Horizontal / vertikal

Zwischen unseren mehr oder weniger regelmäßigen Blindtasting-Weinrunden haben wir letzten Freitag mal was anderes eingeschoben. Thematisch ging es darum, Weine gegeneinander zu verkosten, die sich gemäß den wesentlichen Angaben auf den Flaschen nur in einem Merkmal unterscheiden. Das führte dann letztlich zu folgender Auswahl: 4 Erste Lagen-Silvaner vom Juliusspital aus 2016 und 2 St. Laurent Réserve von Philipp Kuhn aus 2 unterschiedlichen Jahren. Leider hat sich nur „der harte Kern“ unserer Runden dafür interessiert bzw. dafür Zeit gehabt, so waren wir nur zu fünft. War trotzdem sehr schön, soviel vorweg. Wir haben dann entschieden, jeweils zwei Weine in „Flights“ (ich mag diesen neudeutschen Weinprofislang eigentlich gar nicht) nebeneinander zu verkosten. Das sah dann so aus:

1. und 2. Wein:
2016er Silvaner – Iphöfer Kronsberg – trocken – Erste Lage, Juliusspital, Franken
2016er Silvaner – Rödelseer Küchenmeister – trocken – Erste Lage, Juliusspital, Franken

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Die Gegend um Iphofen bzw. Rödelsee ist hauptsächlich vom Gipskeuper geprägt, die Lagen liegen auch direkt nebeneinander, auch wenn sie zu unterschiedlichen Orten gehören und sich der Julius-Echter-Berg noch ein bißchen dazwischenschiebt. Also erst mal die beiden Gips-Weine:

Kronsberg:

Die Farbe ist ein dichtes Goldgelb, das Bukett zeigt recht intensiv Mirabellen und Quitten, das Ganze erscheint leicht würzig und von ein bißchen Pfeffer begleitet. Am Gaumen eine ähnliche Fruchtigkeit, auch hier etwas Pfeffer, dazu gibt’s noch Koriandersaat. Die Säure ist anständig aufgestellt und hat eine Grapefruit im Gepäck. Der Abgang ist von schöner Länge und dabei fruchtig-würzig-pfeffrig.

Meine Wertung: Nachkauf 2 von 3, Gesamt 18 von 25

Küchenmeister:

Ebenfalls ein dichtes Goldgelb, die Nase bekommt hier Mirabelle, Birne und Quitte ab, hier deutlich mehr Würzigkeit, auch leicht Rauch und Bariumchlorid. Geschmacklich sind die Früchte hier mehr auf der Zitrusseite unterwegs; auch wenn die Säure an sich ungefähr auf dem gleichen Level angesiedelt ist (6,4 zu 6,5 g/l), wirkt der Küchenmeister deutlich frischer, auch wenn sich im Laufe der Zeit noch etwas Banane ins Spiel bringt. Die steinig-würzige Seite ist hier auch etwas ausgeprägter. Der Abgang ist lang und frisch und mündet in ein Finale mit Grapefruit-Bitterchen.

Meine Wertung: Nachkauf 3 von 3, Gesamt 21 von 25

Der Küchenmeister steckt den Kronsberg hier locker in die Tasche, auch wenn dieser für sich gesehen schon ein sehr schöner Erste-Lagen-Wein ist, aber er zeigt einfach recht wenig „Kante“. Der Küchenmeister ist durchgehend einfach vielschichtiger und spannender, während der Kronsberg „klassischer“ wirkt.

3. und 4. Wein:
2016er Silvaner – Würzburger Abtsleite – trocken – Erste Lage, Juliusspital, Franken
2016er Silvaner – Würzburger Stein – trocken – Erste Lage, Juliusspital, Franken

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Nun die beiden Würzburger Silvaner, welche auf Muschelkalk gedeihen:

Abtsleite:

Im Glas zeigt sich ein helleres Goldgelb, die Nase ist sehr fruchtig und präsentiert ordentlich Pfirsich und reife Birne. Am Gaumen dann Melone (aber nicht die Kaltvergärungssorte), Mirabelle, Pfirsich und Grapefruit incl. dezentem Bitterchen, die Säure wirkt hier moderater (obwohl auch hier 6,4 g/l anstehen), arbeitet aber dennoch recht effektiv. Insgesamt macht sich dann doch ein leichter, aber noch unproblematischer Eisbonbon-Touch breit, den ich aber interessanterweise gar nicht der Melone zuschreiben kann. Der Abgang ist ordentlich lang, ein kleines Bitterchen schwingt mit, weiters leicht extraktsüß, bleibt aber dennoch klar auf der frischen Seite.

Meine Wertung: Nachkauf 2 von 3, Gesamt 19 von 25

Stein:

Auch hier ein helleres Goldgelb im Glas, eigentlich der hellste Wein bis jetzt. Meine Nase erkennt vor allem Mirabelle, Pampelmuse und Tabak, am Gaumen wieder Mirabelle, dann reife Karambole, Limette und eben Pampelmuse, dazu sehr prägnante Kreidenoten und eine griffige, aber dennoch geschmeidige Säure. Der Abgang ist ausgewogen fruchtig-mineralisch und macht recht lange Freude. Je länger man dem „Stein“ Zeit läßt, desto mehr Facetten tun sich auf, sowohl Früchte als auch Steine bilden sich immer klarer ab; die nachfolgende Wertung war deshalb anfangs noch zwei Pünktchen niedriger:

Meine Wertung: Nachkauf 3 von 3, Gesamt 22 von 25

Die Abtsleite ist eher was für reine Fruchttrinker, der Stein kommt anfangs recht klassisch, fast etwas behäbig daher, um im Laufe der Zeit deswegen am meisten Spaß zu machen, weil man in ihm am meisten entdecken kann bzw. er sich am dynamischten entwickelt.

Zum Abschluß des Silvanervergleichs haben wir dann noch einen Steinwein aus einer anderen Rebsorte geöffnet:

5. Wein: 2016er Riesling – Würzburger Stein – trocken – Erste Lage, Juliusspital, Franken

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Hier ein mittleres Goldgelb im Glas, geruchlich reife, aber doch irgendwie reduzierte Ananas, etwas Blutorange sowie etwas Pulpe (das ist der Brei, aus dem Papier gemacht wird), deutlich kalkig, ganz leicht rauchig. Geschmacklich fällt erst mal eine leichte Adstringenz auf, die Frucht präsentiert sich, wie oben beschrieben mit einem kleinen Pfirsich als Zugabe. Die Säure ist recht kernig, aber schön integriert, mit ihr kommt noch etwas Pampelmuse incl. Bitterchen mit. Der Abgang hat eine schöne Länge, dabei frisch-fruchtig, die Mineralik ist hier eher angedeutet.

Eigentlich ein sehr schöner Riesling, aber aus meiner Sicht noch nicht ganz fertig. Das habe ich aber schon öfter bemerkt, daß die Muschelkalk-Rieslinge gegenüber den Silvanern eher Spätzünder sind. Aus heutiger Sicht daher mit Luft nach oben

Meine Wertung: Nachkauf 2 von 3, Gesamt 19 von 25

6. und 7. Wein:
2009er Saint Laurent – Laumersheimer «Réserve» trocken – Ortswein, Philipp Kuhn, Pfalz
2012er Saint Laurent – Laumersheimer «Réserve» trocken – Ortswein, Philipp Kuhn, Pfalz

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Die 2009er Weine hat Philipp Kuhn allesamt noch in Schlegelflaschen abgefüllt, der 2012er Saint Laurent durfte dagegen standesgemäß in einer Burgunderflasche Platz nehmen.

2009:

Die Farbe ist ein dunkleres Granatrot mit mittlerer Transparenz und violetten Rändern. In der Nase intensiv rote Pflaume, etwas Kirsche und leicht Achselschweiß, dabei etwas süßlich wirkend. Im Laufe der Zeit tauchen dann auch Bakelit, Rosenkohl, Roastbeef und grüne Paprika auf. Am Gaumen ebenfalls Paprika, dann Schattenmorelle und Staub; fleischig wirkend, daher auch etwas Eisen, dazu eine deutliche Säure. Das Holz scheint etwas angebrannt, insgesamt ist der Saint Laurent hier sehr kantig unterwegs. Der Abgang ist lang, aber auch relativ scharf wie Pepperonis, begleitet von angekokeltem Polystyrol.

Wirkt einerseits schon irgendwie interessant, ist mir aber insgesamt doch zu unstimmig und zu hart, als daß ich da an einen Nachkauf denken würde.

Meine Wertung: Nachkauf 1 von 3, Gesamt 16 von 25

2012:

In der Farbe unterscheiden sich die beiden Jahrgänge nicht, geruchlich wieder rote Pflaume, dann Schattenmorellen, etwas Tabak, leicht Dung und pastöser Schwefel. Am Gaumen eher wenig Frucht, diese manifestiert sich in Granatapfel und Pflaume, etwas staubig, dafür eine schöne, zwar leichte, aber stimmige Holzaromatik, die vor allem von Kakao geprägt ist. Beim Abgang sind die Früchte dann präsenter, das Holz dominiert aber, ohne dabei aufgesetzt zu wirken.

Dieser Jahrgang zeigt sich erheblich runder und versöhnlicher, aber zum Hinterherlaufen reicht es auch hier leider nicht:

Meine Wertung: Nachkauf 1 von 3, Gesamt 18 von 25

Teils kam der 2009er -mit dem ich nicht so viel anfangen konnte- auch besser an, aber insgesamt waren wir uns einig, daß beide Weine die Erwartung, die der Name in Verbindung mit dem Preis weckt, nicht erfüllen; da hätte ich mir tatsächlich mehr gewünscht.

So, das war das Hauptprogramm, zum Abschluß habe ich dann noch was Süßes zu dem mitgebrachten home-made Cantuccini (vielen Dank nochmals!) aufgemacht:

8. Wein: 2013er Grüner Veltliner – Beerenauslese – süß – Qw, Thiery-Weber, Kremstal

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Die Farbe ist schon deutlich rotorange, das mächtige Bukett zeigt Quittengelee, Orangen und etwas UHU. Auch am Gaumen eine leichte, aber durchaus angenehme Klebernote, viel süße Quitte, Orangen mit und ohne Blut, dem ganzen Extrakt steht eine recht potente Säure gegenüber. Das Zusammenspiel von Zucker und Säure ist aus meiner Sicht vorbildlich und kratzt kein bißchen an den Schleimhäuten. Auch der Abgang ist von Quitten geprägt und hält locker einige Minuten durch.

Hier gefällt mir vor allem, daß die dominierende Quitte zwar mit ordentlich Dampf ’rüberkommt, dabei aber dennoch nichts in Penetranz ausartet. Die kleine Flasche hat mich gerade mal 13 Euronen gekostet, so viel Beerenauslese um’s Geld bekommt man nicht so häufig.

Meine Wertung: Nachkauf 3 von 3, Gesamt 21 von 25

Fazit: Ein sehr schöner Abend mit ein paar interessanten Erkenntnissen. Bei den Juliusspitalern waren wir uns einig, daß man da in jedem Fall sehr viel Wein für’s Geld bekommt; die Ersten Lagen kosten in unserem Edegga jeweils 11,99 bzw. 12,99 Euronen (für die „Stein’s“ muß man einen Taler mehr berappen), da kann man echt nicht meckern, und aus meiner Sicht gibt’s da wenig Anreiz, zu den (auch schon recht guten) Orts- (8,99 EUR) und Gutsweinen (6,99 EUR) zurückzuschalten. Einigkeit herrschte auch bei der Vergabe der „roten Laterne“ an den Kronsberg-Silvaner (der sein Gled aber dennoch wert ist), die Plätze 1 bis 3 wurden jedoch unterschiedlich vergeben.

Die Kuhn’schen St. Laurents haben eigentlich -auch angesichts des Preises von jeweils über 20 Euro- niemand so wirklich vom Hocker gerissen, dafür hat die BA dann wieder versöhnlich gestimmt.

Deshalb haben wir auch locker verabredet, die 2016er Silvaner vom JS in einem Jahr nochmals zu probieren, bei den St. Laurents sparen wir uns das und denken uns lieber was anderes aus. Hoffentlich klappt’s auch!

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2 comments on “Horizontal / vertikal

  1. Das freut mich ja, dass der Küchenmeister auch bei Euch gut abgeschnitten hat!

    Das Juliusspital hat – so zumindest meine Wahrnehmung- in den letzten Jahren einen deutlichen Sprung nach vorne gemacht; die Preise sind aber noch moderat geblieben.

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    • Obwohl die doch deutlich unterschiedlich sind, paßt zwischen dem Küchenmeister und dem Stein qualitativ nicht viel dazwischen. Bei mir knapp auf Platz zwei, es gab aber auch Mitglieder in der Runde, die den Küchenmeister oben gesehen haben, was ich auch gut nachvollziehen kann.

      Was die JS-Qualität im Allgemeinen angeht, die beiden Werner-Brüder haben das auch mal am aktuellen Kellermeister Nikolas Frauer festgemacht, daß sich sich die Weine nach vorne entwickelt haben. Ich habe da nicht so den Überblick, da ich ein ziemlich großes zeitliches Loch in meinen JS-Erfahrungen habe und erst vor wenigen Jahren wieder vermehrt Weine von dort gekauft habe.

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