…alle Jahre wieder…

…macht eines unserer regelmäßigen Blindtasting-Rundenmitglieder ein etwas aufwendigeres Essen, zu dem natürlich auch ein paar Weinchen gehören. Diesmal hat er sich ausgedacht, daß jeder der geladenen Gäste zu einem Gang einen passenden Wein mitbringt. Das wurde vorher abgestimmt und ich war dann für den Käsegang zuständig. Insgesamt wurden es dann 14 Weine, was die Zahl der Gänge deutlich überstiegen hat, aber es gab dann teils auch mehrere Weine je Gang, um die jeweilige Eignung auszuprobieren und auch zwischendrin ein bißchen was außer der Reihe.

Das Ganze fand bereits Mitte November statt, zur Zeit komme ich aber mit der Bearbeitung der etwas längeren Beiträge leider nur etwas schleppend voran; es steht auch noch mehr in der Pipeline…

Erster Gang: Amuse Gueule

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1. Wein: 2016er Trebbiano Spoletino – delposto – Spoleto DOC, Perticaia, Umbria

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Dunkles Goldgelb mit leicht grünlichem Olivenöl-Schimmer. Riecht nach Linsen mit eben grünem Olivenöl, dazu sehr reduzierte Physalis und leicht Braunwürze. Am Gaumen dann ein ganz eigenes Mundgefühl, welches Assoziationen an Salat mit wiederum grünen Olivenöl, etwas Ziegenkäse und einigen kleinen Fruchtsprengseln weckt, auch ein paar Pinienkerne; super Säurestruktur, etwas nussig belegt. Recht langer Abgang, der den frisch-belegten Eindruck weiter transportiert.

Ganz eigener Charakter, zu dem mir gerade überhaupt kein Pendant einfällt, das „salatige“ hört sich vielleicht krass an, aber der Wein ist im positiven Sinne sehr gefällig. Paßte aus meiner Sicht sehr schön zum „Magendratzerl“, vor allem zu den enthaltenen Linsen von La Réunion.

Meine Wertung: Nachkauf 2 von 3, Gesamt 20 von 25

Zweiter Gang: Misosuppe mit Wildkräutern

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2. Wein: 2016er Scheurebe – Rödelseer Schwanleite – trocken – Erste Lage, Weltner, Franken

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Die Farbe ist ein dunkleres Strohgelb, riecht recht intensiv nach sehr reifen Jostabeeren, gelber Pitahaya und ein paar Kräutern. Geschmacklich dann leicht cremige Frucht, die Säure hält gut gegen den deutlichen gelb-grünen Extrakt, schöne Kräuter- / Gipsunterlage. Recht langer Abgang mit Betonung der recht sekundärig-reifen Frucht, trotz gewisser Eleganz auch kantig-frisch.

Sehr schöne Scheurebe mit zwar leicht cremiger Textur, bleibt aber aufgrund der schönen Säurestruktur klar auf der beschwingten Seite.

Meine Wertung: Nachkauf 2 von 3, Gesamt 20 von 25

3. Wein: 2018er Scheurebe – Ungstein – SP – trocken – Ortswein, Pfeffingen, Pfalz

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Die Farbe ist ein relativ sattes Goldgelb, riecht deutlich extraktsüß mit Khaki und Papaya, auch leicht Zeder und etwas angebratener Kaugummi. Am Gaumen dann recht fruchtbetont mit leichter Maoam-Tendenz (das gelbe), die Säure ist einerseits deutlich, schafft aber keine wirkliche Harmonie, das Holz schwingt hier in Form von getrockneten Shi-Take-Pilzen mit. Der recht lange Abgang ist auch in erster Linie intensiv fruchtig, hier am deutlichsten reduktiv-nussig.

Es könnte sein, daß dieser Wein in ein paar Jahren etwas harmonischer daher kommt, aktuell ist mir noch etwas zu unaufgeräumt, der Fruchtextrakt ist mir zu adipös; kann auch generell dem Jahrgang geschuldet sein, dem ich in D sowieso nicht so viel abgewinnen kann.

Meine Wertung: Nachkauf 1 von 3, Gesamt 17 von 25

Hier paßte insbesondere die Weltner’sche Scheurebe sehr schön zum kräuterlastigen Süppchen.

Dritter Gang: Fregole Sardo nero mit Jakobsmuschel und Pesto

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4. Wein: 2017er Códega do Larinho – Douro DOC, Montes Ermos, Douro

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Ein mittleres Goldgelb im Glas, das Bukett zeigt recht reife Mirabellen mit etwas Honig, am Gaumen auch dicht fruchtig mit leicht honigumhüllter Gelbfrucht, wird durch die Säure trotz des erheblichen, cremebildenden Extrakt auf der frischen Seite gehalten, dazu gibt’s gehauchtes Holz aus der Malzecke. Der Abgang ist sehr lang, auch hier bleibt der Genuß trotz deutlichem Gehalt sehr unangestrengt.

Recht niederviskoser Dickwein, nicht hyperkomplex, aber mit sehr animierender Struktur.

Meine Wertung: Nachkauf 2 von 3, Gesamt 20 von 25

5. Wein: 2016er [Códega do Larinho] – Grande Reseve – Douro DOC, Montes Ermos, Douro

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Im Glas ein sattes Goldgelb, fürs Näschen gibt’s viel reife Gelbfrucht mit Kastanienhonig, ist deutlich lakritzig, dazu vanilliges Holz. Am Gaumen ebenfalls sehr dicht mit hyperreifer Mirabelle und Kaktusfeige, hier eher Lindenbütenhonig; sehr gut dosierte Säure, leicht Eisen(III)oxid, etwas angecremt, die Säure hält die Frucht aber gut auf der fluffigen Seite. Der Abgang hält ewig und ist dick-gelb niederviskos.

Das recht ordentliche Holz ist stark prägend, aber nicht zu vorlaut, die Säure hält alles auf der fluffien Seite; der Wein braucht aber m.E. noch ein paar Jahre, bis Holz und Säure stimmig zueinander gefunden haben.

Meine Wertung: Nachkauf 2 von 3, Gesamt 19 von 25

Der „weiße“ Monte Ermos paßte hier deutlich besser zur Jakobsmuschel, der „schwarze“ war mir ein bißchen „too much“.

Intermezzo 1:

6. Wein: 2016er Cuvée – Monferrato Rosso DOC, Braida, Piemonte

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Dies ist eine Cuvée aus Barbera, Cabernet Sauvignon und Merlot, die Flasche war zum Verkostungszeitpunkt bereits 6 Tage offen.

Die Farbe ist dunkles Granatrot mit violetten Rändern, riecht anfangs ein bißchen nach UHU, dann dicht Pflaumen von frisch bis gedörrt, dezentes Holz mit Vanille und leicht angemoderter Fichte. Schmeckt nach recht frischem Kirschmix, dazu einige samtige Tannine, ebenso samtige, aber auch deutliche Säure, etwas kalkige Steinunterlage. Recht langer Abgang mit Schwarzkirschen und dezenter, aber prägender Holzbegleitung.

Recht schöner, einerseits einfacher, aber auch nicht belangloser Pizzawein mit Anspruch.

Meine Wertung: Nachkauf 1 von 3, Gesamt 18 von 25

Vierter Gang: Rheinischer Sauerbraten mit grünen Bohnen und Selleriepüree

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7. Wein: 2011er Blaufränkisch – Reserve – trocken – Qw, Moric, Leithaberg

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Sehr dunkles Granatrot mit geringer Transparenz, in der Nase verhalten beerig mit angekündigter Herbheit, am Gaumen deutliche Tannine mit leichter Adstringenz, eckige Brombeeren und Schwarzkirschen, leicht vanillig-modriges Holz, super Säure. Der Nachhall hallt ordentlich lang, ist dabei fruchtig-würzig mit etwas Pfeffer.

Hat seit der letzten Verkostung, bei der der Wein bei der gesamten Runde gar nicht gut weg kam, deutlich zugelegt, ist aber nach wie vor irgendwie uncharmant, auch wenn er mit Luft eleganter wird; braucht möglicherweise weitere 4 Jahre…

Meine Wertung: Nachkauf 1 von 3, Gesamt 18 von 25

8. Wein: 2002er [Cuvée] – Grand cru classé de Graves – Pessac-Leognan AC, Chateau Pape Clément, Bordeaux

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Hier haben wir es mit einer Cuvée aus Merlot und Cabernet Sauvignon zu tun, neuere Jahrgänge weisen auch kleine Anteile an Cabernet franc auf, eine genaue Zusammensetzung für den 2002er habe ich leider nicht gefunden.

Farblich ein sehr dunkles Rubinrot mit ganz wenig Braun am Rand, kaum transparent. In der Nase dicht gereifte Pflaume mit Salzkruste, das Holz bietet Karamell und sehr alte Ledertasche. Am Gaumen viel reife, aber nicht zu reife Pflaume, ein Hauch Schattenmorelle, deutliche Salzfracht, sehr gut austarierte Säure, das Holz ist prägend und dezent zugleich mit leicht angekokeltem Karamell und Bakelit sowie etwas Nelke / Vanille. Der Abgang ist recht lang und weich mit samtiger Restfrucht und distinguiertem Holz.

Soweit ich weiß, ist 2002 nicht unbedingt der Hyper-Jahrgang im Bordelais, dieser Wein hier ist aber sehr ausgewogen, nur leicht angereift und mit viel Spaß verbunden.

Meine Wertung: Nachkauf 2 von 3, Gesamt 21 von 25

9. Wein: 2007er Pinot noir – trocken – Qw, Hirschhorner Hof, Pfalz

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Deutlich angebräuntes dunkles Ziegelrot, riecht fortgeschritten gereift nach Walderdbeerkompott mit Waldboden und Fichtenzapfen, süßliches, angemodertes Holz mit Haribo-Lakritz-Konfekt (das braune). Schmeckt nach Fruchtkompott mit morbider Kirsche und ebensolcher roter Pflaume mit Waldboden sowie etwas Pfeifentabak / Vanille, schöne, geschmeidige Säure, aber auch ein deutliches Alu-Bitterchen, welches jedoch mit Luft ein klein bißchen nachläßt. Beim recht langen Abgang macht sich das genannte Metall am deutlichsten bemerkbar und kann den eigentlich schönen, reifen Eindruck nicht ganz unbeeindruckt lassen.

Obwohl aus einer Magnum (trotz der Angabe „750 ml“ auf dem Etikett), ist dieser PN wohl leider schon auf dem absteigenden Ast, zeigt aber noch ganz gut was in ihm steckt(e); der 14er, der dann schon mit „Frank John“ etikettiert ist, hat mir jedenfalls in nicht ganz so alt ausnehmend gut gefallen.

Meine Wertung: Nachkauf 1 von 3, Gesamt 18 von 25

Auch wenn ich kein großer „Bordeauxinger“ bin, hier paßte der Graves wirklich ausnehmend gut zum Braten und hat sich auch vom Selleriepurée nicht unterkriegen lassen. Wäre der Pinot noir noch in besserer Verfassung gewesen, wäre das Rennen vielleicht anders ausgegangen.

Intermezzo 2: Dann gab’s einfach so noch ein paar weitere Rote, um die Lücke bis zum Dessert zu überbrücken:

10. Wein: 2012er [Cuvée] – Quintessence – Ventoux AP, Chateau Pesquié, Rhône

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Dies ist nun eine Cuvée aus Syrah und Grenache.

Die Farbe ist ein sehr dunkles Rubinrot mit praktisch null Transparenz, riecht nach süßer Paprika und Marzemino-Tomate sowie Preiselbeeren, leicht ledrig-schokoladiges Holz. Am Gaumen recht mollige Frucht (rote Pflaume, Preiselbeere), deutliche, süßliche Tannine mit leichter Adstringenz, prägnantes, aber nicht zu aufdringliches Holz mit altem Leder und leicht Kaffee, durchaus schöne Säure. Der Nachhall hallt ordentlich lang und präsentiert in erster Linie die dichte Frucht mit warmer Holzbegleitung.

Dies ist ein an sich ganz schöner molliger Wein, wo’s halt gerade dazu paßt, muß ich aber nicht nachkaufen.

Meine Wertung: Nachkauf 1 von 3, Gesamt 17 von 25

11. Wein: 2014er Rotwein Cuvée – Ruppertsberger [Reiterpfad -] Hofstück – Casamero – trocken – Qw, Josef Köhr, Pfalz

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Noch eine Cuvée, diesmal aus Cabernet Sauvignon und Merlot, wie der Kunstname auf dem Etikett schon andeutet.

Die Farbe ist ein dunkleres Rubinrot mit mittlerer Transparenz, riecht pflaumig-beerig, dazu modriges Holz mit Leder und Ziegenbart (eine Pilzart). Schmeckt recht extraktsüß bis klebrig nach roter Pflaume mit etwas Reneclaude und grüner Mirabelle, eher moderate Säure, süßlicher Extrakt. Der Abgang ist recht lang und leider auch eher süßlich-pappig…

Nicht so meine Kragenweite…

Meine Wertung: Nachkauf 1 von 3, Gesamt 14 von 25

Fünfter Gang: Haselnußeis / geröstete Haselnüsse / Cointreau / Orangenfilets / Valrhone

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12. Wein: oJ [Cuvée] – brut – Crémant de Loire AC, Domaine du Petit Clocher, Loire

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Hierzu wurden 80 % Chardonnay und 20 % Pinot noir verwendet.

Die Farbe ist ein mittleres Goldgelb mit mäßiger Perlage, aber durchaus beständig, riecht etwas verhalten nach mürben Äpfeln mit leichtem Säuredampf, schmeckt nach frischen Äpfeln mit (Ei-)Schaum, praktisch keine Hefe, leicht salzig, schöne animierende Säure. Der Abgang ist von ordentlicher Länge und schön frisch fruchtig mit feiner Säure-Blubber-Struktur.

Das ist nun ein einerseits ganz einfacher, wenn man so will auch eindimensionaler Crémant, macht aber aufgrund seiner gelungenen Süße-Säure-Struktur richtig viel Spaß

Meine Wertung: Nachkauf 2 von 3, Gesamt 18 von 25

Sechster Gang: Käse

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13. Wein: 2011er Scheurebe – Westhofener Morstein – Trockenbeerenauslese – Pw, Seehof, Rheinhessen

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Quasi auch aus einer Magnum, das Etikett dieser TBA weist zwar 0,375 l aus, tatsächlich war dies aber eine Eintel-Flasche.

Farbe: extrem dichtes Bernstein, riecht nach einem opulenten Mix aus kandierten Orangen, Mandarinen und ein paar Kumquats. Am Gaumen extrem konzentrierter Zitrusmix, der viele Zucker wird durch die gar nicht mal so präsente Säure phantastisch in Zaum gehalten, das Zeug läuft einfach richtig gut. Trotz dem erheblichen Extrakt schimmert auch einiges an bläulichkalkigen Steinchen durch. Der Nachhall hallt quasi ewig, die fluffigen, orangen Zitrusaromen bleiben auf hohem Niveau und belasten trotz der immensen Zuckerlast in keinster Weise, man kann sich gut 10 Minuten Zeit zwischen den Schlucken lassen, ohne daß der Geschmack verloren geht.

Diese TBA hatte ich schon mal aus einer richtigen 0,375er Flasche und ich war damals genauso begeistert; kein Grund für mich erkennbar, da bei der damals schon sehr hohen Bewertung zurückzustecken:

Meine Wertung: Nachkauf 3 von 3, Gesamt 24 von 25

Epilog:

14. Wein: 2011er [Chenin blanc] – sec – Montlouis sur Loire AC, Domaine de L’Entre Cœurs, Loire

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Die Farbe ist ein deutliches Goldgelb, in der Nase irgendwie verhaltene und dennoch dichte Frucht wie Khaki und Kaktusfeige mit ein bißchen Nußmehl, schmeckt nach dichter, nussige Frucht, die dennoch etwas wässrig daher kommt, ist leicht cremig und wird durch die gut austarierte Säure gut auf der leichten Seite gehalten. Der Abgang ist relativ lang und repetiert die leicht nussige Frucht recht schön.

Für einen Wein, der vor Ort um die 5 Euronen kostet, bekommt man hier ziemlich viel für’s Geld, auch wenn’s am Gaumen ein paar Schwächen hinsichtlich der „Stoffigkeit“ gibt.

Meine Wertung: Nachkauf 1 von 3, Gesamt 17 von 25

Fazit:

Zu allererst mein Kompliment und Dank an den Koch, der alle Gänge auf hohem Niveau gezaubert hat, allein das Haselnußeis wollte aufgrund technischer Probleme nicht ganz fest werden, das tat dem geschmacklichen Erlebnis aber keinen wesentlichen Abbruch. Die dann doch recht erstaunliche Latte an Weinen paßte im Großen und Ganzen sehr gut, die Tatsache, daß wir teils die Möglichkeit hatten, die Eignung mehrerer Weine zum jeweiligen Gang zu testen, hatte durchaus ihren Reiz.

Hoffentlich gibt’s sowas vergleichbares in einem Jahr wieder…

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