Im Sylvaner-Himmel – Nachtrag 2

Gestern war wieder mal eine unserer Weinrunden (Bericht folgt noch), allerdings waren die Weinchen durchweg nicht so ganz meine Kragenweite. Mein selbst mitgebrachter -unbekannter- Wein eingeschlossen. Die Runde selbst war aber wieder recht lustig und kurzweilig. Heute hatte ich dann allerdings das Bedürfnis, einen Wein mit garantiertem, hohen Spaßfaktor aufzumachen. Obwohl ich ihn noch gar nicht kenne, meinte ich beim

2012er Sylvaner – Flur 19/68 – trocken – Qw, Teschke, Rheinhessen

fündig zu werden. Zum einen, weil die anderen Sylvaner dieses Guts auch ziemlich outstanding sind und weil ich bereits mehr als eine animierende Verkostungsnotiz über diesen Wein von Leuten gelesen habe, deren Wertung ich meiner Meinung nach ganz gut einordnen kann. Also mal sehen:

Die Farbe ist ein leuchtendes Goldgelb, ein paar kleine Perlen kommen noch aus der Flasche. In der Nase von Beginn an recht intensiv fruchtig-mineralisch, Quitte, Birne, Weinbergspfirsich, Marillen, Aprikosen, dazu bereits hier nicht wenig Kalkhydrat und ein Schuß bemooste Kellertreppe. Der Sylvaner hat 36 Stunden Maischstandzeit hinter sich, auch das hat einen merklichen Einfluß auf das Bukett, wobei die reduktiven Noten eher dezent vorhanden sind. Die oben genannten Fruchtaromen sind übrigens nicht alle auf einmal da, der Wein verändert sich beständig, nach etwa einer Stunde tauchen übrigens auch noch ein paar Zitruszesten auf, begleitet von etwas Koriandersaat und zwischendrin auch mal Kardamom. Die ersten 10 Minuten habe ich überhaupt nur gerochen, dann der erste Schluck: samtige, weiße Tannine, ganz leichte Cremigkeit, frische, aber dichte Frucht, die sich wie oben beschrieben im Rotationsverfahren durchwechselt. Die Säure ist perfekt integriert, in keinster Weise vorlaut, aber potent genug, den druckvollen Sylvaner auf niedriger Viskosität zu halten. Wieder Kalk, diesmal mehr in Kreideform; Gewürze wie oben beschrieben, findet man aber nur, wenn man dezidiert danach sucht. Der Abgang ist -wie erhofft- mehrminütig lang mit sehr flacher Abklingkurve, dabei leicht cremig, Frucht und Mineralik incl. der Gerbstoffigkeit sind in sehr schöner Balance.

Heute wurden meine Wünsche und Erwartungen voll erfüllt, dieser Sylvaner stellt die bisher geöffneten Brüder (und Schwestern?) aus gleichem Hause nochmals in den Schatten. Zwischendrin dachte ich mir: Wenn’s im Burgund Sylvaner gäbe, wäre der dort auch nicht besser. Eigentlich stellt sich der 19/68 über alles, was ich an Sylvanern bis jetzt so kenne. Vor allem ist es aber ein Wein, den ich heute nicht austrinken werde, denn ich gehe stark davon aus, daß er in den nächsten Tagen eine schöne Reise vor sich hat. Ein Nachtrag folgt ziemlich sicher, aber schon jetzt ist der Saft punktemäßig richtig viel wert:

Meine Wertung: Nachkauf 3/3, Gesamt 23/25

Nachtrag nach 48 Stunden mit Luft: Erstes deutliches, olfaktorisches Merkmal der Entwicklung der letzten Tage ist ein mittleres Stahlwalzwerk, in dem auch einiges an Bariumchlorid herumliegt. Die noch etwas gelber gewordene Frucht wird aber nicht überdeckt, sondern bleibt sogar weiter recht differenziert erkennbar. Am Gaumen sind Walzwerk und Feuersteinnoten etwas weniger ausgeprägt, der Fruchtkorb wird jedoch noch deutlich erweitert, am prägnantesten von einer sehr reifen Mango. Der Abgang hat gefühlt an Länge nochmal zugelegt, interessanterweise ist die Frucht hier nun deutlich länger präsent, die Mineralik läßt sich aber nicht unterkriegen.

Ich hätte nicht gedacht, daß der Sylvaner innerhalb dieser zwei Tage nochmals so deutlich aufdrehen kann, da leg‘ ich noch ein Pünktchen d’rauf…

Meine Wertung: Nachkauf 3/3, Gesamt 24/25

Nachtrag nach 7 Tagen mit Luft: Für die Nase gibt’s nunmehr eine Mischung aus Flint, Holzkohleglut, Malz, unraffiniertem Palmzucker, Vanilleschote und Lakritzschnecken, Frucht gibt’s hier keine mehr. Die gibt’s am Gaumen noch in Form von angemaischter Aprikose und überreifer Mango. Dazu nun einiges an Gesteinsmehl, gepaart mit der immer noch perfekt arbeitenden Säure, die diesen mittlerweile schon recht dicken Stoff gut fließfähig hält. Der Abgang ist auch von den im Nasenbereich beschriebenen Aromen dominiert und hält einige Minuten, begleitet von der hier leicht cremig anmutenden Säure.

Ich würde jetzt nicht sagen wollen, daß der Sylvaner nunmehr abgebaut hätte, aber nach zwei Tagen hat er mir noch am besten gefallen. In der jetzigen Verfassung würde ich aber immer noch die Bewertung der ersten Stunden geben…

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