Timorasso querbeet

Anläßlich einer unserer Blindtasting-Runden vor ein paar Monaten, deren damaliger Gastgeber neben seinem eigentlichen Beruf auch aus Passion mit Weinen aus der Rebsorte Timorasso handelt, kam die Idee auf, mal eine Runde nur mit diesen Weinen zu veranstalten, da die Sorte bei den Teilnehmern kaum bekannt war, aber auf deutliches Interesse stieß. Letzten Freitag war’s dann soweit und wir bekamen einen Querschnitt aus Timorasso-Weinen präsentiert, der die stilistische Bandbreite dieser Weine demonstrieren sollte:

1. Wein: oJ [Timorasso] – Chiaror sul Masso – Vino spumante brut, I Carpini, Piemonte

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Farblich orangegelb bis bronze, feine Perlage mit mittlerer Beständigkeit, in der Nase Nußhörnchen, Backäpfel, auch Abate-Birne, angekündigte Säure. Am Gaumen dann relativ cremig auf die angenehme Art und leicht nussig, das Kernobst wirkt schon leicht fermentiert, weiters gibt’s auch Hefezopf, ein leichtes Blutorangenbitterchen (ohne die Blutorange selbst), die Säure steht der hefig-cremigen Struktur gut entgegen. Der Abgang ist recht lang, dabei cremig-hefig mit sehr schöner Säurestruktur, ein dezentes Magnesium-Bitterchen im Finale.

Sehr schöner, leicht reduktiv-sekundär wirkender Spumante, der trotz deutlicher Hefe-Cremigkeit recht animierend wirkt.

Meine Wertung: Nachkauf 3 von 3, Gesamt 21 von 25

2. Wein: 2016er Timorasso – Quadro – Derthona – Colli Tortonesi DOC, Repetto, Piemonte

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Die Farbe ist ein helleres Goldgelb mit Messingtouch, in der Nase relativ verhalten, leicht hefig, dezent Nußhörnchen mit Birne. Geschmacklich dann hell nussig, etwas Brioche, leicht grüne Holzaromatik, wenig Frucht, am ehesten noch Birnenkompott; auf der Steinseite ein Hauch Schiefer und andere herbe Steine; deutliche, aber elegante Säure und ein markantes Magnesium-Bitterchen. Der ordentliche Abgang bietet behefte Steine mit etwas sekundärer Frucht, dazu eine gute Säurestruktur.

Vielleicht einfach zu jung, aber trotz recht interessanter Aromatik wirkt der Wein auf mich (noch) etwas schwachbrüstig.

Meine Wertung: Nachkauf 1 von 3, Gesamt 18 von 25

3. Wein: 2017er [Timorasso] – Derthona – Vino bianco, Massa, Piemonte

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Im Glas ein helles Messinggelb, für den Riechkolben gibt’s angemostete Kaktusfeige, sekundäre Quitten und Äpfel sowie ein ganz leichtes Honigaroma (Akazie). Am Gaumen dann eine dicht-elegante Frucht, leicht Karamell und Malz, dagegen steht eine recht potente Säure, viele herbe Salze runden das Ganze ab. Der lange Nachhall bietet viel braunes Salz, Waldhonig und als schönen Gegenpart wieder eine deutliche Säure.

Dieser Timorasso ist einerseits recht dicht-elegant, dennoch irgendwie leichtfüßig unterwegs, macht beständig Lust auf mehr.

Meine Wertung: Nachkauf 3 von 3, Gesamt 21 von 25

4. Wein: 2017er Timorasso – Derthona – Colli Tortonesi DOC, La Colombera, Piemonte

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Ein helleres Messinggelb zeigt sich hier, das Bukett bietet dichte überreife Frucht wie Kaktusfeige und Mirabelle, je nach Glas leicht alkoholisch (in der dickbauchigeren Burgunderform, im Gabriel Glas nicht), etwas brauner Kandis. Schmeckt dicht nach sekundärem Steinobst plus etwas Zuckerkulör, eher moderate Säure, dennoch gut flüssig, leichtes Altholzbitterchen. Der recht lange Abgang präsentiert ein leichtes Holzbitterchen mit flaumiger Frucht im Hintergrund.

Soweit bietet dieser Wein eine schöne Balance zwischen Fülle und Trinkfluß, könnte vielleicht noch etwas ausgewogener werden.

Meine Wertung: Nachkauf 2 von 3, Gesamt 19 von 25

5. Wein: 2016er Timorasso – Cavallina – Derthona – Colli Tortonesi DOC, Claudio Mariotto, Piemonte

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Farblich ein leuchtendes Braungelb im Glas, fürs Näschen gibt’s dichte Frucht mit ordentlich Zitruskonzentrat von Orangen, Blutorangen, Kumquat, dahinter auch etwas Physalis, weiters ein Hauch rauchiger Schiefer, Pfeffer und eine ordentliche Salzfracht. Am Gaumen ebenfalls viel Schiefer und gelbes Zitruskonzentrat, weißer Pfeffer, packende Säure mit deutlich saurem Karamell. Sehr langer Abgang, dabei pfeffrig und mit fast beißender Säure.

Erinnert in gewisser Weise an einen dichten Saar-Riesling, hat eine sehr hohe Spannung im Glas, großer Spaß!

Meine Wertung: Nachkauf 3 von 3, Gesamt 22 von 25

6. Wein: 2015er Timorasso – Morasso – Derthona – Colli Tortonesi DOC, Cascina Montagnola, Piemonte

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Hier ein bedeckteres Goldgelb im Glas, in der Nase sehr dichte überreife Früchte wie Pfirsich, Khaki und etwas Physalis, garniert mit unraffiniertem Palmzucker und morschem Holz. Geschmacklich folgt das Ganze dem Bukett, gut austarierte Säure, etwas spürbarer, aber sehr gut eingebundener Allohol, dazu viele Honigaromen wie Thymian / Rosmarin nebst Magnesiumsalzen. Sehr langer Abgang mit überbordendem Extrakt, ganz leicht alloholisch, kraftvolle Säure.

Kraftmeier mit gewissem Charme, macht erstaunlicherweise nicht müde.

Meine Wertung: Nachkauf 2 von 3, Gesamt 20 von 25

7. Wein: 2008er Timorasso – Morasso – Colli Tortonesi DOC, Cascina Montagnola, Piemonte

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Jetzt nochmal der an sich gleiche Wein mit 7 Jahren Reifevorsprung:

Die Farbe ist ein leuchtendes Bernstein, geruchlich gibt’s deutlich gereifte Frucht mit oxidativen und reduktiven Noten, dazu Firn und Naphtalin. Am Gaumen zeigt sich noch deutlich mehr Leben, auch wenn die Frucht schon recht wachsig ist, distinguierte Säure sowie ein ganz dezentes Kiesbett. Der recht lange Abgang ist ebenfalls in erster Linie wachsig-firnig.

Lebt vor allem am Gaumen noch, macht aber den Anschein, daß er wohl nicht mehr besser wird, die Reifenoten sind dabei durchaus angenehm. Schön zu sehen, wie Timorasso altert, würde ich aber für den Preis eher nicht (mehr) einsacken…

Meine Wertung: Nachkauf 1 von 3, Gesamt 18 von 25

8. Wein: [2015er] [Timorasso] – San Leto – Derthona – Vino bianco, Ricci, Piemonte

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Ein dunkles Messing bis Bernstein zeigt sich im Glas, riecht deutlich nach Spekulatius, Datteln, saurem Honig, ebenso saurem Lakritz sowie Verjus. Geschmacklich ganz anders als es der nasale Eindruck erwarten läßt: oxidierte, opulente Frucht wie überreife Physalis, Khaki, Akees, dazu Rosmarinhonig / Büschelblumenhonig, viele weiße Tannine, dabei sehr geschmeidig; eine hintergründige, aber hocheffektive Säure hält im Zusammenspiel mit ein paar herben Salze im Hintergrund alles auf der klar niederviskosen Seite. Der Abgang ist extrem lang, zeigt eine dichte, oxidierte und doch lebendige Frucht mit super Säurestruktur.

Quasi ein Timorasso naturel, aus meiner Sicht ein grandioser Wein der Extreme, liebt man oder haßt man…

Meine Wertung: Nachkauf 3 von 3, Gesamt 23 von 25

9. Wein: 2014er Timorasso – L’imbevibile – Derthona – Colli Tortonesi DOC, Claudio Mariotto, Piemonte

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Von diesem Timorasso gibt es übrigens ausschließlich Magnum-Flaschen.

Die Farbe ist ein leuchtendes Orangegelb, das Bukett zeigt stark gereifte, oxidative Frucht und Pflaumenwein. Letzteren gibt’s auch am Gaumen, dazu oxidierte Khaki, eine belegte, aber wirksame Säure, insgesamt deutlich cremig. Sehr langer Nachhall, auch hier vor allem oxidierte Frucht und etwas Speckstein.

Macht den Eindruck eines vorschnell gealterten Weins, erwacht mit etwas Luft zwar zu mehr Leben, da sich der Fruchtextrakt deutlich entwickelt, dennoch auch angesichts des Magnum-Preises kein Nachkaufkandidat für mich. Würde aus meiner Sicht gut zu einem opulenteren Gang mit hellem Fleisch passen, aber mehr als ein Glas würde ich davon wahrscheinlich gar nicht trinken wollen. Wenn man also entsprechend viele Gläser zu füllen hat, ist dieser Wein durchaus empfehlenswert, aufgrund der begrenzten Einsetzbarkeit für mich aber eher nix.

Meine Wertung: Nachkauf 1 von 3, Gesamt 19 von 25

Im Anschluß gab’s dann noch zwei Vermouth, deren Grundweine jeweils zu 100 % aus Timorasso gekeltert wurden:

10. Flasche: oJ [Timorasso] – Baldino – Vermouth bianco di Torino, Terralba, Piemonte

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Im Glas ein helles Bernstein, geruchlich Kampher, Arzneischrank und Bitterorange. Geschmacklich deutlich Pomeranze mit erheblichem Bitterchen, recht kantiger Extrakt. Der Abgang ist sehr lang und auch sehr bitter.

Ich bin generell nicht so sehr ein Fan von solchen Bitterspirituosen, egal wie viel oder wenig Allohol die nun im Gepäck haben; in diesem Fall sind’s 18 Volt. Ich kann zwar erkennen, daß der Vermouth qualitativ durchaus was zu bieten hat, ist aber einfach generell nicht so mein Fall…

Meine Wertung: Nachkauf 1 von 3

11. Flasche: oJ [Timorasso] – Baldino – Sottobanco – Vermouth rosso, Terralba, Piemonte

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Diese dunkle Vermouth-Variante zeigt sich mit einem torfigen Braun, riecht auch in erster Linie brauner als der „Bianco“, am Gaumen ebenfalls mehr auf der braunen Seite mit Melasse und Karamell, irgendwie „fernetiger“.

Meine Wertung: Nachkauf 1 von 3

Fazit:

Ich habe vor ewigen Zeiten mal im Piemont einen Timorasso probiert und danach versucht, hier in München einen zu bekommen, was mir damals aber nicht gelang, woraufhin ich das Thema aus den Augen verloren habe. Nunmehr gibt es Dank des Engagements unseres Gastgebers eine Bezugsmöglichkeit mit einem umfangreichen Sortiment an Timorassos von gut zwanzig verschiedenen Winzern, die ich sicherlich auch mal nutzen werde. Die Veranstaltung hat sehr schön gezeigt, was man aus dieser recht eigenständigen Sorte alles machen kann, dazu gab es sehr ausführliche und informative Erläuterungen, vielen Dank dafür!

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