Royal Flush – Nachtrag

Jetzt sind wir glücklich ganz oben im Sortiment des Ausnahme-Weinguts Werlitsch angelangt. Ich habe mich recht lange nicht „getraut“, diesen Wein aufzumachen, ohne einen genügend würdigen Anlaß dafür zu haben. Aber heute war die Gelegenheit günstig, mal zu sehen, ob der

2006er [Cuvée] – Ex Vero III – trocken – Landwein Steirerland, Werlitsch, Südsteiermark

wirklich hält, was so manche Stimmen der Fachwelt über ihn so verlauten lassen. Noch dazu bewegt sich ja schon der IIer EV sehr weit oben in meiner Punkteskala, und ich ging irgendwie selbstverständlich davon aus, daß der IIIer noch mal gut was d’rauflegt. Dementsprechend groß war die Erwartungshaltung.

Wie alle Ex Veros ist auch der IIIer eine Cuvée aus Morillon respektive Chardonnay und Sauvignon blanc, in diesem Fall im 50 / 50 -Verhältnis. Die Trauben kommen aus den höchsten, steilsten und kargsten Lagen, die das Weingut so bewirtschaftet. Das Ganze wurde spontan im offenen Holzfaß vergoren und danach für 24 Monate im großen Holz auf der Feinhefe ausgebaut, bevor der Stoff abgefüllt wurde.

Im Glas zeigt sich ein ganz leicht trübes Orangegelb, in der Nase anfangs noch etwas gehemmt wirkend, was mit Sicherheit daran lag, daß die auf dem Etikett empfohlenen 12…14 °C Trinktemperatur noch nicht erreicht waren. Mit jedem Grad mehr füllt sich dann der leicht reduktive Obstkorb Sorte um Sorte; ich denke, ich habe 20 Minuten lang überhaupt nur an dem Stoff gerochen. Vor allem Exotik weht einem da im ersten Akt entgegen: Kaki, Papaya, Maracuja etc., aber irgendwann tauchen tatsächlich auch Kirschen, Granatapfel und Johannisbeeren auf. In einer anderen Entwicklungsphase schieben sich auch mal Quitten und Äpfel sowie überreife Mirabellen nach vorne. Aber es gibt noch viele andere Sachen zu entdecken wie z.B. Kamille, etwas mentholiges Hustenbonbon, heller Blütenhonig, Moos auf der (Außen-) Kellertreppe. Auf der steinigen Seite sind hydrogencarbonatlastige Mineralien erkennbar, ganz leicht auch „weißer Rauch“, irgendwann auch mal Vanille und Anis, die dann wieder was anderem Platz machen, z.B. Sauerkraut mit Lor- und Wacholderbeer, allerdings zum Glück ohne Sauerkrautprimärnote… Da könnte man jetzt stundenlang weiterschreiben und ich bin erst beim Bukett! Dann mal der erste Schluck bei vielleicht der unteren o.a. Temperaturgrenze: Sehr filigran einerseits, wahnsinnig komplex andererseits, üppig also in der Vielfalt, nicht so sehr in der Dichte; dennoch bleibt der Eindruck des „Mauls voll Wein“, ohne dabei auch nur den geringsten Ansatz von Schwere auszulösen. Auch hier kann man sich ewig mit den unzähligen Aromafetzen beschäftigen, die ohne Unterlaß im stetigen Wechsel vorbeiflitzen. Verglichen mit dem Bukett kann man eigentlich nur sagen, daß die Sekundäraromen hier im Durchschnitt mehr Gewicht haben als die Fruchtseite, die aber dennoch enorm viel zu bieten hat. Ein ganz eigener Tannintypus löst im Verbund mit der sehr feinen und präzisen Säure ein nachhaltiges und warmes Mundgefühl aus, das sich im mehr als 10-minütigen Abgang weiterzieht. Diese Wärme geht zurück auf etwas, was man im Ansatz als leichte Armagnac-Note bezeichnen könnte, allerdings ohne jede Spur von Brandigkeit. Die Abgangs-Frucht ist eher auf der Zitrusseite angesiedelt, jedoch in einer Textur, wie ich sie noch nie erlebt habe: einerseits kandiert wirkend, aber doch mit unglaublicher Frische, die dennoch leicht verschleiert scheint.

Ich bin ja eigentlich eher ein rational gestrickter Typ, aber dieser Wein löst in mir fast pathetische Reaktionen aus. Hier kann ich ernsthaft einen Ausdruck verwenden, der mir sonst so gar nicht eigen ist bzw. über die Lippen kommt, auch nicht bei wirklich guten Sachen: Der Ex Vero III berührt die Sinne. Und zwar richtig. Ich habe diesen Wein insgesamt über gut zweieinhalb Stunden getrunken (und noch was übrig gelassen) und bin weder aus dem Staunen, noch aus dem Kopfschütteln herausgekommen. Auch wenn das wohl nicht jedermanns Sache sein dürfte, mir selbst war schnell klar, daß ich wohl noch nie was geileres getrunken habe (Entschuldigung für den reißerischen Ausdruck, aber der mußte jetzt einfach sein!). Da brauche ich auch nicht lange überlegen, was für Pünktchen ich da gebe, Royal Flush halt, mehr geht nicht…

Meine Wertung: Nachkauf 3 von 3, Gesamt 25 von 25

Nachtrag nach 72 Stunden mit Luft: Etwas ehrfürchtig habe ich heute den IIIer nachverkostet. Ob ich vielleicht vor 3 Tagen etwas zu euphorisch war? Die Nase sagt spontan „Nö!“. Sofort -nun auch schon bei etwas niedrigeren Temperaturen- überbordende Exotik, nunmehr etwas mehr den Blick in Richtung Burgund gerichtet; dezent, aber doch deutlich nun auch flintige Noten, jedoch nicht nur platt Bariumchlorid oder roter Phosphor, sondern ein reich gefüllter Quarztiegel mit einer recht komplexen Mischung solch kerniger Anorganik. Auch am Gaumen ein leichter Drift in Richtung Mineralik, manche Früchte wirken sachte angeröstet. Dann ähnlich wie am ersten Tag mit jedem Schluck ein steter Wechsel der Aromen, mit der Temperatur steigt erstaunlicherweise die „Filigranität“; das Wort ist hier aber nicht als freundlicher Begriff für ein dünnes Weinchen gemeint. Der Abgang ist von der Länge her nach wie vor im Ewigkeitsbereich, hier bemerke ich vor allem einen leichten Zuwachs an Braunwürze.

Qualitativ ging’s weder auf- noch abwärts, eher schön seitwärts. Und ich war mir sehr schnell darüber im Klaren, daß ich meine Ausnahmewertung guten Gewissens -mir selbst gegenüber- beibehalten kann.

9 comments on “Royal Flush – Nachtrag

  1. Wow, also einen „perfekten Wein“ hatte ich bis dato noch nicht im Glas (und in meinem Fall wird das wohl auch kein Wein von Werlitsch sein können) aber solche Erlebnisse oder annähernd solche Erlebnisse machen Wein und alles darum herum so besonders und zu viel mehr als zu einem alkoholischen Wirkungsgeränke 🙂

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    • Na ja, da stellt sich dann die Frage, was für jemanden ein perfekter Wein ist. Es könnte natürlich sein, daß die Jahrgänge 2011 und 2012 -die mittlerweile auch meinen Keller bevölkern- mir zum gegebenen Zeitpunkt noch besser gefallen. Schmälert das dann die Perfektion des 2006ers? In meinen Augen nicht. Ich bin heute einfach total geflasht von der unglaublichen Tiefe und Vielschichtigkeit, die dieser Wein (mir) gerade vermittelt. Beim 08er Ex Vero II zum Beispiel waren noch so ein paar ganz kleine Ecken, die man noch einen Tick besser hätte ausfüllen können. Dachte ich mir jedenfalls. In diese Richtung dachte ich heute gar nicht. Gedacht habe ich mir nur, daß ich sonst IMMER mehr oder weniger große „Mängel“ bzw. Abstände zur Perfektion finde. Das fiel heute komplett weg, also ist der Wein nach meiner diesbezüglichen Sichtweise „perfekt“. Ist mir in der Form bisher jedoch nur ein weiteres mal passiert, und das ist schon ein paar Jahre her.
      Ich bin mir natürlich auch darüber im Klaren, daß dieses Erleben und die daraus folgende Wertung meinerseits wiederum höchst subjektiv sind. Ich weiß auch nicht, ob der Wein von anderen Leuten schon mal die Höchstpunktzahl bekommen hat, also als „perfekt“ eingestuft wurde. Ich habe aber auch schon Verkostungsberichte über diesen Wein gelesen, die zumindest ähnlich euphorisch waren. Hier kommt natürlich auch dazu, daß ich diese Weinstilistik generell sehr gerne mag, und auch sonst paßte heute einfach alles perfekt zusammen…

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      • Ich denke, wenn „alles 100% passt“ ist es in diesem Moment perfekt und kein Grund auf noch etwas „besseres“ zu warten. Aber mir ging es bis dato auch so, dass ich immer dachte, das geht an der ein oder anderen Stelle noch besser.
        In Sachen Werlitsch bin ich wohl eher der „Geisterfahrer“ – obwohl ich diese sehr „naturbelassen“ Weine teilweise sehr mag – besonders aus Frankreich (Loire, Bourgogne, Jura,..), ist der Funke bei Werlitsch nicht übergesprungen. Aber ich hab noch zwei 11er Ex Vero I und eine 09er Amphorenwein im Keller – also noch 3 Chancen, dass sich das ändert 😉

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        • Mit dem EV I wird das im Hinblick auf den „perfekten Wein“ wahrscheinlich nix, die Amphore ist dazu vielleicht etwas zu freakig. Ich kenne diesen Wein zwar -leider- nicht, sondern „nur“ den 2011er Nachfolger „Werlitsch“, der ja keine Amphore mehr gesehen hat und das 2013er „Glück“. Waren beide geniale Weine, standen aber doch deutlich hinter dem heute erlebten zurück…

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  2. Herzlichen Glückwunsch zum Weinerlebnis. Natürlich bin ich nun neugierig, welches der von Dir genannte zweite „Royal Flush“ war…

    Ich habe einen solchen bislang meinen Aufzeichnungen zufolge noch nicht getrunken. Nahe dran waren aber das Spätburgunder Hunsrück GG 2003 von Rudolf Fürst und ein Frühburgunder 2008 vom Zehnthof Luckert. Insgesamt scheinen zudem mit zunehmender Flaschenreife meine Bewertungen zu steigen, was mich aufgrund zunehmender Lagertätigkeit positiv stimmt, künftig auch einmal ein solches Weinerlebnis zu haben.

    Das Suchen nach den Mängeln bzw. dem Abstand zur Perfektion erkenne ich bei mir inzwischen immer häufiger beim Urlaub und in Restaurants. Im Nachhinein ärgere ich mich dann immer über mich selbst, weil man sich dadurch ja letzten Endes auch selbst einige Genussmomente verdirbt!

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    • Das sehe ich gar nicht so, daß man sich die Genußmomente mit dem Erkennen der Abstände zum vermeintlichen Optimum verdirbt. Aber das ist natürlich nur mein persönlicher, recht hedonistischer Umgang damit…
      Mein vorheriges Perfektionserlebnis war ein 2001er „Kurni“ von der Oasi degli Angeli aus den Marken, ein reinsortiger Montepulciano aus teils getrockneten Trauben, in 2012 geköpft…

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        • …darauf hoffe ich zumindest stark. Der Kurni war zwar einerseits schon ein „Dickstoff“, so wie Amarone auch, im Unterschied zu diesem hatte er aber doch auch eine gewisse Leichtigkeit oder Unbekümmertheit im Gepäck. Ganz eigener Stoff. Die reinen Dickschiffe haben’s mittlerweile eher schwer bei mir, solche Wein-Chimären finde ich aber nach wie vor hochspannend!

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