WRINT – Spätburgunder 3.0 mit Nachträgen

Diesen Mittwoch haben wir eine der mittlerweile gefühlt Millionen von Live-Verkostungen mitgemacht, diesmal aber ganz klassisch bei einem (oder dem?) Vorreiter dieses Formats in Deutschland, nämlich bei WRINT. Seuchenbedingt haben die beiden Protagonisten die Schlagzahl erhöht und senden nun zweimal im Monat. Da muß und kann ich nicht alles mitmachen, zumal mich auch nicht alles interessiert, aber das „Spätburgunder 3.0 Paket“ hat uns dann doch deutlich gejuckt:

Prolog:

Zum Aufwärmen in der Wartezeit bis zum Start des Podcasts gab’s noch den Rest einer offenen weißen Flasche:

Wein A: 2017er Muskateller – trocken – Qw, Seehof, Rheinhessen

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Farblich ein helleres Strohgelb, riecht nach Löwenzahnwiese sowie Limette und etwas Koriander. Am Gaumen sehr frisch-würzig, etwas Lakritz, super erfrischende Säure, der Extrakt ist sehr potent, aber nicht vorlaut. Der sehr lange Abgang ist wunderbar ausgewogen zwischen Würze, Wiese, Zitrus und Säure.

In knapp einem Jahr hat sich vor allem die florale Aromatik etwas zur kernigeren Seite hin entwickelt, nach wie vor ein richtig schöner Muskateller mit einerseits ordentlich Druck und andererseits sehr beschwingter Frische, für mich ein kleines PLV Wunder.

Meine Wertung: Nachkauf 3 von 3, Gesamt 19 von 25

Drama:

Jetzt geht’s los:

1. Wein: 2017er Spätburgunder – Handwerk – trocken – Qw, Julia Bertram, Ahr

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Die Farbe ist ein sehr transparentes Kirschrot, in der Nase deutlich Beeren der nicht plakativen Art, eher mit Waldlaub paniert und recht erdig, weiters getrocknete Chilis und etwas Rauchschinken; mit etwa 2 Stunden Luft verstärkt sich das Waldige deutlich, auch wenn der Wald dann ganz leicht parfümiert wirkt und einen Hauch Tapetenkleister mitbringt, was sich aber komplett auf der angenehmen Seite abspielt. Am Gaumen dann auch rauchige Sauerkirsche, schön straffe Säure, angedeutet Schiefer, dezente Großholzaromatik. Schön langer Abgang mit einem kleinen Wald im Gepäck.

Wirkt bereits frisch aus der Flasche sehr ernsthaft für einen Basis-Spätburgunder in der knapp über 10 Euronen-Klasse und dreht mit Luft noch deutlich auf, indem er sein „Deutschtum“ weiter verschleiert.

Meine Wertung: Nachkauf 3 von 3, Gesamt 20 von 25

Nachtrag nach 24 Stunden mit Luft: in der Nase nun deutlich verhaltener, am Gaumen auch weniger expressiv, beim Abgang das Gleiche; zwar noch ein durchaus schöner Spätburgunder, aber Aufheben lohnt hier tatsächlich (leider) nicht.

Meine Wertung: Nachkauf 1 von 3, Gesamt 17 von 25

2. Wein: 2015er Spätburgunder Rotwein – [trocken] – Badischer Landwein, Vorgrimmler, Baden

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Farblich ein mittleres Kirschrot mit Tendenz zum Ziegel, riecht nach antiker Möbelwerkstatt plus Koriandersaat und altem Lakritz, deutlich Kräutersalz. Am Gaumen morsches Holz und Ziegenbart, Rosa Beeren, rote Stafetten, etwas Lakritz, schön austarierte Säure, ganz leicht Pflaumenkompott. Sehr langer Nachhall, dabei wohlig warm, leicht rauchig und etwas Buchenholzstaub.

Sehr eigenständig, fast fruchtfrei, warm und in sich ruhend mit ganz außergewöhnlicher Aromatik, welche bei der Beschreibung herausfordert, weil die Aromen so gar nicht gängig sind. Der Bereich „Tuniberg“ in Baden war für mich bis jetzt ein völlig unbeschriebenes Blatt und ich war eigentlich der Meinung, daß es da vor allem belanglose Genossenschaftsweine gibt; aber siehe da: es geht auch anders!

Meine Wertung: Nachkauf 3 von 3, Gesamt 22 von 25

Nachtrag nach 24 Stunden mit Luft: Die Nase ist noch etwas filigraner geworden, im Detail noch ein bißchen Menthol und Distel, am Gaumen trotz Ausbau der „Feinheit“ sogar ein bißchen spannender, die Säure transportiert einen Hauch grünen Pfeffer. Der Abgang fällt nach wie vor durch diese wohlige Wärme sehr angenehm auf, deren Ursprung nicht der Alk ist. Sehr schöne Entwicklung auf gleichbleibend hohem Niveau.

3. Wein: 2017er [Spätburgunder] – [trocken] – Badischer Landwein, Forgeurac, Baden

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Dunkleres Rubinrot mit mittlerer Transparenz, riecht nur dezent nach Kirschkompott, deutlicher nach warmem Holz mit etwas Nelke. Am Gaumen auch eine schöne Holzstruktur mit feinem hellen Tabak, gut austarierte Säure, viel Wald, etwas Trüffel und Pfifferling. Der Abgang hat eine schöne Länge, Frucht und Waldholz sind in angenehmer Balance.

Der burgundischte Wein in der Verkostung, wirklich schön gemacht, aber mit vergleichsweise wenigen „Eigenheiten“, wirkt im Vergleich zum vorherig probierten und auch deutlich günstigeren „Vorgrimmler“ fast etwas austauschbar und kommt auch (noch?) nicht an den 2015er ’ran.

Meine Wertung: Nachkauf 2 von 3, Gesamt 20 von 25

Nachtrag nach 24 Stunden mit Luft: der Wald ist nun deutlich „weicher“, irgendwie wie nach einem Sommerregen, wenn’s überall dampft. Auch am Gaumen ist der Schmeichelfaktor aufgrund gestiegener Filigranität nun etwas größer, wird aber deswegen nicht beliebiger, der Abgang überzeugt durch seine „ruhende“ Struktur. Bleibt aber nach wie vor etwas hinter meinen Erwartungen zurück.

Fazit:

Ich habe nach meiner Erinnerung noch nie eine so hohe „3er-Dichte“ bei solch einer Verkostung erlebt, wobei hier zwar nicht alle 3er die qualitative Spitzenklasse darstellen, aber eben aufgrund ihres sehr guten Preis-Leistungs-Verhälnisses bei mir einen sehr deutlichen Nachkaufreflex auslösen. Jedenfalls lohnt es sich aus meiner Sicht, alle vier Weingüter nicht aus den Augen zu verlieren!

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