Ode an den Superhelden

Wie ich hier schon mal angemerkt habe, ist der große Jazz-Saxophonist Wayne Shorter vor ein paar Wochen 85 Jahre alt geworden. Ungefähr zum gleichen Zeitpunkt kam auch sein neuestes Album heraus:

Wayne Shorter – Emanon

Die LP-Ausgabe dieses Albums ist etwas später als die CD-Ausgabe erschienen, nämlich -hier in Europa- am 28.09.2018. Mittlerweile habe ich Zeit und Muße gefunden, mir dieses Werk mal komplett anzuhören. Die Musik ist dabei übrigens auf insgesamt 3 LP’s verteilt (die 3 CD’s sind auch noch dabei), wobei thematisch zwei Fassungen enthalten sind: eine Studio-Aufnahme mit dem Wayne Shorter-Quartet -bestehend aus Wayne Shorter (ts, ss), Danilo Perez (p), John Patitucci (b) und Brian Blade (dr)- und dem Orpheus Chamber Orchestra sowie eine reine Quartet-Fassung, welche im Londoner „The Barbican“ aufgenommen wurde. Das Ganze ist nicht nur jeweils eine Ansammlung verschiedener, eigenständiger Musikstücke, sondern eine Gesamtkomposition, die sich nicht nur auf’s akustische beschränkt, sondern mit einem „Graphic Novel“ auch noch eine bebilderte Geschichte in Comic-Form dazu bietet. Wayne Shorter hat neben seiner Musik auch eine Leidenschaft für Science Fiction, so spielt denn die „Emanon“ zugrundeliegende Story in diesem Bereich, wobei „Emanon“ (rückwärts „No name“) der Name des fiktiven Superhelden mit philosophischer Ader ist. Es gibt übrigens auch eine gleichnamige Komposition von Dizzy Gillespie; ich gehe mal davon aus, daß das auch irgendwie eine Rolle gespielt hat. Der Comic vermittelt eine visuelle Stimmung irgendwo zwischen Star Wars, Dune und Fifth Element und spiegelt die Assoziationen des Zeichners Randy DuBurke wieder, die er beim Hören der Komposition hatte. Das funktioniert so weit recht schön, beides ergänzt sich recht gut, aber auch ohne den Comic bietet die Musik ein Feuerwerk von Ideen, die allerdings auch recht fordernd sind. Die orchestrale Fassung bietet dabei ein monumentaleres Feeling, könnte auch als -recht anspruchsvolle- Filmmusik durchgehen. Insgesamt stimmig, aber nicht flüssig, die Musik ist voll von spannungsbildenden Brüchen, die aber wohl alle so gewollt sind und nicht dadurch entstehen, weil da jemand nicht sicher spielen kann. Die reine Quartet-Version ist deutlich länger und umfaßt auch mehr einzelne Tracks, sie gefällt mir persönlich auch nochmal deutlich besser. Das liegt wohl daran, daß durch das Fehlen des Orchesters sich die vier verbleibenden Musiker viel mehr auf sich konzentrieren können und die tonalen Interaktionen zwischen den Instrumenten dadurch erheblich detaillierter erscheinen, die Rolle der einzelnen Instrumente wird transparenter und deren Abhängigkeiten sind klarer nachvollziehbar. Das Quartet spielt nun schon seit über zehn Jahren in der gleichen Besetzung zusammen, soweit ich weiß. Und das hört man auch, wie traumwandlerisch die Musiker auch die komplexesten Stellen wie selbstverständlich meistern. Was ich auch festgestellt habe, ist, daß bei dieser Version der Comic nicht so gut „funktioniert“ bzw. sich keine so gut fühlbare Symbiose ergibt. Will man’s ein bißchen effektgeladener, dann die orchestrale Version anhören, für mehr Präzision und Vernetzung der Instrumente dann das Quartet. In jedem Fall ein recht großes Werk, das es übrigens offiziell nur auf CD und / oder LP gibt, kein Download, kein Stream und das ganz bewußt…

Meine Wertung: 4/4

2 comments on “Ode an den Superhelden

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