Ersatzbefriedigung

Wenn meine durchaus vorhandene Spontaneität nicht durch diverse private und geschäftliche Zwänge ausgebremst worden wäre, könnte ich mich aktuell in Beaune im Burgund befinden. In der Gegend war ich schon seit einer gefühlten Ewigkeit nicht mehr, wäre schön gewesen. Aber vielleicht schaffe ich’s ja doch noch mal. Um den Schmerz etwas zu lindern (ok, soo schlimm ist’s auch nicht…), habe ich dann heute folgende Flasche aufgemacht:

2011er Pinot noir – Aux Clous – Savigny-les-Beaune premier cru AOC, Domaine d’Ardhuy, Bourgogne

Farblich ein dunkleres Rubinrot, für einen PN relativ geringe Transparenz, geruchlich reife, aber nicht kompottige Kirschen, ein dezenter Kakao-Tabak-Vanille-Mix sowie ganz leicht eingeweichte Süddeutsche Zeitung (reiner Schwarz-Weiß-Druck). Je länger man reinriecht, desto mehr stößt man auch auf ein paar waldige Him- und Erdbeeren. Am Gaumen ein paar wenige Tanninchen, leicht staubig, dennoch geschmeidig. Der leicht herbe Fruchtcocktail enthält hier eher Schattenmorellen, auch Granatapfel, etwas Acerola, ganz leicht Pampelmuse incl. Bitterchen. Die Säure wirkt frisch und distinguiert zugleich, hinter dieser tauchen dann auch ein paar lehmige Steinchen auf. Der Abgang ist von schöner Länge, anfangs leicht herb-fruchtig, später kommt die o.a. Holzaromatik leicht nach oben und endet mit einem eher feinen, aber dennoch deutlichen Tabakfinale.

So macht Pinot noir Spaß. Sicher kein ganz Großer aus der Gegend, schon wegen des vergleichsweise günstigen Preises von gerade mal gut 20 Euronen pro Flasche, aber dennoch einer, der mit seiner Textur doch recht klar aufzeigt, in welcher Gegend der Pinot-Hammer hängt. Damit will ich all die anderen Pinot noirs, Spät- und Blauburgunder aus anderen Regionen gar nicht abwerten, aber wenn’s um Benchmarks für diese Rebsorte geht, dann komme auch ich -der ich meinen Schwerpunkt weintechnisch derzeit ja eher in anderen Teilen Europas sehe- an der Bourgogne nicht vorbei.

Meine Wertung: Nachkauf 2 von 3, Gesamt 20 von 25

6 comments on “Ersatzbefriedigung

  1. Hi Erich,
    keine schlechte Ersatzbefriedigung, finde ich und wie versprochen, kommt auch noch ein kleines Paket mit weiteren Ersatzbefriedigungen bei Dir an 😉
    Übrigens hatten wir gestern fast den gleichen Wein – bei mir ein 2009er Savigny les Beaune 1er Cru ‚Les Fournaux‘ von Simon Bize im Caves Madeleine in Beaune (toller Laden!).
    Btw finde ich die Pinots aus Savigny les Beaune auch ohne horrenden Preisschilder oft sehr schön und Dein Exemplar klingt auch ziemlich gut 🙂
    Schönen Abend und vG
    Patrik

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    • Hallo Patrik,
      ja, mußte einfach sein…
      Auf dem Weingut wird übrigens biodynamisch gearbeitet, steht aber nur ganz klein auf der Flasche hinten drauf. Das ist jetzt zwar kein unbedingtes Auswahlkriterium für mich, ich nehme es aber wohlwollend zur Kenntnis, auch wenn ich bei manchen Biodyn-Aktivitäten im Weinberg meinen naturwissenschaftlich geprägten Wein Kopf schütteln muß. Aber worauf ich hinaus will: ist die Bio- bzw. Biodyn-Welle im Burgund eigentlich relevant wahrnehmbar oder interessiert das eher deutschsprachige Käufer? Du bist da halt näher dran als ich…
      Einen schönen Resturlaub wünsche ich noch…
      VG Erich

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      • Uff, als deutscher Tourist (auch wenn ich schon seit ein paar Jahren jedes Jahr hier bin) die Frage zu beantworten, ob sich auch die „Einheimischen“ für biodynamischen Wein interessieren, ist sicher nicht ganz möglich.
        Ich glaube die Franzosen im allgemeinen und speziell in der Bourgogne machen sich da weniger ein Kopf.
        Und wenn man bedenkt, dass auch Winzer/innen wie de Villaine (DRC), Lalou Bize-Leroy oder Henri Jayer seit ewigen Zeiten „naturnahen“ Wein machen/machten, spielt dieser „Stempel“ (den auch heute keiner der Top-Winzer nutzt) per se wohl keine Rolle, um erfolgreich zu sein. Ich glaube dieses „Marketing-Ding“ ist mehr eine Sache, die z.B. die österreichische, deutsche, italienische oder auch spanische Winzer nutzen, um sich neue/andere Märkte zu erschließen (oftmals wohl auch um grottigen Wein als „besonders“ oder „das gehört so“ losschlagen zu können).
        Ich hab eine ganze Reihe von nicht oder nur wenig geschwefelten Weinen hier getrunken und gekauft – keiner davon ist megatrüb in der Optik und riecht/schmeckt vordergründig nach Apfelmost (also bei den Weißen). Ein „Phänomen“ das ich vor allem bei „Naturweinen“ aus D und Ö immer wieder erlebe und mich in 90% der Fällen nervt.

        Mein persönlicher Eindruck ist, dass es hier viele gute Bistros/Restaurants gibt, in denen biodynamische oder „naturnahe“ Weine eine bedeutende Rolle einnehmen (wie z.B. Caves Madeleine, La Dilettante, Ma Cuisine) ohne das ein „Konzept“ damit verkauft wird.
        Auch mein absoluter Lieblingsweinhändler (mit den mit Abstand fairsten Tarifen) in Beaune – Mes Bourgognes – führt nur solche Weine, steht aber nirgendwo dran.
        Einen anderen „Werbestempel“ als die eigene Regionalität und die (zum Teil) sehr guten Erzeugnisse hat die Bourgogne wohl nicht nötig und ist auch nicht vordergründig gefragt/gefordert.

        Viele Grüße
        Patrik

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        • Hallo Patrik,
          vielen Dank für deine sehr ausführliche Antwort, mir ist dieses von dir beschriebene Understatement der dortigen Winzer eigentlich recht sympathisch.
          „Mein“ Pinot hier könnte übrigens auch ohne weiteres als konventionell erzeugter Wein durchgehen, er hat nichts naturweiniges an sich, weder im positiven, noch im negativen Sinne, er ist einfach ein sehr schöner roter Burgunder, so wie’s sein soll…
          VG Erich

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          • Ist in der Bourgogne auch eher die Regel als die Ausnahme. Heute konnte ich (trotz laufender Ernte) zunächst die Domaine Chevrot (Bodo hat die schon im Weinforum erwähnt) und später Marc Soyard (Domaine de la Cras) besuchen – bei ihm sind alle Weine ungeschwefelt und seinen Top-Pinot vergärt er mit der macération carbonique Methode – aber kein Bauernhof wie oft in Beaujolais Crus zu finden…
            Die Weine sind wunderschön klar und rein und schmecken im positiven Sinn null nach „Naturwein“.
            Leider hab ich echt erschreckend viel gekauft….

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