1. Pandemierunde in / um München

Nachdem unsere regulären Weinrunden aus bekannten Gründen erst mal auf Eis gelegt werden mußten, hat eines unserer Gründungsmitglieder nach den ersten Lockerungen die Initiative ergriffen und schon vor ein paar Wochen (ich bin mal wieder im Verzug!) ein „Re-Opening“ veranstaltet, zu dem einige der „alten Hasen“ eingeladen waren. Das Thema „Unbekanntes, Junges, Neues, Spannendes“ war etwas weiter gefaßt und dabei doch nicht beliebig…

Prolog:

Zum Einstieg auf der anfangs noch regenfreien Terrasse gab’s folgende Weinchen:

Wein A: 2016er Muskateller – [trocken] – [Gutswein], Friedrich Becker, Pfalz

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Im Glas ein helleres Strohgelb mit leichten, grünlichen Reflexen. In der Nase hellgelbe Frucht wie Kaktusfeige und gelbe Papaya sowie eine würzige Blumenwiese. Am Gaumen wieder diese frische Hellgelbfrucht und ein Hauch würziger, nicht abstoßender Kaugummi, kernige und doch geschmeidige Säure, leicht seifig-blaue Steinchen. Der Abgang ist recht lang, zur Säure kommt hier einiges an Zitronensaft und etwas Talcum, dabei leicht adstringierend.

Schön frischer und durchaus ernsthafter Muskateller, der -zumindest in der ersten Zeit nach dem Öffnen- keinerlei der Plakativität aufweist, die diese Rebsorte leider allzu oft ausmacht. Allerdings würde ich den Wein eher etwas schneller wegzischen (was im Sommer kein Problem sein sollte), denn mit Luft kommt der Fruchtextrakt deutlich in Fahrt und marschiert dann süßetechnisch leider etwas in Richtung Klebrigkeit. Deshalb gilt meine Bepunktelung auch nur für den schnellen Genuß…

Meine Wertung: Nachkauf 2 von 3, Gesamt 18 von 25

Wein B: 2017er Chardonnay – L’Etoile AC, Domaine Rolet, Jura

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Im Glas ein helleres Strohgelb mit orangem Einschlag, in der Nase leicht reduktive, angemandelte Gelbfrucht mit Mirabelle und etwas Aprikose, dezent rauchig-flintig. Am Gaumen setzt sich der Naseneindruck fort, wobei ich das Nussige hier eher in die Macadamia-Ecke schieben würde; nur ganz leicht angecremte Säure, etwas Kellertreppe, dann noch Beifuß und eine Assoziation zu Lößboden. Schön langer Abgang mit guter Balance zwischen Cremigkeit und Frische und mit animierendem Limettenfinale.

Das hat nun wenig mit den „natürlichen“ und / oder experimentellen Jura-Chardonnays zu tun, von denen ich auch einige im Keller habe, dennoch ist dieser eher traditionell aufgestellte Wein aus meiner Sicht keineswegs beliebig, durchaus ein schöner Vertreter seiner Region aus der klassischen Fraktion.

Meine Wertung: Nachkauf 2 von 3, Gesamt 19 von 25

Drama:

1. Wein: 2017er Gutedel – [trocken] – Badischer Landwein, Wasenhaus, Baden

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Die Farbe ist leicht hellorange und ein bißchen trüb. Die Nase bekommt’s mit reduzierten und leicht bekalkten Mandarinen zu tun, dazu ein Hauch Tee und ein oder zwei Cashews. Am Gaumen recht leicht wirkend, kaum Frucht, geschmeidige, aber deutliche Säure, etwas Pulpe mit Magnesiumsalzen. Der Abgang ist ebenfalls leicht und fast samtig mit fluffiger Mineralik.

Dieser trotz gerade mal 10 PS durch und durch trockene Mineralsaft ist in erster Linie ein Strukturwein, der mir persönlich sehr gut gefällt, aber wahrscheinlich nicht mehrheitsfähig sein dürfte.

Meine Wertung: Nachkauf 2 von 3, Gesamt 20 von 25

2. Wein: 2017er Weißburgunder – Stahlnagel – trocken – Qw, Winzerhof Nagel, Franken

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Die Farbe ist recht helles Zitronensaftgelb. Leicht reduktive, gelbe Zitrusnase mit Pampelmuse und leicht Limette, dazu ein bißchen Flint. Schmeckt dann wie gerochen, schöne Säure, leichte Fruchtsüße, ein Hauch Pfeffer, etwas bemooster Tuffstein. Abgangsmäßig dann deutlich zitruslastig mit recht kantiger Säure.

Als „Zischwein“ durchaus schön und nicht beliebig gemacht, der Weißburgunder zeigt sich hier auch von einer ungewohnt frischen Seite, aber einen Nachkaufreflex hat der Wein dann doch nicht ausgelöst.

Meine Wertung: Nachkauf 1 von 3, Gesamt 16 von 25

3. Wein: 2017er Riesling – [Trarbach] – Sterntaucher – [trocken] – Landwein der Mosel, Jakob Tennstedt, Mosel

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Die Trauben für den „Sterntaucher“ stammen von den Trarbacher Lagen Hühnerberg und Ungsberg, die nicht direkt an der Mosel, sondern im Kautenbachtal liegen, welches hier nach Süden von der Mosel abzweigt.

Die Farbe ist helleres Orangegelb mit leichter Trübung. Nasenmäßig gibt’s stark reduzierte Orangenzesten, ein Hauch Hansaplast, etwas Speckstein, später auch Bienenwachs und Korianderhonig. Am Gaumen dann eine sehr straffe Säure, wieder reduzierte und leicht wachsige Zesten von Orange, Minneloa und Limette, ein bißchen Estragon, etwas Schiefer. Beim sehr schön langen Abgang macht sich noch ein belebendes Limettenbitterchen breit, dazu eine geschmeidige Kalk- / Schiefermineralik.

Das hat nun so gar nichts mit dem klassischen Moselriesling zu tun, aber so geht die Region eben auch. Dabei wird aus meiner Sicht das „Terroir“ gar nicht vergewaltigt, sondern eher im Gegenteil sehr schön abgebildet, nur halt anders, quasi „Mosel natur“. Auch wenn mir die traditionelleren Weine aus dem Kautenbachtal -hier kenne ich die von Martin Müllen ein bißchen- ebenfalls sehr gut gefallen, das hier ist dann nochmal ein Stück spannender.

Übrigens: daß ich den Wein in diese Runde einbringen konnte, ist dem Veranstalter zu verdanken, denn auf seinen Hinweis hin habe ich diesen Wein vor einigen Wochen als „Beifang“ zu einem Online-Verkostungspaket dazu gepackt, um den Karton voll zu machen. War also irgendwie klar, daß ich den mitbringen mußte…

Meine Wertung: Nachkauf 3 von 3, Gesamt 22 von 25

4. Wein: 2019er Silvaner – Silvaner, Sex & Rock ’n Roll – trocken – Qw, Ottenbreit, Franken

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Im Glas ein dunkleres Goldgelb, geruchlich zeigen sich einerseits leicht kaltvergorene, aber andererseits auch reduktive Noten von Pomelo und Karambole plus etwas Kaugummi. Geschmacklich ist die Frucht dann wieder eher plakativ, ebenso auf die etwas reduzierte Art, der Extrakt wirkt dabei etwas herb; gebremst wirkende, wenn auch deutliche Säure, ein paar kantigere Kräuter und ein leicht grünes Walnußbitterchen. Dann ein recht langer Nachhall mit diffuser Süße-Säure-Balance.

Irgendwie konnte ich bei diesem Silvaner nicht so richtig greifen, was der Winzer da eigentlich will, denn die im Ansatz eher etwas kitschige (Mainstream-) Frucht und die leicht reduktive Art auf der anderen Seite passen für mich nicht so richtig zusammen; Wein und / oder Winzer sind vielleicht noch in der Findungsphase.

Meine Wertung: Nachkauf 1 von 3, Gesamt 16 von 25

Anmerkung: im Netz findet man auch deutlich mehr Begeisterung für diesen Wein, als sie sich bei mir eingestellt hat; in zumindest einem Fall wurde der Silvaner jedoch mehrere Stunden vor der Verkostung geöffnet, was bei unserer Runde nicht der Fall war…

5. Wein: 2018er Grüner Veltliner & Co. – Querschnitt – trocken – Landwein Weinland, Kolfok, Mittelburgenland

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Dieser „Querschnitt“ besteht gemäß Händlerheimseite aus 75 % Grüner Veltliner von Muschelkalk und vulkanischem Lehmboden, 15 % Chardonnay -ebenfalls von vulkanischem Lehmboden- und 10 % Muskat (3 verschiedene alte Sorten ungarischer Herkunft), welcher auf Glimmerschiefer wächst.

Die Farbe ist ein helleres Strohgelb, bukettmäßig gibt sich das Ganze eher verhalten mit Lychee und Katusfeige. Geschmacklich zeigt sich vor allem eine schöne Säurestruktur mit grünen Agrumen und ein paar Salzen. Der Abgang ist bei schöner Länge sehr filigran, lebt auch hier in erster Linie von seiner Struktur.

Irgendwie ein Wein, der versucht, sich auf’s Wesentliche zu konzentrieren und hinsichtlich der Balance zwischen Säure und kargem Extrakt objektiv sehr schön gemacht ist, tatsächlich bietet mir dieser Wein dann aber doch zu wenig für’s Geld (ganz im Gegensatz zum stilistisch eigentlich ähnlichen Gutedel von oben). Ein bißchen fühlte ich mich an den PétNat „Bitches Brew“ erinnert, der ähnlich klar und fein unterwegs war, mir dann aber doch zu minimalistisch erschien. Hat aber in der Runde teils auch deutlich mehr Fürsprache erhalten, was ich zwar einerseits nachvollziehen, letztlich aber nicht teilen kann.

Meine Wertung: Nachkauf 1 von 3, Gesamt 17 von 25

6. Wein: 2010er [Cuvée] – Terra di Lavoro – Roccamonfina IGT, Galardi, Campania

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Dies ist eine Cuvée aus 80 % Aglianico und 20 % Piedirosso.

Granatrot im Glas, leichte Bräunung an den Rändern; für die Nase gibt’s viel Pflaume und etwas kompottige Kirsche, auch ein bißchen Pattex und leicht Paprika. Am Gaumen eine mittlere Tanninstruktur mit etwas Staub, kantige Kräuter, etwas spitze Säure, wieder Paprika in grün und rot. Der sehr lange Abgang wirkt durch die Säure sehr belebend, wirkt durch eine eher blaue Mineralik recht klar.

Dieser Süditaliener kommt trotz 14 Ampere erstaunlich beschwingt und stellenweise fast kühl daher, daran ändert auch die leicht kompottige Frucht beim Bukett nichts, welche hier allenfalls für Substanz, nicht aber für Schwere steht.

Meine Wertung: Nachkauf 2 von 3, Gesamt 20 von 25

Epilog:

Zum Ausklang gab’s dann noch vier weitere Fläschchen:

Wein C: 2017er Chardonnay & Weissburgunder – Bernhard’s Gutswein – trocken – Qw, Bernhard, Rheinhessen

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Im Glas ein helleres Goldgelb. Flint, Schwefel und Bariumchlorid in der Nase, keine Frucht. Am Gaumen kommt zur Mineralik etwas helle Gelbfrucht dazu, auch japanisches Bananenkonfekt, moderate Säure, wirkt etwas belegt, dazu eine leicht seifige Steingrundlage. Schöne Länge, aber hier trotz einer gewissen Reduktivität etwas kitschig wirkend.

Auch so ein Weinchen, das irgendwie schon in meine Richtung schaut, mich aber nicht nachhaltig erreicht.

Meine Wertung: Nachkauf 1 von 3, Gesamt 17 von 25

Wein D: 2009er Spätburgunder – Gräfenhauser [Wingertsberg] – trocken – Qw, Südpfalz Connexion, Pfalz

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Hinter der Südpfalz Connexion stehen (oder standen?) die Weingüter Kranz, Scheu, Leiner, Gies-Düppel und Siener. Gemeinsam suchten sie nach einem geeigneten Stück Land am Gräfenhauser Wingertsberg und haben durch Rodung eines Waldstücks sowie Erwerb einer Nachbarparzelle knapp einen halben Hektar für ihren Gemeinschaftsburgunder kultiviert. Allerdings scheint das Projekt mittlerweile eingeschlafen zu sein, jedenfalls findet sich nach dem 2016er Gräfenhauser Spätburgunder nichts mehr dazu im Netz…

Daß der Lagenname „Wingertsberg“ nicht auf dem Etikett zu finden ist, kommt daher, daß es in Gräfenhausen aktuell gar keine Einzellage(n) gibt, sondern nur „einzellagenfreie“ Rebflächen; der „Wingertsberg“ dürfte also eine historische oder rein geographische Bezeichnung sein.

Farblich ein dunkleres Ziegelrot mit hoher Transparenz, nasenmäßig gibt’s Spekulatius im Wald mit Morcheln, Pinienöl und einem Hauch Haarwasser. Gaumenmäßig dann erst mal deutlich teerig, kaum Frucht, schöne Säure, etwas verbranntes Holz. Der längere Abgang wird auch vom Teer dominiert.

Eher ein Nasenbär, wahrscheinlich einfach schon zu alt, ist nunmehr etwas zu ruppig für meinen Geschmack.

Meine Wertung: Nachkauf 1 von 3, Gesamt 17 von 25

Wein E: 2016er Unser Gemischter Satz – Q.E.D. – trocken – Qw, Roth, Franken

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Diesen Wein hatte unser Gastgeber vor knapp einem Jahr schon zu einer unserer Meedels-Runden mitgebracht, in dem verlinkten Bericht habe ich auch was zu den Rebsorten geschrieben.

Farblich ein ockeriges Goldgelb, in der Nase kräuterig-würzige Gelbfrucht mit Kaki und Pfirsich, mit Luft auch etwas waldig-pilzig. Am Gaumen ein recht satter Extrakt ohne Primärfruchtigkeit, auch hier würzig-kräuterig, was auch zu einer gewissen Kantigkeit führt, die Säure hält alles souverän im niederviskosen Bereich. Auch der Abgang ist bei sehr schöner Länge kräuterig-fruchtig mit vorbildlicher Säurestruktur.

Vor knapp einem Jahr meinte ich, daß der „Q.E.D.“ noch etwas jung ist, hat sich nun schön weiterentwickelt. Hätte ich gerne mit 24 Stunden Luft nochmal probiert…

Meine Wertung: Nachkauf 2 von 3, Gesamt 20 von 25

Wein F: 2019er Silvaner – Der Wilde – trocken – Qw, Weigand, Franken

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Ein sehr helles Messing im Glas, riecht leicht kaltvergoren nach gelb-grünen Äpfeln, Stachelbeeren und Joghurtbecher aus dem Backofen. Schmeckt dann auch etwas plakativ, leicht gebremste Säure mit Speckstein-Unterlage. Der durchaus lange Abgang bewegt sich auch eher auf der -für mich- künstlich-überbetonten Seite und wirkt daher recht uncharmant.

Ich hatte den „wilden Silvaner“ ja schon mal probiert und habe mich damals auch schon ob des leichten Hypes um die ambitioniert bepreisten Weine von Andreas Weigand gewundert. Die „Eintrittskarte“ ist nunmehr ab Hof tatsächlich um etwa 20 % günstiger geworden, hat sich aber mit den Jahrgängen nicht dahingehend entwickelt, daß ich aktuell einen nachhaltigen Drang verspüre, das restliche Sortiment zu probieren…

Meine Wertung: Nachkauf 1 von 3, Gesamt 16 von 25

Fazit:

Sehr schöner Wiedereinstieg in unsere Weinrundenwelt, wobei ich gespannt bin, ab wann wir tatsächlich wieder „reguläre“ Runden veranstalten. Weintechnisch waren für mich ein paar schöne Aha-Erlebnisse dabei, nicht alles war für sich spannend, die größte Spannung resultierte eigentlich aus den außergewöhnlichen Umständen der Runde selbst, jedenfalls habe ich das so erlebt.

Vielen Dank an unseren Initiator und Gastgeber, der mit seiner geselligen Art (im absolut positiven Sinne) eine super Atmosphäre geschaffen hat.

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