Ohne Tradition – Nachtrag 2

Dies ist nun schon der 800ste Beitrag. Wenn es fast schon zur Gewohnheit wird, daß die Hunderter so einschlagen, braucht man ja kein großes Tamtam mehr drum machen. Andererseits soll man die Feste feiern, wie sie fallen und so habe ich uns gestern den

2012er Non-Tradition – Grüner Veltliner – trocken – Landwein, Christian Tschida, Neusiedlersee

gegönnt, der ja nicht gerade für Dreifuffzich zu haben ist. Der diesen Wein vertreibende Master-Sommelier schreibt darüber:

Wer in diesem Wein versucht ein ihm bekanntes Geschmacksbild zu finden, der wird lange suchen müssen und am Ende nichts finden. Er hat rein gar nichts mit den vielen pfeffrig-fruchtigen Veltliner gemeinsam, sondern erinnert an große Burgunder mit ihren toastwürzigen Aromen, oder etwas an einen französischen Jura mit jodigen Noten. Ein stiller großer und kräftiger Wein, der nicht laut, aber auf alle Fälle anders ist. Ein Wein ohne Tradition, aber wegweisend für die Zukunft.

Das ist zwar die Beschreibung für den 2013er und 2014er, aber wahrscheinlich stand beim 2012er auch nichts anderes. Was ich eigentlich ein bißchen schade finde, wenn die Beschreibungen von Jahrgang zu Jahrgang immer nur weiterkopiert werden, vor allem wenn man kein Händler für eher belanglose Konsumware ist. Aber das nur nebenbei…

Die Farbe ist ein leicht ins Ocker gehendes Goldgelb, ganz leicht trüb, da unfiltriert. In der Nase Flint, Phosphor (die rote Variante), etwas Solei auf der einen Seite, Khaki, Kastanie und Laub auf der anderen Seite. Dazu eine leichte Sherrynote, ohne dabei alkoholisch zu wirken. Hat Tschida-typisch eh nur 12,5 PS bei dennoch hoher Aromagewichtsklasse. Am Gaumen herbe gelbe Fruchtnoten, die sich beständig ändern, hervorstechend für mich wieder die Khaki, dazu auch frittierte Kochbanane, Grapefruitzesten, dabei leicht petrolig, einige eisenhaltige Steine (gerne auch das oben erwähnte Jod, das für mich in die gleiche Richtung zielt) und Torf. Die Säure ist eher unauffällig, geschmeidig, der GV hat eine gewisse Cremigkeit, jedenfalls flutscht er recht gut und macht nicht satt. Der Abgang ist lang und warm, dabei etwas rauchig herb, wobei die Fruchtaromen aber nicht verdeckt werden.

Um auf die oben zitierte Beschreibung zurückzukommen: im Grunde trifft sie schon den Kern, für GV-Traditionalisten ist dieser Stoff absolut die falsche Wahl. Ich wäre blind nie darauf gekommen und hätte den Wein möglicherweise auch ins Burgund verortet (da ich mit Jura nicht viel Erfahrung habe). Mal sehen, ob die Beschreibung für 2013 und 2014 auch zutrifft, die warten noch im Keller. Dieser Wein jedenfalls ist bei aller Komplexität mit viel Spaß zu trinken. Er fordert vor allem ständig, sich den wechselweise auftauchenden und wieder verschwindenden Aromen zu stellen, mir macht sowas immer wieder viel Freude. Deshalb habe ich mich gestern auch sehr zurückgehalten, denn dies ist sicher kein Wein für einen Tag! Fortsetzung folgt…

Meine Wertung: 3

1. Nachtrag nach 4 Tagen mit Luft: Das Bukett zeigt sich im Wesentlichen mit etwas verschobenen Intensitäten der Aromabestandteile: Flint & Co. sind etwas weniger vorne dran, dafür etwas mehr Holz in Form von frisch gesägter Buche sowie Nelke, fruchtseitig befindet sich die Khaki mehr auf der kandierten Seite, die Kastanien sind glasiert. Am Gaumen sind Banane & Co. etwas auf dem Rückzug, das Petrol weicht einer braun-cremigen Struktur mit etwas Lakritze und Muskatblüte. Der Abgang ist noch etwas wärmer geworden und betont die Sekundäraromatik nun ein bißchen mehr. Der Non-Tradition wirkt jetzt deutlich voller und cremiger, die Komplexität hat aber meiner Meinung nach etwas nachgelassen, da sich die Fruchtseite nicht mehr so differenziert darstellt. Immer noch großes Kino, aber am ersten Tag doch ein bißchen spannender.

2. Nachtrag nach 7 Tagen mit Luft: Die anfangs deutliche Mineralik hat sich aus dem Bukett recht weit zurückgezogen, nunmehr zeigt der GV deutlich in die orange Richtung. Er bietet leicht oxidative Noten, fruchtseitig tauchen Maracuja und Marula auf, dazu ein bißchen feuchter Keller. Vom Holz her kommen Teakholz-Gartenmöbel und Zigarrenkiste. Am Gaumen deutlich rauchig, Zeder, Kakao, Lakritze, die Früchte sind hier nur noch auf den Stehplätzen dabei. An der braun-cremigen Struktur hat sich dagegen wenig geändert. Der Abgang ist lang, warm und geschmeidig, dabei zeigen sich die oben beschriebenen Sekundäraromen alle nochmals schön hintereinander aufgereiht. In den letzten Tagen hat der GV dann doch eine erhebliche stilistische Richtungsänderung vollzogen. Während er nach 4 Tagen fast ein bißchen langweiliger war (das ist jetzt Jammern auf sehr hohem Niveau!), überrascht er heute mit völlig neuen Aromabestandteilen sowie einer signifikant geänderten Stilistik. Chapeau!

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