Frühreif

Bezüglich der Weine aus dem Jahrgang 2015 habe ich die Erfahrung gemacht, daß diese häufig schon erstaunlich früh „fertig“ bzw. trinkreif sind. Diesen Eindruck hatte ich auch, als ich den

2015er Riesling – Grosskarlbacher Im großen Garten – trocken – Große Lage – GG, Philipp Kuhn, Pfalz

beim Händler im Dezember 2016 probiert habe. In der weiteren Folge hat sich bei mir die Einschätzung gefestigt, daß die GG’s aus diesem Jahr dann wohl auch weniger Lagerpotential haben, als die aus kälteren Jahren. Sind schneller da, müssen auch schneller weg. Der ganze Hype um den Jahrhundertjahrgang 2015 könnte also sehr schnell vergessen sein. Also jetzt mal ein Test, ob sich meine Einschätzung an zumindest diesem Wein bestätigt oder ob ich das vielleicht nochmal revidieren muß.

Im Glas ein recht sattes Goldgelb, der Nase offenbart sich sofort ein Zitruskorb mit erheblicher Artenvielfalt: vor allem Mandarinenschale, ebenso von Orange und Kumquat, dazu die leicht ankandierten Spalten von Blutorange, Ugli, Limette und Pomeranze, auch ein bißchen Tamarinde, dahinter leicht nasser Schiefer (auch wenn die Sub-Lage kalksteindominiert ist, aber vielleicht sind’s die d’rüber liegenden Sedimente…). Dagegen steht ein bißchen Wiesenblütenhonig und eine hier schon sehr agile Säure. Am Gaumen zeigt sich die dichte, nicht ganz so kandierte Zitrusfrucht trotz hohen Extrakts gleich auf eine sehr frische Art, der sehr straffen Säure sein Dank. Mit einer animierenden Leichtigkeit wird hier ordentlich Druck aufgebaut (klingt paradox, ist es auch!), viel Salz aus den Familien derer mit Calcium und Magnesium bildet eine handfeste Basis. Der schön lange Abgang lebt in erster Linie von der Wechselwirkung zwischen Salzen und Säure, die herb-frische Zitrusfrucht steht hier zwar in der zweiten Reihe, zeigt aber dennoch ordentlich Profil.

So stelle ich mir einen (nahezu) perfekten, trockenen Riesling vor. Hinsichtlich Bukett und Säurestruktur greife ich so tief in die Punktekiste, wie’s nur geht. Am Gaumen und beim Abgang „kannt’s a bisserl mehra sei“, ggf. auch durch ein bißchen mehr Reife, jedenfalls sehe ich da noch etwas Luft nach oben. Aus meiner Sicht -wie erwartet- schon jetzt voll trinkreif, es sei denn, man setzt voraus, daß sich schon erste Phenolik bzw. Petrolik zeigen und sich die „jugendliche Knackigkeit“ schon etwas abgeschliffen haben muß. Tue ich aber nicht.

Meine Wertung: Nachkauf 3/3, Gesamt 23/25
(wenn ich halbe Punkte vergeben würde, wären’s eher 23,5…)

Übrigens: ein anderes Kuhnsches GG (2013er Riesling – Laumersheimer Kirschgarten) wurde Anfang dieses Jahres mal von der Konkurrenz ( 🙂 ) mit deren Höchstpunktzahl bedacht, ich fand diesen „Kirschgarten“ (von mir zufällig nur ein paar Tage vorher ebenfalls probiert) zwar auch sehr schön, zur Perfektion fehlte mir aber ein bißchen was. Da nun der „Große Garten“ bei mir noch etwas besser wegkommt als der oben verlinkte „Kirschgarten“, würde mich interessieren, ob unser heutiger Wein dann anderswo die Skala sprengen würde. Das ist nun gar keine kritisch gemeinte Anmerkung von mir, ich finde es eher positiv und auch beruhigend, daß das Thema Wein eben viel Raum für subjektive Einschätzungen läßt und es demzufolge nicht nur „die eine“ absolute Wahrheit geben kann. Auch eine Erkenntnis zum „erden“. Ich habe mich selbst schon das ein oder andere mal gefragt, ob ich manche Sachen nicht aus lauter momentaner Begeisterung zu euphorisch bewerte, auch wenn ich das immer nach meinem fixen Schema mache und nicht aus dem Bauch heraus durch einen Vergleich zu den Benchmarks anderer Weine, die ich gerade so in Erinnerung habe. Aber -auch gestützt durch die hier angeschnittenen Vergleiche- denke ich, ich muß kein schlechtes Gewissen haben, wenn ich einfach wie bisher weiter mache…

2 comments on “Frühreif

  1. Ein schöner Bericht! Muss wohl auch langsam meine 2015er (Weißwein-)Bestände angehen. Mit vermeintlichen Jahrhundertjahrgängen sollte man grundsätzlich vorsichtig sein – gerade, wenn man seine Weine gerne leicht angereift trinkt und säureaffin ist.

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    • …deshalb sind mir Jahre wie 2010 oder 2014 eigentlich grundsätzlich lieber. Aber speziell dieser 15er zeigt sehr schön, daß man auch in warmen Jahren Weine mit ordentlich Säure trotz viel Extrakt zaubern kann. Da hat dann wohl alles zusammengepaßt und wahrscheinlich wurden die Trauben genau zum richtigen Zeitpunkt gelesen und hat dabei nicht nur begeistert auf die nach oben schnalzenden Oechsles geschaut. Bezüglich der Lagerfähigkeit habe ich heute anhand einer kleinen Restmenge mir nochmal meine Gedanken gemacht. Gefühlt wäre ja genügend Säure für einige Jahre da, aber mich irritiert nach wie vor, daß der Wein schon so früh „on top“ ist. Mal sehen, ich hab‘ noch was. Ich werde wohl demnächst mal einen ähnlichen Test mit einem Rheingauer GG aus 2015 machen…

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