…noch ein Landwein… – Nachtrag 3

Nachdem ich zuletzt ja einen Landwein aus Österreich im Glas hatte, nun mal wieder was heimisches von der untersten Qualitätsebene gemäß deutscher Weinregularien. Nein, stimmt nicht, „Tafelwein“ rangiert noch weiter unten. Bei dem „Landwein Rhein“, den ich gestern aus dem Keller geholt habe, muß man sich um die farbliche Einordnung keine Gedanken machen, diese ergibt sich aus der Namensgebung von selbst:

2013er Orange – Cuvée – Landwein, Weinreich, Rheinhessen

Auf dem Rückenetikett ist „Weissburgunder – Chardonnay“ angegeben; irgendwo im Netz habe ich gefunden, daß es sich um eine Cuvée aus 40 % Weißburgunder und 60 % Chardonnay handelt, also nicht der WB die Oberhand hat, worauf man aufgrund der Reihung der Rebsorten schließen würde. Aber mit Infos aus dem Netz muß man ja generell vorsichtig sein.

Vor gut einem halben Jahr wurde übrigens auf einem der altgedientesten Weinblogs überhaupt u.a. über diesen Wein geschrieben:

Am Ersten Tag war der Wein total verschlossen und außer einem Hauch von UHU (nicht das Tier, sondern die Tube) war überhaupt nichts los im Glas.

Auch wenn es dem Verkostungsbericht nach in den folgenden Tagen deutlich anders wurde und der Wein eine uneingeschränkte Empfehlung erhielt, war ich schon gespannt, auf was ich mich da einlasse. Nun denn…

Die Farbe ist ein eher helles und trübes Orange. In der Nase nicht ein Hauch von UHU, dafür von Anfang an vorwiegend reife, mürbe Äpfel, leicht mostig, dahinter ein paar Mandarinenzesten, riecht leicht brandig und ein bißchen nach Hefe. Am Gaumen wieder Apfel, weiters reifer Pfirsich, etwas Marula und Mandarine, auch Cognac. Dazu ein paar weiße Tannine (ich nenn’s jetzt einfach mal so), daraus resultierend eine ganz leichte Pelzigkeit, ganz hinten am Rachen eine Spur Lakritz. Sehr viel Fruchtextrakt, dabei recht trocken wirkend, die Säure macht sich primär nur mäßig bemerkbar, dennoch fließt der „Orange“ dank seiner cremigen Struktur nahezu ungebremst. Schmeckt insgesamt nach deutlich mehr als 13 PS laut Etikett. Der Abgang ist reichlich dickfruchtig, dabei ist etwas Braunwürze im Spiel, insgesamt schön warm und lang.

Anscheinend ist der Wein mittlerweile über die UHU-Phase hinaus. Irgendwo habe ich im Netz auch gelesen, daß er auch nach 4 offenen Wochen noch on top ist und sich in immer neuem Licht zeigt. Ich kann mir sehr gut vorstellen, daß mit diesem Saft ähnlich spannende Entwicklungen verfolgbar sind, wie z.B. bei den Werlitsch-Weinen. Mal sehen, wie weit ich komme. Klar, typisch ist was anderes, ich würde auch nicht wissen, wo man solch einen Wein nach heutiger Weinrechtslage einordnen sollte. Aber vielleicht gibt’s dafür in 20 Jahren ja auch eine Schublade. Mir macht sowas jedenfalls Spaß, daher für heute erst mal:

Meine Wertung: 3

1. Nachtrag nach 24 Stunden mit Luft: Die Äpfel haben sich in der Nase recht weit zurückgezogen, dafür ist der Pfirsich auf dem Vormarsch. Und frittierte Kochbanane. Eine leicht alkoholische Note bleibt, aber dezenter als gestern und durchaus angenehm. Am Gaumen eine ähnliche Entwicklung. Von Cognac würde ich nicht mehr sprechen, eher von Armagnac und der ist im Gegensatz zum Bukett eher präsenter geworden. Ist zwar nur ein kleiner Unterschied, aber immerhin. Insgesamt ist der „Orange“ heute ein bißchen runder, aber auch etwas dichter und wirkt am Gaumen einen Deut hochprozentiger.

2. Nachtrag nach 8 Tagen mit Luft: In der Nase haben nun Maracuja und Brioche die Oberhand, etwas Mandarinenschale noch dazu. Entwickelt sich in Richtung eines sehr intensiven Schampus ohne Schaum. Am Gaumen gibt’s nun Karamell mit kandierter Blutorange, sehr reife 3M: Maracuja, Mango, Marula. Der Fruchtextrakt ist einerseits sehr fruchtsüß, andererseits wirkt der Orange dennoch herb-trocken. Hintenraus tauchen Lakritz und Vanille auf, die Säure hält sich vornehm, aber effektiv im Hintergrund auf. Die Eindrücke bezüglich höherprozentigerer Getränke sind übrigens komplett verschwunden. Der Nachhall hallt eine halbe Ewigkeit herb-fruchtsüßlich mit leichten Brauntönen. Super Entwicklung, deutlich schöner als vor einer Woche!

3. Nachtrag nach 13 Tagen mit Luft: Restwein Nummer 3 heute. Die Farbe hat sich nun etwas verdunkelt. Wie oxidierter, naturtrüber Apfelsaft. Maracuja ist nach wie vor in der Nase präsent, der Apfelmost kommt wieder zurück, Brot- / Hefearomen sind dagegen auf dem Rückzug. Dafür nun ein bißchen Schwarztee mit etwas Rum und dunkelbraunem Palmzucker. Am Gaumen Rosinen, Datteln, Feigen, wieder eine Spur Cognac. Die Säure immer noch sehr schön vermittelnd zwischen Fruchtsüße und gefühltem Alkohol. Sehr weich und cremig, das leicht brandige Gefühl empfinde ich in diesem Fall als recht angenehm. Der Abgang wieder sehr lang und warm, dabei trotz aller Dichte nicht belastend. Ein Stück weit hat sich der Orange wieder zur der Kondition des ersten Tages zurück entwickelt. Aber eben nicht komplett. Jedenfalls eine so nicht erwartete Entwicklung, die uneingeschränkte Freude bereitet. Einen weiteren Nachtrag wird’s für diese Flasche (leider) nicht geben…

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