43. Weinrunde in München

Schon vor gut zwei Wochen fand wieder eine Blindtasting-Weinrunde statt, diesmal mit dem Thema „Gereifte Weißweine“, wobei die Maßgabe war, daß die Weine mindestens 5 Jahre alt sein sollten, was bei manchen Sachen zwar allenfalls zu einer leichten Anreifung führt, aber da nicht jeder in dem Kreis der regelmäßigen Teilnehmer übervolle Keller mit alten Sachen hat, wurde diese eher niedrige Hürde gewählt.

Prolog:

Zu Beginn zwei „Opener“ zum Warmwerden, die jedoch auch Themenbezug hatten:

Wein A: 1990er [Cuvée] – Carte d’Or – brut – Champagne [AC], Drappier, Champagne

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Aktuelle, jahrgangslose „Carte d’Or’s“ bestehen aus 75 % Pinot noir, 15 % Chardonnay und 10 % Pinot Meunier, ob das bei diesem Jahrgangsschampus auch so ist, habe ich nicht herausgefunden. Dégorgiert wurde das Ganze übrigens erst im Dezember 2011.

Die Farbe ist ein dunkleres Orangegelb, noch mäßige Perlage mit gewisser Beständigkeit, riecht deutlich gereift nach Waldlaub mit angemosteten Orangen, leicht Brioche. Am Gaumen ebenfalls recht reif-laubig, leicht morbide Säure, mäßig Kalk. Auch der Abgang ist etwas von Endzeitstimmung geprägt.

Durchaus noch nett zu trinken, allerdings meiner Meinung nach schon deutlich auf dem absteigenden Ast.

Meine Wertung: Nachkauf 1 von 3, Gesamt 17 von 25

Wein B: 2005er Riesling – Norheimer Dellchen – [lieblich] – Spätlese – QmP, Dönnhoff, Nahe

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Farblich ein recht sattes Altgold, in der Nase ein ebenso satter, konzentrierter Zitruskorb mit Orange und Minneloaschalen. Am Gaumen wieder eine deutliche orange Zitrusmelange, der Zucker ist zwar relativ gut eingebunden, wirkt aber dennoch etwas „frei“, dementsprechend kommt die Säure „gebremst“ daher, die Mineralik ist hinter der opulenten Frucht nur verschämt zu erkennen. Der Nachhall hallt recht lang, ist dabei süßlich-dicht-zitrisch mit etwas freiem Traubenzucker.

Auch dieser „Dönnhoff“ holt mich nicht endgültig ab, er hat zwar eine super Fruchtaromatik, aber für meinen Geschmack gibt es -mal wieder- Abzüge beim Süße-Säure-Spiel.

Meine Wertung: Nachkauf 1 von 3, Gesamt 19 von 25

Drama:

Jetzt wird’s ernst:

1. Wein: 2008er [Timorasso] – “Stato” – Derthona – Vino bianco, Terralba, Piemonte

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Die Farbe ist ein mattes Altgold, in der Nase erstmal Schwimmbad und Putzlumpen, dahinter Orangensaft, Zitrus- und Apfelmost. Am Gaumen schlanke und doch intensive Tertiärfrucht wie Pfirsich bzw. Nektarine, dazu schmutziger Kalk und Kellertreppenstaub, eine deutliche Säure; trotz aller Intensität zeigt sich ein leichtes Loch am Gaumen. Der Abgang ist relativ lang, präsentiert vor allem dichte Altfrucht, wirkt hier etwas nussig mit leicht Bittermandel, schöne Säurebalance.

Dieser Timorasso ist einerseits recht schön angereift, zeigt aber auch ein paar kleine Schwächen wie das „Altersloch“ am Gaumen mit ein paar „untoten“ Kanten. Wenn Nachkauf, dann für baldige Vernichtung.

Meine Wertung: Nachkauf 2 von 3, Gesamt 19 von 25

2. Wein: 1999er Grüner Veltliner – Rosenberg Feuersbrunn – Reserve – trocken – Qw, Ott, Donauland

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Farblich ein sehr sattes Altgold, in der Nase herb-altgrün-nussig, hyperreife Physalis und Wachs. Am Gaumen auch wachsig-ölig (hier eher Bienenwachs), wenig Frucht, am ehesten etwas Physalis-Konzentrat, dagegen steht eine recht samtige Säure und etwas Speckstein; ist recht dickflüssig, aber doch animierend. Der Abgang ist lang und geschmeidig mit guter Säurestruktur, leichtes, fast grünes Bitterchen, hier kann man noch etwas Pfeffer erkennen, aber auch in grün.

Dieser GV ist in Würde gealtert und zeigt dabei noch keinerlei Schwächen, faszinierend ist die fast etwas widersprüchliche Kombination aus wachsig-öliger Dichte und den flußfördernden grünen Kanten sowie der effektiven Säure.

Meine Wertung: Nachkauf 2 von 3, Gesamt 21 von 25

3. Wein: 2007er [Chardonnay] – Bourgogne AC, Domaine Leflaive, Bourgogne

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Farblich ein dunkles Goldgelb mit leichtem Braunton, in der Nase recht nussig, etwas Nougat, kaum Frucht, dafür ein bißchen Aluminium. Am Gaumen deutlich weniger dicht, als es das Bukett ankündigt, etwas fahrige Säure, grüne Walnuß mit Firn sowie Kapern. Der Abgang ist mittellang, hier kämpft die grüne Säure gegen die etwas ältlich wirkende Frucht.

An diesem Chardonnay paßt leider kaum mehr was zusammen…

Meine Wertung: Nachkauf 1 von 3, Gesamt 14 von 25

4. Wein: 1992er Riesling – Sommerlocher Steinrossel – trocken – Spätlese – QmP, Felix Schuhriemen, Nahe

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Fast bernsteinfarben im Glas, geruchlich gibt’s neben dunkelgelber Dickfrucht auch deutlich Kellertreppe und Blumentopf sowie etwas Paraffin. Am Gaumen dann ein geschmackliches Loch sowie eine recht isoliert dastehende Säure, dahinter eine undifferenzierte Fruchtmelange. Der Abgang zeigt sich dann auch etwas „auseinandergefallen“ mit fahriger Frucht und solitärer Säure.

Einerseits erstaunlich, daß dieser recht einfache Riesling von einem eher unbekannten bzw. unrenommierten Weingut nach nunmehr 27 Jahren immerhin noch unfallfrei trinkbar ist, von einem „Hochgenuß“ sind wir andererseits aber doch ziemlich weit entfernt und ich denke auch nicht, daß das in jüngeren Jahren mal anders war.

Meine Wertung: Nachkauf 1 von 3, Gesamt 14 von 25

Intermezzo:

Wein C: 2009er [Melon de Bourgogne] – Gorges – Muscadet Sèvre et Maine AC, Huchet & Mourat, Loire

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Ein deutliches Goldgelb im Glas, in der Nase samtige Gelbfrucht mit leichter Fichtenholzreife. Schmeckt leicht gerbstoffig, dazu ein kleines, staubiges Bitterchen, etwas Kellertreppe, leicht isolierte Säure. Dann folgt ein einigermaßen langer Abgang mit weißen Tanninen und einem leichten Bitterchen.

Dieser Muscadet hat seine besten Jahre wohl auch schon hinter sich, am meisten Spaß macht noch das Bukett.

Meine Wertung: Nachkauf 1 von 3, Gesamt 16 von 25

weiter geht’s:

5. Wein: 2013er [Cuvée] – Vinho Verde DOC, Quinta da Aveleda, Minho

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Dieser Vinho Verde ist eine Cuvée aus Loureiro und Alvarinho und war schon mal bei einer unserer früheren Weinrunden am Start.

Im Glas ein mittleres Goldgelb, in der Nase gelbe, recht konzentrierte Zitrusfrucht, Tannennadeln und Haarwasser. Schmeckt leicht harzig, dazu grüne Walnuß und ebenso grünliche Restfrucht wie Karambole und deutlich Lorbeer, die Säure ist ordentlich und ein „weiches“ Salzbett gibt’s auch. Der Nachhall hallt gut lang, wieder Harz und Lorbeer, wirkt ziemlich frisch.

Immer noch ein eher einfacher, frisch-würziger Wein, jedoch mit Wiedererkennungswert, der z.B. zu Bacalhau recht gut passen würde, wirkt erstaunlicherweise trotz seiner Einfachheit kaum gealtert. Kann man mit dem entsprechendem Essen schön nebenher wegschlabbern, ist für mich aber immer noch kein Nachkaufkandidat.

Meine Wertung: Nachkauf 1 von 3, Gesamt 16 von 25

6. Wein: 2011er Gemischter Satz – Geyer – trocken – Landwein Weinland, Jörg Bretz, Carnuntum

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Dieser gemischte Satz besteht aus Grüner Veltliner, Welschriesling und Traminer.

Die Farbe ist ein etwas trübes, dunkles Altgold, in der Nase leicht mostig Apfel und Maracuja sowie Schwarztee, weiters auch saurer Honig, etwas Wachs, ein gewisser Großholzeindruck; mit etwas Luft dann auch Roiboos-Tee und saures Karamell. Am Gaumen deutlich reduktiv, wieder Apfel-Maracuja-Most, dann Tee und Blumentopf, ein Hauch Armagnac, dunkles Karamell, Ackerscholle, nasses Leder und weißer Rauch. Der Abgang hat eine sehr schöne Länge, ist dabei wieder mostig-reduktiv-gerbstoffig, wieder Tee und oben d’rauf etwas Jod.

Sehr gut gelungener, etwas schräger „Natur-Österreicher“, wie ich ihn aus dem Carnuntum bislang noch nicht kannte. Sehr vielschichtig und sich dauernd verändernd macht der „Geyer“ ausnehmend viel Spaß!

Meine Wertung: Nachkauf 3 von 3, Gesamt 22 von 25

7. Wein: 1994er Riesling – Kestener Paulinsberg – Auslese – Pw, Günther Steinmetz, Mosel

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Ein sehr dichtes, dunkles Goldgelb zeigt sich im Glas; in der Nase ein dichter, süßlicher Zitruskorb mit Zesten und Spalten von Orange, Ugli, Mandarine, Pampelmuse, leicht herb-bitter anmutend, dazu etwas schieferiges und deutlich angekündigte Säure. Am Gaumen ist der pralle Zitruskorb leicht angebittert, wirkt durch zusätzlich Pomelo und Limette incl. deren Bitterchen etwas grüner als in der Nase; kernige Säure, super eingebundener Zucker, distinguiertes Schieferbett. Der Nachhall hallt sehr lang und ist dabei trotz superdichtem Zitrusmix und nicht wenig (gebundenem) Zucker hochflüssig.

Diese Auslese zeigt trotz ihres Alters von nun 25 Jahren praktisch keine Riesling-Alterungsnoten wie Petrol, Phenol, Wachs, Firnis etc., für mich schon recht nah an einer perfekten Mosel-Auslese.

Meine Wertung: Nachkauf 3 von 3, Gesamt 22 von 25

8. Wein: 2014er Riesling – [Schweigener Sonnenberg – Raedling] – trocken – Qw, Scheu, Pfalz

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Hier ist die Farbe ein helleres Goldgelb; riecht flintig und nach weißem Rauch, die Frucht ist erst etwas indifferent, mit Luft konkretisieren sich einige Zitrusfrüchte, zuvorderst Ugli. Am Gaumen ist die Zitrusfrucht scharf abgegrenzt und eher auf der gelben Seite daheim, dazu gibt’s mürben, eher primären Apfel, jedoch nicht plakativ wirkend; deutliche Säure sowie Kräuter aus der Koriander- und Thymian-Ecke. Dann hallt’s ordentlich lang mit hier etwas gerbstofflastiger Frucht.

Recht geradliniger Riesling, der nichts falsch macht, mit allem ausgestattet, was ein guter Riesling -aus meiner Sicht- so braucht, aber das entscheidende Quäntchen des Besonderen fehlt ihm irgendwie, jedenfalls hat sich’s mir an diesem Abend nicht erschlossen. Hatte aber auch einen schweren Stand nach den vorhergehenden Granaten…

Meine Wertung: Nachkauf 1 von 3, Gesamt 18 von 25

Epilog:

Im Nachgang gab’s dann weitere Weinchen zum langsamen Ausklang:

Wein D: 2005er [Chenin blanc] – Clos de la Bergerie – Savennières Roche-aux-Moines AC, Nicolas Joly, Loire

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Farblich zeigt sich ein sattes Goldgelb, für den Riechkolben gibt’s mit einiger Intensität Kleber, alte Mandeln und Kellertreppe. Am Gaumen gleich recht scharf wirkend, kantige Gelbfrucht, weiters Karamell, Malz und Haselnuß sowie eine eher moderate Säure. Beim längeren Abgang bleiben dann nur die leicht staubige Gelbfrucht mit überforderter Säure übrig.

Auch wenn ich CB grundsätzlich sehr gerne mag und ich recht gespannt auf diesen Wein des französischen BioDyn-Vorreiters war, dieser hier ist selbst mir zu anstrengend bzw. in seiner Kantigkeit too much.

Meine Wertung: Nachkauf 1 von 3, Gesamt 18 von 25

Wein E: 2011er Riesling – Bremmer Calmont – Calidus Mons – [halbtrocken] – Qw, Franzen, Mosel

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Hier zeigt sich ein sattes Goldgelb im Glas, in der Nase intensiv Orangen plus Getriebeöl (SAE 90). Geschmacklich aufgrund einer gewissen Bizzeligkeit deutlich frischer, kantiger, oranger Zitrusextrakt mit Kräutersalz, die Säure arbeitet dennoch eher im Verborgenen, wenn auch mit ganz guter Effizienz; als Unterlage gibt’s in erster Linie lakritzig-karamelliges Holz. Der Abgang ist recht lang, hier aufgrund ausgewogenerer Säure mit schöner Frische ausgestattet, fruchtseitig zeigt sich hier vor allem eine kandierte, herbe Pomelo.

Wenn man es zuläßt, daß die Aromen vor allem am Gaumen ordentlich anecken, ist das hier ein recht schöner, vor allem interessanter Riesling, der auch noch keinerlei Altersschwächen zeigt.

Meine Wertung: Nachkauf 2 von 3, Gesamt 20 von 25

Wein F: 2010er [Cuvée] – Côte-Rôtie AC, Tardieu-Laurent, Rhône

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Bei diesem Wein sind die Sorten Serine und Syrah im Spiel und stammen aus Landonne, Chavaroche, Rozier sowie Les Rochains.

Ein dunkles Rubinrot mit mäßiger Transparenz im Glas, in der Nase deutlich warme Rotbeeren, Holz mit Leder und Tabak, auch Wald. Geschmacklich dann viele dunkle Waldbeeren, herber Kirschanteil, sehr deutliche Säure, leichtes Baumrindenbitterchen, belehmte Steine. Der Abgang ist sehr lang und lebt von der frischen, dichten Rotfrucht.

Einerseits dichter, aber aufgrund der deutlichen Säure auch recht frisch anmutender, fast kühler Dickwein, dennoch aus Gründen meiner persönlichen Vorlieben (bzw. Abneigungen) und in der Folge auch wegen des nicht geringen Preises kein wirklicher Nachkaufkandidat für mich.

Meine Wertung: Nachkauf 1 von 3, Gesamt 19 von 25

Fazit:

Es waren zwar ein paar Weinchen dabei, die aus meiner Sicht ihren Zenit schon mehr oder weniger weit hinter sich haben, aber insgesamt waren doch einige sehr schöne bis herausragende Weinchen dabei, die recht viel Spaß gemacht haben. Vielen Dank natürlich auch an unseren Gastgeber, der ja doch einiges aus seinen Beständen für uns geopfert hat, auch das Catering war ohne Fehl und Tadel! Die nächste Runde wird wahrscheinlich erst wieder in 2020 stattfinden, ich freu‘ mich schon d’rauf!

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