Kleine Pinot-Runde in München

Auch mit diesem Gruppentrinker-Beitrag bin ich leider etwas verspätet dran…

Einige regelmäßige Teilnehmer unserer Blindtasting-Runden in bzw. um München haben sich am 24.11. zu einer Pinot Noir-Runde getroffen, bei der das ewige Thema „Frankreich gegen Deutschland“ mal wieder belebt werden sollte. Die eine Gruppe hat also Franzosen ins Rennen geworfen, die andere dann Flaschen aus diesem unseren Lande. Ansonsten sollte es nur schon etwas anspruchsvolleres sein.

Prolog:

Zum Aufwärmen gab’s erst mal zwei Einsteiger, wobei der zweite „Opener“ bereits auch ein Spätburgunder war, weswegen ich ihn hier frech zum Wettbewerb gesellt habe:

Wein A: 2013er [Clairette] – Domaine des Tours – Vin de Pays de Vaucluse IGP, Château Rayas, Rhône

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Die Farbe im Glas ist fast bernsteinig, für den Riechkolben gibt’s eine Mischung aus Kastanienhonig, Pfirsichkonzentrat und Schnupftabak. Am Gaumen setzt sich das erst mal so fort, jenseits der Frucht gibt’s noch weißen Pfeffer und helles Holz; eine super ausgeprägte Säure läßt diesen eigentlichen Dickwein sehr gut flutschen. Der Abgang ist recht lang und bietet würzigen Honig, das Holz ist hier eher dezent unterwegs, die Säure macht weiterhin eine sehr gute Figur.

Extraktreiche Weine können auch sehr niederviskos sein, wie dieser -gemessen am Spaß- äußerst günstige Wein wieder sehr eindrucksvoll beweist. Sicher nicht ein Ausbund an Komplexität, aber in sich stimmig und vor allem kein bißchen schwierig!

Meine Wertung: Nachkauf 3/3, Gesamt 21/25

Drama:

Wie schon erwähnt, zu Beginn erst mal ein Spätburgunder zum Eingewöhnen:

1. Wein: 2014er Spätburgunder – Kaliber 12 – trocken – Qw, Adams, Rheinhessen

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Im Glas rubinrot mit Tendenz zum Ziegelrot, hohe Transparenz. In der Nase Minze, Kirschkompott und etwas Vanille, am Gaumen leicht staubig, wenig Tannin, einige Röstnoten sowie leicht bitterer, weißer Rauch. Die Säure macht eine ganz gute Figur, wirkt insgesamt sehr leicht. Der Abgang ist dagegen bei guter Länge recht hart und wieder ziemlich staubig.

Hier habe ich mehr an Sangiovese „light“ denn an Spätburgunder gedacht, immerhin aber kein „typisch deutscher“ Vertreter dieser Rebsorte.

Meine Wertung: Nachkauf 1/3, Gesamt 17/25

2. Wein: 2013er Spätburgunder – Retzbacher Benediktusberg – Recis – trocken – Qw, Rudolf May, Franken

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Die Farbe ist ein Rubinrot mit leichter Brauntönung bei mäßiger Transparenz, die Nase bekommt’s mit Waldlaub, Braunkappen, etwas dunkler Kirsche sowie intensiv Kräutern incl. Minze und Koriander zu tun, vom Holz her auch ein Hauch Rauch sowie Vanille, dazu eine deutliche Säureankündigung. Am Gaumen dann ebenfalls sehr kräuterig, holzseitig leicht Vanille, weiters Rindenmulch, Menthol (TicTac), wieder Pilze und Waldboden. Die Säure ist quasi perfekt ausbalanciert, der „Recis“ wirkt insgesamt druckvoll und filigran zugleich. Der Abgang ist sehr lang und deutlich kräuterig / etherisch mit animierender Säurestruktur.

Dieser Spätburgunder ist weder deutsch noch französisch, sondern hat seine ganz eigene Stilistik, ist aber dennoch ganz klar ein Spätburgunder. Wenn das jetzt einfach „fränkisch“ sein soll, hätt‘ ich nichts dagegen!

Meine Wertung: Nachkauf 3/3, Gesamt 23/25

3. Wein: 2016er [Pinot Noir] – La Digoine – Bourgogne Côte Chalonaise AC, Domaine de Villaine, Bourgogne

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Die Farbe ist dunkel rubinrot, mäßig transparent, in der Nase viel Brombeere, etwas Schwarzkirsche, auch Trüffel und später noch Steinpilze. Am Gaumen ist die Frucht frisch und leicht säuerlich; Tannin gibt’s in moderater Form, welches zu einer leichten Adstringenz führt. Die Säure ist recht schön balanciert, das Holz zeigt sich eher dezent mit einigen Kräuternoten. Beim durchaus langen Abgang kommt die Frucht am dichtesten daher, das Holz befindet sich hier noch im Aufbau.

Dieser Pinot macht noch einen sehr jungen Eindruck, zeigt schon ansatzweise, was er hat, braucht aber einfach noch…

Meine Wertung: Nachkauf 2/3, Gesamt 19/25

4. Wein: 2009er Spätburgunder – Bischoffinger Steinbuck – Cru de Bois – [trocken] – Qw, Johner, Baden

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Im Glas ein dunkleres Granatrot mit bräunlichen Rändern, mittlere Transparenz. Zum Einstieg gibt’s eine dichte, süße und differenzierte Holznase mit Vanille, Leder Süßholz, hellem Tabak und Melasse, dahinter auch frische Dörrpflaume (klingt blöd, is‘ aber so). Geschmacklich schon etwas barock, aber auch sehr geschmeidig wirkend, wieder die sehr vielschichtige Holzseite, fruchtseitig ein Pflaumenmix verschiedener Reifestadien, sehr feine und super austarierte Säure. Der minutenlange Abgang ermöglicht es, die große Aromenvielfalt der Holzseite nochmals voll auszukosten.

Diesen Wein hatten wir vor zweieinhalb Jahren schon mal in einer Runde, wo er bereits sehr gut ankam. Mittlerweile ist die Holzseite deutlich erstarkt und hat die Frucht entsprechend zurückgedrängt. Aber dem Genuß tut das in diesem Fall keinen Abbruch, weil die Vielschichtigkeit nicht gelitten hat. Denn eigentlich bin ich gar nicht so der Freund von vordergründigem Holz im Wein, aber hier ist es einfach super gemacht.

Meine Wertung: Nachkauf 3/3, Gesamt 23/25

5. Wein: 2003er [Pinot Noir] – Volnay Santenots 1er cru AC, Ballot-Millot, Bourgogne

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Auch wenn das Etikett nur 75 cl ausweist, handelte es sich hier um eine Magnum-Flasche.

Die Farbe ist ein deutliches Braunrot, dabei relativ dunkel und blickdicht. Bukettmäßig gibt’s reife, angedörrte, aber doch irgendwie frische Pflaumen, sehr feines Holz mit „zartem“, aber doch dichtem Leder, ganz leicht schwingen auch Minze und Salbei mit, mit etwas Luft ploppen dann auch ein bißchen Menthol und Curry auf. Geschmacklich zeigt sich die Frucht als Mix aus Pflaume, Feige und Dattel, dazu gibt’s dezentes, aber doch prägnantes Holz in Form von Tabak, hellem Holz (wie Birke), weiters eine leicht buttrige Braunwürze. Die Säure macht zwar einen etwas zurückhaltenden Eindruck, arbeitet aber sehr effektiv, die filigran-dichte Gesamtkomposition schwebt auf einem leichten Kreidebett daher. Der Abgang ist minutenlang, wieder diese frappierende Kombination aus Dichte und Filigranität, Feige und Holz schieben sich zum Finale hin bei kaum abschwellender Intensität nach vorne.

Sehr dichter PN mit vielen Finessen, der auf oder zumindest nahe dem Zenit zu sein scheint, dennoch birgt er auch noch ein paar jugendliche Noten, die zu diesem Mix aus Frische und Reife führen.

Meine Wertung: Nachkauf 3/3, Gesamt 23/25

6. Wein: 2015er Spätburgunder – Reicholzheimer Oberer First – trocken – Große Lage – GG, Schlör, Taubertal

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Rubinrot mit mittlerer Transparenz im Glas; die fruchtbetonte Nase zeigt Sauerkirschen, aber auch Weihrauch, Edelstahl und Schwimmbad, mutet recht frisch an; im Hintergrund etwas Eichenstaub sowie eine erste Ahnung der aufkommenden Säure. Am Gaumen zeigt sich eine leichte Tanninstruktur mit ebensolcher Adstringenz, wirkt noch etwas harsch. Dazu gibt’s wieder Sauerkirschen, Metalle der angenehmen Sorte, ein recht deutliches Steinbett und eine noch recht kantige Säure. Der Abgang ist sehr lang, dabei frisch-kernig, die Säure macht hier die beste Figur, die Frucht kommt sehr kühl daher, das Holz ist eher als Hauch vorhanden.

Dieses GGchen aus dem Taubertal ist einfach aufgrund seiner Jugend noch etwas ungestüm, fast ein bißchen freakig aufgrund der Steinfülle und der weiteren „kalten“ Aromen. Wenn das alles noch etwas besser zusammenfindet, sind da noch einige Pünktchen drin, aktuell gibt’s

Meine Wertung: Nachkauf 2/3, Gesamt 20/25

7. Wein: 2013er [Pinot Noir] – Vieille Vigne – Gevrey-Chambertin AC, Domaine Fourrier, Bourgogne

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Die Farbe ist rubinrot mit bräunlichem Touch, bukettseitig gibt’s unreife Kirschen, grüne Paprika und Koriander, am Gaumen eine mittlere Tanninstruktur, leicht adstringierend. Das grünliche Bukett bestätigt sich weitgehend, die Säure ist fast schon kernig, dazu etwas Kalk und ein Pampelmusen-Bitterchen. Der Abgang ist von schöner Länge, sehr frisch mit knackiger Frucht und ordentlich Trinkfluß.

Die grüne Beschreibung hört sich schlimmer an, als der Wein tatsächlich ist, er ist aus meiner Sicht noch etwas unaufgeräumt und als Wein nicht gerade außergewöhnlich; wenn ich einen Pinot Noir aufmache, habe ich eine etwas andere Erwartungshaltung. Ist vor allem zu dem Preis von ca. 75 Euronen / Flasche aus meiner Sicht kein Nachkaufkandidat.

Meine Wertung: Nachkauf 1/3, Gesamt 18/25

8. Wein: 2004er [Pinot Noir] – Morey-Saint-Denis 1er cru AC, Domaine Forey, Bourgogne

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Hier ein dunkles Rubinrot mit deutlich braunen Rändern und mittlerer Transparenz im Glas. Bukettmäßig gibt’s viel Distel und frische, fast grüne Kirsche sowie Essigbaumrinde. Der Geschmack wird erst mal von deutlichen Tanninen mit mittlerer Adstringenz bestimmt, dann gesellen sich grüne Kirschen, Paprika, Koriander und Estragon nebst einer leicht scharfen, kantigen Säure dazu, das Holz agiert im Hintergrund. Der Nachhall hallt recht lang und ist dabei grün-kantig-frisch.

Vor nicht allzu langer Zeit hatte ich schon einen 2004er Pinot Noir im Glas (sogar ein Grand Cru), der ähnliche Grünprobleme hatte. Aktuellere Jahrgänge kosten so um die 40 Euro / Fl., wäre mir so das Geld nicht wert, allerdings gehe ich davon aus, daß der Wein in anderen Jahren deutlich besser da steht.

Meine Wertung: Nachkauf 1/3, Gesamt 17/25

Epilog:

Im Nachgang gab’s noch einige Absacker…

Wein B: 2015er [Syrah] – Saint Cosme – Sélection – Côtes-du-Rhône AP, Barruol, Rhône

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Die Farbe ist ein sehr dunkles Kirschrot mit geringer Transparenz, für die Nase gibt’s hauptsächlich Plastiktüte und 2K-Kleber. Am Gaumen setzt sich das Ganze fort, neben den dichten Tanninen kann ich noch Toluol ausmachen, die Säure ist nicht der Rede wert. Der Abgang ist leider recht lang und ist was für Leute, die ein Faible für Organochemie haben

Das war jetzt nix für mich, vor allem nicht nach den vorangegangen, mehrheitlich sehr schönen Weinen. Auf dem Rückenetikett steht übrigens in deutsch etwas von Weinmacher Louis Barruol:

…Darin habe ich meine ganze Energie gesteckt; das überlieferte Wissen Generationen meiner Familie erkennt man in diesem Wein wieder.

Hmmmm…

Meine Wertung: Nachkauf 0/3, Gesamt 9/25

Wein C: 2013er Mondeco – Cuvée – Dão DOC, Quinta do Mondego, Beiras

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Dieser Wein ist eine Cuvée aus 30 % Tinta Roriz, 25 % Touriga Nacional, 20 % Jaen, 15 % Alfrocheiro und 10 % Baga.

Das Glas zeigt ein sehr dunkles Rubinrot, mittel transparent. Das Bukett hat Sauerkirschen und schwarze Johannisbeeren mit hoher Frische im Angebot. Am Gaumen eine mittlere Tannindichte, ebenso adstringierend, die Frucht ist hier ähnlich, die Säure recht straff. Der lange Abgang zeigt eine sehr frische Frucht, wirkt recht animierend.

Einfacher, aber trinkiger Dão für < 10 Euronen, geht so in Ordnung.

Meine Wertung: Nachkauf 1/3, Gesamt 16/25

Wein D: 2016er Riesling – trocken – Qw, Knewitz, Rheinhessen

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Im Glas goldgelb mit leichten, grünen Reflexen, schöne Flintnase, auch Streichholzschachtel und Bariumchlorid, im Hintergrund etwas Ananas. Am Gaumen ebenfalls erst mal flintig, dahinter taucht dann einiges an Zitrusfrucht mit Zitrone, Ugli und Pomelo auf, dazu eine deutliche, aber nicht vorlaute Säure, als Bett gibt’s ein paar schwefelhaltige Steine. Auch beim schön langen Abgang sind Frucht und Mineralik in guter Balance bei stimmiger Säure.

Dieser Gutswein spielt bereits da mit mit, wo sich sonst so mancher Orts- oder gar Lagenwein aus Rheinhessen tummelt, das ist sehr viel Riesling für’s Geld!

Meine Wertung: Nachkauf 2/3, Gesamt 19/25

Ergebnis:

Von „meinen“ drei Top-Spätburgundern habe ich im Rahmen der Gesamtbewertung folgendes Ranking abgeleitet:

Platz 1   2003er Volnay Santenots 1er cru AC, Ballot Millot

Platz 2   2013er Recis – Retzbacher Benediktusberg, Rudolf May

Platz 3   2009er Bischoffinger Steinbuck – Cru de Bois, Johner

Über die Wertungen aller Teilnehmer ergab sich dann folgendes Bild:

Platz 1   2003er Volnay Santenots 1er cru AC, Ballot Millot

Platz 1   2013er Recis – Retzbacher Benediktusberg, Rudolf May (punktgleich)

Platz 3   2009er Bischoffinger Steinbuck – Cru de Bois, Johner

womit sich meine Reihenfolge also nicht signifikant von der der gesamten Runde unterscheidet. War aber insgesamt auf den ersten drei Plätzen aus meiner Sicht ein sehr enges Rennen.

Fazit:

Eine sehr schöne Runde mit teils erstaunlich guten Weinen und der Erkenntnis, daß Spätburgunder in D auf dem gleichen Niveau geht wie in F, insbesondere wenn man die Preisniveaus mit einbezieht. Die deutschen Weine waren dabei stilistisch nicht so ausgerichtet, daß sie diesbezüglich mit den burgundischen Weinen konkurrieren wollen, sondern gehen teils schon ganz eigene Wege. Was ich auch gut und richtig finde.

Vielen Dank insbesondere auch an die Gastgeber, die vor allem mit dem sehr authentisch zubereiteten Bœuf bourguignon sehr zum Gelingen des Abends beigetragen haben!

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2 comments on “Kleine Pinot-Runde in München

  1. Freut mich, dass der RECIS von Rudolf May so gut angeschnitten hat! Wenn Du die Chance hast, lohnt es sich, mehrere Jahrgänge nebeneinander zu probieren – auch hier gibt es großes geschmackliche Unterschiede auf hohem Niveau.

    Franken und Spätburgunder passt ohnehin immer besser zusammen und man findet meines Erachtens auch unter 20 EUR schöne Exemplare, z.B. den Tradition von Schmitts Kinder oder den „S.“ von Horst Sauer.

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    • …solche Vertikalen sind bei guten Weinen immer interessant. Vor allem würde mich interessieren, wie der Recis in gereift dasteht. Mein (ganz knapper) Sieger hatte ja diesbezüglich 10 Jahre Vorsprung.
      Die Spätburgunder von Schmitts Kinder sind in jedem Fall auch eine Bank, die von Horst Sauer habe ich aber noch nicht probiert, da ist bei mir im Keller alles weiß…

      Gefällt 1 Person

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