Aus dem Keller

Gestern und heute hatte ich mal Zeit, mich einer etwas umfangreicheren Sammlung von Musikstücken zu widmen:

Miles Davis – The Cellar Door Sessions 1970

In der Zeit, nachdem Miles Davis mit den Alben „In a silent Way (Untertitel: Directions in Music)“ und vor allem auch „Bitches Brew“ die Jazzwelt mit seiner Version des Fusion aufgemischt hat, hat MD in der Zeit vom 16. bis 19. Dezember 1970 im „Cellar Door“ in Washington DC mehrere Konzerte gegeben. Von diesen Live-Sets wurden auch professionelle Aufnahmen gemacht, die in 2005 erstmals von Columbia in Form einer Box mit 6 CD’s veröffentlicht wurden. Neben MD sind hier Gary Bartz (ss, as), John McLaughlin (e-g), Keith Jarrett (e-p, e-org), Michael Henderson (e-b), Jack DeJohnette (dr) und Airto Moreira (perc) am Werk. Geboten wird hier all das, was Ende 1970 eben zum aktuellen Repertoire gehörte, wobei von „In a silent Way“ (erschien im Juli 1969) das Stück „It’s about that Time“ stammt und von „Bitches Brew“ (erschien im März 1970) schon nur noch „Sanctuary“ in verschiedenen Takes übrig ist, die anderen Aufnahmen dieser beiden Alben aus 1969 waren in dieser fusionmäßig sich überschlagenden Zeit möglicherweise schon zu überholt. Man findet dann eher „alte Bekannte“ von den Alben „A Tribute to Jack John Johnson“ („Yesternow“), „Live-Evil“ („Inamorata“, „What I say“) und „Get up with it“ (erst 1974 mit „Honky Tonk“ veröffentlicht). Das Stück „Directions“ tauchte in dieser Zeit auf Studioalben gar nicht auf (erst 1981 auf „Directions“, einer Zusammenstellung von wegweisenden Stücken der Jahre 1960 bis 1970, die Stücke „Directions I“ und „Directions II“ hier in Aufnahmen von 1968), dafür aber auf dem Live-Album „At Fillmore“, welches im Oktober 1970 herauskam und Aufnahmen von Sets vom 17. bis 20. Juni 1970 enthält. So ist es auch nicht verwunderlich, daß sich hierzu stückemäßig die größte Schnittmenge ergibt. Zeitlich liegt zwischen den Aufnahmen „Fillmore“ und „Cellar Door“ also nicht mal ein halbes Jahr, aber der Unterschied in der musikalischen Stilistik ist schon recht deutlich. Am ehesten läßt sich das aus meiner Sicht so beschreiben, daß die „Cellar Door“ Session transzendentaler, lyrischer und in gewisser Weise auch psychedelischer ‚rüberkommt, wobei ich persönlich den Eindruck habe, daß diesbezüglich vor allem auch Keith Jarrett einen entsprechenden Einfluß hatte, der die im Ansatz funkigen Elemente von vormals Hancock / Corea bei weitem nicht so betont. Wenn ich mir jetzt extrem viel Zeit für die Analyse nehmen würde, könnte ich zu den einzelnen Sets bzw. Takes dieser Box eine Dissertation über die Unterschiede erarbeiten und das Ganze dann nochmal dem Stil zur Zeit der Fillmore-Aufnahmen gegenüberstellen, will ich aber gar nicht. Statt dessen will ich hier nur zum Ausdruck bringen, daß diese nicht besonders bekannte Box für diejenigen, die an der musikgeschichtlichen Entwicklung des Fusion in den frühen 70ern interessiert sind, hochspannend sein dürfte. Mich hat’s jedenfalls gut 6 Stunden lang über zwei Tage sehr fasziniert!

Meine Wertung: 4/4

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2 comments on “Aus dem Keller

    • Das ist richtig mit der Zeit! Aber ohne die kommen auch die besten Sachen nicht adäquat bei einem an. Eine Krux in unserer schnellebigen Zeit, in der die ganze wirklich tolle Musik (und nicht nur die), die es mittlerweile so gibt, gegenüber der „en passant“ konsumierbaren Kommerzware noch mehr als früher schon gnadenlos untergeht…

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