…jetzt steigen wir aus! – Nachtrag 4

Für unsere letzte Weinrunde mit dem Thema „Naturwein“ hatte ich so einige Aspiranten im Keller, habe mich aber letztlich gegen den

2015er Silvaner – Aussteiger – Orange – [Thüngersheimer Johannisberg] – trocken – Landwein Main, Plackner, Franken

entschieden, weil ich nicht wußte, ob der Wein den gängigen „Naturweinregeln“ durchweg entspricht (insbesondere was den biologischen Anbau betrifft) und ob er vom Erzeuger überhaupt so gewollt ist. Das heißt nun gar nicht, daß ich an der Weinbergsarbeit des Winzers irgendwelche Zweifel hege, aber viele haben da so ihre eigenen Vorstellungen und die sind nicht immer bio-konform, was wiederum häufig auch positiv zu sehen ist. Im Weinbrief zu diesem orangen Aussteiger heißt es jedenfalls auszugsweise:

Die Reben: gepflanzt im Jahre 1968 – zur Zeit der Ernte 47 Jahre alt
Der Weinberg: Steillage, zu 100% in Handarbeit bewirtschaftet, teils
mit Quitten- und Mandelbäumen bepflanzt
Das Terroir: die Bruchzone zwischen Muschelkalk & Buntsandstein
Die Trauben: am 3. Oktober 2015 selektiv von Hand gelesen; auf der Maische mit natürlichen Umgebungshefen spontan vergoren; ausgebaut in zwei gebrauchten Holzfässern – 550 Liter aus fränkischer Spessarteiche und 400 Liter aus französischer Eiche; 20 Monate auf der Feinhefe im Fass gereift; nur minimal geschwefelt; am 29. Juni 2017 ungeschönt und unfiltriert abgefüllt.

Auch zu diesem Wein gibt es ein paar technische Daten: 0,8 g/l Restzucker bei 6,2 g/l Säure sprechen an sich schon eine deutliche Sprache, solch orange Experimente bieten aber gerne mal ein ganz anderes Geschmackserleben; aber jetzt probieren wir mal:

Im Glas ein leicht trübes Hellorange bzw. -mandarin. In der Nase zeigt sich zu Beginn -da war der „Aussteiger“ auch noch relativ kalt- eine Mischung aus Hefe und Mandarine. Mit Luft und Temperatur kommen dann auch Torf und Schnupftabak dazu, die die Mandarine etwas verdrängen. Mit noch mehr Temperatur kommt irgendwann auch ein bißchen Marillenlikör zum Vorschein, wirkt dann zwar nicht brandig, aber doch warm im Riechkolben. Am Gaumen zeigt sich dann eine von der Hefe geprägte, deutlich cremige Gesamttextur, hier ist dann auch einiges an Würze in Form von Süßholz und Sternanis im Angebot, wobei je nach Schluck auch mal andere Sachen wie Nelke, Lakritze, Vanille oder der Brennstoffbunker einer Rindenfeuerungsanlage aufblitzen und wieder verschwinden. Die Säure ist eher moderat vorhanden, dennoch ergibt sich trotz Fülle und Cremigkeit kein Breitegefühl. Wenn man genau „hinschmeckt“, zeigt sich in dieser Cremigkeit eine Art Symbiose von Hefe und Kreide. Die oben genannten Marillen zeigen sich übrigens bei zunehmender Temperatur auch hier, jedoch weniger in liköriger, denn in leicht fermentierter bzw. angematschter Form. Der Abgang ist recht lang und cremig-würzig, hier ploppt ganz leicht eine Art Zitrusbitterchen auf, das allerdings eher orange ist; ich habe zwar noch keine „Bittermandarine“ probiert (gibt’s das überhaupt?), aber so stelle ich mir’s zumindest vor. Auch hier übernimmt ab einer gewissen Grenztemperatur eine Wachauer Marille das Finale.

Ich habe den Wein übrigens entgegen der Empfehlung des Winzers nicht vorher karaffiert (das mache ich eigentlich nur, wenn der Wein direkt aus der Flasche quasi untrinkbar ist), sondern in Ruhe die Entwicklung im Glas verfolgt, was sich durchaus lohnt. Schmeckt schon deutlich „naturweinig“ im besten Sinne und hat dabei seinen eigenen Kopf. Ich habe schon einige Orange- und / oder Naturweine mit meist viel Spaß getrunken, deshalb hätte es mich jetzt nicht gewundert, wenn ich beim Trinken verschiedene Vergleiche zu anderen Weinen dieser Ausrichtung angestellt hätte. Hab‘ ich aber nicht, was durchaus für den Aussteiger spricht. Ob’s nun an der Rebsorte liegt (orangen Silvaner hatte ich noch nicht) oder an der Handschrift des Winzers, weiß ich nicht genau; wobei ich bei solchen maischevergorenen Sachen eher auf letzteres tippe, denn ein nicht ganz unbekannter Weinmacher und -blogger soll mal gesagt haben, daß es bei den Orange-Weinen fast egal ist, was man hernimmt…

Meine Wertung: Nachkauf 3 von 3, Gesamt 22 von 25

1. Nachtrag nach 18 Stunden mit Luft: zum verspäteten Mittagessen habe ich mir ein weiteres Gläschen gegönnt. Qualitativ keine signifikante Änderung, quantitativ schon; selbst bei noch recht niedrigen Temperaturen im Glas zeigt sich eine Aufrüstung an allen Fronten, ohne daß sich daraus Nachteile ableiten lassen, der „Fettigkeitsgrenzwert“ ist lange nicht erreicht worden. Mal sehen, was sich in den nächsten Tagen so tut…

2. Nachtrag nach 48 Stunden mit Luft: Der Aussteiger baut sich weiter um, dabei kommen jetzt neue Aromen dazu. Die torfig-tabakigen Noten ziehen sich etwas zurück und machen wieder mehr Platz für die opulente, ankandierte Frucht, die Hefe wirkt weniger präsent, auch wenn sie nach wie vor deutlich stilbildend ist. Das „naturweinige“ mutiert etwas ins „normalweinige“, was nicht heißt, daß der Wein nun langweiliger oder beliebiger werden würde; er gewinnt einfach zusehends an Eleganz und Stimmigkeit. Daher lege ich heute noch ein Pünktchen d’rauf!

Meine Wertung: Nachkauf 3 von 3, Gesamt 23 von 25

3. Nachtrag nach 72 Stunden mit Luft: nun kommen die würzigen Aromen wieder mehr nach vorne, wobei aber das torfige nun kaum noch eine Rolle spielt, ist jetzt eher auf der malzigen Seite anzusiedeln, die braune Kruste einer in der Pfanne gemachten Dampfnudel fällt mir dazu noch ein. Dazu auch Erikahonig und sogar etwas Kaffeesatz. Frucht gibt’s heute so gut wie gar nicht, die Gerbstoffe sind zusammen mit der Resthefe ultra-geschmeidig. Schöne Weiterentwicklung auf weiterhin hohem Niveau!

4. Nachtrag nach 4 Tagen mit Luft: jetzt endgültig das letzte Glas, so wahnsinnig viel hat sich seit gestern nicht mehr getan, die würzige Seite hat wieder den Rückwärtsgang eingelegt, in etwa nun wieder wie am zweiten Tag, aber deutlich filigraner. Der Zenit ist jetzt wohl überschritten, ist aber immer noch ein außergewöhnlicher Wein!

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