Ornette konzentriert – reheard

Ornette Coleman hat mit seiner Musik ab Ende der 50er Jahre die Jazz-Szene gründlich aufgemischt, er gilt als ein oder sogar DER wesentliche Akteur der Musikrichtung, welche nach seinem gleichnamigen Album nunmehr und immer noch „Free Jazz“ genannt wird. Dort spielte er in der ungewöhnlichen Formation eines Double-Quartets, also 2 Reeds, 2 Trompeten, 2 Bässe und 2 Schlagzeuge. Ab 1961 war er dann aber stark geschrumpft für eine Zeit lang „nur“ als Trio unterwegs: Ornette Coleman (as), David Izenzon (b) und Charles Moffett (dr). 1965 gelangten die drei Musiker dann auch mal nach Schweden und gaben im „Golden Circle“ in Stockholm zwei Konzerte, und zwar am 3. und 4. Dezember. Diese beiden Sessions wurden aufgenommen und das Label „Blue Note“ brachte dann zwei Alben mit Aufnahmen von diesen Konzerten angeblich noch im Jahr 1965 vor Weihnachten (wenn die Quellen stimmen) heraus: „Volume 1“ und „Volume 2“. Nr. Zwei sieht dann übrigens so aus:

OrnetteColeman-GoldenCircle2

Warum das Ganze nicht gleich als Doppelalbum erschienen ist, kann ich nicht sagen, vielleicht hat man sich so einen höheren Profit versprochen, wer weiß?

Bei den Stücken dieses doppelten Albums geht es natürlich auch recht „frei“ zu, allerdings sind die Kompositionen bzw. auch die Darbietungen deutlich flüssiger und -wenn man so will- auch harmonischer als so manche Veröffentlichung, die ein paar Jahre vorher auf den Markt gebracht wurde. Das mag teilweise auch dem Umstand geschuldet sein, daß man bei der ganzen Improvisiererei drei Leute besser unter einen Hut bekommt als acht. Des Weiteren hatte das Trio zum Zeitpunkt der Aufnahme schon einige Jahre Bühnenerfahrung, das half sicher auch, den Fluß der Musik zu perfektionieren. In dieser Zeit hat Ornette Coleman übrigens auch Trompete und Violine gelernt. Auf einem Stück („Snowflakes and Sunshine“, Volume 2) kommen diese Instrumente zum Einsatz, soweit ich weiß, das erste mal überhaupt auf Konserve. Dabei werden diese weniger melodiös als mehr laut- bzw. klangmalerisch eingesetzt. Dieses Stück würde ich dann auch, wenn’s um „Freiheit“ auf diesem doppelten Album geht, ganz oben ansiedeln. Macht mir aber auch am meisten Spaß!

Klar, das ist nun trotz aller Harmonisierung (oder vielleicht besser Harmolodisierung gemäß Ornettes eigener Musiktheorie) keine eingängige Musik, die man einfach so nebenher laufen lassen kann oder „Normalmusikkonsumenten“ ohne Vorwarnung vorsetzen sollte, aber wenn sich jemand dem Thema „Free Jazz“ nähern will und nicht gleich ins ganz kalte Wasser springen will, dann kann der „Golden Circle“ ein recht guter Einstieg sein.

Meine Wertung: 4

Neu gehört: Gemäß meiner Ankündigung in den Kommentaren habe ich nun tatsächlich die „Rudy van Gelder-Edition“ der beiden Alben käuflich erworben. Waren gar nicht teuer, gerade mal 7,99 bzw. 8,99 Euronen pro Album, wenn ich mich recht erinnere. Interessanterweise waren die CD’s günstiger als ein reiner MP3- oder FLAC-Download, obwohl im Preis der CD’s wiederum ein Download in einem beliebigen Format enthalten ist. Das soll einer verstehen…

Jetzt habe ich die „alternate takes“ mal gegen das verglichen, was ich so schon kannte:

„Faces and Places“ ist als AT auf den ersten Blick schon mal 3 Minuten kürzer als der OT. Grundsätzlich ist das Stück relativ „boppig“, große stilistische Unterschiede konnte ich nicht ausmachen, Allerdings zeigen sich sowohl Bass als auch Schlagzeug stellenweise ein bißchen „losgelöster“ bzw. lockerer, vielleicht ist dieser Take vom zweiten Tag. Auch Ornette Coleman spielt einige Passagen ein bißchen „abenteuerlicher“. Und: beim AT gibt’s ein Bass-Solo, dafür aber keines von den Drums.

„European Echoes“ ist dagegen als AT über 6 Minuten länger als der OT; schon deshalb dürfte es dieser Take seinerzeit nicht auf die LP geschafft haben. Das Ganze Stück ist als OT recht stakkatohaft gehalten und weist dadurch einige infantile Züge auf. Dieses Stakkato wirkt insgesamt beim AT nicht so hart, OC weicht hier die „harte“ Tonalität deutlich auf. Außerdem gibt es einige Ausflüge weg vom eigentlichen Thema, das Stück findet jedoch immer wieder sicher zurück. Es ist einfach mehr drin und mehr dran, die OT-Variante hat dagegen den Vorteil, daß sie durch die höhere Konzentration auf das eigentliche Thema besser im Hirn kleben bleibt.

„Morning Song“ ist als AT wiederum zweieinhalb Minuten kürzer. Dies ist ein eher getragenes, langsames Stück, große stilistische Unterschiede kann ich aber nicht feststellen, am meisten fallen mir Differenzen in den Teilen auf, bei denen der Bass mit dem Bogen gespielt wird.

„The Riddle“: als AT zweieinhalb Minuten länger als der OT. Das Stück ist wiederum ziemlich schnell und fast furios gespielt, wobei der AT vor allem auf dem Schlagzeug nochmals ein bißchen zackiger unterwegs ist. OC’s Saxophon weist hier gefühlt ein paar mehr Kanten auf, der OT ist gefühlt etwas „runder“. Weiterhin enthält der AT ein schönes, gestrichenes Bass-Solo, gefolgt von einem Schlagzeug-Solo.

„Antiques“ ist in beiden Fassungen ungefähr gleich lang, die Unterschiede sind hier nicht so frappant, der AT ist insgesamt vielleicht etwas lebendiger gespielt.

Dann gibt’s mit „Doughnuts“ auf der Volume One-CD ein Stück, welches auf den Original-LP’s gar nicht enthalten ist. Dies ist ein recht boppiges Stück, welches zwar von OC und seinen beiden Mitstreitern sehr schön gespielt wurde, aber über weite Strecken könnte das auch „irgendjemand“ gespielt haben; ist also das Stück, welches ich jetzt auf diesen Alben am wenigsten vermissen würde. Vielleicht hat es ja deswegen seinerzeit den Sprung auf’s Vinyl nicht geschafft.

Insgesamt sind diese beiden Rudy Van Gelder-Editions für den interessierten Hörer aber wirklich eine Bereicherung, da das Bonus-Material eben nicht nur zweite Wahl ist, sondern streckenweise schon interessante neue Einblicke bietet und eben auch offenbart, daß bei Musikern wie Ornette Coleman jedes Konzert wieder ein bißchen anders ist, also ständig an den Stücken herumgefeilt wird.

4 comments on “Ornette konzentriert – reheard

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