Live at the Plugged Nickel

Heute war nach einer unbeabsichtigten Pause Miles Davis-Time! Ich habe mich entschieden, mir mal wieder was umfangreicheres aus meiner nicht ganz kleinen MD-Ecke anzuhören:

Miles Davis – The complete Live at the Plugged Nickel 1965

Der „Plugged Nickel“ war in den 60ern und 70ern ein Jazzclub in Chicago, in dem Miles Davis mit seinem zweiten Quintet im Dezember 1965 gut zwei Wochen lang auftrat. Am 22.12. und 23.12. wurden von den Sets Aufnahmen gemacht, aber erst 1976 erschien in Japan eine LP mit 5 ausgewählten Stücken. Ein bißchen später, aber immer noch in 1976 erschien in Japan dann „Vol. 2“ mit weiteren vier Stücken. Im Rest der Welt erschien erst 1982 eine Doppel-LP mit insgesamt 10 Tracks. 1992 schließlich erschien in Japan das erste mal eine Box mit 7 CDs, welche die damals komplett erhaltenen Aufnahmen von 7 Sets an zwei Tagen (22.12. / 23.12.1965) enthielten, 1995 dann schließlich die Ausgabe mit 8 CDs, die ich mir nun angehört habe. Es ist eine CD mehr, weil der zweite Set nunmehr mehr bzw. längeres Material enthielt, so daß eine CD von der Laufzeit her nicht mehr ausreichte.

Aber was wird hier geboten? Das zweite -legendäre- Miles Davis Quintet mit Wayne Shorter (s), Herbie Hancock (p), Ron Carter (b) und Tony Williams (dr) war zum Zeitpunkt der Aufnahmen gut ein Jahr zusammen und spielte das aktuelle Repertoire von Post-Bop bis Modal, ältere Standards von z.B. Rodgers-Hart, aber auch Monk („′Round Midnight“) sowie Eigenkompositionen wie z.B. „So What“. Das Interessante an diesen Aufnahmen ist, daß man sehr schön sehen bzw. hören kann, was den Jazz dieses Quintets damals eigentlich ausmachte. Es gibt ein Thema, welches als Leitmotiv dient, aber mehr eigentlich auch nicht. Um dieses Motiv wird sehr frei bzw. scheinbar unreglementiert improvisiert, was das Zeug hält. Dabei verliert aber nie jemand den Faden, keiner verirrt sich in seinen Abschweifungen, wie auf wundersame Weise finden alle immer wieder zusammen und man weiß auch immer, in welchem Stück man gerade ist. Im Vergleich der einzelnen Stücke, die über die sieben Sets mehrfach vorhanden sind, zeigt sich das sehr schön. Am drastischten beim regelmäßigen Set-Abschluß „The Theme“: von 28 Sekunden bis über 10 Minuten ist längenmäßig alles dabei, je nachdem, was den Musikern zu dem Thema gerade eingefallen ist. Das heißt, man erfährt hier eine starke Lebendigkeit der Musik, ständig passiert was Neues, die Musik wird nicht einfach nur immer gleich für’s Publikum ′runtergerattert, sondern jedesmal neu entwickelt. Die Musik ist hier also sehr stark vom Augenblick geprägt und hat dementsprechend eigentlich eine hohe Flüchtigkeit. Es sein denn, es ist jemand gerade mit Aufnahmeequipment da. Dadurch verzerrt sich dann allerdings auch etwas die Bedeutung der „Originalaufnahmen“, die teils millionenfach mit den entsprechenden Alben verbreitet wurden, sie sind eigentlich jeweils nur ein kleiner Ausschnitt aus der Evolution der einzelnen Kompositionen. Und der Clubcharakter wird nicht nicht zuletzt durch die Nebengeräusche von Publikum und Registrierkasse sehr schön eingefangen. Gerade im Vergleich der Stücke zeigt sich hier für mich die wahre Größe dieses einzigartigen Quintets der Jazzgeschichte. 8 CDs, die trotz der mehrfachen Wiederholung der einzelnen Titel immer hochspannend sind, wer schafft das schon?

Meine Wertung: 4

2 comments on “Live at the Plugged Nickel

  1. Wunderbare Idee diesen Tollen Konzerte wieder anzuhören !
    Jetzt ist ja genug Zeit dafür… Ein Erlebnis, zu hören was an den verschiedenen Abenden passiert. Im übrigen hat mir Karl wieder Gerry Mulligan näher gebracht. Was für ein Musiker ! Diese 2 Stunden sind sehr zu empfehlen !!! Eine schöne Zeit noch….

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    • Vielen Dank, ebenfalls viel Spaß beim Eiersuchen!
      Von Columbia gibt es eine Reihe von „Complete Recordings“-Editionen, auf denen jeweils eine ganze Menge von Aufnahmen enthalten sind, die im Rahmen einer oder mehrerer Sessions für verschiedene Alben aufgenommen wurden. Davon will ich mir auch die ein oder andere Box mal wieder anhören…

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