Das vergessene Album

Diesen Freitag gab es in der SZ einen immerhin halbseitigen Artikel über Wayne Shorter, anläßlich seines 85sten Geburtstags habe ich ja vor ein paar Wochen schon einen Beitrag veröffentlicht. Der Anlaß für den o.g. Zeitungsartikel war aber mehr sein neues Album „Emanon“, das ich mir mittlerweile auch gesichert habe. Ich halte es allerdings noch nicht in den Händen, da ich als alter Vinylinger natürlich gerne die entsprechende Ausgabe haben möchte, die gibt’s in D aber erst ab dem 28. September. Dennoch habe ich mir aus gegebenem Anlaß heute was von ihm angehört und zwar

Wayne Shorter – The Soothsayer

Dieses Album wurde am 4. März 1965 im legendären Van Gelder-Studio in bzw. bei New York (Englewood Cliffs) aufgenommen, aber in der Folge aus anscheinend strategischen Gründen von Shorters Plattenlabel erst mal nicht veröffentlicht. Zu der Zeit war WS bereits Mitglied des zweiten „Miles Davis Quintet“, in dem er John Coltrane ablöste. Vielleicht führte die „Überpräsenz“ Shorters oder auch das Mitwirken anderer MD-Quintet-Mitglieder bei der LP zu dieser Entscheidung bei Blue Note, nicht in Konkurrenz zu den Columbia-Emissionen aufzutreten. Ein weiterer möglicher Grund wäre natürlich, daß man beim Label schlicht und ergreifend nicht von der Qualität der Aufnahme überzeugt war. Aber nichts genaues weiß man anscheinend nicht, im Netz findet man dazu auch nur verschiedene Mutmaßungen. Auch nach Wayne Shorters Ausscheiden aus dem MD-Quintet im Jahr 1969 und dem entstehenden „Vakuum“ bis zur Gründung von „Weather Report“ tauchte dieses Album nicht auf; erst als Shorter 1979 in der Hochphase mit „Weather Report“ war, erschien die Platte in Japan, USA und UK auf dem Markt und zwar innerhalb der Serien „World First Appearance“ (in Japan) bzw. „Blue Note Classic“ (USA und UK). Schon ein Jahr später gab es in Japan eine zweite Auflage im Rahmen der Serie „Unissued Masters Series Part 1“, welche bei mir im Regal steht. Während die Erstausgabe in Japan noch für 1.800 ¥ zu haben war, mußte man dort für die zweite Auflage schon 2.300 ¥ hinlegen. Aber jetzt zur Musik:

Neben Wayner Shorter (ts) sind hier James Spaulding (as), McCoy Tyner (p), Ron Carter (b), Freddie Hubbard (tp) und Tony Williams (dr) am Werk, die Kompositionen sind mit Ausnahme des „Valse triste“ (Jean Sibelius) allesamt von Wayne Shorter. Genremäßig würde ich das Ganze im Bereich Modal bis Post Bop einordnen. „Lost“ ist eher modal unterwegs, sehr themenbetont; das Stück taucht einige Jahre später auf einer der ersten „Weather Report“-Alben („Live in Tokyo“) wieder auf. „Angola“ ist dann deutlich bopiger, dieses Stück erscheint erst 2003 wieder auf einem WS-Album („Alegría“). „The Big Push“ wirkt vor allem beim Saxophon-Thema ein bißchen eckig, d.h. die Tonfolgen machen häufig recht unerwartete Sprünge; fast ein bißchen „pre-funkig“; mir ist nicht bekannt, daß es bei einem anderen Album nochmals verwendet wurde (gilt auch für die zwei folgenden Stücke). „The Soothsayer“ lebt in erster Linie von dem Wechselspiel der beiden Saxophonisten, auch wenn Freddie Hubbard hier einige schöne Passagen für sich hat, einige stakkatohafte Einsprengsel sorgen immer wieder für spannungsfördernde Brüche, dies ist das schnellste / hard-bopigste Stück des Albums. „Lady Day“ ist dann eine entspannte Ballade (der Name deutet ja schon ein bißchen darauf hin), die aus meiner Sicht von allen Stücken am wenigsten zu bieten hat, ist zwar sehr gut und schön gespielt, hat aber wenig Wiedererkennungswert und ginge in der Hotelbar unerkannt als besserer Barjazz durch. Den „Valse triste“ muß man schon sehr genau im Original kennen, um ihn als Werk Sibelius‘ zu identifizieren, die Bearbeitung durch Wayne Shorter ist schon recht weitgehend. Auch ist das Stück nicht so trist, wie es der Titel erwarten läßt, es ist eine zwar eher langsame / modale / melodiöse Umsetzung des Themas im Dreivierteltakt, es bleibt aber durchgehend „Jazz“. Vielleicht das komplexeste Stück der Platte.

Also: daß qualitative Gründe dafür ausschlaggebend waren, daß das Album so lange auf Eis lag, schließe ich eigentlich aus. Es kann aus meiner Sicht mehr als gut mit den anderen Blue Note-Alben der 60er mithalten und wirkt auch heute nicht antiquiert. Jetzt freue ich mich aber schon auf das neue Album von Wayne Shorter, demnächst auf diesem Sender…

Meine Wertung: 4/4

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