wieder mal orange… – Nachtrag 2

Die orangen Sachen von Jörn Goziewski waren schon recht polarisierend, als er sie noch bei der Ankermühle kelterte. Nunmehr hat er sein eigenes kleines Weingut und über seine erste orange Kreation unter neuer Flagge

2013er Riesling – Arancia – trocken – Landwein Rheingau, Joern, Rheingau

findet man eine Menge Lobeshymnen, wie z.B. diese hier bei Lobenberg (der diesen Wein allerdings auch vertreibt):

Wow, eine außergewöhnliche Aromen-Explosion. Erst ist Weihnachten in [der] Nase, Sternanis, ein Hauch Zimt, Bratapfel. Dann aber ins Frischfruchtige übergehend, Orangenabrieb, ein Hauch von Limette. Im Mund dann zu Anfang Zitrus pur, Limette, Bergamotte, Earl-Grey Tee. Tolle Säure, starke Struktur. Ein Orange-Wein, wie man ihn sich öfter wünscht. Es gibt viel Quatsch auf dem Markt. Aber dieser ist richtig klasse. Dieser Wein ist ein starkes Statement.

In der Regel schreibe ich meine Eindrücke über einen Wein ja sehr zeitnah auf und ergänze diese dann ggf. um einen oder mehrere Nachträge, je nachdem ob und wie sich der Saft so entwickelt. Hier habe ich mir nach dem ersten Glas gedacht, daß ich mit dem Schreiben besser noch warte, denn zu einer Lobeshymne hätte es am ersten Tag bei weitem nicht gereicht. Quasi der Vorläufer des Arancia -der orange Jesus von der Ankermühle- war kurz nach dem Öffnen zwar auch kein einfacher Wein, aber er bereitete mir gleich von Anfang an Freude. Das kann ich für den Arancia so nicht bestätigen. In der Nase nix Weihnachten, sondern lediglich ein paar herbe Orangenzesten und halb vergorener Apfelsaft. Am Gaumen recht viele bittere Gerbstoffe, wenig Fruchtextrakt, die Säure steht eher selbstbewußt und isoliert da, die Mimik verändert sich deshalb deutlich. Also habe ich dem Großteil der Flasche erst mal ein paar Tage mit Luft im Kühlschrank verordnet. Nach 5 Tagen mit Luft dann der zweite Versuch:

Im Glas ein leicht trübes und etwas mattes bis gedecktes Orange, in der Nase leicht reduktiv, etwas feuchter, mit Blumentöpfen vollgestellter Keller, eingemaischte Äpfel und Mirabellen, dazu Passionsfrucht. Würzige Aromen finde ich hier nicht. Am Gaumen recht gerbstoffig, etwas adstringierend, recht kantige, fast scharfe Säure. Es zeigt sich einiges an sehr frischen Zitrusaromen wie Blutorange, Bergamotte, Limette, Pampelmuse, entfernt hier dann doch etwas Braunwürze in Form von Sternanis und Nelke. Der Abgang ist mittellang, nach einem eher kurzen Aufblühen der recht säurelastigen Zitrusseite bleibt eine herb-gerbstoffhaltige Mineralik übrig.

Gegenüber dem frisch gezapften Glas am ersten Tag ist das nun schon ein deutlicher Fortschritt. Aber: in die im Netz gefunden Lobeshymnen kann ich mich (bis jetzt) nicht einklinken. Ich bin ja nun durchaus ein Liebhaber solcher etwas extremeren Weinchen, aber dieser hier ist auch für mich zu „qualvoll“. Hier artet es echt in Arbeit aus, sich durch den Wein und seine versprengte Aromenstruktur durchzukämpfen, Spaß ist was anderes in meinen Augen. Der Arancia hat dabei durchaus eine Menge an per se schönen Geschmackskomponenten zu bieten, allerdings wollen die anscheinend alle wenig bis gar nichts miteinander zu tun haben. Insbesondere die Säure ist ein ausgesprochener Einsiedlerkrebs. Interessant ja, aber das war’s dann erst mal bis jetzt. Zu mehr als einem Glas hatte ich heute keine Lust, daher wird der Arancia erstmal für wenigstens 5 weitere Tage in den Kühlschrank verbannt. Mal schauen, ob und was da noch passiert. Aus heutiger Sicht aber für diesen knapp 40 Euronen-Wein nur:

Meine Wertung: Nachkauf 1 von 3, Gesamt 10 von 25

1. Nachtrag nach 20 Tagen mit Luft: Ich hätte dem „Arancia“ auch schon früher mal wieder die Ehre geben können, aber ich habe mir tatsächlich ein paar mal, als ich die immerhin noch deutlich mehr als halb volle Flasche vor Augen hatte, gedacht: „Nee, heute nicht!“ Das passiert mir eher selten und wenn, dann meist, wenn ich weiß oder ahne, daß da kein unbeschwertes Vergnügen auf mich zukommt. Heute habe ich mich aber mal zusammengerissen und einen weiteren Versuch gestartet. In der Nase hat sich zumindest etwas getan, die Beschreibung könnte zwar generell lauten wie vor zwei Wochen, aber die Aromabestandteile haben nun etwas miteinander zu tun. Jetzt fühle ich mich an manche Werlitsch-Weine zum Zeitpunkt kurz nach dem Öffnen erinnert. Am Gaumen stagniert das Ganze allerdings, kein Schritt nach vorne, immerhin auch keiner zurück. Die Säure mag immer noch nicht mit den anderen spielen, dadurch wird der Wein nicht nur sehr kantig, die Aromen entwickeln auch keine Gesamtfülle, weswegen der Arancia immer noch sehr unausgewogen wirkt. Der Abgang gestaltet sich zwar etwas freundlicher, gute Freunde sind wir aber deswegen noch lange nicht. Nach wie vor irgendwie interessant, aber Spaß macht’s immer noch nicht.

2. Nachtrag nach 40 Tagen mit Luft: Auch die letzten drei Wochen stand ich dem „Arancia“ eher lustlos gegenüber. Heute habe ich mir aber gesagt, daß der blockierte Platz im Kühlschrank nun final für neue Sachen genutzt werden muß. Also nunmehr wenigstens ein neuer Rekord: einen so lange offen stehenden Wein habe ich wohl noch nie verkostet. Interessanterweise hat sich die Farbe anscheinend etwas intensiviert, kann aber auch Einbildung sein. In der Nase hat sich jedenfalls nichts weiter bewegt, weder nach vorne, noch nach hinten. Am Gaumen keine wesentliche Veränderung. Die Fruchtseite scheint etwas intensiver ′rüberzukommen, aber die zackig-kantig-herbe Säure macht nach wie vor keinen Spaß. Allerdings ist der Wein in dieser langen Zeit nicht „schlecht“ geworden, immerhin eine interessante Erfahrung. Die man aber nicht unbedingt machen muß. Die restlichen ∼ 5 Euronen Inhalt (samt reichhaltigem Bodensatz) habe ich dann ohne Tränen in den Augen meiner Sanitärinstallation übergeben…

6 comments on “wieder mal orange… – Nachtrag 2

  1. Hi Erich,
    sehr interessanter Bericht. Also ich persönlich empfand schon einige der Ankermühle Weine (die in diese Richtung gehen) als mittelprächtig geglückte Versuche. Eingentlich wäre ja zu erwarten, dass sich der Winzer/Weinmacher im positiven Sinn weiterentwickelt, aber dieser Wein klingt nach harter Arbeit mit wenig Spaß 😉 .
    Mal sehn wie es mit dem Orange-Riesling weitergeht… bin gespannt

    Gefällt mir

    • Hallo Patrik,
      Gespannt bin ich auch! Zumal der Wein aus meiner Sicht bis jetzt ein echter, sogar ein krasser Rückschritt ist. Einfach waren die orangen Ankermühle-Versuche auch nicht, aber sie haben mir dennoch Spaß gemacht. Und das ist es schließlich, was zählt. Wobei: bei den nicht orangen Joern-Kreationen ist der Spaß durchaus noch vorhanden…
      VG Erich

      Gefällt mir

      • Also definitiv kein Kandidat der auf meine „muss-ich-haben Liste“ kommen wird 😉
        Hoffe Du hattest noch etwas angenehmeres/einfacheres für den Sonntagabend im Glas 🙂
        LG Patrik

        Gefällt mir

        • Nö, muß wirklich nicht sein! Vor allem für den nicht ganz geringen Preis. Vielleicht kommt ja die ganz große Wende, wenn ich dem Rest nochmal 10 Tage gebe. Aber zum einen bin ich da in höchstem Maße skeptisch aufgrund der bisherigen Entwicklung, und zum zweiten: was soll ich mit einem Wein, den ich bereits vier Wochen vorher aufmachen muß, bevor sich ggf. sowas wie Trinkfreude zeigt. Ist vielleicht was für SM-Weintrinker, wer weiß. Ich hatte mich ja schon als recht tolerant hinsichtlich abenteuerlicher Stilistiken eingestuft, aber der „Arancia“ ist wohl doch „beyond my limits“.
          Da das zum Glück nicht die letzte Flasche im Keller war, gab’s natürlich noch was anderes. Deutlich schöner, dafür aber auch deutlich günstiger… 🙂

          Gefällt mir

  2. Bei mir steht – trotz aller Offenheit und allem Respekt für Experimente – der Genuss beim Weintrinken im Vordergrund. Wenn man dann auch noch den Wein im Glas mit einem persönlichen Erlebnis verbinden kann, macht es natürlich besonders Spass.

    Vor zwei Jahren waren wir bei Hartmut Aubell in Ratsch an der Weinstraße. Nach einer mehrere Stunden dauernden, tollen Verkostung des Gesamtsortiments mit Faßproben. etc. haben wir dann auch einige Flaschen mit nach Hause genommen. Manches hiervon wurde experimentell erzeugt, z.B. mit interzelluläre Gärung.

    Mit etwas Abstand muss ich leider sagen, dass gerade diese Flaschen im Keller immer weiter nach unten wandern. Das Kosten ist einfach zu anstrengend, die Aromensuche zu fordernd, der Trinkfluss zu wenig vorhanden.

    Nach einigen Tagen im Kühlschrank wird es dann zwar besser, dennoch haben meine Frau und ich beschlossen, uns in Zukunft auf klassisch erzeugten Produkte zu konzentrieren. Denn wie Du richtig festgestellt hast: Einen Wein Tage oder Wochen vor dem Trinken öffnen zu müssen, ist nicht praktikabel.

    Die Restflaschen werde ich erst einmal zur Seite legen, in der Hoffnung, dass die Weine in einigen Jahren zugänglicher und „trinkiger“ werden. Und wer weiß, vielleicht zeigen die Experimentalweine ja erst nach langer Reife ihr wahres, vom Erzeuger erhofftes Gesicht.

    Gefällt mir

    • Als bekennender Hedonist geht mir das mit dem Genuß beim Weintrinken genauso. Den kann ich aber durchaus auch mit solchen experimentellen Sachen haben (Werlitsch, Claus Preisinger, Weinreich etc.) und bei den früheren Weinen von Jörn Goziewski -als er noch bei der Ankermühle war- hatte ich diesen Spaß von Anfang an, auch wenn die Weine fordernd, schwierig, polarisierend waren. Aber hier ist nun anscheinend eine Grenze überschritten, bei der ich persönlich nicht mehr mitkomme…

      Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s