Ein Hefe bitte…

…, so lautet in weiten Teilen Bayerns die Kurzform einer Bestellung, wenn man in der weiteren Folge ein Hefe-Weißbier einwerfen möchte. Bis vor gut 30 Jahren traf das auch auf mich zu, denn da habe ich gerne solche Sachen z.B. von Unertl, Karg, Dachsbräu oder Grünbach konsumiert, heute mag ich das Zeug aber gar nicht mehr. Wenn ich aktuell mit diesen Worten das Gastronomie-Servicepersonal konfrontieren würde, dächte ich wohl mehr an sowas wie den

2014er Riesling – [Rüdesheimer Klosterlay] – »18« – trocken – Rheingauer Landwein – Gutswein, Balthasar Ress, Rheingau

Diese Flasche habe ich mal vor einiger Zeit zusammen mit den Weinen »32« und »42« für einen Wein-am-Limit-Livestream geordert, an dem ich dann aber nicht teilnehmen konnte. Dabei stehen die Zahlen für die Anzahl der Monate, die der Wein jeweils auf der Vollhefe reifen durfte. Diese Art der Reifung und ein paar andere Umstände der Weinwerdung erlauben es laut Weingut, ganz oder weitgehend auf Schwefelung zu verzichten, weil bereits das lange Hefelager stabilisierend wirkt. Der 18er ist aber zumindest ein bißchen geschwefelt, zumindest findet man einen entsprechenden Hinweis auf dem Rückenetikett. Die Trauben stammen übrigens aus der Rüdesheimer Lage Klosterlay, was aber nicht auf der Flasche d’raufstehen darf, weil das hier kein Qualitätswein ist. Soweit ich weiß, wurde der Wein aufgrund seiner mangelnden Typizität gar nicht erst zur Prüfung angestellt. Ist zwar aus meiner Sicht totaler Schmarr’n, aber Gesetz ist halt Gesetz…

Im Glas ein etwas mattes Goldgelb, Tendenz zu Messing, perlt auch noch ein bißchen. Der „18“ riecht eigentlich wie ein guter Champagner ohne Blubber, gelbe Äpfel, etwas Birne, leicht Kaktusfeige und viel Hefe, Hefezopf sowie der Kern eines frischen Schweizer Fladenbrotes. Am Gaumen setzt sich das Ganze entsprechend fort, jetzt könnte man meinen, es geht mit schalem Schampus weiter (weil ja die Kohlensäure weitgehend fehlt), aber die kernige Säurestruktur hält den sehr trockenen, aber auch extraktreichen Riesling klar auf der spannenden Seite. Dazu kommen einige sehr an Kreide und Titandioxid erinnernde steinige Noten. Der Abgang erstreckt sich über mehrere Minuten und hält den hefig-fruchtigen, auch leicht reduktiven Charakter auf hohem Level bereit.

Das nenne ich mal eine interessante Gutsweinebene! Ok, preislich bewegen wir uns schon deutlich im Erste-Lagen-Bereich, aber das ist der Stoff meiner Meinung nach durchaus wert. Wird zwar nicht jedermanns Sache sein, denn „deutscher Riesling schmeckt nicht so!“, für mich ist es aber ein sehr gelungenes Experiment, das hoffentlich fortgeführt wird. Die oben angeführten Land-Rieslinge »32« und »42« werde ich in näherer Zukunft mal testen…

Meine Wertung: Nachkauf 3 von 3, Gesamt 21 von 25

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