Freaks online

Diesen Samstag fand wieder eine Online-Verkostung statt, bei der wir mitgemacht haben, veranstaltet diesmal von Edel&Faul, die in Berlin ansässig sind und ihre Events normalerweise auch dort vor / mit Publikum abhalten; für uns Bayern also eigentlich eher kaum im Blickfeld, aber zur Zeit ist ja alles anders. Das Thema lautete „Natural – Orange – Brutal: Quo Vadis Wineworld?“, was natürlich genau meine Kragenweite ist; aus meiner Weinbekanntschaft konnte ich noch jemand dafür gewinnen, ein bißchen was darf man ja mittlerweile wieder…

Prolog:

…gab’s diesmal keinen, wir sind direkt ins kalte Wasser gesprungen:

Drama:

1. Wein: 2017er Riesling – [Eckelsheimer Kirchberg] – Quo vadis – trocken – Landwein Rhein, Tomislav Marković, Rheinhessen

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Tomislav Marković -der übrigens bei dem Meeting mit dabei war- ist in Baden (genauer in Breisach) ansässig, dieser Riesling stammt jedoch aus dem Rheinhessischen Siefersheim. Auf der Heimseite des Veranstalters steht dazu:

Man kann Tomislav getrost zu dieser fantastischen neuen Avantgarde von jungen Winzer in Deutschland stecken, die gute Lagen und Rebsorten richtig interpretieren und mit viel Fantasie und Gefühl im Keller arbeiten! Riesling Quo Vadis von vulkanischen Porphyrböden im Rheinhessischen Siefersheim. Spontan, unfiltriert, ungeschwefelt, Ganztraubenpressung, Ausbau in 500l Tonneaux! Zitrusschalen, rauchig mit einer gewissen Salzigkeit. Ein Spiel zwischen vibrierender Riesling Klarheit und einer präzisen Gerbstoffigkeit.

Farblich ein recht sattes Goldgelb, leicht ins Cadmiumgelb gehend, riecht erst mal gar nicht nach Riesling, viel süßlich wirkendes Zitronenkonzentrat, reduktiver Dosenpfirsich (sic!) kommen und gehen, wird mit Luft deutlich frischer, bleibt aber im wesentlichen bei frisch-reduziertem Steinobst mit leichter Essigbaumnote. Am Gaumen dann fast eher wie ein Pouilly-Fuissé mit leicht grünem Holz, wieder Essigbaum, dabei super frisch mit ordentlicher Säure und etwas Limette, ganz dezent ein herb-bitteres Steinbett, mit viel Luft auch ein wachsige Noten. Der sehr lange Abgang ist ebenfalls hochfrisch mit leicht grüner Verjus-Säure, schöne Balance von sekundärer, reduzierter Frucht und dem grünen Holz, auch hier mit Luft leicht wachsig.

Der Riesling kommt mit der Zeit mehr und mehr durch ohne jemals Gefahr zu laufen, zu typisch zu werden; dabei verbindet er die Attribute eines modernen, fokussierten, burgundischen Chardonnay sehr schön mit der Frische des Rieslings.

Meine Wertung: Nachkauf 3 von 3, Gesamt 22 von 25

2. Wein: 2018er [Cuvée] – Brutal Rouge – Vin de France, Matassa, Languedoc-Roussillon

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Hier sind die Cuvéepartner 60 % Syrah und 40 % Muscat Petit Grains (ein französisches Synonym für Gelben Muskateller), also ein Verschnitt aus roten und weißen Trauben, was in Frankreich durchaus üblich ist, jedoch z.B. in D nur in wenigen Ausnahmefällen zugelassen wird (z.B. Rotling). Weitere Infos von der gleichen Seite wie oben:

Tom Lubbe (Önologe/Südafrika) verliebte sich bei einem Frankreich-Aufenthalt in Nathalie Gauby, die Schwester von Gérard Gauby (Kultwinzer/Bio-Pionier). 2002 kaufte er mit Nathalie und seinem Freund Sam Harrop (NZ/Master of Wine) den mit uralten Carignan-Reben bestockten Weinberg Clos Matassa und das Weingut Matassa wurde in Calce (Roussillon/Nähe Perpignan) gegründet. Die 15 ha Weingärten werden biodynamisch bewirtschaftet. Abgesehen von einer geringen Menge an SO2, die nach der Gärung verwendet wird, werden den Weinen keine weiteren Zusätze verabreicht. Mineralischer und vibrierender Style aus Südfrankreich!

…wobei konkret bei diesem Wein laut Etikett gar kein Schwefel hinzugefügt wurde.

Die Farbe ist ein dunkleres bräunliches Kirschrot mit mittlerer Transparenz, leicht trüb. Riecht dann nach roten Pflaumen und etwas Mandarine, leicht Blumentopf mit Geranie und Papiermaschine. Am Gaumen einige samtige Tannine, Kirschen und Pflaumen im Pappmaché, ein leicht modriges Bitterchen (Bret), fluffige Säure, leichtes geschmackliches Loch, Speckstein als Grundlage. Der Abgang ist ebenfalls leicht adstringent, flaut aber einigermaßen schnell ab.

Ist zwar von der Aromatik und der Struktur her generell interessant, dennoch wurde ich nicht richtig „warm“ mit diesem Wein, vielleicht auch deshalb, weil er über den Abend sehr statisch im Glas stand und ich eine gewisse Tiefe vermißte. Hatte aber auch einen sehr schweren Stand zum vorherigen Wein.

Meine Wertung: Nachkauf 1 von 3, Gesamt 17 von 25

Nachtrag nach 24 Stunden mit Luft: die matschige Mandarine hat in der Nase deutlich zugenommen, am Gaumen hat das modrige dagegen signifikant verloren, der Speckstein ist im Aufwind, der Wein wirkt jetzt wärmer und fluffiger, hat dadurch aber auch ein bißchen was Weichgespültes. Der Abgang hat an Länge gewonnen, auch hier zeigt sich die reduktive Frucht wie mit ordentlich Talcum gepudert.

Ist nun etwas angenehmer zu trinken, die gestrigen Kanten hatten aber auch ihren Reiz. Insgesamt ein kleiner Schritt nach vorne, aber im Nachkaufbereich bin ich immer noch nicht.

Meine Wertung: Nachkauf 1 von 3, Gesamt 18 von 25

3. Wein: 2018er [Cuvée] – Le Brutal !!! de Jean-Marc – Vin d’Alsace AOP, Les Vins Pirouettes, Alsace

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Dies ist eine Cuvée aus Gewürztraminer (40 %), Riesling, Pinot gris und Auxerrois mit 15 Tagen Maischestandzeit und 11 Monaten Hefelager (laut Rückenetikett). Weitere -teils etwas abweichende- Infos von der Edel&Faul-Seite:

Vins Pirouettes ist ein Projekt, das der biodynamische elsässische Winzer Christian Binner aus Ammerschwihr gelauncht hat. Es soll biodynamischen Winzern und der Natural Szene im Elsass eine Plattform geben! Der Gruppe gehören inzwischen fast 10 Winzer mit extrem kreativer Grundenergie an. Der Brutal von Jean Marc ist ein Orange aus den Rebsorten Riesling, Pinot Gris, Gewürztraminer. 18 Tage auf den Schalen vergoren und mazeriert reden wir über Bitterorangen, etwas Exotik, Kräuter! Dabei unglaublich saftig mit toller Balance aus Tannin und Frische!

Farblich ein dunkleres, trübes Rotorange, riecht nach angemosteten Früchten aus der Aprikosenecke plus Rosen und etwas Anis, leicht auch Kwas und Gutenberg-Klebestift, mit deutlich Luft arbeitet sich der GT souverän nach vorne, weiters etwas CD-Seife, auch ein Hauch Sherry. Am Gaumen ordentlich Tannine / Gerbstoffe mit etwas Pelz, leicht süßlicher Extrakt ohne Süße (!), viel orange, reduzierte Frucht, Anis, Hirschhornsalz; das Ganze mit einer super balancierte Säure ausgestattet, irgendwann auch etwas Kandis ohne Süße. Der schön lange Nachhall lebt von der würzig-angemosteten Frucht in Kombination mit der hier zwar fast unauffälligen, aber hocheffektiven Säure.

Durchaus schöner, irgendwie archaisch wirkender und auch erkennbarer Orange-GT mit einigem Wandlungspotential.

Meine Wertung: Nachkauf 2 von 3, Gesamt 20 von 25

Nachtrag nach 48 Stunden mit Luft: nunmehr eher trüb nußbraun im Glas, farblich nicht unbedingt ansehnlich. Ist nun deutlich oxidiert mit einigen sherryartigen Noten, am Gaumen fast fahl. Daß dieser Orange innerhalb von zwei Tagen so in sich zusammenfällt, hätte ich nicht gedacht. Jetzt allenfalls noch

Meine Wertung: Nachkauf 1 von 3, Gesamt 15 von 25

Epilog:

Nach drei Weinen „neben der Spur“ haben wir uns dann noch mit einem Pfälzer Riesling geerdet:

Wein A: 2018er Riesling – [Birkweiler] Kastanienbusch – Rotliegendes – trocken – Qw, Wolf, Pfalz

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Die Farbe ist ein helleres Strohgelb, riecht von Beginn an warm und braun flintig, erinnert an morsches Holz mit Pfifferlingen, dahinter kann man etwas reife Ananas und Rambutan erahnen. Am Gaumen eine schöne Frische, kaum Frucht, die warme Flintnote setzt sich fort, schön austarierte Säure, kühle Kalkgrundlage. Der ordentlich lange Abgang ist ebenfalls flintbetont, die Frucht ist immer irgendwie erahnbar, das Finale ist fast etwas schieferig.

Sehr schöner Mineralriesling, der jedoch nicht auf karg macht, sondern durch die durchweg bräunliche, warme Steinigkeit sehr ausgewogen wirkt ohne dabei ins mainstreamige zu verfallen.

Meine Wertung: Nachkauf 2 von 3, Gesamt 20 von 25

Nachtrag nach 48 Stunden mit Luft: die Flintnoten haben sich erwartungsgemäß etwas zurückgezogen, dadurch wirkt der Wein nun etwas weicher; die Frucht kommt dadurch mehr zur Geltung, man kann jetzt vor allem Zitrone und ein bißchen Mirabelle ausmachen, auch Zitronenmelisse spielt mit. Insgesamt auf gleichem Niveau, etwas weniger spektakulär, dafür sehr schön in der Balance.

Fazit:

Das war für uns eine recht schöne Runde, auch wenn ich mir insbesondere von dem Roten im Bunde etwas mehr erwartet hätte. Aber alleine der Riesling von Tomislav Marković reißt alles ’raus. Vor allem fand ich auch die umfangreichen Ausführungen des Winzers zu diesem Wein sehr interessant, nicht nur die zu seinem eigenen Wein, sondern auch seine Expertisen zu den beiden anderen. Gerne wieder, aber was ich mir aktuell noch mehr wünsche, ist mal wieder eine unserer größeren Blindtasting-Runden…

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