Kranker Müller

Einer der Weinhändler meines Vertrauens hatte bei meinem letzten Einkauf eine in jeder Hinsicht etwas besonders anmutende Flasche herumstehen. Auf dem Rückenetikett steht:

Müller-Thurgau einmal richtig krank. 30 Monate Vollhefelagerung und minimale Schwefelung vor der unfiltrierten Füllung. Geben sie ihm Zeit, Luft und die richtige Temperatur! Wer es schmutzig will, darf mischen…

Hmm, zusammen mit der eher bräunlichen Farbe des Weins und dem ziemlichen Bodensatz in der kleinen Flasche, der sich optisch kaum von den Ablagerungen im Siphon unter der Küchenspüle unterscheidet, kommt man da schon ins zweifeln. Aber irgendwie war ich dann doch neugierig, was sich hinter dem

2013er Müller Thurgau – Bitter Sweet Orange – trocken – [Landwein] Weinland, Alexander Zöller, Kremstal

verbirgt, und heute war es dann soweit:

Im Glas zeigt sich etwas äußerst trübes mit einer Farbe, die an „Spezi“, diese unsägliche Cola-Limo-Mischung, erinnert. In der Nase dann anfangs eher verhalten Apfelsaft und etwas Orange, Zimt, auch ein klein bißchen Cognac; schlagen da die immerhin 14 PS durch? Luft und Wärme schaden dem Bukett übrigens nicht! Am Gaumen dann einerseits hochviskos wie eine Auslese wirkend, andererseits aber eine deutliche und herbe, auch ein bißchen metallische Säure, die die Fruchtseite, bestehend aus Apfelmost, Bitterorange und etwas Tamarinde, begleitet. Auch hier schwingt das Cognac-Aroma mit, ohne dem Wein dadurch allerdings eine alloholische Note zu geben. Auf der mineralischen Seite fühle ich mich etwas an roten (eisenhaltigen) Schiefer erinnert und ganz oben drauf gibt’s noch eine kleine Noisette-Praline. Der Nachhall hallt ausdauernd und hinterläßt eine warme, leicht likörige Spur von Kumquats und Tamarinden.

Sowas hatte ich bisher nicht mal annähernd im Glas. Das ist sicher nicht jedermanns Sache, für mich ist es aber nicht nur interessant, sondern auch echt lecker. Es kann nur sein, daß es diesen Wein so nicht mehr geben wird, denn er ist laut den Erzählungen des Händlers eher widrigen Umständen geschuldet. Auf seiner Heimseite steht dazu:

…denn geplant war das alles nicht, vielmehr eine Notlösung, um überhaupt etwas von den Müller-Thurgau Trauben zu ernten. Diese waren vollständig von Oidium (echtem Mehltau) befallen. Normalerweise würden diese weggeworfen. Alex Zöller jedoch ließ die Trauben so lange am Stock hängen, bis sie eingetrocknet waren, hat sie dann gelesen, das Wenige an Most herausgepresst und spontanvergoren. Mit Dreck und Speck lag das Ganze dann in einem kleinen Tank, und wurde ungeschönt, unfiltriert und nur minimal geschwefelt von Hand abgefüllt.

Wie auch immer, eine schöne Erfahrung war es allemal und es reicht bei mir durchaus, um zum Wiederholungstäter zu werden, so sich denn die Chance dazu nochmal bieten sollte. Auch wenn’s ein vergleichsweise teurer Spaß ist. Aber vergleichen kann man diesen MT eh nicht! Nur die Farbe ist dann doch irgendwie auch für mich stark gewöhnungsbedürftig, ich habe deshalb das erste mal seit der Anwendung meines Bepunktelungssystems dafür ein Pünktchen abgezogen. Dennoch

Meine Wertung: Nachkauf 2 von 3, Gesamt 17 von 25

6 comments on “Kranker Müller

  1. Wow, das klingt ja mega-experimentell – was eine Idee aus kranken Trauben noch Wein zu machen…
    Wäre auf jeden Fall spannend was z.B. ein Manfred Klimek über so einen Wein schreiben würde (nix Gutes fürchte ich 😉 ).
    Hatte kürzlich auch einen Wein aus Sizilien den ich aufgrund seines „besonderen“ Geschmacks- und Geruchsbild dann auch nicht (mit Punkten) bewerten konnte/wollte. Aber das hier klingt noch 100mal abgefahrener 🙂
    LG Patrik

    PS: Glückwunsch nachträglich zu 900

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    • Hallo Patrik,
      ja das ist schon was Spezielles! Erstaunlicherweise setzt sich das Gesamtaroma ja „nur“ aus Einzelkomponenten zusammen, die ich bei mehr oder weniger „normalem“ Wein auch schon mal gefunden habe. Wirkliche Fehltöne bzw. „Schmutzigkeiten“ weist der MT für mich nicht oder nur als Hauch auf. Aber in der Kombination ist der Geschmack dann schon recht strange bzw. einfach ungewohnt. Ich tue mir nur etwas schwer bei der Vorstellung, zu welchem Essen das passen könnte. Ich habe ihn solo nach dem Essen probiert, was wohl ganz gut so war. Könnte aber auch als Süßwein-Alternative durchgehen, obwohl der MT eigentlich ziemlich trocken ist. Aber die viskos-dichte Struktur spricht aus meiner Sicht dafür.
      Was die Weinpäpste dazu sagen, ist mir soweit erst mal Wurscht, mir macht das Zeugs jedenfalls Spaß…
      VG Erich

      …und vielen Dank für die Blumen…

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        • Das ein oder andere mißglückte Experiment aus der -sagen wir mal alternativen- Weinecke hatte ich ja auch schon im Glas, zuletzt Joerns „Arancia“. Oder den schwefelfreien Naran Cortìs von Pravis. Solch ein drastisches Geschmackserlebnis wie vermeintlich der Captain, hatte ich zum Glück noch nicht. Auch wenn Fäkalien in Form von konzentriertem Katzenpipi bei einem ganz konventionellen GG-3-Bicchieri-Wein schon mal dabei waren…

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          • Bei konventioneller Weinbreitung mit sämtlichen möglichen und unmöglichen Hilfsmitteln bekommt man wohl fast immer ein gefälliges Ergebnis hin. Aber auch hier kann es ganz objektiv mal in die Hose gehen. Bei naturnahem Ausbau mit fast nix als Hilfsmittel geht es wohl öfter richtig in die Hose. Wenn es dann aber gut ist, ist es oftmals richtig gut.

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            • Wie sonst auch im Leben: wenn die Technik sehr rudimentär gehalten wird, kann’s bei umsichtiger Bedienung super funktionieren, kleine Fehler können aber große Folgen haben. Wie bei meinen Kraftwerken auch…

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