21. Weinrunde in München

Letzten Donnerstag fand die 21. Blindtasting-Runde in München statt. Wer sich wundert, wo in meinem Blögchen die 20. Runde geblieben ist; ich war einfach nicht dabei, hat terminlich leider nicht geklappt. Das Thema war diesmal kurz und knapp „Sizilien“. Passenderweise fand die Runde dann auch in einer Weinhandlung („Raoulivini”) statt, in der es nur Italiener zu kaufen gibt. Vielen Dank an dieser Stelle für die freundliche Aufnahme!

Prolog:

Zur Einstimmung gab’s dann erst mal was schäumendes:

Wein A: oJ [Cuvée] – Bianco – Extra dry – Vino Spumante, Venciu, Veneto

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Dies ist ein Spumante aus Garganega, Chardonnay und Pinot Bianco. Die Kellerei ist ziemlich klein, es werden insgesamt wohl insgesamt nur 6.000 Flaschen eigener Wein produziert, die anderen Trauben wandern anscheinend zu Genossenschaften.

Im Glas zeigt sich ein deutliches Goldgelb, sehr feine, mittlere Perlage. Das Bukett zeigt grüne und mürbe Äpfel sowie etwas Hefe. Am Gaumen wird die Frucht von etwas gut eingebundenem Restzucker begleitet, dazu ein Chinin-Bitterchen; die Säure ist deutlich, aber im Spiel mit der Süße recht angenehm. Der Abgang ist in der Länge ordentlich, dabei frisch-herb-fruchtig, die Säure punktet auch hier.

Ein durchaus angenehmer Prickler, der -bei mir- vorzugsweise dann zum Einsatz kommen könnte, wenn auch süße-affine Leute anwesend sind, man selber aber auch zuckerschocksicher teilnehmen möchte…

Meine Wertung: Nachkauf 2 von 3, Gesamt 17 von 25

Drama:

Nun die „Wettbewerbsweine“:

1. Wein: 2016er [Cuvée] – Anthìlia – Sicilia DOC, Donnafugata, Sicilia

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Im Netz habe ich gefunden, daß dies eine Cuvée aus 50% Catarratto und 50% Ansonica (Synonym für Inzolia) ist; je nach Jahrgang wird der Wein auch noch unter Verwendung anderer Rebsorten hergestellt.

Im Glas ein helleres Goldgelb, in der Nase grün-gelbe Frucht wie Karambole und Guave, dazu ein paar Kräuter wie Estragon und Liebstöckel. Am Gaumen eine ähnliche Fruchtaromatik, die jedoch mit einer leichten Kaugummiaromatik daher kommt; die Säure ist nur moderat vorhanden, ein paar kalkige Steine spielen auch mit. Der Abgang ist für mein Gefühl leider auch etwas breit und flach zugleich.

Dies ist aus meiner Sicht ein typischer, süditalienischer „Crowdpleaser“, der zwar soweit ordentlich gemacht ist, aber aus meiner Sicht zum einem leider deutliche Kaltvergärungsmerkmale zeigt und ansonsten nicht viel „zum reiben“ hat. Kann man problemlos (mit-) trinken, muß aber auch nicht sein.

Meine Wertung: Nachkauf 1 von 3, Gesamt 14 von 25

2. Wein: 2016er Chardonnay – Pietre al Vento – Terre Siciliane IGT, Terre di Bruca, Sicilia

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Die Farbe ist ein dunkleres Goldgelb bis Messing, für die Nase gibt’s reifen Apfel und Papaya, ganz leicht braunwürzig. Am Gaumen zeigen sich dann wieder Äpfel, aber auch Banane; die Säure ist leider etwas schwach auf der Brust, was trotz etwas Grapefruit mit Bitterchen zu einer gewissen Breite führt. Einerseits durchaus mit Gehalt, wirkt der Chardonnay im Mund aber stellenweise doch etwas schlank. Auch der Abgang ist aufgrund des Säuremangels etwas breit, die Frucht wirkt irgendwie verschleiert.

Die Aromatik ist hier eigentlich recht schön, mir persönlich ist jedoch die Säurestruktur deutlich zu „mild“.

Meine Wertung: Nachkauf 1 von 3, Gesamt 16 von 25

3. Wein: 2016er Nerello Mascalese – Rosato – Etna DOC, Pietradolce, Sicilia

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Die Farbe ist ein leuchtendes Kupfer, in der Nase nur wenig Frucht in Form von etwas Granatapfel und Mandarine, dafür deutlich feuchte Kellertreppe, Bariumchlorid und sonstige Steinereien. Auch am Gaumen spielen diese Früchte etwas mit, die herbe Mineralik übernimmt aber auch hier klar die Führung. Mit der straffen Säure kommen ein paar Zitrusnoten und eine schöne Gesamtstruktur mit. Der Abgang ist von ordentlicher Länge, dabei in erster Linie herb-mineralisch mit klarer Magnesium-Note.

Diesen Rosato hatte ich schon mal als 2014er, damals war ich von dem rosa Steinwein sehr begeistert, mußte jedoch feststellen, daß er innerhalb eines Jahres dann stark abbaut. Deshalb habe ich vom aktuellen Jahrgang nur so viel gekauft, daß ich es in eher kurzer Zeit wegtrinken kann. Ganz so schön wie der verlinkte 2014er am Anfang ist der 16er leider nicht, vor allem die beim 14er damals vorhandenen Würznoten haben hier weitgehend gefehlt. Dennoch -wenn man sowas generell mag, und das trifft zumindest bei mir klar zu- reicht’s noch zu

Meine Wertung: Nachkauf 2 von 3, Gesamt 19 von 25

Rev. 1 vom 02.11.2019: Nachkauf 2 von 3, Gesamt 20 von 25

4. Wein: 2016er Grillo – Sur Sur – Sicilia DOC, Donnafugata, Sicilia

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Dieser Wein kommt mit einem helleren Strohgelb daher, geruchlich auf der grünen Seite unterwegs, ich finde Brennessel, Kerbel und Minze. Am Gaumen dann grüne Reneclaude und Guave, weiters Birnen-Eisbonbon; die Säure ist eher moderat, aber dennoch prägend, aromatisch insgesamt etwas eindimensional. Der Abgang ist wieder eisbonbonig, diesmal mit Lychee-Geschmack, die Säure kann den Wein nicht aus dem Flachland holen.

Auch an diesem Donnafugata-Wein ist nichts Schlechtes dran, aber eben auch nicht viel Gutes. Stört bis auf die Eisbonbons nicht sonderlich, macht (mir) aber auch keine nachhaltige Freude.

Meine Wertung: Nachkauf 1 von 3, Gesamt 14 von 25

5. Wein: 2016er Ansonica – Il Velo – Terre Siciliane IGT, Terre di Bruca, Sicilia

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Im Glas ein etwas dunkleres Goldgelb, in der Nase reifere Kaktusfeige, ganz leicht reduktiv, etwas Harz. Am Gaumen Kochbanane, Teflon und etwas Moder, mittlere Säure, dadurch ist eine leichte Breite spürbar. Der Abgang ist ebenfalls ein bißchen kantig: etwas verbranntes Plastik, auf dem Grill leicht angekokelte Frucht, aufgrund Säuremangels deutlich entfernt von einer beschwingten Struktur.

Ich mag ja solche Ecken und Kanten in der Aromatik sehr gerne, deshalb ist z.B. der „Moder“ aus meiner Sicht gar nichts Negatives; leider fehlt jedoch die Säure, um das Ganze schön und flutschig zu verpacken. Wenn die Säurestruktur passen würde, wären bei mir möglicherweise 19 bis 20 Pünktchen drin, so bleiben’s

Meine Wertung: Nachkauf 1 von 3, Gesamt 15 von 25

6. Wein: 2006er [Cuvée] – Noà – Sicilia IGT, Cusumano, Sicilia

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Der Noà ist aus 40 % Nero d’Avola, 30 % Merlot und 30 % Cabernet Sauvigon gekeltert und wurde in Barriques vergoren und ausgebaut.

Die Farbe ist ein recht dunkles Granatrot mit geringer Transparenz, eine Braunfärbung zeigt sich gar nicht. Bukettmäßig gibt’s reife Pflaumen und dunkle Beeren, moderat Holz in Form von altem Leder, leicht Schokolade und etwas Bakelit. Am Gaumen zeigt sich relativ wenig Frucht, etwas kirschig-pflaumig. Die noch verbliebenen Tannine sind fast ein bißchen kantig, aber nicht unangenehm. Zur moderaten, aber schön strukturierten Säure gibt’s leicht Teer, Roastbeef und grüne Walnuß, ein paar herb-bittere Zitrusnoten spielen auch mit. Der Abgang ist lang und und von der Sekundäraromatik geprägt, hier bilden mal die Früchte die dezente Unterlage.

Diesen Wein habe ich vor etwas über zwei Jahren das letzte mal im Glas gehabt, damals gefiel er mir nicht ganz so gut. Jetzt habe ich ihn mal „auf Verdacht“ mitgebracht. Erstaunlicherweise fand ich ihn nun deutlich besser als beim letzten Versuch. Wirklich alt wirkte er immer noch nicht; in der Runde wurde er jahrgangsmäßig auf 2012 bis 2014 geschätzt. Für mich trotz der Tatsache, daß er eigentlich außerhalb meines Beuteschemas liegt, in der aktuellen Verfassung der schönste Wein des Abends, das haben aber längst nicht alle so gesehen.

Meine Wertung: Nachkauf 1 von 3, Gesamt 20 von 25

7. Wein: 2012er [Cuvée] – Guardiola – Rosso – Etna DOC, Tenuta delle Terre Nere, Sicilia

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Dieser Rosso ist eine Cuvée aus den Sorten Nerello Mascalese und Nerello Mantellato (wenn ich das Rückenetikett richtig interpretiert habe).

Im Glas zeigt sich ein Granatrot mit mittlerer Transparenz, für die Nase gibt’s leicht kompottige Pflaume mit etwas Schokolade. Im Mund kommen einige recht kernige Tannine zum Vorschein, die auch ordentlich Eisen und Aluminium im Gepäck haben, dazu 90er Schokolade, die entsprechend bitter daher kommt, Adstringenz gibt’s auch ein bißchen. Die gut dosierte Säure ist etwas kantig, die Frucht spielt im Mund nur die zweite Geige. Der recht lang hallende Abgang ist herb-bitter mit einigen Gerbstoffen und schabt noch ziemlich an den Schleimhäuten.

Zwar insbesondere anfangs noch ein recht rauher Bruder, der mit etwas Luft allerdings zugänglicher wird, aber doch einer, der seine -zukünftigen- Eigenschaften schon deutlich erkennen läßt. Qualitativ sicher höher anzusiedeln als der zuvor beschriebene „Noà“, aber um richtig punkten zu können, braucht er wohl noch ein paar Jahre.

Meine Wertung: Nachkauf 2 von 3, Gesamt 19 von 25

8. Wein: 2016er [Cuvée] – u…Passimiento – Terre Siciliane IGT, Baglio Gibellina, Sicilia

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Dies ist eine Cuvée aus den Sorten Nero d’Avola und Frappato.

Der Wein ist etwas dunkler granatrot und mitteltransparent, geruchlich zeigt sich dicht Pflaume mit Milchschokolade. Am Gaumen wirkt diese Pflaume schon recht süß, ein paar Kirschen mischen ebenfalls auf der saftig-(frucht-)süßen Seite mit. Die Säure kommuniziert ganz gut mit dem deutlichen Extrakt, auch hier ist wieder Milchschokolade im Spiel. Der Abgang hat eine ordentliche Länge und setzt den oben beschriebenen Eindruck konsequent fort.

Wenn man diese Stilistik mag, ist der „u…“ ein soweit sehr gut gemachter Wein, mir fehlt aber doch ein bißchen die Vielschichtigkeit; hier ziehen sich einfach nur zwei bis drei Komponenten von vorne bis hinten selbstbewußt und geradeaus durch.

Meine Wertung: Nachkauf 1 von 3, Gesamt 17 von 25

Epilog:

Zum Ausklang gab’s dann noch was aus dem Norden Italiens:

Wein B: 2015er [Cuvée] – Masùa di Jago – Valpolicella Ripasso Classico Superiore DOC, Recchia, Veneto

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Hier haben wir eine Cuvée aus 70% Corvina Veronese, 10% Corvinone, 15% Rondinella und 5% Molinara.

Dieser Ripasso zeigt sich in einem schönen Granatrot mit gemäßigter Transparenz. In der Nase Pflaume und Kirschen, dazu leicht Vanille und Zimt. Am Gaumen bleiben Pflaume und Zimt übrig, Tannine wie Säure gibt’s in moderater Form. Der Abgang ist relativ lang und würzig-fruchtig.

Wie schon der sizilianische Vertreter dieser Stilistik, konzentriert sich dieser Ripasso in erster Linie darauf, das was er hat, in möglichst dichter Form darzubieten. Das gelingt auch gut, als Anhänger der etwas spielerischen, filigraneren, komplexeren Weinchen komme ich mit diesem Valpolicella zwar ganz gut zurecht, was zum Nachkaufen ist es für mich aber nicht.

Meine Wertung: Nachkauf 1 von 3, Gesamt 17 von 25

Fazit:

Eine schöne Runde mit einigen interessanten Erfahrungen, zwar ohne absolute Highlights (aus meiner Sicht), aber auch ohne wirklich schlimme Sachen. Und es hat sich wieder bestätigt, daß Sizilien nur noch in Ausnahmefällen für mich schöne Sachen bietet, insbesondere auf der weißen Seite, die ja 78,4 % meines Konsums ausmacht. Es hat sich auch mal wieder sehr schön gezeigt, wie unterschiedlich doch die geschmacklichen Vorlieben so sind; dementsprechend weit auseinander waren teilweise auch die Bewertungen der einzelnen Teilnehmer, die oft recht deutlich über oder unter meinen eigenen Wertungen lagen. Daraus folgt wiederum, daß man die Wertungen durchaus ernst nehmen kann, aber man kann nur wirklich was damit anfangen, wenn man den Menschen hinter der Wertung einigermaßen gut hinsichtlich seines Geschmacks bzw. seiner Vorlieben und Abneigungen einzuschätzen weiß.

Zu guter letzt nochmals vielen Dank an Raoul, der die Runde diesmal ausgerichtet hat!

2 comments on “21. Weinrunde in München

  1. Hi Erich,
    wie immer schön zu lesen. Sizilien ist in meinem Keller ziemlich unterrepräsentiert. Trotzdem war vor gut 20 Jahren der Tancredi von Donnafugata so etwas wie mein „Hauswein“ in rot für damals unter 15 Mark. Insofern habe ich zu diesem Weingut eine gewisse „sentimentale Verbindung“ (wobei mir schon damals die Weißen von Donnafugata weniger gefallen haben).
    Interessant wäre vielleicht auch zu erfahren, wie die Weine bei Deinen Mittrinkern abgeschnitten haben. Fasst Ihr eure Ergebnisse in irgendeiner Art zusammen (bester/schlechtester Wein, „Punktedurchschnitt pro Wein, etc..)?
    VG Patrik
    PS: Heute Abend kommt zur Pizza bianco ein Weißer aus dem Friaul ins Glas.

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    • Hallo Patrik,
      eine solche Zusammenfassung machen wir nicht. Das hängt auch damit zusammen, daß alle ihr eigenes Bewertungssystem haben und die sind nicht kompatibel. Sich erst wieder in ein anderes -gemeinsames- System einzufinden, würde für jeden ein bißchen Übung erfordern, das ginge vielleicht dann, wenn wir immer die gleiche Besetzung hätten. Am meisten spricht dagegen, daß wir die Runde bei allem Sachverstand, der da teils am Tisch sitzt, doch recht locker und ungezwungen betreiben, da ist es im Ergebnis auch eher unwichtig, wer von den Flaschen nun Gesamtsieger oder -verlierer ist. Bei krassen Wertungsunterschieden in der Gruppe gebe ich mal einen entsprechenden Hinweis, auch wenn mal wirklich ein gemeinsamer Liebling erkoren wurde. Und manchmal gibt’s auch entsprechende Kommentare von den Teilnehmern…

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