35. Weinrunde in München

Am vorletzten Donnerstag fand wieder eine unserer Blindtasting-Weinrunde statt, deren Thema „Grauburgunder“ ohne Gebietsbeschränkung war. Diese Rebsorte genießt ja bei vielen fortgeschrittenen Weintrinkern nicht den allerbesten Ruf, während sie bei weniger weinaffinen Leuten doch immer noch recht beliebt zu sein scheint; meiner Wahrnehmung nach auch deshalb, weil die Sorte von Natur aus eher etwas säureärmer und somit prädestiniert für die Herstellung von Weinen mit „milder Säure“ ist. Leider führt das dazu, daß der Grauburgunder auch meist in dieser -für mich- eher belanglosen Richtung ausgebaut wird und anspruchsvollere Kreationen aus dieser Sorte eher selten in die Flasche finden. Aber es gibt auch aus dieser Rebsorte schöne Sachen, das ein oder andere hatte ich hier ja schon vorgestellt. Mal sehen, ob die Runde diesbezüglich auch glänzen konnte, denn wir sollten ja Sachen mitbringen, die wir noch nicht kennen…

Prolog:

Zu Beginn wie immer ein paar Sachen zum warm werden:

Wein A: 2015er Silvaner – Siefersheimer – trocken – Qw, Flick, Rheinhessen

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Die Farbe ist ein helleres Goldgelb, in der Nase schön flintig plus Bariumchlorid, kaum Frucht. Geschmacklich wieder Flint, dazu Basalt und eine kernige Säure, fruchtseitig gelber, aber frischer Apfel sowie Limette und Zitrone, ein leicht herbes Bitterchen kommt auch mit. Der Nachhall hallt recht lang, ist dabei ebenfalls flintig, frisch und zitrisch mit einem steinig-herben Bitterchen.

Bei diesem Wein gingen die Gedanken mehr in Richtung Riesling denn Silvaner, ist also nix für Rebsortentypizitisten, für sich als Wein gesehen aber richtig gut, „untypische“ Punktabzüge mache ich ja nicht!

Meine Wertung: Nachkauf 3 von 3, Gesamt 21 von 25

Wein B: 2014er [Chardonnay] – Patience n° 7 – Auxey-Duresses AOP, Agnès Paquet, Bourgogne

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Dieser Wein stammt übrigens von über 80-jährigen Reben.

Die Farbe ist helleres, aber auch recht sattes Goldgelb, für’s Näschen gibt’s Korianderhonig und etwas frittierte Banane, weiters Khaki und noch ein paar Haselnüsse. Am Gaumen weniger dicht als in der Nase, die Frucht wirkt hier fast etwas dünn, die Säure ist deutlich, aber auch etwas isoliert, etwas Joghurt gibt’s auch noch, weiters etwas reduktiv anmutende Steinchen und Walnußschalen. Der Abgang ist relativ lang, leicht reduktiv und nussig-cremig.

Durchaus kein schlechter Chardonnay, allerdings verhindern das leichte geschmackliche Loch und der nicht ganz geringe Preis um die 30 Euronen pro Flasche bei mir eine Nachkaufwertung.

Meine Wertung: Nachkauf 1 von 3, Gesamt 18 von 25

Drama:

So, mal sehen, was der Wettbewerb bringt:

1. Wein: 2017er Grauburgunder – vom Löss – [trocken] – Qw, Franz Keller, Baden

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Laut Rückenetikett hat dieser GB gerade mal 1,0 g/l Restzucker.

Im Glas ein dichteres Strohgelb. Geruchlich gibt’s leicht kaltvergorene Äpfel, die auch ein bißchen wie Apfelshampoo daherkommen, weiters Melone und Lychee. Am Gaumen ist die Fruchtseite zwar recht dicht, aber irgendwie zerfleddert, farbenmäßig gelb-weiß-grün, könnte man mit weißer Johannisbeere und Netzmelone beschreiben. Die Säure macht eine ganz gute Figur, dennoch wirkt der Wein leicht cremig. Der Abgang ist mittellang und wirkt wieder deutlich kaltvergoren.

Für immerhin 10 Euronen pro Flasche hätte ich mir gerade aus dem Haus Franz Keller schon was ausgewogeneres erwartet, auch beim Grauburgunder…

Meine Wertung: Nachkauf 1 von 3, Gesamt 14 von 25

2. Wein: 2017er Pinot grigio – Trentino DOC, Cantina d’Isera, Trentino

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Die Farbe ist ein helleres Strohgelb mit leichtem Rotstich, das Bukett ist erstmal sehr verhalten und liefert mit viel Geschwenke etwas rote Pitahaya in Zeitungspapier. Am Gaumen dann zusätzlich weiße Johannisbeere, die Säure ist zwar ganz gut bemessen, der Eindruck bleibt hier aber klar auf der flachen Seite. Der Abgang ist relativ kurz und bietet dabei eher süßliche, undifferenzierte Frucht.

Hier sind zwar keine störenden Dinge wie Kaltvergärungsnoten, plakative Frucht etc. enthalten, aber es ist einfach insgesamt zu wenig drin, als daß mich das irgendwie begeistern könnte.

Meine Wertung: Nachkauf 1 von 3, Gesamt 14 von 25

3. Wein: 2013er Pinot gris – Zellenberg – Alsace AC, Marc Tempé, Alsace

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Die Farbe ist ein dichteres Goldgelb. Für die Nase gibt’s fortgeschritten Rosmarinhonig, Backapfel ohne Zimt, etwas Armagnac ohne Brandigkeit sowie Wachs. Am Gaumen ebenfalls Honig und Wachs, dazu Trockenfrüchte wie Feigen und Trauben, die Säure wirkt sehr geschliffen. Der Abgang ist sehr lang und apfelweinig, leicht reduktiv mit anmierender Säurestruktur.

Sehr schöner, leicht angereifter, verhalten freakiger Grauburgunder, so macht mir diese Rebsorte richtig Spaß!

Meine Wertung: Nachkauf 2 von 3, Gesamt 21 von 25

4. Wein: 2016er Pinot gris, Nautilus, Marlborough

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Im Glas ein helleres Strohgelb mit rötlichen Reflexen. Bukettmäßig zeigen sich viele mürbe Äpfel und ein paar Birnen, etwas Magnolie und Minze, auch leicht Allohol. Am Gaumen kommt etwas Rambutan dazu, die Säure wirkt mild und druckvoll zugleich, dadurch leicht angecremt und sogar hefig, weiters ein paar seifige Steinchen als Unterlage. Der Abgang ist recht lang, etwas plakativ und scharf mit Kräuterfinale.

Kann man soweit ganz gut wegtrinken, muß man aber aus meiner Sicht nicht den weiten Weg hierher transportieren.

Meine Wertung: Nachkauf 1 von 3, Gesamt 16 von 25

5. Wein: 2016er Grauburgunder – Meckenheimer Neuberg – trocken – Qw, Braun, Pfalz

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Im Glas ein strahlendes, helles Goldgelb. In der Nase Fruchtsalat mit Orange, Pfirsich, Trauben und Bananen. Am Gaumen leicht klebrig mit überforderter Säure. Der Abgang ist relativ lang, aber „beppig“, die wenige Säure wirkt etwas scharf.

Geht vielleicht als Partywein durch, mehr nicht…

Meine Wertung: Nachkauf 1 von 3, Gesamt 15 von 25

6. Wein: 2012er Pinot gris – Altenberg de Bergbieten – Alsace Grand Cru AC, Roland Schmitt, Alsace

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Im Glas ein dichteres Honiggelb, bukettmäßig zeigen sich Petrol und Honig. Am Gaumen wiederum Petrol sowie Naphtalin, wenig Frucht, aber eine schöne Säure, der Abgang ist lang, jedoch leicht muffig-staubig.

Wir hatten den Eindruck, daß dieser Wein etwas korkig war, mit etwas Frischhaltefolie ging der Korkmuff zwar weg, es blieb aber nur ein gealterter Wein ohne Altersreize übrig. Ggf. sind andere Flaschen in deutlich besserer Verfassung, diese hier erreicht aber nur

Meine Wertung: Nachkauf 1 von 3, Gesamt 14 von 25

7. Wein: 2014er Grauburgunder – Ihringer Winkelberg – trocken – Spätlese – Pw, Pix, Baden

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Hier weist das Rückenetikett übrigens 2,0 g/l Restzucker bei 5,0 g/l Säure aus.

Die Farbe ist ein dichteres Goldgelb, geruchlich etwas Honig, konzentrierte Frucht wie Dattel, Feige und matschige Khaki, schöne dezente Holznote mit etwas Naphtalin und eine leichte Cognac-Anmutung. Geschmacklich etwas schlanker, dennoch hier im Ansatz etwas brandig, weiters eine distinguierte Säure, dazu Paraffin und ein Bakelit-Bitterchen. Der Abgang ist ziemlich lang, dabei auf angenehme Art etwas staubig und adstringierend, im Finale ploppt ein bißchen verkokeltes Duroplast auf.

Zwar recht kantiger, frecher GB, der aber mit einer gewissen Persönlichkeit daherkommt, sicher nicht everybodies darling, mir gefällt’s aber sehr gut!

Meine Wertung: Nachkauf 2 von 3, Gesamt 20 von 25

8. Wein: 2016er Grauer Burgunder – Heidelberger Herrenberg – „AS“ – trocken – Erste Lage, Seeger, Baden

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Ein recht sattes Goldgelb im Glas, für den Riechkolben gibt’s Quitte, etwas Abate-Birne und Backapfel. Am Gaumen dann die gleiche Frucht sowie eine nicht sehr ausgeprägte Säure, im Hintergrund ein paar herbe Steinchen und ein zartes Chinin-Bitterchen. Der Abgang ist relativ lang mit eher bitterer Frucht und etwas Staub.

Diese Erste Lage hat zwar ein paar schöne Zutaten, ist aber von der „Performance“ her irgendwie unstimmig bzw. gebremst. Ich hab‘ den Wein vor knapp zwei Jahren auf dem Weingut probiert und auch gekauft, weil ich mir damals einiges an Entwicklungspotential versprochen habe. Zumindest bis jetzt haben sich die Erwartungen leider (noch?) nicht erfüllt.

Meine Wertung: Nachkauf 1 von 3, Gesamt 17 von 25

9. Wein: 2018er Grauer Burgunder – trocken – Qw, C.A. Warren, Baden

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Diesen Wein vom Aldi hat eines unserer Rundenmitglieder als zweiten Wein mitgebracht, um mal zu sehen, ob so ein Discounter-GB in der Runde auffällt.

Im Glas eine leicht zwiebelige Farbe. Riecht sehr künstlich nach Bananenkonfekt und Gummibärchen, schmeckt klebrig nach Plastik und Kaugummi. Zum Abgang kann ich nichts weiter sagen, hab‘ ich ausgespuckt, war mir zu eklig…

Einfach Schrott…

Meine Wertung: Nachkauf 0 von 3, Gesamt 6 von 25

Epilog:

Im Nachgang gab’s dann noch einiges, was wieder ein bißchen von der nicht durchgehend berauschenden GB-Auswahl abgelenkt hat:

Wein C: 2007er Merlot – Bechtheimer Hasensprung – trocken – QbA, Spiess, Rheinhessen

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Die Farbe ist ein dunkleres Granatrot mit deutlicher Transparenz und leicht bräunlichen Rändern, in der Nase erdig, anfermentierte Kirsche, etwas Aronia, ganz leicht Staub. Am Gaumen dann leicht grüne Paprika, eher wenig Tannine, etwas adstringierend, angemessene Säure. Der Abgang ist mittellang und eher grünfruchtig, wirkt relativ frisch.

Ist etwas eindimensional und für meinen Geschmack zu grün geraten.

Meine Wertung: Nachkauf 1 von 3, Gesamt 15 von 25

Wein D: 2009er Spätburgunder – Terra Sigma – [trocken] – QbA, Rudolf Bosch, Baden

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Im Glas ein dunkleres Rubinrot mit mäßiger Transparenz, nasenmäßig gibt’s staubige Kirschen, dezent Holz in Form von Koriandersaat und alter Scheune. Am Gaumen dann eher kompottige Pflaumen mit etwas freiem Allohol, hier wieder Koriandersaat beim Holz (wirkt aber wie zu lange gelagert), weiters ein Bakelitbitterchen und eine etwas harte Säure. Der Nachhall hallt recht lange, ist aber auf der harsch-bitteren Seite unterwegs.

Zwar kann man diesen Spätburgunder nicht „typisch deutsch“ nennen, aber mit seiner ruppigen Art ist er dann doch etwas gewöhnungsbedürftig.

Meine Wertung: Nachkauf 1 von 3, Gesamt 15 von 25

Wein E: 2007er [Cuvée] – Château de Saint Cosme – Valbelle – Gigondas AC, Barruol, Rhône

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Dies ist eine Cuvée aus 90 % Grenache und 10 % Syrah.

Im Glas ein wenig transparentes, dunkles Rubinrot mit braunen Rändern, in der Nase Pflaumen zwischen frisch und kompottig, das Holz liefert Eiche und Vanille sowie etwas Staub. Geschmacklich dann alkoholgetränktes Pflaumenkompott, mittlere Säure, eisengeschwängertes Chinin-Bitterchen. Der Abgang lang, aber auch hart-metallisch-bitter.

Vielleicht hat der Wein schon mal bessere Zeiten gesehen, mir war er einerseits zu kantig, was die metallischen Noten angeht und wenn’s zu kompottig wird, ist’s auch nicht mehr mein’s.

Meine Wertung: Nachkauf 1 von 3, Gesamt 15 von 25

Wein F: 2003er Riesling – Bernkasteler Lay – [trocken] – Spätlese – Pw, Markus Molitor, Mosel

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Ein dichtes Goldgelb zeigt sich hier im Glas, geruchlich gibt’s Orangenschalen, überreife Zanzibar-Ananas und etwas Waschbenzin, geschmacklich wiederholt sich das Ganze erst mal mit deutlich weniger Benzin, dafür gibt’s zusätzlich Kumquatkonzentrat. Der Extrakt ist sehr intensiv, wirkt aber aufgrund der Zitrusfülle doch sehr frisch, auch wenn die Säure selbst nicht ganz so potent wirkt. Der sehr lange Abgang wirkt cremig-fluffig und hält den satten Fruchtextrakt lange auf hohem Niveau.

Trotz aller Dichte und einer wohl jahrgangsbedingt eher moderat wirkenden Säure zeigt dieser Riesling eine sehr schöne Balance zwischen deutlichem Gehalt einerseits und niederviskoser Frische andererseits. 2003 gilt ja in D nicht als die erste Wahl für Rieslinge, aber hier ist jemand wohl recht glücklich mit den Wetterbedingungen umgegangen. Ist aus meiner Sicht trotz allem ziemlich groß…

Meine Wertung: Nachkauf 3 von 3, Gesamt 22 von 25

Fazit:

Eine Sternstunde für den Grauburgunder war das nicht gerade, auch wenn ich einzelne Weine sehr schön fand. Mein eigener GB machte auch nicht gerade die beste Figur, da hatte ich mir echt mehr erwartet. Aber die Runde selbst war sehr entspannt und insgesamt doch mit ein paar schönen Highlights ausgestattet, das Rahmenprogramm war diesmal recht bedeutsam, vor allem der krönende Abschluß! Zu guter letzt noch vielen Dank an unseren Oberföhringer Gastgeber, das Catering war wieder ohne Fehl und Tadel!

Bei der nächsten Weinrunde werde ich leider wegen einer Terminkollision nicht dabei sein, ich denke, ich werde dann wieder von der Nr. 37 (oder 38?) berichten…

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2 comments on “35. Weinrunde in München

  1. Ich habe letztes Jahr ein paar sehr schön Lagen-Grauburgunder aus der Süd- und Südoststeiermark entdeckt und mir davon einige Flaschen in den Keller gelegt. Natürlich sind auch das eher Dickschiffe, mit hat aber die Säurestruktur (Kalk- und Sandböden) sehr gut gefallen. Davon abgesehen gehört der Graue Burgunder aber auch nicht zu meinem typischen Beuteschema.

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    • Ja, aus der Ecke hab‘ ich auch noch ein paar schöne Sachen (z.B. von Lackner-Tinnacher), hab‘ ich aber nicht mitgenommen, weil ich sie schon zu gut kenne. Bei unseren Blindtasting-Runden soll man den Wein möglichst noch nicht kennen, deshalb habe ich den Keller auch daraufhin durchsucht. „Meinen“ hab‘ ich zwar schon im Weingut probiert, in aber nicht in der Tiefe verkostet und beschrieben, außerdem hatte er einige Zeit zur Entwicklung.
      Grauburgunder ist auch bei mir nicht die Top-Rebsorte, aber zu manchem Essen paßt er dann doch sehr schön und andererseits habe ich auch manchmal Besuch, dem GB eher liegt als z.B. Riesling…

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