Weißer Jesus – Relaunch – Nachtrag

Nach fast vier Jahren habe ich jetzt meine letzte Flasche des ehemaligen Weinguts Ankermühle entkorkt, quasi zum 10. Geburtstag des „Jesus“.

2009er Riesling – Jesus – trocken – Rheingauer Landwein, Ankermühle, Rheingau

Der ehemalige Weinmacher des ehemaligen Guts -Joern Goziewski- hat mittlerweile sein eigenes Weingut, das Restaurant Ankermühle ist auch dauerhaft geschlossen bzw. nur noch für vereinzelte „Events“ geöffnet, manche der Weine kann man aber dort noch bestellen. Nicht jedoch diesen Jesus, der eines der früheren Landwein-Riesling-Experimente war und der mir seinerzeit sehr gut geschmeckt hat (was ich nicht von allen Goziewski’schen Experimenten behaupten kann). Mal sehen, wie ein 10-jähriger Jesus heute so schmeckt:

Im Glas ein hyperintensives, ganz leicht trübes Goldgelb, die Nase erreicht zuerst ein Potpurri an sekundären Früchten wie Khaki, Maracuja und Physalis, dazu ein kleiner Blumentopf; mit Sauerstoff entwickeln sich erst etwas Fino-Sherry und dann Torf. Geschmacklich zeigt sich die Frucht sowohl leicht reduktiv, aber auch mit oxidativen Noten, aus dem Holz kommen saures Karamell und grüner Tabak sowie leicht morsches Käferholz, die Säure ist deutlich und wohldosiert, untendrunter schwingt eine Melange aus blauen Steinen und Orangenschalen mit, zwischendrin auch mal Granatapfel sowie rote oder weiße Johannisbeeren. Der Nachhall hallt mit guter Länge, auch hier eine ordentliche Spannung zwischen der Säure und ein paar grüneren Komponenten wie dem Tabak und weißen Johannisbeeren sowie der leichten Würze und den oxidierten Fruchtresten.

Nicht ganz normal, aber auch nicht ganz freakig, reduktiv und oxidativ zugleich, verbindet jugendlich grüne Aromen mit (nicht immer) aufblitzenden Alterungsnoten. Jeder Schluck ist wieder etwas anders, was auf mich entsprechend fesselnd wirkt. Hat an Spannung deutlich zugelegt und würde ich, wenn’s ihn noch gäbe, auf jeden Fall nochmal nachkaufen; großer Spaß (wenn man sich auf Riesling „neben der Spur“ einlassen mag)! In der Hoffnung, daß die fortschreitende Oxidation dem Wein nicht abträglich ist, hab‘ ich was für einen Nachtrag übrig gelassen…

Meine Wertung: Nachkauf 3 von 3, Gesamt 22 von 25

Nachtrag nach 24 Stunden mit Luft: Das Bukett zeigt die Sherry-Noten fast gar nicht mehr, dafür jetzt etwas mehr schwarzteeiges und Anklänge von Maracuja. Geschmacklich haben sich die Gerbstoffe intensiviert, was zu einer ganz leichten Adstringenz führt, hier ebenfalls Schwarztee, ein Hauch Zuckerkulör. Der Rest der gestern gefundenen Aromen ploppt auch hin und wieder auf. Der Abgang ist nun deutlich burgundisch, soweit man das einem Riesling bescheinigen kann, im Finale ein schönes, reduziertes Grapefruit-Limetten-Bitterchen. Sehr schöne Entwicklung auf gleich bleibend hohem Niveau.

Nachfolgend der Text der Verkostung vom 13. Oktober 2015:

Nachdem ich ja schon den grünen und den orangen Jesus aus dem 2011er Jahrgang probiert hatte, habe ich jetzt noch ein paar Flaschen des

2009er Riesling – Jesus – trocken – Rheingauer Landwein, Ankermühle, Rheingau

erstanden, der im Unterschied zu den oben genannten Weinen ein in der Grundfarbe weißes Etikett hat. Es handelt sich hier auch um einen Landwein ohne Prüfnummer. Ob der 2009er nun durch die Prüfung gefallen ist, weil er zu untypisch war oder ob die Ankermühle erst gar nicht versucht hat, hierfür eine Prüfnummer zu bekommen, weiß ich nicht. Der Riesling ist aber auch spontan vergoren und in Barriques ausgebaut worden.

Im Glas zeigt sich der weiße Jesus mit einer recht kräftigen, dunkelgelben Farbe mit Einschlägen ins Orange. Ist irgendwie von der Farbe her zwischen Weiß und Orange angesiedelt, ich würde ihn aber eher in die weiße Schublade schieben, wenn’s denn sein müßte. In der Nase zeigt sich der Riesling nach dem Öffnen mit einer noch deutlich reduktiven Note, etwas nasser Blumentopf begleitet die Fruchtaromen nach Mandarinenzesten, Äpfeln, Quitten, Pampelmusen, dabei fast ein bißchen harzig und hefig, einige Kräuter und ein leichter Sherry-Duft verirren sich ebenfalls in die Nase. Am Gaumen dann ebenfalls der oben genannte Fruchtkorb, jedoch zusätzlich noch ein paar Johannisbeeren sowie auch nussige Noten. Nicht so schwer, wie das Bukett vermuten läßt, dennoch sehr füllig, dabei aber durch die prägnante Riesling-Säure recht frisch. Der weiße Jesus ist absolut trocken und mit einer deutlichen Salzigkeit ausgestattet, die sich auch im langen Abgang angenehm bemerkbar macht. Die 13 Umdrehungen passen gut zum Geschmackseindruck dieses außergewöhnlichen Weins.

Wie erwartet, ist dies kein typischer Rheingau-Riesling, weshalb er ja auch „nur“ ein Landwein ist. Der 2011er „grüne Jesus“ ist zwar meiner Meinung nach auch nicht typisch für das Rheingau, hat aber die erwähnte Nummer dennoch erhalten. Im Gegensatz zum 2011er orangen Jesus. Irgendwie bewegt sich der weiße Jesus zwischen den beiden oben erwähnten Rieslingen aus dem Jahrgang 2011. Nicht ganz orange, aber auch nicht ganz weiß. Ein wirklich außergewöhnlicher Wein, der meiner Meinung nach noch einige weitere Jahre in der Flasche verbleiben kann. Dennoch stelle ich ihn ein klein bißchen hinter die beiden 2011er Varianten, weil diese für mich die konsequenter gemachten Weine sind. Ich habe aber bewußt einiges für eine weitere Verkostung in 2 oder 3 Tagen übrig gelassen. Bis dahin lautet

Meine Wertung: Nachkauf 2 von 3

1. Nachtrag nach 48 Stunden mit Luft: In der Nase zeigt sich der Jesus nunmehr deutlich weniger reduktiv, die Fruchseite ist klarer, aber immer noch eine deutlich hefige Note. Die dezent nussige Holznote hat sich nicht wesentlich verändert. Am Gaumen insgesamt ein bißchen runder, aber das Pampelmusen-Bitterchen hat ein bißchen zugenommen, erinnert fast an Bergamotte. In der Nase ein leichtes Plus, am Gaumen ein leichtes Minus, insgesamt immer noch sehr schön…

2. Nachtrag nach 4 Tagen mit Luft: In der Nase ist der weiße Jesus noch deutlich komplexer geworden, neben einem ganzen Korb aus Zitrusfrüchten jetzt auch Rambutan und Karambole, das hefige Aroma ist nach wie vor vorhanden, die Mineralik eher etwas deutlicher. Am Gaumen nicht so komplex wie in der Nase, die Gerbstoffe belegen die Zunge etwas, man schmeckt hauptsächlich Mandarine, Limette, Tamarinde und etwas Bergamotte. Die Säurestruktur ist unverändert schön, die Mineralik auch hier noch etwas dominanter. Der Abgang hält mittlerweile eine halbe Ewigkeit und betont ebenfalls die mineralische Seite. Die Flasche ist jetzt leer, schade eigentlich…

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2 comments on “Weißer Jesus – Relaunch – Nachtrag

  1. Hallo Erich,
    diesen Jesus kennen ich und hab sogar noch eine Flasche davon im Keller. Deine Beschreibung trifft es ganz gut – ist irgendwie ein Wein „dazwischen“. Für mich wirkt er wie ein Versuch seine Stil zu finden – ganz interessant aber nicht zu 100% geglückt.
    Mich wundert ein wenig, dass Dich das Holz nicht gestört hat. Der 09er Jesus war zumindest vor 2 Jahren noch ein ganz schöner Bieberwein. Ist das jetzt völlig im Hintergrund?
    Vielleicht mach ich die letzte Fasche mal die Tage auf.
    Nachgekauft hab ich zwar bei der Ankermühle nichts mehr, ist aber ein schönes Weingut an einem schönen Ort. Sag gerne mal Bescheid, wenn Du dort bist. Vielleicht treffen wir uns auf einen Schoppen 🙂
    VG Patrik

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    • Hallo Patrik,
      das Holz ist zwar präsent, aber es begleitet mehr, es überdeckt nichts. Es sind auch nicht so sehr die braunwürzigen Aromen, die das Holz beisteuert, sondern eher die Nüsse. Jedenfalls war’s gestern Abend so. Vsl. morgen Abend wird weiter probiert…

      Ich habe das schon mitbekommen, daß die Ankermühle generell ein schöner Ort sein soll und ich habe gestern auch nochmal in der Runde bekundet, daß dies einer der Orte auf meiner imaginären Besuchsliste ist. Am letzten Donnerstag habe ich es immerhin mal bis Gelnhausen geschafft, mußte aber anschließend wieder heim…

      Viele Grüße vom Starnberger See…

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