Meedels-Weine 2 – incl. Nachträgen

Am Samstag fand nunmehr die zweite Runde mit dem Thema „Meedels-Weine“ statt, leider aufgrund der gerade herrschenden allgemeinen Verunsicherung mit reduzierter Besetzung…

Zu Beginn gleich drei Flaschen von einem Weingut, alles Ortsweine aus dem gleichen Jahrgang, die wohl auch weitestgehend identisch vinifiziert wurden; daher ergab sich die Möglichkeit, mal die Unterschiede verschiedener Lagen, die sich aus abweichenden Böden, Hangneigungen, Sonneneinstrahlung und und und so ergeben, zu erfahren.

Hinter „Materne & Schmitt“ stehen Rebecca Materne und Janina Schmitt, beide stammen aus Gegenden, die wenig bis gar nichts mit Wein zu tun haben und haben zuerst ganz andere Berufswege eingeschlagen, sich dann durch Zufälle und Umwege dem Thema Wein genähert und sich letztendlich an der Terrassenmosel als Winzer-Kolleginnen niedergelassen.

1. Wein: 2015er Riesling – Lehmener – [trocken] – Qw, Materne & Schmitt, Mosel

20191008_141036

Ein dunkleres Goldgelb im Glas, nasal gibt’s Schiefer mit Mandarinenzesten, dazu leicht Honig. Im Mund dann viel orange, konzentrierte, aber auch feine Zitrusfrucht, Schiefer, satte Säure gegen deutlichen Extrakt; der Abgang ist sehr lang mit schöner Balance zwischen allen Aromen.

Der recht intensive, auch leicht kantige Extrakt steht mit sehr hoher Spannung gegen die kraftvolle Säure und die recht markante Mineralik, ist vor allem mit quasi perfekter Struktur gesegnet, ziemlich gut!

Meine Wertung: Nachkauf 3 von 3, Gesamt 22 von 25

Nachtrag nach 24 Stunden mit Luft: in der Nase nun Flint, Basalt und Schiefer, die Zitrusseite ist zu Limette und Pomeranze hin verschoben. Am Gaumen ist diese noch vielfältiger, auch etwas kantiger, die Säure ist ein bißchen geschmeidiger durch den zusätzlichen Honig, der Schiefer verliert sich ein wenig. Dafür ist der Nachhall nun schier endlos, viel Mandarine, die den Schiefer aber etwas abhängt.

Nach wie vor ein sehr schöner, dichter Riesling mit viel frischem Druck, hat aber doch leicht an Spannung eingebüßt.

Meine Wertung: Nachkauf 3 von 3, Gesamt 21 von 25

2. Wein: 2015er Riesling – Koberner – [trocken] – Qw, Materne & Schmitt, Mosel

20191008_141136

Die Farbe ist ein dunkles Goldgelb, in der Nase Schiefer + Flint sowie Orangen. Gaumenseitig saftige orange Zitrusfrucht, Pfeffer, die Säure ist einerseits deutlich, aber auch ein bißchen in der zweiten Reihe, auch der Schiefer spielt nur in der zweiten Mannschaft, leichtes Bitterorangenbitterchen. Der Abgang weist eine sehr schöne Länge mit Betonung der Zitrusfrucht auf.

Für sich gesehen ein sehr schöner, auch saftiger Moselriesling, steht aber im direkten Vergleich zum obigen Lehmener Kollegen frische- und spannungsseitig klar zurück.

Meine Wertung: Nachkauf 2 von 3, Gesamt 19 von 25

Nachtrag nach 24 h: Nasenmäßig hat der Flint deutlich zugenommen, nun kaum Frucht, am Gaumen hat sich der Fruchtextrakt etwas zurückgezogen, die Säure hat nun erheblich mehr Raum, was der Frische und Spannung gut tut, der Abgang ist nun signifikant schieferlastiger.

Hier tatsächlich ein schöner Schritt nach vorne.

Meine Wertung: Nachkauf 2 von 3, Gesamt 20 von 25

3. Wein: 2015er Riesling – Winninger – [trocken] – Qw, Materne & Schmitt, Mosel

20191008_141219

Im Glas auch hier deutlich goldgelb, riecht deutlich nach Flint + Schiefer sowie feiner Zitrusfrucht plus etwas verhalten Limette; nach ca. 4 Stunden entwickelt sich die Zitrusseite zur dicht grün-orangen Seite mit deutlichem Flint-Coating. Schmeckt dann in erster Linie recht frisch nach Zitrus, die Steine sind hier etwas hintendran, leichte Grapefruit- und Pomeranzen-Bitterchen, auch hier mit ordentlich Luft eine Entwicklung hin zur frischeren und auch kantiger-grüneren Seite. Hallt sehr lang nach, bitterzitruslastig, schöne Säure, auch hier mit Sauerstoffzufuhr deutlicher Frischezuwachs und eine Präzisierung der Schiefermineralik.

Ist spannungsmäßig anfangs zwischen dem Lehmener und dem Koberner angesiedelt, holt dann aber etwas auf.

Meine Wertung: Nachkauf 2 von 3, Gesamt 20 von 25

Nachtrag nach 24 Stunden mit Luft: nasenseitig nun mehr Schiefer als Flint, orange Frucht und Mineralik jetzt ex equo. Gaumenseitig haben Orangen- / Blutorangenspalten die Führung übernommen, die Zitrusbitterchen sind auf dem Rückzug, die Säure ist nach wie vor auf schön hohem Niveau. Auch der Abgang ist nunmehr weitgehend von den Bitterstoffen befreit, die Spannung wird im Wesentlichen von der Säure gehalten, der Schiefer ist vergleichsweise etwas verwässert.

Insgesamt ein leichter Rückschritt, auch wenn die Entwicklung im Ganzen recht interessant ist, wirkt aber nun ein bißchen behäbiger als am ersten Tag.

Meine Wertung: Nachkauf 2 von 3, Gesamt 19 von 25

4. Wein: 2015er Welschriesling – Fürchtegott – trocken – Landwein Weinland, Jutta Ambrositsch, Thermenregion

20200212_101355

Hier mach‘ ich’s mir jetzt mal einfach und klaue einfach das, was die Winzerin über sich selbst auf ihrer Heimseite geschrieben hat:

Im Jahr 2004 entschloss ich mich, meinen Job als Art Direktorin einer Werbeagentur gegen Zeit im Weingarten einzutauschen. Eigentlich recht spontan. Ein Viertel Hektar Riesling war rasch gepachtet, das erfreuliche Ergebnis am Ende des Jahres bestätigte mich in meiner Entscheidung.
Peu à peu wuchs die Fläche auf nunmehr sieben Hektar an – knapp vier in Wien und etwas über drei in Gumpoldskirchen, gepachtet im Vorjahr.
In den Wiener Weingärten auf beiden Seiten der Donau wachsen Grüner Veltliner, Riesling, Gemischter Satz, Chardonnay und Sauvignon blanc, in und rund um das malerische Gumpoldskirchen die autochthonen Raritäten Rotgipfler und Zierfandler sowie Neuburger, Welschriesling, Grüner Veltliner und Pinot noir. Bewirtschaftet wird nach dem Lutte Raisonnée-Prinzip – auf Herbizide, Insektizide und Fungizide wird also verzichtet, Gründüngung mittels Klee, Senfsaat, Ölrettich, Ackerbohnen etc. findet in allen Weingärten statt.
An 10 bis 14 Wochenenden im Jahr öffne ich darüber hinaus meine radikal pure und gänzlich unverfälschte „Buschenschank In Residence“ in der Himmelstraße 7 in Grinzing – ein von zahlreichen Stammgästen regelmäßig besuchtes Manifest gegen den oft so unerfreulichen Heurigen-Mainstream dieses einst weltberühmten Weindorfes am Wiener Stadtrand. Artgerecht und ressourcenschonend hergestellte Produkte befreundeter Kleinproduzenten von rarer Güte begleiten dann meine Weine in einer Atmosphäre, die wie dafür erfunden erscheint. Und wenn an manchen Abenden dann Walther Soyka mit seinem Knopfakkordeon vorbei kommt, sich unter den Nussbaum setzt und ganz leise melancholische Lieder spielt, dann wird es irgendwie magisch.

Aber nun zur Praxis, wie oben beschrieben, kommt unser schwefel(zusatz)freies Fläschchen nicht direkt aus Wien, sondern etwas südlicher aus der Thermenregion, genauer aus Gumpoldskirchen:

Deutlich goldgelb, dabei ganz leicht trüb im Glas. In der Nase Palmin, leicht schwefelig, Speckstein, auch etwas Basalt, quasi fruchtfrei, später auch Curcuma. Am Gaumen dann komplett anders, leicht „weiße“ Kirsche, gepudert mit Basalt und Tuffstein, deutlich gerbstoffig, zeitweise etwas verbranntes Bakelit, frisch-kantige Säure, leicht Vanille, auch kräuterig in Richtung Oregano. Abgangsmäßig sehr lang, griffig braunwürzig auf die frisch-beschwingte Art trotz deutlichem Gerbstoffeinfluß.

Klasse WR mit klarer Naturtendenz ohne Freakcharakter, hohe Spannung durch Säure-Kräuter-Spiel, für mich der spannendste Wein des Abends!

Meine Wertung: Nachkauf 3 von 3, Gesamt 23 von 25

1. Nachtrag nach 24 Stunden mit Luft: das Bukett ist kaum verändert, vielleicht noch ein bißchen mineralischer. Am Gaumen dann doch einigermaßen anders, die Frucht kommt jetzt eher als recht eingedickte weiße Johannisbeere daher, etwas Rambutan noch und sowas wie weiße Maracuja, wieder viel Gerbstoff, Tuff- und Speckstein, weißer Tee, etwas zuckerarmes, herbes Karamell bzw. weißes Malz, belegte Säure. Der ellenlange Abgang ist sehr gerbstoffig flaumig, nun eher weißwürzig, dabei dennoch sehr animierend.

Ich weiß nicht, ob das jemand mit den ganzen „weißen“ Aromen nachvollziehen kann, ist irgendwie wie die deren „zentrale Essenz“, sehr eigen! Höchst interessante Entwicklung auf gleichbleibendem Niveau.

2. Nachtrag nach 72 Stunden mit Luft: nasenseitig jetzt einiges an reduktiver Frucht in Form von sehr reifen Mirabellen und gelben Pflaumen, Flint und Basalt nun als Beigabe. Schmeckt etwas süßlicher, wobei einiges dieses Eindrucks dem nun vorhandenen Lakritzanteil zuzuschreiben ist, wobei die erstarkte Säure für gesteigerte Frische sorgt; das Ganze kommt auf einem leicht pelzigen Gerbstoffbett daher, zwischendrin wieder weißer Tee und auch leicht grünlich-frisches Apfelmus. Der Abgang hat sich ebenfalls in die etwas frischere Richtung entwickelt.

Noch immer keine Schwäche auszumachen, sehr schöne Entwicklung zur geschmeidig-frischen Seite hin, heute quasi ein Naturwein in Abendrobe.

3. Nachtrag nach 7 Tagen mit Luft: nun sind im Riechkolben Flint und pastöser Schwefel ganz vorne d’ran, die Frucht ist allenfalls zu erahnen. Am Gaumen stark geschwefelte Frucht wie getrocknete Apfelringe, Aprikosenschnitze und Physalis, dazu braune, malzige Bitterchen (ein bißchen wie „Bärendreck“), die Säure ist nun etwas geschmeidiger unterwegs, herbes, leicht teeriges Mineralbett. Der sehr lange Abgang lebt nun in erster Linie von seinen leicht bitteren Lakritznoten, die Niederviskosität bleibt aber gewahrt.

Immer noch ein superspannender Wein, der noch nicht daran denkt, den Druck aus dem Kessel zu lassen, hat nunmehr eine sehr abwechslungsreiche und aus meiner Sicht auch höchst erstaunliche Reise hinter sich! Wertungsmäßig gibt’s keine Änderung…

5. Wein: 2013er Pinot bianco – Kastelaz – Alto Adige DOC, Elena Walch, Südtirol

20200311_143522

Elena Walch ist seit 1985 verantwortliche Winzerin im eigenen Weingut in Südtirol, das sie gegründet hat, nachdem die ursprünglich selbständige Archtektin den Südtiroler Winzer Wilhelm Walch heiratete. Dessen heute noch immer existierendes Gut stellt eher Massenweine her, Elena Walch wollte aber an die qualitative Spitze, was sie in relativ kurzer Zeit auch geschafft hat. Heute ist ihr Name bei den Weinnerds durchaus bekannter als der ihres Ehemanns. Auch in Zukunft wird die Weinverantwortung in diesem Haus wohl weiblich bleiben, Elena Walchs Töchter Julia und Karoline treten mehr und mehr in ihre Fußstapfen.

Hier ein dunkleres Messing im Glas, nasenseitig dachte ich erst an leichten Kork, ist aber einfach stark braunwürzig in Richtung Koriandersaat und Beifuß sowie einer anfangs sehr breiten Kellertreppe. Am Gaumen kaum noch Frucht, Würze wie oben beschrieben, etwas Pfeffer, gut moderierende Säure, „scharfes“ Steinbett, in Kombination mit Sanglé (ein französischer Weichkäse aus der Region Haut-Doubs) auch deutliche Honignoten. Der Nachhall hallt mit ordentlicher Länge, dazu eine morbide Säure-Mineralik-Struktur, gerade noch schön zu trinken, wenn man auch mit Altweinstilistiken kein Problem hat, baut aber leider schon klar ab.

Meine Wertung: Nachkauf 1 von 3, Gesamt 17 von 25

6. Wein: 2017er [Gamay] – Les Cocottes – Fleurie AC, Anne-Sophie Dubois, Beaujolais

20200314_110228

Anne-Sophie Dubois kommt ursprünglich aus der Champagne, erlernte das Weinwesen aber im Burgund. Allerdings ist es dort aufgrund der Preise für selbst zweit- und drittklassige Lagen für Neueinsteiger kaum möglich, den Aufbau eines eigenen Weinguts zu stemmen, wenn kein erheblicher finanzieller Background da ist. So wurde sie dann im Beaujolais fündig, wo sie heute in und um Fleurie 8 ha Weingärten biologisch bewirtschaftet, wobei viele ihrer Rebstöcke ein deutliches Alter aufweisen, manche zählen über 60 Jahre. Dieser Werdegang führte dazu, daß die Winzerin heute Gamays produziert, denen eine deutliche stilistische Verwandtschaft zur Cote d’Or nachgesagt wird.

Der Gamay zeigt sich mit mittlerem Granatrot, ganz leicht trüb, mittlere Transparenz. Riecht nach etwas sekundärer Kirsche, dazu Heftpflaster, Beifuß, etwas Speckstein, später auch Schnupftabak. Schmeckt nach saftig-herber Kirsche, deutliche, aber nicht aufdringliche Süße, gute Säurestruktur, herb-bittere Steinunterlage, dann ein extrem langer und durchaus etwas warmer Abgang, leicht Teeröl.

Wirkt auf mich weniger burgundisch, hat eher was von einem Poulsard aus dem Jura, was ja auch nix schlechtes ist. Muß ich aber trotz Spaß im Glas nicht unbedingt nachkaufen.

Meine Wertung: Nachkauf 1 von 3, Gesamt 18 von 25

1. Nachtrag nach 48 Stunden mit Luft: das Heftpflaster ist völlig verschwunden, die Kirschen sind jetzt eher Schattenmorellen mit leichter Großholzaromatik. Am Gaumen nicht mehr ganz so saftig, deswegen aber nicht „dünner“, der Kirschkorb mit Schwarzkirschen und den o.g. Morellen aus dem Schatten ist deutlich ernsthafter, hier nun ein klarer Holzhintergrund mit etwas Nelke, Eichenspänen, Pfifferlingen und einem Hauch dunklem Karamell, die Säure-Extrakt-Balance ist erheblich runder geworden. Der Nachhall hallt immer noch ewig, wieder eine gewisse Wärme, nun aber eher von Holz als von Teeröl unterstützt.

Heute trifft das mit dem „burgundischen Gamay“ schon sehr viel mehr zu, der Wein füllt sogar meine großen Sophienwald-Töpfe souverän aus; mittlerweile ist ein Nachkauf durchaus denkbar!

Meine Wertung: Nachkauf 2 von 3, Gesamt 20 von 25

2. Nachtrag nach 5 Tagen mit Luft: Der Wald ist jetzt auch beim Bukett angekommen, eher dezent, aber doch prägend, am Gaumen keine grundsätzliche Änderung hinsichtlich der Einzelaromen gegenüber dem ersten Nachtrag, allerdings ist nun alles nochmal mehr verwoben, was die Eleganz und Geschmeidigkeit etwas steigert, allerdings die Kanten naturgemäß ein bißchen abrundet. Immer noch keinerlei Schwäche erkennbar!

3. Nachtrag nach 6 Tagen mit Luft: in der Nase wieder etwas mehr Wald, immer noch nicht übertrieben, weiters als neue Frucht etwas Zwetschge ohne jeglichen Kompottcharakter. Am Gaumen eine ähnliche Entwicklung, Leichtigkeit und angereift wirkende Ernsthaftigkeit gehen Hand in Hand, auch der lange, durchaus burgundisch zu nennende Abgang macht weiterhin Spaß ohne jegliche Abbautendenzen.

Das Zeuch steht immer noch wie eine Eins im Glas, leider war’s das jetzt mit der Flasche…

7. Wein: 2017er [Negramoll] – Sin Titulo. NG. – Vino Experimental – Vino de Isla – La Palma DO, Victoria E. Torres Pecis, Islas Canarias

20191008_135644

Victoria E. Torres Pecis leitet seit 2010 das 1885 als Matias i Torres gegründete Familienweingut in der 5. Generation und versucht, das vulkanische Terroir ihrer Weinberge besonders zu betonen, weshalb sie auch recht experimentierfreudig ist, wie die Benamselung dieses Weins auch belegt. Das birgt zwar die Gefahr, daß auch mal was daneben geht, aber „no risk, no fun“! Zum verkosteten Wein hab‘ ich von der Händlerseite folgendes geklaut:

Der „Ohne Titel“ kann von Jahr zu Jahr variieren und ist Victorias Baby. Er soll die Vielschichtigkeit und klimatischen Unterschiede der Insel La Palma vereinen. Victoria möchte durch die Gegensätze Spannung und gleichzeitig einen Dialog erzeugen. Dieses Jahr ist es die rote Negramoll, die aus verschiedenen Weingärten im Süden und Norden der Insel stammt. Die erste im August gelesene Parzelle im Süden stammt aus „Mazo Zone“, die auf 350 Meter Meereshöhe liegt. Die zweite und zuletzt geerntete Parzelle liegt auf 1400 Meter im geologisch älteren Norden und wird im Oktober gelesen. Spontan in offenen Gebinden, teilweise mit Stielen und Stengeln vergoren, dann neunmonatige Lagerung in gebrauchten, amerikanischen 500 Liter Fässern. Die spätgelesene Partie wurde komplett entrappt und im Stahltank ausgebaut. Zuletzt wurden die beiden Weine geblendet, unfilitriert und ungeschönt abgefüllt.

Fürs Auge gibt’s ein recht dunkles Ziegelrot mit deutlicher Transparenz. Für den Riechkolben dann leicht Flint, geröstete Kirsche und vor allem anfangs auch leicht UHU. Am Gaumen eine unerwartet deutliche Extraktsüße aus Schattenmorellen und herben Preiselbeeren, die aber wunderbar integriert ist, sehr gut moderierende, herb-bittere Säure, leicht scharfe Würze, ein bißchen wie Worchester-Sauce wirkend. Sehr langer Abgang der süßlich-bitteren Art mit leicht grünem Schnupftabak,

Interessanter Vulkanwein mit deutlicher herb-scharfer Süße, ganz eigen, trotz des deutlichen Extrakts kein Stück breit, sondern hochanimierend.

Meine Wertung: Nachkauf 2 von 3, Gesamt 21 von 25

1. Nachtrag nach 72 Stunden mit Luft: in der Nase nun anfangs ein klein bißchen mehr Kleber, schrumpft aber mit Geschwenke auf ein animierendes Maß zusammen. Am Gaumen gehen UHU und Frucht eine innigere Verbindung ein, die scharfe Würze kommt mit einem Hauch angebranntem Chili daher, sehr schöne Säure-Extrakt-Balance, wirkt nun deutlich kräutersalzig. Der kaum abflauende Nachhall wirkt warm und etwas kantig, wobei die organischen Noten die Grenze zum Unangenehmen auch nicht annähernd antasten und sich dennoch überdeutlich bemerkbar machen.

Souveräne Seitwärtsentwicklung, immer noch frech-kantig-fordernd, auch wenn ein paar kleine Schmeicheleinheiten dazu gekommen sind.

2. Nachtrag nach 7 Tagen mit Luft: nasenmäßig nun absolut kleberfrei, gerbstoffige, staubige, deutlich sekundäre Kirschen, geschmacksmäßig ist die frisch-sekundäre Kirsche plus rote Pflaume auch mit leicht rauchigen Gerbstoffen umwabert, die nach wie vor gut strukturierte Säure wirkt jetzt recht flauschig, schöne dezente Großholzaromatik, die etwas zur Berghütte hin schaut. Der Abgang ist hochfluffig, hier meint man, der Wein sei nun einfach um gut 5 bis 10 Jahre in sehr vorteilhafter Weise gealtert.

Die Kanten sind jetzt komplett wegoxidiert, was ihn recht geschmeidig macht, wird dadurch aber nicht uniform. Zeigt auch nach einer Woche keine Schwäche, dennoch kleiner Punktabzug wegen der mittlerweile signifikant geringeren Spannung.

Meine Wertung: Nachkauf 2 von 3, Gesamt 20 von 25

8. Wein: 2015er [Pinot noir] – Côte de Nuits-Village AP, Domaine Naudin-Ferrand, Bourgogne

20200315_121430

Von diesem Weingut, welches von Claire Naudin geleitet wird, hatten wir nicht nur in „Meedels 1“ schon was im Glas, allerdings waren das allesamt Weine mit einem ganz anderen Etikettenstil, weshalb ich bei dieser mitgebrachten Flasche erst etwas gestutzt habe. Tatsächlich ist es wohl so, daß die Etiketten mit diesem traditionellen Design auf denjenigen Flaschen kleben, deren Inhalt auch dem traditionellen Stil des Hauses entspricht, während diejenigen, die mit dem Namenszug „Claire Naudin“ versehen sind und meist Beinamen in Form der zoologisch-lateinischen Namen von verschiedenen Pflanzen tragen, die ganz persönliche Handschrift der Winzerin wiederspiegeln sollen. Also mal sehen, was die Tradition bei Naudin-Ferrand so hergibt:

Farblich ein mittleres Kirschrot mit ebenso mittlerer Transparenz, in der Nase recht sekundäre Kirsche im Wald mit Pilzragout, modrigem Holz, mit Luft auch ein paar Trüffel. Gaumenseitig dann wunderbar ankompottierte Kirsche ohne wirklichen Kompottcharakter, wieder viel Laub, schöne lebendige, aber nicht mehr jugendliche Säure, bei allem Gehalt dennoch fast filigran wirkend. Der Nachhall hallt mit super Länge, auch hier viel Wald mit Pilzen, super Säurestruktur, welche trotzdem einige Eleganz zuläßt.

Dieser PN ist anscheinend gerade im Übergang von der Frucht- zur Sekundärphase, jedoch ohne dabei verschlossen zu wirken, wunderbar dicht und vielschichtig. Gegenüber dem oben verlinkten „Claire Naudin“-Pinot ist dieser hier jedoch tatsächlich etwas gefälliger bzw. kantenloser, jedoch ohne dabei langweilig zu wirken.

Meine Wertung: Nachkauf 2 von 3, Gesamt 21 von 25

1. Nachtrag nach 48 Stunden mit Luft: der Wald ist etwas dichter geworden, süßlicher Schnupftabak ist erkennbar, ein Hauch Menthol, die Kirschen sind etwas weiter zerfallen ohne dabei ins allzu kompottige abzugleiten. Am Gaumen ist der Wald dagegen etwas geschrumpft, der PN wirkt nun fast frischer und jugendlicher als am ersten Tag, es tut sich jedoch kein „Oxidationsloch“ auf. Der Abgang offenbart eine schöne Pilz-Tabak-Melange mit mehrminütiger Länge.

Schöne Entwicklung ohne aufkommende Schwächen auf gleichbleibend hohem Niveau!

2. Nachtrag nach 7 Tagen mit Luft: riecht nun deutlich gealtert mit reichlich sekundären Schwarzkirschen, leicht ankompottiert sowie mit ein bißchen verlebter Holzhütte versehen, leicht morbide Säure. Der Abgang ist von ordentlicher Länge und zeigt einen in Würde gealterten Pinot noir, der zwar keine wirklichen Schwächen zeigt, seine besten Zeiten aber doch schon klar hinter sich hat. Heute nur noch

Meine Wertung: Nachkauf 1 von 3, Gesamt 18 von 25

9. Wein: 2015er [Cuvée] – Médoc AC, Château Croix de Mai, Bordeaux

20200315_123509

Dieses Weingut aus Bégadan an der Gironde wird von Cécile Reich-Courrian geleitet. Sie hat einige Jahre bei einem Weingut im Pauillac im Marketing gearbeitet, bis sich 2010 die Gelegenheit bot, eine kleine Parzelle mit 1,76 ha Größe zu kaufen, die in unmittelbarer Nachbarschaft zum Château l’Argenteyre liegt, in dem wiederum ihr Mann arbeitet. Das durchschnittliche Alter der Rebstöcke beträgt 55 Jahre, der Merlotanteil liegt bei ca. 90 %, der Rest verteilt sich auf Petit Verdot und Malbec.

Ein sehr dunkles Kirschrot im Glas, dabei kaum transparent. Fürs Näschen gibt’s saftige dunkle Frucht mit Brombeere und dunkelroter Pflaume, distinguiertes Holz mit leicht grünlichem Tabak und etwas verschwitztem Lederkragen. Am Gaumen dichte rote, schmatzige Frucht, aber nicht zu üppig, deutliche Tanninstruktur mit stark abgeschliffenen Ecken, moderate, aber durchaus passende Säure, ein paar grüne, frischefördernde Komponenten, steinseitig ein bißchen was herb-bitterlich seifiges. Recht langer Abgang, herb-bittere Frucht der schönen Art, trotz aller Dichte noch ganz gut belebend.

Merlots bzw. merlotlastige Cuvées sind ja nicht unbedingt meine Baustelle, aber hier haben wir zugegebenermaßen eine sehr gut gelöste Aufgabenstellung im Glas; werde ich zwar kaum nachkaufen, machte aber dennoch deutlich Freude!

Meine Wertung: Nachkauf 1 von 3, Gesamt 19 von 25

1. Nachtrag nach 96 Stunden mit Luft: riecht recht satt merlotig nach frischen Dörrpflaumen (sic!) und Brombeeren, dazu gleichberechtigt Holz mit Vanille und süßer Schnupftabak sowie etwas Holzteer. Am Gaumen ist die Frucht weniger viskos als angekündigt, die Tannine haben sich weiter besänftigt, es taucht aber ein leichtes metallisch-braunes Bitterchen auf; das Holz ist weiterhin relativ dezent, der Tabak nicht mehr grün, Säure paßt auch noch. Der Abgang hat dagegen seine Bitternoten komplett verloren, die grünen Aromenfetzen sind auch weg, wirkt jetzt recht elegant.

Ist insgesamt harmonischer geworden, was für manchen sicher ein Schritt nach vorne ist, allerdings hat der Wein etwas Spannung verloren, also insgesamt für mich ein Beharren auf gleichem, durchaus schönem Niveau.

2. Nachtrag nach 7 Tagen mit Luft: nasal saftige, angereifte Brombeer- / Pflaumennase, Baumschwamm, Koriandersaat und Ziegenbart (also der Pilz), palatal eigentlich genauso plus einige supersamtige Tannine, Schmeichelsäure, ein paar herb-seifige Steinchen. Ziemlich langer Abgang, wieder satt saftig ohne vordergründige Fruchtigkeit.

Immer noch voll auf der Höhe; wenn schon Merlot, dann gerne so; auch wenn ich immer noch nicht an Nachkauf denke…

Meine Wertung: Nachkauf 1 von 3, Gesamt 20 von 25

10. Wein: [2012er] [Timorasso] – Morassino – Vino Bianco, Cascina Montagnola, Piemonte

20200115_164830

Donatella Giannotti entstammt nicht einem Traditionsbetrieb oder ist dort eingestiegen, sie hat sich mit ihrem Mann Bruno irgendwann entschieden, neben ihrem Beruf in der Versicherungsbranche ein eigenes Weingut zu gründen. Ende der 80er Jahre konnte sie einen Familienbetrieb mit teils sehr alten Rebanlagen übernehmen, seit 1997 produziert sie tatsächlich ihre eigenen Weine, anfangs gerade mal auf einem Hektar Fläche, heute sind es ca. 10 ha.

Im Glas ein schönes Altgold, für den Riechkolben gibt’s grüne Walnuß, die nicht wirklich grün ist, stark reduzierte dichte Gelbfrucht sowie etwas Koriandersaat. Am Gaumen ölige, reduktive Frucht aus der Physalis-Ecke, auch gedörrte Reneclaude, deutliche Extraktsüße, aber kein gefühlter Restzucker, wahrscheinlich technisch nach deutschen Maßstäben sogar trocken, gut austarierte Säure, ein paar braune Kräuter. Der Abgang hat eine schöne Länge und lebt von der herben Extraktsüße mit leichter Kräuterunterstützung.

Irgendwie schon interessant, aber kein wirklicher Süßwein im deutschen Sinne. Paßte zwar super zur Schokoladentarte, muß ich aber angesichts der Auslesealternativen aus D nicht unbedingt nachkaufen.

Meine Wertung: Nachkauf 1 von 3, Gesamt 19 von 25

Nachtrag nach 18 Stunden mit Luft: in der Nase nun auch fermentierte Tabakblätter, dafür etwas weniger Walnuß, am Gaumen außer einer leichten Extraktsüßeintensivierung keine wesentliche Änderung, auch der Abgang wirkt etwas intensiver, was die herb-süße Seite angeht; wertungsmäßig keine Änderung.

Fazit: trotz der etwas kleiner als geplant ausgefallenen Runde, haben wir mit hohem Spaßfaktor doch ein ganz gutes Pensum an „Meedels-Weinen“ geschafft; es kam -natürlich- heraus, daß sich die Winzerinnen keineswegs vor ihren männlichen Kollegen verstecken müssen. Vorteil an der Situation (für mich) war bzw. ist, daß von jedem Wein genügend übrig blieb, um nochmal mit Luft nachzuverkosten; ist übrigens immer noch was da, ggf. gibt’s weitere Nachträge. Da ja nicht alle kommen konnten bzw. wollten, die sich ursprünglich dafür interessiert haben: ich hab‘ immer noch genügend Meedels-Sachen im Keller, um in möglichst näherer Zukunft auch noch „Meedels 3“ zu veranstalten…

2 comments on “Meedels-Weine 2 – incl. Nachträgen

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s