Grenzgänger – Relaunch

Ein weiterer der am letzten Samstag geopferten Weine war -nach einer entsprechenden Diskussion, s.u.- der

2012er Riesling – Landgeflecht – trocken – Qw, Peter Jakob Kühn, Rheingau

Die Diskussion ging darum, ob „Bio-Zeugs“ geschmacklich / qualitativ dem „konventionellen Zeugs“ generell über- oder unterlegen ist bzw. wieviel Schindluder damit getrieben wird. Jedenfalls gab es auch eine Stimme in der Runde, die davon ausging, daß bei Weinen, bei denen auch noch „demeter“ d’rauf steht, eher die möglichst ganzheitliche Weinwerdung als ein geschmacklich respektables Ergebnis in der Flasche wichtig ist; überhaupt wäre dieses ganze „demeter“-Thema doch reichlich verschwurbelt. Letzterem kann ich zwar in gewisser Weise durchaus zustimmen, allerdings muß ich auch feststellen, daß die „demeter“-Riege der Winzer dennoch -zumindest teilweise- sehr gute bis beachtliche Weine hervorbringt. Nicht zuletzt deshalb habe ich nach nunmehr gut drei Jahren mal wieder diesen „Wein im ursprünglichen Sinn“ aufgemacht.

Die Farbe ist ein leuchtendes Orangegelb, die Nase wird nach einer gewissen Eingewöhnungsphase mit Mango, Kaktusfeige und Quitte in leicht angemaischter Form plus Sherryhauch belagert, das Ganze wirkt dabei deutlich, aber nicht aufdringlich reduktiv, etwas Schnupftabak spielt mit. Am Gaumen ist die Frucht etwas belegt und mit einem leicht süßlich-herben Bitterchen ausgestattet. Der Riesling wirkt hier etwas burgundisch-cremig, anderseits sorgt die gut eingebundene Säure in Verbindung mit etwas Pfeffer und Minze für deutliche Frische. Irgendwo spielen auch etwas Schwarztee und Macadamia mit. Der Abgang ist lang und staubtrocken, hier kommen die Gerbstoffe am besten zur Geltung, ohne einen auch nur im Ansatz bitteren Eindruck zu hinterlassen.

Die Überschrift mit dem „Grenzgänger“ paßt aus meiner Sicht nach wie vor sehr gut. Nicht ganz freakig, aber doch ein gutes Stück weit in diese Richtung weisend. Aber auf jeden Fall kein Traditionsriesling; wenn man sowas erwartet, sollte man besser woanders zugreifen. Das „Landgeflecht“ ein gutes Beispiel dafür, daß auch gemäß „verschwurbelter“ Theorien hergestellte Weine auch in geschmacklich-qualitativer Hinsicht ganz oben mitspielen können. Das Einzige, was ich heute an dem „Landgeflecht“ auszusetzen hätte, ist, daß er eigentlich zuwenig das eine bzw. das andere ist. Zumindest mir geht es so, daß ich (mittlerweile) entweder ganz bewußt was richtig „oranges“ aufmache oder eben was richtig „klassisches“; für so mittendrin fehlen mir irgendwie ein bißchen die Anwendungsfälle, auch wenn’s anläßlich der o.g. Diskussion thematisch gut gepaßt hat.

Meine Wertung: Nachkauf 2/3, Gesamt 20/25

Nachfolgend noch der Text der Verkostung vom 8. März 2015:

Bei dem zuletzt geöffneten Wein

2012er Riesling – Landgeflecht – trocken, Qw, Peter Jakob Kühn, Rheingau

weiß ich ehrlich gesagt nicht so genau, welcher Rubrik ich ihn nun zuordnen soll. Weiß oder orange? Im Glas zwar ein sehr kräftiges Gelb, das schon ein bißchen ins bernsteinfarbige geht, aber meine bisherigen Orange-Wines hatten doch eine andere Tönung. Doch wenn man z.B. bei Lobenberg ein Orange-Wine-Probierpaket bestellen würde, dann wäre genau dieser Wein auch enthalten. Ab dem Jahrgang 2012 erfolgt keine Maischevergärung mehr wie in den vorangegangenen Jahren, dafür eine Pressung über mehrere Stunden mit den Schalen und Stielen. Dann Spontanvergärung und malolaktiktische Gärung im großen Holzfaß. Hmm, vielleicht bringt der Geschmack mehr Klarheit:

Frisch aus der Flasche ist die Aromatik in der Nase noch etwas verhalten, der Wein braucht ein bißchen Zeit. Und Temperatur. Mango und Quitte kommen zuerst. Reife Aprikose kommt dann noch nach. Am Gaumen dann zusätzlich noch etwas Pampelmuse. Dazu ein Anflug von Pfefferminze und weitere würzig-mineralische Noten, eine kleine Bitterkeit ist spürbar. Der Wein wirkt sehr trocken, die Säure ist präsent, aber nicht wirklich Riesling-typisch. Dabei ist er sehr samtig, sehr komplex, eigenständig, die 13 PS sind kaum zu spüren. Über gut zwei Stunden beobachtet, hat sich die Intensität in der Nase und am Gaumen mindestens verdoppelt. Also doch orange?

Überhaupt darf man von diesem Wein nicht erwarten, daß man einen astreinen Sortenvertreter im Glas hat. Der Winzer betitelt den Wein als „Wein im ursprünglichen Sinn“ und er ist Demeter-zertifiziert. Immerhin hat er aber eine Prüfnummer und gilt als Qualitätswein. Das spricht jetzt fast wieder gegen orange.

Insgesamt ein sehr bemerkenswerter Wein, der kaum mit was anderem vergleichbar ist, das ich bis jetzt im Glas hatte. Sehr schöne geschmackliche Erfahrung! Und ich entscheide mich für die Kategorie „Orange“!

Meine Wertung: 2

Etwas ist noch übrig, mal sehen, ob und wie sich der Wein an der Luft weiter entwickelt.

Nachtrag nach 24 Stunden mit Luft: Tatsächlich hat sich das Weinchen innerhalb eines Tages noch etwas weiter entwickelt. Die leichte Bitterkeit ist weg, die Mineralik etwas deutlicher, fühlt sich noch etwas eleganter am Gaumen an. Insgesamt eine leichte Verbesserung. Schöne Entwicklung!

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s