Unter freiem Himmel

Bei dem aktuellen Wetter wäre es auch mal wieder schön, ein Konzert im Freien zu genießen, was mich dazu brachte, mal wieder was von Herbie Hancock bzw. der Gruppierung „V.S.O.P.“ herauszuziehen. Am 26. Juli 1979 wurde im Denen Colosseum in Tokyo ein Konzert mit dieser Gruppe, bestehend aus Herbie Hancock (p), Wayne Shorter (ss, ts), Freddie Hubbard (tr, flg), Ron Carter (b) und Tony Williams (b) aufgenommen und am nächsten Tag gleich abgemischt:

V.S.O.P. – The Quintet ‎– Live Under The Sky

Das Ganze kam dann erst mal nur als Doppel-LP in Japan heraus, erst ein Jahr später dann auch in den USA und Europa. Man sieht schon an der Instrumentierung, daß hier nicht die jazz-rock-funk-lastige Musik Hancocks, wie er sie in den 70ern sehr furios entwickelt hat, im Vordergrund steht, sondern vorrangig Bop und etwas Modal, wie er von den Protagonisten eher in den 60ern gespielt wurde. Tatsächlich heißt V.S.O.P. in diesem Fall „Very Special One Time Only Performance“. Unter diesem Namen traten die Mitglieder des zweiten Miles-Davis-Quintets 1976 das erste mal auf und wollten so den Geist dieses Quintets und somit den Bop bzw. Hard-Bop wieder beleben. Miles Davis war zwar dazu eingeladen worden, er nahm aber vorhersehbar nie teil und so wurde die Trompetenrolle meist von Freddie Hubbard übernommen. Insgesamt gab es 5 V.S.O.P.-Alben, das hier präsentierte ist das letzte und absolut nicht das schlechteste. Der „Geist“ des zweiten MD-Quintets wirkt hier sehr lebendig, aber es ist dennoch kein bloßes Nachspielen alter Titel. Vor allem wird ein Merkmal des Fusion der frühen 70er Jahre hier sehr präsent, nämlich die weitgehende Auflösung der Führungsrollen einzelner Instrumente, die Miles Davis zu Zeiten des genannten Quintets noch nicht in dem Maße abgegeben hat. Am progressivsten ist aus meiner Sicht das Stück „Domo“, welches von Herbie Hancock komponiert wurde und meines Wissens nach auf keinem anderen Album präsent ist, sondern nur später in verschiedenen „Boxen“ wieder auftaucht. Ich weiß nicht, wann es komponiert wurde, es ist jedenfalls dem Grunde nach ein recht schnelles Hard-Bop-Stück, welches aber -aus der Sicht der damaligen Zeit- recht modern anmutet. Um den Anschluß an die damalige Jazz-Rock-Fusion-Zeit nicht zu verlieren, wird aber auch noch „Para Oriente“ von Tony Williams gespielt, was damals eine aktuelle Komposition von ihm war, die sonst nur noch 1980 auf dem in Stuttgart aufgenommenen und in der Schweiz erschienenen Album „Play or die“ auftaucht. Und „Fragile“ von Ron Carter ist stellenweise fast ein bißchen avantgardistisch angehaucht…

1992 kam „Live under the Sky“ dann erstmals in Japan als Doppel-CD heraus, jedoch mit einer völlig anderen Titelabfolge. Weil man mehr Platz auf diesem Medium hat, gibt es bei dieser Neuauflage dann ein Extra-Stück vom gleichen Konzert mit gut 12 Minuten Länge: „Eye Of The Hurricane„, wobei es mir so vorkommt, als ob hier die richtige Abfolge der Stücke verwendet wurde, was man aus den Ansagen bzw. Kommentaren der Künstler zwischen den Stücken schließen kann. Gerade diese fördern den Live-Charakter sehr schön, weshalb ich in diesem Fall die CD-Version inhaltlich deutlich schöner finde. Noch dazu ist diese CD-Ausgabe mit einer kernigen Dynamik versehen, steht also klanglich nicht hinter dem Vinyl, wie das sonst leider häufig der Fall ist.

So, das war heute ausnahmsweise mal wieder eine etwas längere Mittachspause, muß auch mal sein! Verging aber trotzdem viel zu schnell mit dieser extrem kurzweiligen Musik…

Meine Wertung: 4

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