Meedels-, Jungs- und Nerd-Champagner

Gestern haben wir nach längerer Zeit mal wieder einen der „Wein-am-Limit-Livestreams“ verfolgt, wobei ich doch längere Zeit mit mir gehadert habe, ob ich nun das kleine oder das große Weinpaket bestellen soll. Denn der dritte Schampus kostet alleine immerhin 139 Euronen und es handelt sich hier nicht um eine Doppelmagnum! Meine bisherige Höchstmarke für selbst bezahlten Wein lag nunmehr über 10 Jahre lang bei 85 Euronen pro Eintel-Flasche und normalerweise kaufe ich blind bzw. ohne tiefergehendes Wissen über das entsprechende Weingut auch nix unprobiert, das über 30 Euronen pro Flasche kostet; ich habe in diesem Fall also gegen einige meiner Grundsätze verstoßen, als ich mir (bzw. uns) dieses große Paket gegönnt habe.

Für die Runde haben sich dann 5 weibliche und nur ein männliches Wesen (ich selbst) gefunden, die bereit waren, soviel Blubberwasser an einem Abend zu vernichten, wobei noch eine Reihe begleitender Köstlichkeiten den Tisch fast überladen haben.

Prolog:

Zu Beginn gab’s aber zum Vorglühen was ganz anderes, wobei ich länger überlegt habe, was den Champagnern keine Konkurrenz macht, qualitativ eine Marke setzt und dennoch nicht das Hauptprogramm gleich in den Schatten stellt. Und aufgrund der weiblichen Übermacht an dem Abend wurde es dann der (bzw. die)

Wein A: 2017er [Cuvée] – Winifred – Rosé – trocken – Landwein Weinland, Gut Oggau, Leithaberg

20191104_161444

welche aus Blaufränkisch und Zweigelt gemacht ist.

Im Glas ein leicht ins pinke gehendes, sehr transparentes, mittelhelles Kirschrot, in der Nase leicht würzig-reduktive Walderdbeeren und helle Kirschen, auch etwas weißer Rauch sowie ein kleiner Schwefel-Stinker. Am Gaumen einige samtige, helle Tannine, ganz leicht adstringierend, etwas weißer Pfeffer, anfangs auch leicht bizzelig, dazu eine schöne herbe, durchaus kräftige, aber nicht dominante Säure, weiters gerbstoffige, leichte, aber doch intensive Frucht mit vielen weihgeräucherten, kalkigen Steinchen. Der Abgang ist frisch und weißrauchig-kantig, sehr lang und reduziert fruchtig mit ein bißchen Schmutz, der mich an den Einlaufbereich einer Papiermaschine erinnert.

Auch dieser Jahrgang präsentiert sich als sehr ernsthafter, aber keineswegs akademischer Rosé, die leicht schmutzigen Kanten verschrecken auch nicht, sondern ernteten breite Zustimmung, obwohl dies alles andere als ein Crowdpleaser ist.

Meine Wertung: Nachkauf 3 von 3, Gesamt 21 von 25

Nachtrag nach 20 Stunden mit Luft: der Schwefel / Basalt hat sich in allen Phasen deutlich vermehrt, was die Kantig- bzw. Freakigkeit signifikant anhebt und die Frucht entsprechend zurückdrängt. Ist in dieser Form für mich nochmal deutlich spannender, ich könnte mir aber vorstellen, daß das nicht alle der gestrigen Gäste auch so sehen würden.

Meine Wertung: Nachkauf 3 von 3, Gesamt 22 von 25

Drama:

Jetzt aber zur Hauptsache:

1. Champagner: (2018er) [Chardonnay] – Blanc de Craie – brut – Champagne [AC], Henri Giraud, Champagne

20191108_151242

Dieser Champagner wurde am 19.06.2018 dégorgiert.

Mittleres Strohgelb mit feiner, im ersten Eindruck mäßige, aber anhaltende Perlage. Riecht nach Apfelhefeknödel mit extra Brioche, dazu gelöschter Kalk, durch eine recht druckvolle Säure sehr frisch am Gaumen, kommt dennoch geschmeidig kalkig daher, die Äpfel wirken distinguiert / reduziert, aber dennoch prägend. Sehr langer, feiner Abgang, schöne Süße-Säure-Balance, nur filigran hefig.

Einerseits intensiver, aber sehr fluffig-erfrischender Champagner ohne den in der Champagne durch die „großen Häuser“ sonst gerne verbreiteten Klebefaktor, blubbert auch sehr fein und quasi nicht abfallend, auch beim Abgang bleiben die Blasen ewig im Rachen kleben.

Meine Wertung: Nachkauf 2 von 3, Gesamt 21 von 25

2. Champagner: (2018er) [Cuvée] – Hommage à François Hémart – brut – Champagne [AC], Henri Giraud, Champagne

20191108_151414

Dies ist eine Cuvée aus 70 % Pinot noir und 30 % Chardonnay, Dégorgement am 20.06.2018.

Die Farbe ist ein dichteres Messing, eher verhaltene, feine, aber sehr beständige Perlage.
In der Nase mürber kalkiger Apfel, im Ansatz auch Granatapfel, etwas Brioche, distinguiert Kalk. Am Gaumen dann roter Bergapfel mit rohem Pizzateig, irgendwann auch etwas reifer Weinbergspfirsich, wieder viel geschmeidiger, schaumiger Kalk, kernige, aber auch versöhnliche Säure mit Limettenanteil, die dem deutlichem Extrakt gut Paroli bietet, der Blubber ist auch hier sehr nachhaltig. Extrem langer Abgang, sehr frisch, perfekte Säurestruktur, kantig-herbe Frucht.

Deutlich gehaltvoller, reifer wirkend und gleichzeitig frischer bzw. spannender als der vorherige Schampus, wirkt eher extra brut als brut. Wurde von der holden Weiblichkeit der Runde im Gegensatz zum ersten Schäumer als „Jungs-Champagner“ eingeordnet, dem konnte ich mich durchaus anschließen.

Meine Wertung: Nachkauf 3 von 3, Gesamt 22 von 25

3. Champagner: (2013er) [Cuvée] – MV13 – Aÿ Grand cru – Fût de Chêne – brut – Champagne [AC], Henri Giraud, Champagne

20191108_151551

Dieser „Multi-Vintage“-Champagner ist eine Cuvée aus 75 % Pinot noir und 25 % Chardonnay, 70 % der Grundweine stammen aus dem Jahr 2013 (deshalb „MV13“), dazu kommen Réserve-Weine (teilweise in der Solera ausgebaut) aus den Jahren 2000, 2002, 2004, 2008, 2009, 2010 und 2012, das Dégorgement fand am 19.03.2019 statt.

Die Farbe ist ein leuchtendes Altgold, deutliche, feine Perlage mit hoher Beständigkeit.
Riecht nach Apfel und Quitte, irgendwann auch ein bißchen Khaki, weiters Hefezopf, feiner Kalk. Schmeckt nach dunklem Apfel- und Quittenkorb, etwas Granatapfel, mit Luft auch wieder leicht Khaki und Maracuja, das Ganze wirkt sowohl leicht oxidativ als auch reduktiv, einige distinguierte Salze aus der Eisenecke mischen mit, leicht gerbstoffig, potente, aber auch geschmeidige Säure, filigrane Hefe, weiße Tannine mit minimaler Adstringenz. Minutenlanger Abgang mit schöner Fe2O3-Mineralik, geniale Säure-Blubber-Struktur.

Zwischendrin dachte ich ein bißchen, daß dieser Champagner auch ganz gut ins Jura passen würde, denn diese Kombination aus Frische und Patina, Oxidation und Reduktivität, mineralischer Kühle und primär-sekundärer Fruchtdichte sorgt für eine Spannung im Glas, die ich eher von den experimentierfreudigen Winzern aus der genannten Ecke kenne. Wurde von den Damen durchaus geachtet, der Liebling war’s aber auf der Seite eher nicht. Für mich ein hochinteressanter Schäumer sehr nahe der Perfektion, der viel Spaß macht, nur halt leider mit einem nicht gerade lächerlichen Preis versehen.

Meine Wertung: Nachkauf 2 von 3, Gesamt 23 von 25

Fazit: ein wirklich sehr schöner Abend mit 3 „Bubbles“, die das geboten haben, wie mir (bzw. uns) die Champagne abseits der weitgehend gemiedenen „Industrie-Ware“ wirklich gefällt; war für mich vor allem auch eine schöne Einstimmung auf eine ausstehende Schaumwein-Probe, an der ich in ein paar Wochen teilnehmen darf und bei der aller Voraussicht nach auch eine Reihe schöner Champagner den Weg in mein Glas finden wird. Das Geld für das Henri Giraud-„DeLuxe“-Paket bzw. insbesondere das für den „MV13“ hat mich nicht gereut, letzteren Wein könnte ich ggf. sogar mal wieder kaufen, dann aber doch eher ausnahmsweise für einen noch nicht näher definierten super-mega-ultra-speziellen Anlaß. Die beiden anderen Flaschen könnten allerdings öfters den Weg zu uns finden, der „Blanc de Craie“ wohl eher zu den Meedels, der „Hommage“ eher zu mir…

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s