38. Weinrunde in / um München

Am vergangenen Samstag fand wieder eine Blindtasting-Weinrunde statt, bei der ich nach zwei terminlich bedingten Ausfällen mal wieder dabei sein konnte. Das Thema diesmal: „Autochtone Rebsorten“ in der strengeren Auslegung, also nur solche Sorten, die aus ihrem Ursprungsgebiet nicht oder zumindest nicht nennenswert woanders hin verbracht wurden (also z.B. kein Chardonnay, der in der Bourgogne autochton ist).

Prolog:

Zu Beginn zwei Flaschen, die thematisch auch in den „Wettbewerb“ gepaßt hätten:

Wein A: oJ [Timorasso] – Donna Clem – Dosaggio Zero – Vino Spumante, Ricci, Piemonte

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Timorasso ist in der Gegend um Asti heimisch und war schon fast ausgestorben, die Sorte wird mittlerweile wieder von ca. 40 Winzern angebaut; ist das „Steckenpferd“ unseres Gastgebers.

Die Farbe ist ein dunkleres Goldgelb bis Ocker, nur sehr wenig perlend, in der Nase deutlich reduktiv, ganz leicht Weihrauch, fruchtseitig gibt’s samtige Mandarinenschale und Tamarinde. Geschmacklich leicht „werlitschig“, zusätzlich Maracuja, deutliche, aber fluffige Säure, kalkig-pelzige Mineralik. Der Nachhall hallt ordentlich lang, ist dabei frisch-reduktiv, Tamarinde und Maracuja geben hier den Ton an.

Mit der recht leichten Prickelei im Glas wirkt dieser Spumante etwas unaufgeräumt, je stiller der Wein wird, desto besser paßt alles zusammen, hätte man also eigentlich gar nicht versekten müssen…

Meine Wertung: Nachkauf 1 von 3, Gesamt 18 von 25

Wein B: 2016er Timorasso – Il Montino – Colli Tortonesi DOC, La Colombera, Piemonte

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Die Farbe ist ein leicht ins orange gehendes Goldgelb, für’s Näschen gibt’s recht intensiv und reduktiv etwas indifferente Früchte, am ehesten Maracuja und angematschte Khaki, leicht mit Schießpulver gepudert. Am Gaumen dann reduzierte Limette, sehr reife Karambole, etwas Tamarinde, dazu eine deutliche, aber geschmeidige Säure, weiters sulfathaltige Mineralik und ein bißchen Beifuß. Der Abgang ist ziemlich lang mit distinguierter Frische und reduktiver Zitrusfrucht.

Vor ewigen Zeiten hab‘ ich mal einen Timorasso probiert, hat allerdings keinen bleibenden Eindruck hinterlassen. Das ist hier schon ganz anders, schaut etwas in die Naturweinrichtung, ohne allzu sehr zu polarisieren, ist einerseits ausgewogen, aber auch hinreichend spannend hinsichtlich reduktiver Stilistik einerseits und angenehm frischebildender Säure andererseits. Kann man sich dran gewöhnen!

Meine Wertung: Nachkauf 3 von 3, Gesamt 21 von 25

Drama in weiß:

So, mal sehen, was der Wettbewerb bringt:

1. Wein: 2016er Ribolla gialla – Friuli Colli Orientali DOC, Angoris, Friuli-Venezia Giulia

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Ribolla gialla ist eine heute nicht mehr sehr weit verbreitete Sorte in Friuli-Venezia Giulia und Istrien.

Im Glas ein sehr helles Goldgelb. Geruchlich gibt’s kaltvergorene Frucht wie Apfel (−shampoo), Lychee und Netzmelone. Am Gaumen ist die Fruchtseite einerseits frisch-grünlich, aber doch irgendwie gedämpft, hier Kaktusfeige und Lychee, etwas grüner Apfel, diesmal jedoch ohne Shampoo. Unten d’runter ein leicht kalkiges Kiesbett, mit der Temperatur kommen ein paar Kräuter zum Vorschein. Der Abgang ist mittellang und fruchtseitig auf der weiß-gelblichen Seite unterwegs, auch hier eine leicht gebremste Säure, die Steinchen wirken etwas seifig.

Ich fand den Wein etwas belanglos, vor allem der geruchliche Einstand hat mir mangels Frische nicht gefallen, aber auch in der weiteren Folge kam aufgrund der leicht müden Säure keine besondere Freude auf. Teils gefiel der Wein in der Runde aber deutlich besser als mir…

Meine Wertung: Nachkauf 1 von 3, Gesamt 16 von 25

2. Wein: 2016er Preknadi – PGI Imathia, Diamantakos, Makedonia

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Preknadi ist im Naoussa-Gebiet heimisch und wird dort nur noch von wenigen Winzern (wieder) kultiviert, der Großteil des einstigen Bestandes fiel der Reblaus zum Opfer.

Die Farbe ist ein helleres Goldgelb, das Bukett zeigt ziemlich komplex dichte gelbe Frucht: Weinbergspfirsich, Mirabelle, auch Mango und Papaya, reife gelbe Kaktusfeige, auch Ugli und etwas Löwenzahn; nicht alles gleichzeitig, manches kommt bzw. geht mit etwas Zeit. Am Gaumen dann zusätzlich Akazienhonig und ganz leicht Karamell, später auch ein bißchen Lakritz. Die Säure ist recht gut bemessen, dennoch kratzelt der Extrakt ein klein bißchen, mit etwas Luft kommt sogar noch leicht Pfeffer dazu. Entwickelt sich mit Luft noch deutlich, eine kleine Mostigkeit blitzt dann noch auf. Der Abgang ist sehr lang, dabei dicht fruchtig, trotzdem recht fluffig, hier sogar leicht torfig, mit dezentem Bitterchen im Finale.

Bei diesem Griechen hat mir vor allem die stark differenzierte und recht intensive, aber dennoch nicht plakativ wirkende Frucht sehr gut gefallen, ein paar kleine Kanten runden das Ganze schön ab. Interessanterweise gab es in der Runde aber auch Stimmen, die den vorhergegangenen Wein deutlich höher als diesen einstuften. Glas oder Vorlieben oder beides?

Meine Wertung: Nachkauf 2 von 3, Gesamt 20 von 25

3. Wein: 2017er Moscato giallo – Alto Adige DOC, Manincor, Südtirol

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Moscato giallo oder Goldmuskateller zählt zur recht umfangreichen Familie der Muskateller und gilt als spezifische Sorte in Norditalien als autochton; nicht zu verwechseln mit dem Gelben Muskateller.

Die Farbe ist ein mittleres Strohgelb. Für die Nase gibt’s deutlich florale Noten, vor allem mit Muskat und etwas Anis gewürzte Rosen. Am Gaumen ebenfalls diese gewürzstraußige Floralik, sehr trocken wirkend, geschliffene Säure, dezentes Bitterchen, ganz leicht Torf. Der Abgang zeigt einen schön ausgewogenen Mix aus ernsthafter Gelbfrucht und Blumen mit super Säurestruktur, im Finale zeigt sich ein bißchen Pfeffer.

Viele Weine aus dieser Rebsorte werden eher „einfach“ vinifiziert und leiden nach meiner Erfahrung an zu breiter Frucht und parfümiert wirkender Floralik. Dieser Moscato giallo ist dagegen ein wirklich „erwachsener“ Wein, der aber nicht vergißt, daß er dem Grunde nach für unbeschwerten Trinkspaß gedacht ist.

Meine Wertung: Nachkauf 2 von 3, Gesamt 20 von 25

4. Wein: 2018er Kōshū – The Golden Hill – GI Yamanashi, Chateau Katsunuma, Yamanashi

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Kōshū ist die einzige japanische autochtone Rebsorte, die ursprünglich von europäischen Reben abstammt und dort seit gut 1.000 Jahren kultiviert wird.

Im Glas hell zwiebelfarben. Bukettmäßig passiert fast gar nichts, entfernt Heftpflaster und Rambutan. Am Gaumen erst mal leicht adstringierend, wieder Rambutan, etwas belegt; die Säure ist recht gehemmt, im Hintergrund etwas Hydrogencarbonat. Der Abgang betont den leicht süßlichen Extrakt, zwar ohne Zuckerschwänzchen, dafür mit etwas Eistee.

Mein erster japanischer (Trauben-) Wein, leider wenig aussagekräftig, muß man m.E. nicht um den halben Erdball transportieren.

Meine Wertung: Nachkauf 1 von 3, Gesamt 13 von 25

5. Wein: 2017er Ansonica – Costa dell‘ Argentario DOC, La Parrina, Toscana

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Hier wurde das Thema eigentlich nicht eingehalten, denn Ansonica stammt aus Sizilien und heißt dort Inzolia, ist also in der Toscana nicht autochton. Aber egal, Hauptsache ist, was sich im Glas abspielt:

Hier ist die Farbe ein helleres Goldgelb. In der Nase etwas belegte Frucht wie Kaktusfeige, gelbe Kiwi und ebensolche Pitahaya. Am Gaumen wiederholt sich der Fruchteindruck, die Säure ist moderat, dennoch einigermaßen trinkig, mit Luft kommt noch was nussiges hinzu. Der Abgang ist mittellang, die Frucht wieder recht belegt, der Wein hinterläßt eine leichte gerbstoffbedingte Adstringenz, wieder ein paar Nüsse, die Säure kommt hier etwas freier ’rüber.

Wird mit Luft zwar ein bißchen expressiver, ist mir aber säure- bzw. frischemäßig deutlich zu mild, irgendwie hängt ein großflächiger Schleier über der ganzen Aromatik. Wie sowas die „tre Bicchieri“ des Gambero Rosso abräumen kann, ist mir ein echtes Rätsel; früher -also vor 15 Jahren oder so- konnte ich mich noch ganz gut auf den GR verlassen, mittlerweile habe ich mir das abgewöhnt…

Meine Wertung: Nachkauf 1 von 3, Gesamt 15 von 25

Intermezzo:

zwischen weiß und rot gab’s ein Intermezzo incl. einem kleinen Zwischenmahl, der dazu aus- bzw. eingeschenkte Wein hat durchaus zum Thema gepaßt hat, also kein Bruch in der Abfolge:

Wein C: 2009er Freisa – La Selva di Moirano – secco – Monferrato DOC, Scarpa, Piemonte

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Freisa ist im Piemont autochton, von ihr soll die Sorte Nebbiolo abstammen.

Die Farbe ist granatrot mit leicht bräunlichen Rändern, kaum transparent. In der Nase Pflaume und schwarze Johannisbeere, auch leicht Kirsche und grüne Paprika, kaum Holz vernehmbar. Geschmacklich wenig Tannin, das aber dann recht kantig und deutlich adstringierend. Fruchtseitig hier vor allem die schwarze Johannisbeere, dann Pimentos. Das Holz eher dezent in Form von Vanille und Kokos, dazu eine recht schön balancierte Säure. Der Nachhall hallt schön lang, hier zeigt sich das Holz am deutlichsten, ohne überzuborden, die Frucht ist etwas angeraucht.

Wirkt auf mich wie ein traditionell gemachter Chianti ohne Staub, soweit ganz schön zu trinken, aber ohne Nachkaufreflex für mich.

Meine Wertung: Nachkauf 1 von 3, Gesamt 18 von 25

Drama in rot:

6. Wein: 2016er Bøbal – 6° Elemento – Viño tinto, Sexto Elemento, Valencia

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Bobal ist in Spanien sehr weit verbreitet, im Netz finden sich Zahlen, die bis 100.000 ha Anbaufläche ausweisen.

Im Glas ein blickdichtes Schwarzrot, dichte Machonase mit Dörrpflaume, Vanille und Leder. Am Gaumen kantige Tannine mit deutlicher Adstringenz, Magnesium, dicksaftige herbe Pflaumen und Schwarzkirschen, viel Extraktsüße, der nur eine moderate Säure gegenüber steht, dennoch auf wundersame Weise einigermaßen flüssig. Der Abgang ist recht lang mit viel extraktsüßer Frucht, deutlich pelziges Finale.

Für meinen aktuellen Geschmack ist das zu viel Wein auf einmal; es gibt zwar ab und zu Situationen, zu denen auch mir so ein Macho mal ganz gut paßt, aber nachkaufen werde ich sowas zur Zeit sicher nicht.

Meine Wertung: Nachkauf 1 von 3, Gesamt 18 von 25

7. Wein: 2012er Croatina – Smentià – Colli Tortonesi DOC, Massimo Pastura – Cascina la Ghersa, Piemonte

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Croatina ist eine Rotweinsorte aus den Regionen Piemont und Lombardei.

Die Farbe ist ein leicht bräunliches, dunkles Rubinrot, mäßige Transparenz. Geruchlich ein Beerenpotpurri sowie leicht süßliche Kirschen, dezentes Holz, leicht Eukalyptus, Pinien- und Mandelöl. Am Gaumen wenige, recht weiche Tannine, schöne Säure mit leicht gelb-grünen Zitrusnoten, ansonsten auf der Fruchtseite hier eher rote Pflaumen und unreife Preiselbeeren mit süßem Paprika, Holz gibt’s auch hier in eher geringer Dosierung. Der Abgang ist von ordentlicher Länge, konzentriert sich auf grün-rote Frucht mit animierender Säurestruktur, im Finale ein dezentes, grünes Bitterchen.

Vor allem in der Nase ein recht eigenständiger Roter, erinnert von der Säurestruktur her ein bißchen an mittelburgenländische Blaufränker mit einigen schönen Kanten.

Meine Wertung: Nachkauf 2 von 3, Gesamt 20 von 25

8. Wein: 2016er Il Frappato – Terre Siciliane IGT, Occhipinti, Sicilia

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Frappato gilt als autochton im Südosten Siziliens und soll mit Sangiovese verwandt sein.

Rubinrot im Glas, mittlere Transparenz, für den Riechkolben gibt’s rauchig-specksteinige Frucht, vor allem Kirsche sowie etwas Räucherspeck, dazu angekündigte Säure mit dem weißen Teil einer Zitronenschale. Am Gaumen wenige Tannine, leichte Adstringenz, etwas Limette und Zitrone, daneben sehr frische rote Pflaumen, irgendwann kommt auch ein Limettenbitterchen hoch, garniert mit einem Kräutermix. Der Abgang ist sehr lang, zeigt nochmals schön die kräuterig-frische Frucht mit belebender Säure.

Daß rote Sizilianer mit einer solch frischen Leichtigkeit auftrumpfen, ist mir bis jetzt eher selten passiert, sehr schöner Rotwein für warme Sommerabende.

Meine Wertung: Nachkauf 2 von 3, Gesamt 21 von 25

Epilog:

Im Nachgang gab’s dann noch etwas nicht ganz gewöhnliches:

Wein D: [2017er] [Moscato] mu sca tè – l’indagato – Mosto parzialmente fermentato, Claudio Mariotto, Piemonte

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Dieser Schäumer ist aus Moscato bzw. -wahrscheinlich- Gelbem Muskateller gekeltert, also anders als der Moscato giallo oben nicht autochton, jedenfalls nicht im Piemont; war aber auch „nur“ der Rausschmeißer. Gemäß Heimseite des Guts wurde die Gärung temperaturkontrolliert unterbrochen, um so die nachfolgend beschriebene fruchtsüße Aromatik zu erzielen:

Die Farbe ist ein recht kräftiges Goldgelb, der kernige Blubber ist ziemlich beständig. In der Nase dicht und süß mürbe Äpfel sowie etwas Quitte mit klar angekündigter Fruchtsüße. Am Gaumen dann sehr intensiv Apfel- und Quittensaft, sehr fruchtsüß und prickelig, erschlägt einen aber nicht. Der Abgang ist ziemlich lang und wiederholt den Eindruck vom Gaumen auf intensivste Weise.

Erstaunlicherweise ist diese süße Fruchtbombe für mich kein bißchen belastend, der sicherlich ordentlich vorhandene Zucker ist bei gerade mal 5 Umdrehungen perfekt eingebunden und schabt kein bißchen an den Schleimhäuten. Zu einer bitter-herben Nachspeise kann ich mir das jedenfalls sehr gut vorstellen, war ein wirklich gelungener Abschluß!

Meine Wertung: Nachkauf 2 von 3, Gesamt 19 von 25

Fazit:

Für mich war es eine der schöneren Weinrunden, vor allem auch deshalb, weil wir doch einige Weine am Start hatten, die sehr eigenständig und ohne „déja bu“ daherkamen, den eigenen Weinhorizont konnte wohl jeder von uns ein Stück weit erweitern.

Vielen Dank auch an dieser Stelle an die Gastgeber für die freundlich-entspannte Aufnahme sowie für das sehr passende Catering!

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