Hühnerberg online – Nachtrag

Aufgrund der aktuellen Situation explodieren gerade die Angebote von Winzern und Händlern bezüglich Online-Verkostungen, um den Absatz ihrer Weinchen anzukurbeln. Aufgrund der Tatsache, daß ich ja als alter Prepper ( 😉 ) schon seit Jahren für diesen Fall vorgebeugt habe und somit über einen gut gefüllten Keller verfüge, nehme ich diese Angebote nicht im Übermaß an, aber ein klein bißchen was hat mich dann schon interessiert. Ich bin bisher nur auf zwei Pandemie-Angebote eingegangen, eins davon war die „Große Hühnerbergvertikale“ von Martin Müllen, zu der die eigentliche Verkostung erst morgen stattfindet (die da verkosteten Weine findet man hier). Eine „kleine“ gibt’s auch, die Online-Verkostung dazu fand heute statt (an der ich als Nicht-FB’ler nicht aktiv teilgenommen habe, hab’s mir nur teilweise über Youtube ansehen können) und zwei der da geöffneten Weine waren auch in meinem Paket enthalten:

1. Wein: 2018er Riesling – Trarbacher Hühnerberg– trocken – Kabinett*  – Pw, Martin Müllen, Mosel

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Im Glas recht helles Goldgelb, ganz leichte Bläschenbildung, riecht erst mal recht verhalten, dann nach und nach hellgelbe Frucht mit Kaktusfeige und nicht ganz reifer Mirabelle, ein Hauch grünes Maoam, welches sich mit Luft noch weiter dezimiert. Am Gaumen kommt noch einiges an eleganter Zitronenschale und milder Pampelmuse dazu, den Kaugummi gibt’s hier nicht; die Säure ist deutlich, aber recht fluffig, dazu ein Hauch Blumentopf und eher distinguierter Schiefer. Der Abgang hat eine schöne Länge, hier wirkt die Frucht am frischesten bzw. der gelbe Zitrusanteil ist am höchsten, auch hier eine recht potente Säure, wirkt aber gar nicht angriffslustig, sondern wird von einem quasi unsicht- bzw. -schmeckbaren, kleinen Zuckerschweifchen im Zaum gehalten.

Dieser Riesling zeigt auch einige der von mir schon des öfteren festgestellten „18er-Merkmale“ wie leichte Überextraktion und Kaltvergärungsnoten, obwohl der Wein letzteres sicher nicht mitmachen mußte. Insgesamt aber für den Jahrgang sehr schön gelöst, vor allem die Säurestruktur gefällt mir ausnehmend gut; wahrscheinlich würde mir das Ganze in zwei bis drei Jahren noch deutlich besser gefallen, ein Fan von diesem Jahrgang werde ich dennoch (noch) nicht.

Meine Wertung: Nachkauf 1 von 3, Gesamt 17 von 25

Nachtrag nach 48 Stunden mit Luft: frische, immer noch reichlich primäre und hellgelbe Frucht plus Zitrone, am Gaumen hat die Frucht etwas an Intensität zugenommen, grün-gelbe Mischung aus Karambole, nicht ganz reifer gelber Pflaume und Zitrone, kernige Säure, die Steine sind eher distinguiert unterwegs. Langer grün-gelber Abgang mit schön belebender Frische.

Die leichten Anflüge von Kaugummi und Kaltvergärungsfrucht sind jetzt vollständig verschwunden, die Süße-Säure-Balance ist auch runder geworden; macht mir jetzt deutlich mehr Spaß, in die Nachkaufriege erhebe ich ihn aber aktuell noch nicht.

Wertung am dritten Tag: Nachkauf 1 von 3, Gesamt 18 von 25

2. Wein: 2015er Riesling – Trarbacher Hühnerberg – trocken – Spätlese – Pw, Martin Müllen, Mosel

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Die Farbe ist leuchtendes Goldgelb, riecht nach einem gut gefüllten Fruchtkorb mit reifen Mirabellen und Reneclauden, dezent auch Zitrusnoten aus der Grapefruitzestenecke; ein Hauch Blumentopf bzw. Kellertreppe, der auch ein leichter Korkanflug gewesen sein könnte, denn ich habe diesen Bestandteil mit etwas Frischhaltefolie komplett eliminiert. Am Gaumen kommt die Zitrusseite mit Zitronenschale und Ugli deutlich mehr zur Geltung, die recht potente, aber nicht vorlaute Säure sorgt für eine schöne Spannung, ohne die Eleganz komplett links liegen zu lassen, der Schiefer spielt auch mit und hat neben einem Pomeranzen-Bitterchen noch ein herbes Bakelit-Bitterchen mit im Gepäck.

Bei dieser Spätlese -die erfreulicherweise nur 11,5 PS unter der Haube hat- gefällt mir vor allem einerseits die gefühlt recht kompromißlose Trockenheit -welche vor allem durch die Mineralik incl. Bitterchen noch betont wird- und die daraus resultierende Spannung zu dem Steinobst- / Zitrus-Mix. Interessant wäre eine Konterflasche, um zu verifizieren, inwieweit der -wahrscheinliche- leichte Korkanflug die Aromatik auch nach der TCA-Entfernung beeinflußt hat.

Meine Wertung: Nachkauf 2 von 3, Gesamt 20 von 25

Nachtrag nach 48 Stunden mit Luft: in der Nase nun deutlich „spätlesiger“ mit Kumquat, Blut- und Bitterorangen, später auch Minneloa, zwar durchaus dicht, aber doch auf die eher feinsinnige Art; die Kanten von vorgestern -welchen Ursprungs die auch immer waren- sind komplett weg, der Schiefer ist eher dezent vorhanden, dafür ein Hauch Torf. Am Gaumen ist die Blumentopfkante noch etwas spürbar, der Zitrusextrakt ist durchaus amtlich, die kernige Säure hat diesen aber souverän im Griff, die Steinseite ist hier etwas potenter. Auch der Abgang bietet eine leichte braune Bitterkante von Holzteer und saftelnder Zigarre, die Säure hat hier ihren großen Auftritt.

Bis auf den Abgang sind die Kanten nun deutlich abgeschliffen, dafür eine höhere Komplexität / Diversität auf der Fruchtseite, insgesamt eine schöne Seitwärtsbewegung.

Wertung am dritten Tag: Nachkauf 2 von 3, Gesamt 20 von 25

Ich bin ja nicht unbedingt der große „Mosel-Fan“, einfach weil mir trockene Weine in der Regel mehr zusagen und diese Region nicht in erster Linie für ihre durchgegorenen Sachen bekannt ist. Aber was da in trocken vom Hühnerberg kommt, gefällt mir schon sehr gut. Vor allem bin ich immer wieder erstaunt, wie man bei den äußerst moderaten Alloholgehalten (bei beiden Weinen hier 11,5 PS) soviel Substanz hinbekommt.

Zwei durchaus schöne Weine, zwar mit leichten Macken, aber dafür mit einer eindeutigen und für mich sehr sympathischen Handschrift. Fazit: auch bei MM wird 2018 nicht „mein“ Jahrgang werden, und: wenn schon Kork, dann g’scheiten! Schon vom äußeren Ansehen her wirkt der Korken des 18ers deutlich vertrauenserweckender als der des 15ers, dem man das TCA fast schon ansehen kann. Eines unserer regelmäßigen Weinrunden-Mitglieder hat ja mal einen 15er Hühnerberg Kabinett trocken mitgebracht, der nicht gekorkt hat, jedoch wurde uns erzählt, daß aus der 6er-Kiste 3 Korker dabei waren. Möglicherweise haben die Müllens in dem Jahr korkmäßig einfach deutlich daneben gegriffen…

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