…alles im Fluß… – Nachtrag

Als wir bei unserem letzten Südtirol-Aufenthalt auch in der „Enoteca 1000 e un Vino” waren, wurden uns -nachdem der Inhaber realisiert hat, daß wir ein bißchen über dem Durchschnitt nerdig sind- auch noch eine Reihe von Weinchen zum probieren hingestellt, von denen ich letztlich auch welche mitgenommen habe.

Die interessanteste Begegnung war dabei die mit den Weinen vom Ansitz Dolomytos Sacker. Dieses Gut wurde ursprünglich von Prof. Rainer Zierock gegründet, der vor dieser Zeit auch mal mit Elisabetta Foradori verheiratet war und damals anscheinend einen nicht unbedeutenden Einfluß auf die Ausrichtung dieses Guts im nördlichen Trentino genommen hat. Sein eigenes Gut sollte dann der Ort sein, an dem er seine Idee vom perfekten Wein realisieren wollte. Dabei ließ er sich stark von der griechischen Mythologie inspirieren und hat viel von den Prinzipien „Panta rhei“ (alles fließt) und dem „Pentagramm“, welches den Kreislauf von Geist und Leben sowie die 4 Elemente Erde, Feuer, Luft und Wasser symbolisiert, einfließen lassen; es gibt wohl sogar fünfeckige Balkone auf dem Anwesen. Zu allem Überfluß sind auch die Weinkartons als fünfkantige Prismen gestaltet und fassen jeweils 5 Flaschen.

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Neben in Südtirol gängigen Grundsorten baute er auch gut 150 griechische Rebsorten im Mischsatz an und entwarf eigene, 150 l große, zigarrenförmige Eichenholzfässer, in denen seine Weine meist wenigstens zwei Jahre reifen konnten. Der Verkauf interessierte den Freigeist anscheinend weniger und auch sonst soll er das Klischee des „zerstreuten Professors“ ganz gut bedient haben. Jedenfalls fanden sich nach seinem Tod im Jahr 2009 sowie dem einige Jahre späteren Versterben der eigentlichen (buchmäßigen) Eignerin Dr. Margret Hubmann noch eine Menge von Weinen zurück bis zu seinem Erstlings-Jahrgang 2000, allerdings konnte man viele Flaschen bzw. Fässer wohl nicht genau zuordnen, weshalb diese später jahrgangslos auf den Markt gebracht wurden bzw. werden. Dies erfolgt nun durch den Südtiroler Önologen Norbert Marginter, welcher das Weingut im Geiste des Gründers weiterführt und die „Kellerfunde“ nach und nach zum Kauf anbietet. Dabei soll es aber aufgrund des hinterlassenen Kellerchaos so sein, daß zwei gleich gelabelte Flaschen ziemlich unterschiedlich schmecken können. Vielleicht ein bißchen so wie hier. Jetzt aber endlich zum Wein:

[2000er] – [Cuvée] – Dolomytos – Vino da Tavola, Ansitz Dolomytos Sacker, Südtirol

Dies ist einer der Weine, bei denen nach Prof. Zierocks Tod im Nachhinein nicht mehr zweifelsfrei festgestellt werden konnte, aus welchem Jahr er stammt, deshalb die Jahreszahl in Klammern. Jedenfalls befindet sich die Aufschrift „L 2000“ etwas verschämt in einer Ecke auf dem Etikett, beim tatsächlich als 2007er ausgewiesenen Dolomytos findet sich entsprechend die Aufschrift „L 2007“. Das Ganze ist vermutlich eine Cuvée aus Sauvignon blanc, Grauburgunder, Weißburgunder, Grünem Veltliner, Petit Manseng und Riesling sowie über hundert griechischen Rebsorten.

Die Farbe ist ein kräftiges, dunkleres Honiggelb, in der Nase vom Fleck weg satte Honigaromen ohne wesentliche Süße, dahinter überreife Khaki, deutlich angekündigte Säure, ein Hauch Pulpe. Am Gaumen auch erst mal ein zuckerfreies Honigpotpourri, leicht herb, etwas Polystyrol (schwindet mit der Zeit) und Paraffin (nimmt leicht zu), dahinter einiges an dunkeloranger Frucht wie Khaki und Marula. Trotz spürbarer Säure wohl durch die irgendwie plastik- bis wachsartige Polyfrucht auf seltsame Art cremig, aber -auch wenn sich die vorige Beschreibung etwas schräg anhört- auf der absolut angenehmen Seite; mineralischerseits kommt noch etwas Speckstein dazu. Der Nachhall hallt über mehrere Minuten, auch hier diese seltsame, aber hochangenehme Kunststoff-Wachs-Honig-Frucht, gepaart mit der hier am expressivsten ausgebildeten Säure und cremigem Gesteinsmehl.

Sehr sehr eigener Wein mit einigen Aromen, die man eigentlich nicht der angenehmen Seite zuordnen möchte, die hier aber auf wundersame Weise perfekt miteinander harmonieren. Einerseits total neben der Spur, andererseits aber auch nicht freakig, hat irgendwie seine ganz eigene Harmonie. Und fließt völlig ungehemmt…

Meine Wertung: Nachkauf 3 von 3, Gesamt 23 von 25

Nachtrag nach 48 Stunden mit Luft: der Nasenhonig ist nun deutlich dunkler, die Frucht hat sich etwas zurückgezogen und hat an Reife noch zugelegt. Am Gaumen nun auch was ganz leicht marillenliköriges, was die relative Frische dieses opulenten Weins aber nicht beeinträchtigt. Schöne Seitwärtsbewegung auf gleichbleibend hohem Niveau.

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