Fruchtbukett auf, in dem man sowohl Kern- und Steinobst als auch Zitrusfrüchte finden kann. Und alles liegt auf einem dichtem Kalkbett. Am Gaumen ähnlich, prägend sind hier auch eher frische Früchte bis hin zur Pampelmuse nebst leichtem Bitterchen. Und der Chardonnay hat vor allem eine deutliche Säure, was ihm jegliche Schwere nimmt. Holz gibt’s auch im Angebot, aber doch wohltuend dezent. Wird auch nicht wesentlich intensiver mit der Zeit. Der Nachhall ist eher von der fruchtigen Seite dominiert und währt schön lange, wobei ein bißchen der oben erwähnten Mineralik doch leicht mitschwingt.

Dieser Chardonnay ist irgendwie wuchtig-filigran, sehr vielschichtig, teils fast schwer zu sagen, was da gerade wieder an Geschmacksfetzen an einem vorbeifliegt. Da hätte ich einen halben Roman schreiben können. Und die Säurestruktur ist einfach perfekt, das Holz paßt auf den Punkt dazu. Setzt sich vor allem sehr wohltuend von den sonst immer noch weit verbreiteten Holzbomben ab. Und auch das dezente Bitterchen fügt sich super in das Gesamtbild ein.

Echt ein super Weinchen, von welchem es mir absolut unmöglich ist zu sagen „schmeckt wie…“

Meine Wertung: Nachkauf 3 von 3

4. Wein: 2011er Teroldego Rotaliano – Superiore Riserva – Teroldego Rotaliano DOC, Endrizzi, Trentino

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Über die Farbe kann ich gar nichts Sinnvolles sagen, denn beim ersten Einschenken war es schon zu dunkel für eine kompetente Farbanalyse. Für die Nase hat der Teroldego eine schöne Kirschfrucht und ziemlich viel an nicht zu dunkler Schokolade (ca. 50 %) im Angebot. Am Gaumen der gleiche Eindruck, mitteldichte, weiche Tanninstruktur, keine hervorstechende Säure, aber dennoch trotz seiner Dichte leicht und beschwingt konsumierbar. Auch der Abgang macht durchweg Spaß, nichts zu meckern.

Der Teroldego paßte recht schön zum Lagerfeuer, es war nur stellenweise schwierig, die Herkunft einzelner Aromen klar zuzuordnen. Im Gegensatz zu den weißen Weinchen heute würde ich mir den Teroldego trotz seiner Qualitäten aber eher nicht in den Keller legen.

Meine Wertung: Nachkauf 1 von 3

Es war ein wirklich schöner und entspannter Abend, vielen Dank auch an dieser Stelle nochmal an die Gastgeber!

 

 

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