31. Weinrunde in / um München

Ich bin mal wieder spät dran, denn bereits am Samstag vorletzter Woche fand die 31. Blindtasting-Runde im Münchner Speckgürtel statt. Unser Gastgeber hat das Thema „Jura“ ausgewählt, weil er durch zwei meiner Berichte über Jura-Weine, die ich während meines letzten Kurztrips ins Burgund getrunken habe, „angefixt wurde“. Da hatte ich natürlich überhaupt nichts dagegen, zumal ich ja neben den burgundischen Erzeugnissen auch einiges aus dem Jura in Frankreich eingekauft habe.

Prolog:

Zu Beginn erst mal zwei Einsteiger, einer davon gleich mit Themenbezug:

Wein A: oJ Chardonnay – Brut – Crémant du Jura AC, Domaine Pignier, Jura

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Die Farbe ist ein relativ dunkles Goldgelb, mäßige Perlage. In der Nase etwas verhalten Apfel-Hefe-Gebäck. Am Gaumen ist die Hefe deutlich präsenter, die Äpfel sind leicht anreduziert, ein bißchen Torf schwingt mit, sehr schöne Säure. Der Abgang ist recht lang und vorrangig herb apfelig mit leicht mineralischer Hefeunterstützung.

Dieser demeter-Schäumer fiel mir vor allem durch die leichte Torfnote auf, und zwar durchaus positiv. Nur der Prickel könnte noch etwas beständiger sein.

Meine Wertung: Nachkauf 2/3, Gesamt 18/25

Wein B: oJ Isabelle, Dijoux, La Réunion

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Dieser Wein ist ein Urlaubsmitbringsel von der französischen Überseeinsel La Réunion und ist aus der wurzelechten Rebsorte „Isabelle“ gekeltert. Etiketten gibt’s bei diesen Weinen nicht, außerdem wird der Rebensaft in beliebige, gerade verfügbare Flaschen abgefüllt, die klare Bordeaux-Form ist also kein Muß…

Die Farbe ist ein in die Bernsteinrichtung gehendes Orange, leicht trüb. In der Nase dicht fruchtiger Sherry, am Gaumen recht intensiv und süß, wobei die Süße sehr geschmeidig ist. Ist deutlich und im besten Sinne warm und alkoholisch, aber nicht spritig, die Säure hält den Wein super in der Balance. Dazu gibt’s warme Karamell- und Malznoten. Der Abgang ist sehr lang und warm, sehr harmonisch und stimmig.

Nicht nur für einen 6 Euronen Urlaubswein aus einer nicht gerade überschwänglich beleumundeten Gegend ist das ein recht bemerkenswerter Saft, ist ziemlich eigenständig und hätte auch einen guten Piraten bei dem Thema abgegeben.

Meine Wertung: Nachkauf 3/3, Gesamt 21/25

Drama:

Jetzt geht’s los:

1. Wein: 2016er Chardonnay – Marcus Térentius Varro – Selection parcellaire – AOP Côtes du Jura, Buronfosse, Jura

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Im Glas ein deutliches Goldgelb, leicht trüb. In der Nase anfangs ein deutlicher Stinker, dahinter reduktive Birne, flintige Würze und etwas bleibender, pastöser Schwefel. Am Gaumen dann angemostete Äpfel, etwas Zitrone sowie Edelstahlspäne mit Bohremulsion und irgendwann auch noch eine kleine Jodnote. Dazu eine straffe Säure, der eher wenig Extrakt gegenübersteht, dementsprechend frisch wirkt das Ganze. Der Abgang ist mittellang, dabei frisch-reduktiv.

Soweit einerseits ganz schön gemacht mit einigen Ecken und Kanten, andererseits nicht sonderlich komplex, aber insgesamt doch recht stimmig.

Meine Wertung: Nachkauf 1/3, Gesamt 18/25

2. Wein: 2017er Puszta Libre! – Cuvée – trocken – Landwein, Claus Preisinger, Neusiedlersee

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Dieser Pirat ist eine Cuvée aus 70 % Zweigelt und 30 % St. Laurent und ist gemäß Winzer-Statement eine Hommage an guten Beaujolais, die leicht gekühlt getrunken werden soll.

Die Farbe ist ein mittleres Rubinrot mit violetten Reflexen, leicht trüb. Das Bukett zeigt sich reduktiv schwefelig, wenig Frucht, vielleicht ein paar gefrorene Blaubeeren. Am Gaumen dann mostige Kirschen, sehr salzhaltig (Hydrogencarbonat), recht frische Säure und weiß wirkende Gerbstoffe. Der Abgang zeigt dann mit schöner Länge eine recht frische Frucht gepaart mit Kalk und kühlen Kieseln.

Paßte durchaus gut in die Reihe der Juraner! Schlank und kühl, aber stimmig; will entdeckt werden…

Meine Wertung: Nachkauf 1/3, Gesamt 18/25

3. Wein: 2015er Chardonnay – à la Percenette – Côtes du Jura AP, Domaine Pignier, Jura

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Die Farbe ist ein helles, strahlendes Goldgelb, in der Nase deutlich Flint und leicht Korianderhonig, dahinter Tamarinde und Kumquat, Süßholz sowie Rohrzucker. Am Gaumen recht dicht wirkend, leicht reduktiv, deutlicher Fruchtextrakt mit Mirabelle, weißem Pfeffer und farblosem Chilli. Dazu gibt’s eine super Säure, die gekonnt mit den süßelosen Honigaromen spielt, weiters Salzkaramell und noch ein paar andere, freie Salze. Der Abgang ist sehr lang und konzentriert sich auf den Salz-Frucht-Mix.

Diesen Wein fand ich aufgrund der Spannung zwischen Säure und Salzen sehr bemerkenswert.

Meine Wertung: Nachkauf 2/3, Gesamt 21/25

4. Wein: oJ Savagnin / Chardonnay – Cuvée l’Automne – Arbois AC, Domaine de la Pinte, Jura

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Dieser Wein ist eine Mischung aus 60% Savagnin ouillé (nicht-oxidativ), 20% Savagnin (oxidativ, Fässer nicht aufgefüllt) sowie 20% Chardonnay, wobei der nicht-oxidative Savagnin-Anteil jeweils zwei Jahre älter ist als der Rest der Ingredenzien. Der Flasche konnte man leider keine Information entlocken, aus welchen Jahren das Ganze nun stammt bzw. wann es abgefüllt wurde; ich wollte eigentlich nach dem Korken Ausschau halten, aber als ich dann zum Bus mußte, ging das leider unter…

Im Glas ein dunkleres Goldgelb, in der Nase ein deutliche, aber feine Sherrynote, konzentriert Physalis, Quitte und Curcuma sowie etwas Zigarrenkiste. Am Gaumen ist die Frucht in Form saurer Mango sowie Ugli leicht reduktiv, der deutlichen Säure stehen saures Karamell und Ahornsirup gegenüber, garniert wird das Ganze mit etwas Rauchsalz und Sherry. Der Abgang ist ein klarer Mehrminüter, dabei im besten Sinne sherrylastig mit mostig-salziger Frucht.

Wunderbare Mischung aus oxidativen und reduktiven Noten, sehr gegensätzlich, es paßt aber dennoch alles irgendwie zusammen und zwar trotz aller Kanten durchaus harmonisch.

Meine Wertung: Nachkauf 3/3, Gesamt 22/25

5. Wein: 2016er Chardonnay – Les Roussots – Côtes du Jura AC, Badoz, Jura

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Die Farbe ist ein mittleres Goldgelb. Bukettmäßig gibt’s gelbe Pitahaya und Physalis, weiters Eukalyptus, Eibischwurzel, Melisse und Minze. Am Gaumen ist die Frucht etwas weniger dicht, wirkt leicht malzig. Die Säure ist eher moderat bemessen, jedoch super integriert, die Kräuterseite ist ebenfalls etwas zurückhaltender, dennoch tut sich kein geschmackliches Loch auf. Der Abgang nähert sich intensitätsmäßig dann wieder dem Bukett an, etwas Rauch gibt’s noch dazu, das Ganze mit ordentlicher Länge.

Schöner Kräuterwein, der am Gaumen etwas filigraner wirkt, insgesamt aber mit seiner komplexen Struktur einigen Spaß bereitet.

Meine Wertung: Nachkauf 2/3, Gesamt 20/25

6. Wein: 2016er Savagnin ouillé – Champ Rouge – Côtes du Jura AC, Grappe, Jura

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Ein trübes Goldgelb zeigt sich im Glas; für die Nase gibt’s ganz leicht pastösen Schwefel, weiters Eukalyptus, Zitronenschale, Hasenstall und Magnesium. Am Gaumen zeigt sich eine deutliche Säure mit Zitrusschalen in grün und gelb, eine Grapefruit incl. Bitterchen sowie wieder Magnesiumsalze. Auch der Abgang lebt von der präsenten Säure, die anfermentierte Zitrusfrucht spielt hier die erste Geige.

So reduktiv habe ich Zitronen und Co. noch nicht erlebt, sehr eigenständiger Wein.

Meine Wertung: Nachkauf 2/3, Gesamt 19/25

7. Wein: 2016er Le Jaja du Ben – Cuvée – Vin de France, Ganevat, Jura

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Dies ist eine Cuvée aus Gamay, Poulsard und einigen anderen alten Rebsorten aus dem Jura; eine Fundstelle im Netz weist Pinot noir statt Poulsard als Bestandteil aus, ich bin aber eher geneigt, das als Schreib- oder Übermittlungsfehler zu werten…

Die Farbe ist ein leicht trübes Granatrot mit mittlerer Transparenz. Bukettseitig gibt’s Rinderweide, Heftpflaster und fermentierte Kirsche, mutet recht frisch an. Am Gaumen wirken die Kirschen noch stärker fermentiert, dazu gibt’s fruchtseitig noch Granatapfel. Weiters deutlich Staub, wenige, aber doch etwas harsche Tannine, leicht Milchsäure und ein paar angemoderte Steine; die Säure moderiert zwischen den Parteien recht gut. Der Abgang ist von schöner Länge, Säure und Frucht werden hier am meisten betont.

Diese Ganevat-Schöpfung fand ich angesichts seiner recht eigenständigen Aromatik recht spannend, auch wenn so manches (noch?) nicht so richtig zusammenpaßte, wohl deshalb polarisierte der „Jaja“ auch etwas.

Meine Wertung: Nachkauf 2/3, Gesamt 19/25

8. Wein: 2015er Chardonnay – Arrogance – Côtes du Jura AC, Badoz, Jura

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Farblich ein Goldgelb mit Ockertouch, für die Nase gibt’s fermentiertes Holzfaß (stelle ich mir so vor), Torf, ganz leicht heller Sherry, weiters kandierte Mirabellen, gebräunte Butter und Vanille. Am Gaumen wieder dezent Sherry, dann kandierte Pfirsiche, geschwefelte Apfelringe. Dazu gibt’s eine moderate, aber effektive Säure, etwas nasse Terrasse sowie Bakelit. Der Abgang ist von nicht unerheblicher Länge, die reduktiv-würzige Frucht wird von etwas malzigem Holz begleitet, hier erscheint die Säurestruktur am schönsten.

Sherryaromen im Wein verheißen oft nichts Gutes, hier ist es das Tüpfelchen auf dem I.

Meine Wertung: Nachkauf 2/3, Gesamt 20/25

9. Wein: 2015er Chardonnay – le Blanc de la Rouge – Arbois Pupillin AOC, Philippe Bornard, Jura

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Ein deutlich trübes Goldgelb im Glas, bukettmäßig gibt’s viel Flint, pastösen Schwefel, Streichholzschachtel und Bariumchlorid, keinerlei Frucht. So könnte es am Eingang zur Hölle riechen, dachte ich mir, ein anderer Einwurf aus der Runde war, der Wein hätte eine „pornöse Nase“. Am Gaumen bizzelig, viel Kalk, dann saure Mango und Maracuja, mit der straffen Säure kommt eine größere Ugli nebst ihrem eigenen Bitterchen mit, weiters eine -für mich- sehr dichte, aber angenehme Kräuterigkeit sowie viele herbe Steine. Der Nachhall hallt sehr lange, die potente Säure sorgt in Verbindung mit der kernigen Frucht und saurem Malz für ordentlich Spannung.

Sowas haßt man oder man liebt es, dementsprechend polarisierte der Wein denn auch. Ich gehörte aber zu der Fraktion, die den Wein „leider geil“ fand.

Meine Wertung: Nachkauf 3/3, Gesamt 23/25

10. Wein: 2015er Savagnin – Pourqui pas? – Vin Orange – Vin de France, Domaine de la Pinte, Jura

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Die Farbe ist ein trübes Hellorange, für die Nase gibt’s viel Quitte und zunehmend Maracuja, leicht anfermentiert; weiters ein Hauch Sherry, aber auch Menthol und „Wick MediNait“. Am Gaumen dann einiges an Staub, die weißen, irgendwie komischen Tannine wirken stark dehydrierend. An Frucht gibt’s O-Saft aus Konzentrat (das Zeug vom Discounter) mit staubigem Bitterchen. Der Abgang ist relativ lang, aber in erster Linie weiß staubig.

Hier kam’s mir so vor, als ob der Wein noch sehr unaufgeräumt ist. Die einzelnen Komponenten finde ich -trotzdem es erst mal abenteuerlich klingt- eigentlich recht interessant, vor allem mit dem dehydrierenden Gaumengefühl kam ich aber nicht ganz so gut zurecht. Wäre interessant zu wissen, ob ein paar Jahre Lagerung da weiterhelfen…

Meine Wertung: Nachkauf 1/3, Gesamt 17/25

Epilog:

…gab’s (für mich) leider keinen, da mich der Busfahrplan des MVV nach der fotografischen Flaschendokumentation leider abrupt zum Gehen zwang, deshalb gleich das

Fazit:

Eine sehr gelungene Runde mit der Bestätigung, daß das Jura derzeit eine der gehoben spannenden Weinbauregionen ist. Vor allem gefällt mir, daß selbst die freakigeren Sachen es meist dennoch schaffen, selbst weniger erfahrene „Non-Tradition“-Weinkonsumenten nicht gleich vor den Kopf zu stoßen. Die Balance zwischen „rund und eckig“ war einfach überwiegend sehr schön, deshalb sind auch relativ viele Sachen auf meine Wunschliste gewandert.

Zu guter letzt noch vielen Dank an die beiden Ausrichter, vor allem auch hinsichtlich des vorzüglichen Menüs; da geh‘ ich wieder hin!

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2 comments on “31. Weinrunde in / um München

  1. Den Puszta Libre hatte ich letztes Jahr aus dem Jahrgang 2015 gekühlt als Terrassenwein. War sehr gut, jedoch im Vergleich zu Deiner Bewertung noch mehr auf der Fruchtseite angesiedelt!

    Ebenso kann ich vom gleichen Weingut auch den „Heideboden Rot“ und „Kalkundkiesel“ empfehlen.

    Ich habe den Winzern einmal bei einer Verkostung bei einem Münchner Weinhändler kennengelernt. Leider ist da der Funken nicht recht übergesprungen, ansonsten hätten wir dem Weingut aufgrund der interessanten Weine wohl bei einem Burgenlandbesuch durchaus schon einmal einen Besuch abgestattet.

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    • Die Weine von Claus Preisinger sind eigentlich alle -soweit ich sie bis jetzt probiert habe- recht schön auf ihre -teils sehr- besondere Art. rot wie weiß (es gibt hier ja auch einige Berichte dazu… 😉 ). So mancher eher freakige Stoff wie z.B. der „Edelgraben“ (auch wenn er heute so nicht mehr heißen darf, seit er regelmäßig die Qw-Prüfung nicht mehr schafft oder gar nicht mehr dazu angestellt wird) muß man sich zwar erst erarbeiten, aber im Laufe der Jahrgänge werden auch diese Sachen „zugänglicher“, ohne dabei ihre Ecken und Kanten zu verlieren. Persönlich kennengelernt habe ich den Winzer allerdings noch nicht. Und wenn bei solchen Veranstaltungen der Funke nicht überspringt, heißt das ja erst mal nix, manche Leute sind bei solchen Events auch gerne mal gestreßt und / oder genervt…

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