Plan B

Gestern fand mal wieder eine Wein am Limit-Live-Verkostung statt, zu der ich mir das entsprechende Paket bestellt habe, ohne zu wissen, wer überhaupt dran teilnehmen kann oder mag. Die Weine fand ich generell recht interessant, da ich teils von den Gütern schon andere Sachen bzw. Jahrgänge sehr schön fand oder mir die Gegend -Jura- kürzlich erst recht positiv aufgefallen ist. Ich habe dann nicht wenige Leute angefragt, letztlich hatte aber nur einer Zeit und Lust. Da wir aber so ein reines Zweimännerdate auch nicht so prickelnd fanden, haben wir dann umgeswitched und einfach einen Grillabend d’raus gemacht. Dafür fanden sich dann noch ein paar mehr Leute aus dem engeren Umfeld, die nicht so weinaffin sind. Wir haben auch einige Stunden vor dem Livestream -der Wettersituation folgend- angefangen; ich dachte mir, dann bringen wir wenigstens einen der drei Weine weg. Letztlich haben wir dann doch alle Flaschen geöffnet, was vor allem daran lag, daß die zweite Flasche nicht ganz so gut ankam. Zu dem Zeitpunkt, zu dem ich das hier schreibe, kenne ich den oben verlinkten Livestream noch nicht, wir haben gestern nicht mehr ’reingeschaut. So ist dieser Bericht also völlig unbeeinflußt von dem, was die Streamteilnehmer und die Veranstalter so erzählt haben. Ich guck‘ erst später rein und bin gespannt, ob und wieviele Übereinstimmungen ich feststelle…

1. Wein: 2015er Chardonnay – Côtes de Jura AOC, Chateau d’Arlay, Jura

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Mittleres Goldgelb mit Ockertouch, in der Nase ein ordentlicher Nußhaufen, reduktives, mürbes Kernobst und leicht Khaki, Ackerscholle, etwas Heuballen sowie was herb florales. Am Gaumen gleich ein cremiger, aber aufgrund der distinguierten Säure doch niederviskoser Eindruck, auch hier die Frucht leicht belegt, die nussig-reduktiven Aromen sind hier etwas mehr ausgeprägt. Dazu eine eher lössige Unterlage, bleibt aber klar auf der unangestrengten, „schmalen“ Seite. Der Nachhall hallt ordentlich lange, wieder leicht nussig-reduktiv mit etwas mehr erkennbaren Steinchen.

Dieser Chardonnay ist nicht so „freakig“ wie meine letzten Juraner, aber er schafft sehr schön den Spagat zwischen einerseits ungewöhnlicher und andererseits doch nicht polarisierender Aromatik. Dem Wein wurde von nicht ganz so nerdiger Seite (wie mir) deutliches Suchtpotential zugesprochen, da kann ich mitgehen…

Meine Wertung: Nachkauf 3/3, Gesamt 21/25

2. Wein: 2017er Himmel auf Erden II – maischevergoren – Cuvée – trocken – Landwein, Christian Tschida, Neusiedlersee

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Die maischevergorene Variante des weißen Himmels ist eine Cuvée aus Scheurebe und Weißburgunder.

Die Farbe ist ein ins Orange gehendes Ockergelb, leicht trüb. Für die Nase gibt’s Orangenöl und Mandarinenzesten, etwas Pferdemist („leichte Pupsnote“) sowie ein paar Veilchen. Am Gaumen wirkt der Himmel allerdings bei aller eigentlich interessanter Aromatik etwas wässrig, die Frucht ist noch recht schwach auf der Brust, die Gerbstoffe wirken etwas deplaziert, leicht adstringierend, dazu ein bißchen Zitronen- und Limettensaft; eigentlich mit schöner Säure ausgestattet, steht aber etwas isoliert da. Auch der Abgang wirkt noch recht unaufgeräumt bzw. unfertig.

Das Bukett ist erst noch sehr vielversprechend, aber einmal im Mund, stürzt der Himmel aktuell doch stark ab. Ich kenne den „Maische-Himmel“ ja nun schon in ein paar Jahrgängen und gemessen an denen, steht der 17er (derzeit?) sehr deutlich zurück. Allerdings dachte ich mir gleich, ob der nicht einfach noch zu jung ist, denn nach meiner Erfahrung gewinnen die weißen „Himmel auf Erden“ mit ein paar Jahren auf dem Buckel signifikant (die roten nicht so sehr…). Aktuell gibt’s daher nur

Meine Wertung: Nachkauf 1/3, Gesamt 17/25

Nachtrag nach 24 Stunden mit Luft: nasenmäßig hat sich nicht viel verändert, für den Gaumen gibt’s jetzt auch etwas Schwarztee, das ändert aber nichts daran, daß man hier eher von Aromafetzen reden muß, die alle irgendwie nebeneinander stehen, auch wenn man ein klein bißchen konstatieren kann, daß die Elemente etwas auf dem Weg zueinander sind.

3. Wein: 2015er Negramoll – Piezas n1 – La Palma DO, Matías i Torres, Islas Canarias

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Granatrot mit mittlerer Transparenz, in der Nase Vulkan pur: basaltisch-flintig mit etwas Schwefel; in zweiter Linie dann Schlehen und Aronia. Geschmacklich deutlich weniger Frucht, dafür eine sehr differenzierte Mineralik von Vulkan bis Eisenerztagebau; nicht wenige, dafür recht geschmeidige und würzegepuderte Tannine. Säuremäßig ist der Negramoll auch recht schön aufgestellt, sie stellt sich als perfektes Bindeglied zwischen Extrakt und Mineralik dar. Der Abgang ist von deutlicher Länge, hier spielt wieder die Mineralik die erste Geige, wobei hier noch signifikant braunwürzige und im Ansatz karamellige Noten hinzu kommen.

Soviel Pech und Schwefel habe ich bei einem Rotwein noch nicht erlebt, noch dazu perfekt integriert und kein bißchen vorlaut! Mein Gegenüber mußte sich zwar erst ein bißchen eintrinken, weil die Aromatik schon sehr unique ist, aber ich war von Beginn an begeistert!

Meine Wertung: Nachkauf 3/3, Gesamt 22/25

Nachtrag nach 24 Stunden mit Luft: der Vulkan ist jetzt nicht mehr so aktiv, der Pulverdampf ist weitgehend verraucht, Langeweile kommt dennoch nicht auf. In der Nase jetzt Talcum, Sauer- und Herzkirschen, am Gaumen kommt mit den Tanninen ein irgendwie samtiges Bitterchen mit, welches ein Gefühl von Druck und Weichheit zur gleichen Zeit erzeugt. Der Abgang ist ebenfalls weich „mit Kante“, hier schlagen beim Finale ein paar blutbefleckte Steine durch. Der Negramoll ist heute nicht weniger wert als gestern, da war er aber doch etwas außergewöhnlicher.

Letztlich war’s also doch ein sehr schöner Wein- / Grillabend und das Wetter hat auch noch einigermaßen gut gehalten. Der Chardonnay und der Negramoll paßten sehr gut zum Essen, nur der „Himmel“ war wohl einfach zu früh dran…

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