29. Weinrunde in / um München

Am vergangenen Freitag fand die 29. Blindtasting-Runde im Münchener Umland statt, genauer gesagt: bei mir. Ich hatte mir ein Thema ausgesucht, bei dem ich mir gar nicht so sicher war, ob das überhaupt auf genügend Interesse stößt: „Naturwein“. War aber unbegründet, das Interesse war da und so konnten wir eine ausgebuchte Runde abhalten. Leider gab’s aber zwei Absagen und es konnte nur ein Nachrücker kurzfristig gewonnen werden. Bezüglich der Eingrenzung der Wettbewerbsweine bestand ein bißchen die Schwierigkeit, daß es eigentlich keine klare Abgrenzung gibt, was nun Naturwein ist und was nicht. Es steht auch häufig nicht „Naturwein“ auf dem Etikett und in D wird z.B. immer noch das Verbotsprinzip angewendet, das heißt, daß auf dem Etikett an Klassifizierungen nur das stehen darf, was im Weingesetz und seinen nachrangigen Verordnungen auf Länderebene ausdrücklich erlaubt und alles andere per se verboten ist; auch wenn dieses Prinzip in einigen Fällen bereits gerichtlich gekippt wurde (z.B. „feinherb“). Also was ist Naturwein eigentlich? Wenn man da ein bißchen im Netz herumstöbert, kristallisiert sich heraus, daß vor allem folgende Kriterien zutreffen müssen bzw. sollen:

  • Biologischer Anbau
  • (weitgehender) Verzicht auf maschinellen Einsatz, insbesondere Handlese
  • Spontanvergärung
  • keine Schönung / Filtrierung
  • kein oder nur geringer Schwefelzusatz

Vor allem beim letzten Punkt gibt es bei den „Naturweinern“ einen gepflegten Diskurs, gefühlt gibt es da so eine 50 / 50 Fraktionierung, wobei ich eher der Gruppe beitreten würde, die eine minimale Schwefelung zuläßt, denn zum einen ist auch Wein ohne (Fremd-) Schwefelzusatz nie ganz schwefelfrei, zum anderen sind ohne S-Zusatz anscheinend nur solche Weine ausreichend stabil, die wenig bis gar keinen Restzucker enthalten und / oder langen Hefekontakt hatten, dazu spielt wohl eine große Rolle, wie „sauber“ das Kellerequipment ist, egal ob funkelnagelneu oder uralt. So zumindest meine Schlußfolgerungen als Endverbraucher nach der Lektüre unterschiedlichster Quellen.

Prolog:

Zu Beginn erst mal zwei Einsteiger:

Wein A: 2015er Malagouzia du Soleil – dry – PGI Serres, Nerantzi, Makedonia

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Ein recht dunkles Goldgelb mit Ziel Bernstein im Glas, in der Nase Honig, etwas Orangenaroma, gerbstoffig. Am Gaumen eher wenig Säure, dichte orange Aromatik, dazu ein Bitterchen aus überreifer Grapefruit, verschämt ein paar Steine. Der Abgang ist ziemlich lang und gerbstoffig, wieder ein leichtes Bitterchen, trotz der sehr moderaten Säure zeigt sich aufgrund der Zitrusaromen aber eine gewisse Frische.

Ich hatte mir zur Begrüßung aufgrund meiner Erinnerung an den 2013er trotz aller Dichte auf der Fruchtseite eigentlich einen deutlich frischeren Wein vorgestellt. Ob das rein jahrgangsbedingt ist, daß der Wein nun doch erheblich behäbiger daher kommt oder ob’s vielleicht sogar eine Art Premox-Fall ist, weiß ich jetzt nicht, Fakt ist, daß dieser Jahrgang nun signifikant abgestürzt ist.

Meine Wertung: Nachkauf 1/3, Gesamt 17/25

Wein B: 2017er Riesling – Stetten – Pfeffer – Kabinett – QmP, Karl Haidle, Württemberg

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Im Glas ein helleres Strohgelb, bukettmäßig gibt’s leichte Kaltvergärernoten mit Birnen, Äpfeln und Lychee. Letztgenannte Frucht findet sich auch am Gaumen wieder, dazu gibt’s eine Art Gesundheitstee (Zitronenmelisse / Eibischwurzel?), deutlicher Restzucker spürbar, der auch etwas frei und isoliert neben der Säure steht, die wiederum leicht Grapefruit im Gepäck hat. Der Abgang ist mittellang, lebt hauptsächlich von Grapefruit und Lychee, ist mir zuckermäßig schon etwas zu sehr auf der klebrigen Seite unterwegs.

Ausgewiesene Kabi-Freunde haben hier vielleicht deutlich mehr Spaß; wenn der RZ etwas schöner eingebunden und die Frucht etwas frischer gewesen wäre, hätte das für mich auch ein schöner Einstiegswein sein können, aber auf solche Zuckerschwänzchen reagiere ich immer etwas allergisch.

Meine Wertung: Nachkauf 1/3, Gesamt 15/25

Drama:

Jetzt wird’s natürlich:

1. Wein: 2016er Riesling – Sans – trocken – Landwein Rhein, Benzinger, Pfalz

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Dieser Riesling ist laut Etikett handgemacht, handgelesen, spontan vergoren, unfiltriert, mit Depot, ohne zugesetzte Sulfite, trägt das Ecovin-Siegel, ist aber „aus Umstellung auf ökologischen Landbau“.

Im Glas goldgelb mit Ockertouch, in der Nase gerbstoffig, gelbe Kaktusfeige, ganz leicht Kamille, verwelkte Blumen, etwas Schwefel. Am Gaumen dann erst mal etwas substanzlos wirkend, wenig Frucht, dezent malzig. Mit der Zeit kommen dann mostige Birnen und Ananas zum Vorschein. Die Säure ist eher mäßig vorhanden, der Riesling ist dennoch gut flüssig; steinseitig gibt’s etwas Kreide. Der Abgang ist mittellang, eine gewisse hellbraune Würze ist auffällig.

Hat eine durchaus schöne Naturweinstilistik, mich störte im Wesentlichen das anfänglich deutlich auftretende geschmackliche Loch am Gaumen, wurde mit Luft und Temperatur aber deutlich besser. Zum Nachkaufen reicht’s bei mir aber trotz aller Qualitäten nicht.

Meine Wertung: Nachkauf 1/3, Gesamt 19/25

2. Wein: 2014er Frühroter Veltliner – schlicht und ergreifend – orange – trocken – Landwein, Schmelzer, Neusiedlersee

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Dieser Wein ist unfiltriert, von Hand gelesen, auf der Maische vergoren, ungepreßt (Seihmostverfahren, d.h. es wird hier nur der Most verwendet, der durch das Gewicht der darüberliegenden Trauben durch Platzen der Schalen aus dem Korb abläuft), Förderung nur durch Schwerkraft, kein zugesetzter Schwefel, biodynamisch angebaut (demeter).

Die Farbe ist ein sehr trübes, schmutziges Apricot, die Nase bekommt’s erst mal mit fermentierter Orange, verschwitztem Lederkragen und leicht Armagnac zu tun. Am Gaumen dann ganz anders, erst mal fast dünn und „deutlich d’rüber“ wirkend. Mit der Zeit renkt sich die Aromatik aber weitgehend ein, die fermentierte Orange erstarkt ziemlich, Maracuja kommt dazu, auf der Steinseite Kreide und Magnesiumoxid, die Säure ist eher im mittleren Segment angesiedelt. Der Abgang ist anfangs nur muffig, staubig und zeigt eine „schmutzige Säure“. Mit Luft und Temperatur wandelt sich der Wein hier aber auch sehr stark und präsentiert dann die oben beschriebene Orangen-Maracuja-Mischung.

Krasses Teil! Anfangs gab es zu Recht auch Stimmen wie „untrinkbar!“, mit Geduld änderte sich das zumindest bei mir deutlich. Ich kann mir gut vorstellen, daß sich der FRV über einige Tage verfolgt ganz spannend entwickeln kann.

Meine Wertung: Nachkauf 2/3, Gesamt 19/25

Nachtrag nach 24 Stunden mit Luft: Ein kleiner Rest blieb übrig, in der Nase ist nun ein sehr intensiver Fruchtextrakt spürbar, jetzt auch rote Aromen wie Johannisbeeren und Granatapfel sowie Blutorange. Am Gaumen kann man den Zuwachs an Intensität wie beim Bukett nicht feststellen, hier ist die Frucht nun quasi weg, es bleibt einiges an Mineralik übrig, die bei mir die Assoziation zu einem seit Jahrzehnten nicht mehr benutzten Keller mit Stahlbetonwänden weckt. Die Säure ist ohne verbleibende Gegenwehr nun recht keck unterwegs und wirkt etwas staubig. Der Abgang ist dann wieder etwas erfreulicher, hier ploppt dann wieder die rote Frucht in anfermentierter Form vor. Erstaunlich wie unterschiedlich sich der Wein über Nase, Gaumen, Rachen entwickelt. Insgesamt aber kein qualitativer Sprung nach vorne.

3. Wein: 2015er Tonsur – Cuvée – Vino Bianco, Pranzegg, Südtirol

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Hier erfährt man vom Etikett selbst nicht so viel, lediglich den Hinweis „Freistil Bio“, daß er auf 700 m Höhe gewachsen ist sowie das Statement „Dem Instinkt folgend“.

Auf der Heimseite des Gutes heißt es u.a.:

Kultur- und Naturbotschafter sein, so sehen wir uns.
Weinbauer zu sein bedeutet für mich in erster Linie das Gebiet, den Ort an dem wir leben, den Jahrgang und unsere Lebensweise zu erzählen.
Um das unverfälscht tun zu können, arbeiten wir bio-dynamisch.
Unsere steilen Weinberge rund um den Bozner Talkessel, welche wir mit großem Aufwand händisch bearbeiten, sind die Grundlage, um unsere Naturweine zu erzeugen.
Spontanvergärung, lange Verweildauer auf der Hefe, keine Schönungen und Filtrationen, minimale Mengen an Schwefel und sehr viel Geduld und Gespür sind die Etappen von der Traube zum Wein.

Weiter findet man dann noch folgende Infos: Cuvée aus 55 % Müller Thurgau, 20 % Pinot blanc, 15 % Chardonnay und 10 % Silvaner, in Umstellung auf die Biodynamie, Vinifizierung: 50 % der gemischten Traubensorten auf der Maische mit den
Kämmen im Edelstahl, 50 % als mazerierter Most in gebrauchten Tonneaux vergoren, Reifung: bis November des Erntejahres zu jeweils 50 % in gebrauchten
Tonneaux sowie Edelstahl. Anschließend Ruhe auf der Feinhefe zu 100 % im
Edelstahl bis zur Füllung ohne Schönung und Filtration, Schwefelgehalt 22 mg/l.

Die Farbe ist ein helleres Orangegelb, leicht trüb, in der Nase erst apfelmostig, dann zeigen sich teils nacheinander, teils gleichzeitig Maracuja, Pfirsich, fermentierte Orange, Hefe, weißer Tee und Strohblumen. Am Gaumen dann samtige Gerbstoffe, ganz leichter Cognac-Touch, dann Backapfel mit Zimt, irgendwann mal Birne Helene, auch Dosenpfirsich, Lakritze, Bakelit, Khaki mit Kümmel, aus der fermentierten Orange wird zwischendrin auch mal recht frischer Orangensaft, die Säure ist in allen Stadien von eher mittlerer Konsistenz, verrichtet ihre Arbeit aber sehr effektiv. Der Abgang ist recht lang und saftig herbfruchtig mit ordentlich Gerbstofffracht, dabei angenehm warm im Rachen.

Das ist einer der spannendsten Weine, die ich aus Südtirol je im Glas hatte. Und auch darüber hinaus sind’s nicht so viele, die ihm das Wasser reichen können. Extrem vielschichtig, jeder Schluck ist anders, dennoch fällt der Tonsur nie aus seiner perfekten Balance. Ganz großes Weinkino!

Meine Wertung: Nachkauf 3/3, Gesamt 23/25

Nachtrag nach 24 Stunden mit Luft: Ein Schluck war noch übrig, den mußte ich mir gut einteilen: In der Nase intensiv gelbe und orange Zitrusfrucht, auch Steinobst, leicht angemostet, Speckstein, einige Floralik, am Gaumen etwas Lakritze, praller, angemosteter Fruchtkorb, etwas Mandarinenlikör, schöne Säurebalance, lehmige Mineralik. Der Abgang zieht sich über mehrere Minuten, dabei eine schöne Wiederholung des Gaumengefühls, sehr animierend. Super Entwicklung auf mindestens gleich hohem Niveau; wenn ich ein bißchen mehr gehabt hätte, vielleicht hätte ich sogar noch ein Pünktchen d’raufgelegt…

4. Wein: 2016er Macabeu – White Spirit – sec – Côtes Catalanes IGP, Vignoble Reveille, Roussillon

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Hier gibt’s folgende aus dem Französischen übersetzte Naturdaten: biologischer Anbau, gerade mal 25 hl/ha Ertrag, gesunde und reife Trauben, Handlese, Direktpressung, Spontanvergärung, auf der Hefe im Betontank gereift, leichte Filtration, kein Schwefelzusatz.

Im Glas ein helleres Ockergelb, geruchlich erst mal Sauerteig pur, dahinter habe ich nach einiger Zeit eigentlich nur eine helle, indifferente Braunwürze ausmachen können. Auch geschmacklich stark hefelastig, dahinter vor allem Ananas und Birne, später auch Apfelmus, mit der mittelmäßig ausgeprägten Säure kommt ein leichtes Grapefruit-Bitterchen mit. Gut langer Nachhall, kalkig-fruchtig mit deutlicher Gerbstofflast.

Irgendwie schon interessant, aber auch etwas eindimensional, weil die Hefe fast alles andere erdrückt.

Meine Wertung: Nachkauf 1/3, Gesamt 16/25

5. Wein: 2012er Dreigenerationenwein – Gemischter Satz – trocken – Landwein, Werlitsch, Südsteiermark

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Dieser Wein ist ein gemischter Satz aus Gelbem Muskateller, Welschriesling, Sauvignon Blanc, Morillon und Traminer. Zur Weinwerdung folgendes: biodynamische Weinbergsarbeit (demeter), auf der Schale eingemaischt mit einigen Tagen Schalenkontakt, spontan im großen offenen Holzfaß vergoren, Reifung auf der Feinhefe für 2 Jahre im großen Holz, unfiltriert und ungeschönt.

Die Farbe ist ein dichteres Goldgelb, leicht trüb. Bukettmäßig ein dichter mostiger Fruchtkorb mit Orange, Feige, Maracuja, etwas Armagnac, Kastanienhonig, Nelke und Leder, später auch intensiv Mandarinenzesten, Rosmarin, Thymian und sogar Basilikum. Geschmacklich eine sehr frische, vielschichtige und wechselhafte Frucht zwischen grün und orange, weiters Roiboos-Tee, leicht hefig-gerbstoffig, baut mit Luft und Temperatur nach anfänglicher Leichtigkeit deutlich Druck auf. Kalk gibt’s in größeren, aber nie übertriebenen Mengen, die Säure ist in allen Stadien souverän der Lage gewachsen. Auch der Abgang gewinnt mit Luft und Temperatur enorm an Länge und Intensität, ist immer fruchtig-gerbstoffig, aber bei jedem Schluck anders sortiert; im Finale setzt sich dann meist die fermentierte Orange mit etwas Nougat durch.

Das zweite Chamäleon in der Runde. Leider war diese Flasche ganz leer, also kein Nachtrag. Ich bin sicher, der hätte sich über mehrere Tage auch noch ganz spannend entwickelt!

Meine Wertung: Nachkauf 3/3, Gesamt 23/25

6. Wein: oJ Weissburgunder – unfiltriert – trocken – Landwein, Schmelzer, Neusiedlersee

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Dieser WB stammt gemäß Etikett von Trauben der Jahrgänge 2015 und 2016, biodynamischer Anbau (demeter), nur Seihmost, 12 Stunden Maischestandzeit, spontan vergoren, 18 Monate Lagerung in gebrauchten Barriques, kein zugesetzter Schwefel.

Ein trübes Ockergelb im Glas; für die Nase gibt’s Orangenlikör, etwas Malz sowie leicht Steinpilz; entwickelt sich über Multivitaminsaft hin zu recht differenzierter Zitrusfrucht incl. Mandarinenzesten. Am Gaumen „weiße Tannine“, etwas adstringierend, leicht bitter, wobei ich zwischen Grapefruit- und Chinin-Bitterchen unterscheiden kann. Auf der Kräuterseite gibt’s Beifuß, auf der Steinseite herbe Kiesel plus Magnesium. Die Säure ist deutlich und schön strukturiert, irgendwann macht sich auch etwas herbe Hefe bemerkbar. Der Abgang ist ordentlich lang, leicht bitter durch etwas verbranntes Duroplast, Treber gibt’s irgendwann auch noch.

Deutlich gefälliger (im besten Sinne) als der große Bruder (siehe oben), dabei aber doch recht eigenständig und vielschichtig.

Meine Wertung: Nachkauf 2/3, Gesamt 20/25

7. Wein: 2015er Weisser Schiefer – Cuvée – trocken – Qw, Schiefer, Südburgenland

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Dies ist eine Cuvée aus 80 % Welschriesling, 10 % Weißburgunder und 10 % Grünem Veltliner, laut anderen Quellen auch die Verteilung 90 / 5 / 5. Über die Weinwerdung findet man nur, daß generell alle Weine spontan vergoren werden und ohne Zusatz von Enzymen ungeschönt und ungefiltert in die Flasche kommen. Über die Weinbergsarbeit habe ich nichts konkretes gefunden, es heißt nur, daß Schiefer generell sehr minimalistisch arbeitet. Inwieweit das auch „bio“ ist, weiß ich nicht, er ist aber nicht offiziell zertifiziert. Zumindest habe ich dazu nichts gefunden…

Die Farbe ist ein leicht trübes, helleres Goldgelb. Bukettseitig gibt’s Weinbergpfirsich, gelbe Kiwi, Physalis und Khaki, etwas Liebstöckel. Am Gaumen kommen noch etwas undifferenzierte Braunwürze sowie Grapefruit dazu. Die Säure ist eher moderat, dennoch ergibt sich eine animierende Struktur, ganz leicht ist auch etwas Hefe im Spiel. Der Abgang ist gut lang und fruchtbetont mit leichtem Kiesbett.

Das ist vom Geschmack her nun eher ein „Naturwein light“, so man ihn denn überhaupt in diese Kategorie stecken mag. Ich sehe ihn aber dennoch nicht als Themaverfehlung an, denn irgendwie geht er schon in diese Richtung. Man könnte ihn aber auch einfach als schönen Fruchtinger mit Kante einordnen.

Meine Wertung: Nachkauf 2/3, Gesamt 19/25

Nachtrag nach 24 Stunden mit Luft: nasenmäßig nun dicht und etwas kantig Physalis, getrocknete Mango und Mandarinenschale sowie Koriander, am Gaumen ein ähnlicher Eindruck, viel Extraktsüße, dazu ein super Säure-Gegenpart, erstarkte Zitrusseite in Form von Mandarine, Ugli und Blutorange, Limettenschale. dazu mit Essigessenz aufgeschäumter Marmorstaub und etwas Kaffeelikör. Der Abgang ist lang und herb-zitrisch, dazu gelöschter Kalk und eine animierende, herbe Säure. Nunmehr ist der Weisse Schiefer deutlich naturweiniger geworden, aber immer noch eher der Normalweinriege zuzuordnen. Erstaunlich aber der signifikante Sprung nach vorne:

Meine Wertung: Nachkauf 3/3, Gesamt 21/25

Epilog:

Zum Abschluß gab’s dann noch ein paar rote Sachen, wobei zumindest der erste Nachschlag auch in die Naturecke paßt:

Wein C: 2012er Domkapitel – Cuvée – trocken – Landwein, Christian Tschida, Neusiedlersee

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Das Weingut legt generell Wert darauf, daß die gesamte Weinwerdung naturbelassen erfolgt, im Detail weiß ich bezüglich dieses Weines nur, daß der Ausbau in Eichenfässern von 500 und 1000 Litern Größe erfolgt und eine Filtration nicht stattfindet. Was ich über die Arbeit im Weingarten weiß, ist, daß diese schon sehr naturnah erfolgt, jedoch nach Tschidas eigenen Ideen. Diesbezüglich zertifiziert ist er wohl nicht, es heißt, das würde ihn auch nicht weiter interessieren. Der 12er Domkapitel müßte eine Cuvée aus Cabernet Franc und Zweigelt sein, es gibt aber auch Quellen, die ihn als reinsortigen CF ausweisen.

Ein dunkles Granatrot mit wenig Transparenz im Glas. Bukettmäßig gibt’s dicht Beeren (Brom- und Heidel-) und schwarze Kirschen, dazu deutlich, aber nicht vorlaut Kakao, Nelke und Ledertasche. Der Geschmack wird erst mal von deutlichen Tanninen bestimmt, die aber recht geschmeidig daherkommen und nur leicht adstringierend wirken. Die Frucht ist saftig und voll, aber irgendwie leicht zur gleichen Zeit. Die ordentliche Säure beschert dem Wein einen hohen Flutschfaktor nebst leichtem Zitrus-Bitterchen. Die Holznoten sind hier viel dezenter, dafür zeigt sich eine steinig-rauchige Mineralik. Der Nachhall hallt in erster Linie frisch und dicht fruchtig auf herb-steiniger Unterlage, auch hier sorgt die belebende Säure für Lust auf den nächsten Schluck.

Die Tschida-eigene Art, gehaltvolle Weine gepaart mit Beschwingtheit und Leichtigkeit zu keltern, manifestiert sich auch hier. Ein filigraner, leichtfüßiger Macho quasi…

Meine Wertung: Nachkauf 2/3, Gesamt 21/25

Nachtrag nach 48 Stunden mit Luft: in der Nase nochmal eine deutliche Zunahme der Fruchtintensität ohne dabei auch nur im Ansatz kompottig oder gar alloholisch zu wirken (wie auch, bei gerade mal 12,5 Umdrehungen?). Am Gaumen wirken die Tannine nun deutlich samtiger, die Säurebalance hat auch einen Tick zugelegt. Der Kakaoanteil ist nur noch als Hauch da, dafür nun eine leichte Kräuternote in Richtung Beifuß. Der
Abgang hat ebenfalls in puncto Säure gewonnen, der Frucht gefällt das auch. Auf der ganzen Linie ein Schritt nach vorne:

Meine Wertung: Nachkauf 2/3, Gesamt 22/25

Wein D: 2014er Spätburgunder – Sulzfelder – trocken – Ortswein, Zehnthof Luckert, Franken

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Immerhin auch ein Biowein und unfiltriert, Spontanvergärung trifft hier auch zu, aber das Gut sieht sich nach meinem Verständnis wohl eher nicht als Naturweinproduzent im Sinne der aktuellen Diskussion. Diese schon geöffnete Flasche wurde dankenswerterweise von einem Rundenmitglied mitgebracht, wir haben sie dann allerdings nur noch zu zweit ohne den Spender geleert, nachdem die anderen Gäste ÖPNV-bedingt schon gegangen sind.

Die Farbe ist granatrot mit mittlerer Transparenz, für die Nase gibt’s rauchige Kirsche, etwas Preiselbeere sowie ein bißchen Laubwald. Am Gaumen recht deutliche Tannine, die etwas Adstringenz hervorrufen, dazu ein deutliches, metallisches Bitterchen, aber nicht unangenehm. Die Säurestruktur ist vorbildlich, als Unterlage dienen herb-bittere Kiesel mit etwas Staub. Der Abgang ist von schöner Länge, auch ein bißchen staubig, die Säure wirkt etwas kantig, die Frucht ist hier messerscharf differenzierbar.

Sehr undeutscher, aber noch etwas kantiger Spätburgunder. Braucht meiner Meinung nach noch ein paar Jahre, zumindest war das mein Eindruck in der schon geöffneten Form, wobei ich nicht weiß, wie lange der Wein schon Sauerstoff inhaliert hat.

Meine Wertung: Nachkauf 2/3, Gesamt 19/25

Fazit:

Im Vergleich zu mancher der letzten Runden war diese ausgesprochen interessant und hochklassig. Wobei ich auch die meisten Weine, die ich nicht in meine persönliche Nachkaufriege eingeordnet habe, dennoch sehr bereichernd fand. Spannend bleibt für mich die Frage hinsichtlich der Schwefelei. Zumindest ein Minus-S-Wein war insbesondere am Anfang schon sehr speziell, bei anderen fiel die Fremdschwefelabstinenz nicht weiter auf. Mich würde ja mal interessieren, wie sich die gleichen Weine parallel entwickeln wenn man einmal S zugibt und einmal wegläßt. Ob der Schmelzersche Frührote Veltliner dadurch vielleicht doch noch gewonnen hätte? Den direkten Vergleich ungefiltert / gefiltert kann man z.B. mit ein paar wenigen Sachen machen (ein solches Duo liegt noch bei mir im Keller), das Experiment „S plus“ kontra „S minus“ ist mir allerdings noch nicht untergekommen. Weiß da jemand mehr?

Vielen Dank an alle Teilnehmer, daß sie mit ihrer lockeren Art und doch einer Portion Ernsthaftigkeit zu einer lebhaft-fröhlichen Runde beigetragen haben. Und daß sie alles aufgegessen haben. Dann kann’s nicht soo schlecht gewesen sein, höchstens zu wenig…

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4 comments on “29. Weinrunde in / um München

  1. Wär ich wirklich super gerne dabei gewesen, sehr tolle Auswahl! Freut mich auch, dass der Tonsur 15 so gut weggekommen ist bei Dir, klar mein Lieblingswein in dieser Gewichts- und Preisklasse. Btw, der Winzer ist cool, Besuch am Weingut lohnt sich sehr und die anderen Sachen musst unbedingt probieren, Spitzenklasse was der Martin aus Vernatsch macht…

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    • Hallo Christoph,
      Pranzegg habe ich schon länger auf meiner Südtirol-Wunschliste, hab’s bis jetzt aber einfach nicht geschafft, dort vorbeizuschauen. Kommt aber noch. Ist in der Priorität seit Freitag deutlich aufgestiegen!
      VG Erich

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  2. Scheint ja eine sehr gelungene Runde gewesen zu sein! Und Hut ab, dass Du den Mut besessen hast, ein derart kontroverses Weinthema zu wählen.

    Vom Schiefer-Wein gibt es noch zwei Steigerungen („M“ und „S“), die ich Dir zu probieren empfehlen würde.

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    • Ja, da hatte ich tatsächlich Sorge, daß das niemanden interessiert. Ich hatte ja schon mal kein Glück, als ich mal eine Feldmarschall-Vertikale initiieren wollte. Aber es gibt mittlerweile doch genügend Leute in dem Interessentenkreis rund um unsere Blindtastings, die auch für solche -teils recht grenzwertigen- Sachen offen sind. Was zumindest ich aber festgestellt habe, ist, daß das Bestimmen und Verorten bei diesen Sachen deutlich schwieriger ist als bei den meisten „Normalwein“-Themen, da in den Weinen viel mehr die Handschrift eines Winzers eingeht und Rebsorte bzw. Terroir vergleichsweise wenig zur Stilistik beitragen. Aber immerhin habe ich bei meinem Wein (den ich nur vor Jahren mal in einem anderen Jahrgang probiert hatte) richtig getippt…

      Die Schiefer-Varianten habe ich bei meinen Netz-Recherchen zur Erstellung diese Beitrags schon registriert… 🙂

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