WRINT – Hessische Bergstraße? Ja, geht!

Schon vor einiger Zeit gab’s bei WRINT-Flaschen mal wieder einen Wein-Podcast, zu dem ich dann mal wieder keine Zeit hatte; wie meistens, wenn’s mitten in der Woche stattfindet. Da ich neben den 3 Podcast-Flaschen auch noch 3 weitere Probierweine bestellt habe, konnten wir uns vorab schon mal einen Eindruck von dem Gut machen, das erst seit 2016 existiert bzw. in diesem Jahr seinen ersten Jahrgang vinifiziert hat. Das Interesse der potentiellen Mittrinker war auch nicht soo berauschend, also haben wir die Weinchen dann in sehr kleiner Runde vernichtet, was aber den Vorteil hatte, daß wir sie auch über 3 Tage verfolgen konnten:

1. Wein: 2018er Müller-Thurgau – [Zwingenberger Steingeröll] – Fumé – trocken – QbA, Schloss Schönberg, Hessische Bergstraße

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Farblich ein helleres Messing, riecht leicht reduktiv nach Karambole, grünen Nüßchen, etwas Radiergummi, Tintenkiller sowie Essigbaum und bemoostem Flußkiesel, irgendwann tauchen auch unreife Mirabellen auf, noch später auch sehr reduzierte Zitronenschalen. Das Mundgefühl führt bei mir zu der Vorstellung, daß M-T von der Loire (also aus der Tourraine- / Savennières-Ecke bzw. durchaus auch Pouilly-Fumé) so schmecken könnte, wenn’s denn da einen gäbe; hier auch grüne, sekundäre Birne, ein Hauch Reneclaude, ein paar herbe, bräunliche Kräuter, deutliche, aber geschmeidige Säure, leichtes vegetabiles Bitterchen, recht hart wirkende Steinchen als Untergrund, auch hier mit Luft eine signifikante Intensivierung der gelben Seite ohne je zum Fruchtinger zu werden. Der schön lange Nachhall repetiert diese leicht reduktive M-T-Stilistik nochmal sehr schön, trotz einiger Kanten wirkt das Ganze dennoch recht rund.

Ich kenne bis dato kaum M-T’s aus dem Holzfaß, hier zeigt sich erneut, daß auch diese Brot- und Butter-Sorte dafür sehr gut geeignet ist, wenn der Winzer -respektive hier die Winzerin- ein gutes Gespür dafür hat. Das ist einer der ernsthaftesten Müller-Thurgaus aus D, die ich bis jetzt im Glas hatte.

Meine Wertung: Nachkauf 2 von 3, Gesamt 20 von 25

Nachtrag nach 24 Stunden mit Luft: in der Nase ist der Radiergummi verschwunden, der reduktive Eindruck hat sich etwas gemindert. Am Gaumen nun auch deutlich malzige, sogar ganz leicht lakritzige Noten, welche durch die Säure aber gut gebändigt werden; die Frucht wirkt etwas gelber ohne dabei ihren reduktiven Charakter aufzugeben. Auch der Abgang ist nun ein bißchen würziger.

Insgesamt eine schöne Seitwärtsbewegung, wirkt etwas erwachsener und runder, mir hat er mit seinen etwas ungestümen Kanten am ersten Tag jedoch ein bißchen besser gefallen; punktemäßig tut sich aber nix…

Nachtrag nach 48 Stunden mit Luft: die malzigen Noten haben es nun auch in dezenter Form zum Bukett geschafft, dazu reifere Ananas sowie eine würzige Nektarine. Am Gaumen deutlich samtiger und auch breiter als gestern, die Säure kommt jetzt so langsam an ihre Grenzen, das Steinbett wirkt nun kalkig-specksteinig. Auch der Abgang hat sich entsprechend entwickelt. Relativ gesehen kommt der MT heute fast etwas schwerfällig daher, trotzdem eine interessante Entwicklung.

Meine Wertung: Nachkauf 1 von 3, Gesamt 17 von 25

2. Wein: 2016er Grauburgunder – Auerbacher Fürstenlager – trocken – QbA, Schloss Schönberg, Hessische Bergstraße

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Farblich ein dichtes Goldgelb mit Ockerschlag, riecht gleich deutlich flintig, wieder Radiergummi, aber blau (hab‘ ich geklaut, paßt aber gut), dahinter kann man etwas Ananas und Steinobst erahnen. Schmeckt auch sehr schwefelig mineralisch, erneut der blaue Radierer, etwas pastöser Schwefel, fruchtseitig anfangs nur angedeutet die Bukettfrucht, wenn auch etwas differenzierter, dreht aber mit Luft etwas auf, ordentlich Gerbstoffe bzw. weiße Tannine, etwas Schmalz ohne Fettigkeit, weißer Pfeffer, dazu eine super moderierende Säure, feuersteinige Unterlage. Auch der Abgang ist recht flintig-schwefelig, trotz amtlicher Gesamtstruktur aber nicht belastend.

Hätte ich wohl kaum als GB erkannt, lebt von seiner gekonnten und recht satten Flintigkeit, braucht aber auch ein entsprechend gehaltvolles Essen; ist deshalb als Solist auch nicht so sehr geeignet bzw. wohl auch nicht dafür gedacht.

Meine Wertung: Nachkauf 2 von 3, Gesamt 20 von 25

Nachtrag nach 24 Stunden mit Luft: die nasale Mineralik hat sich etwas zum Schießpulver hin entwickelt, das Steinobst ist nun besser identifizierbar. Geschmacklich haben sich Schwefel und Radiergummi deutlich mehr zurückgezogen, wirkt nun erheblich reduktiver, auch grüner, im besten Sinne „chardonnesker“, jedenfalls hätte ich heute im Blindfall recht sicher auf Chardonnay getippt, gestern hätte das noch alles Mögliche sein können. Das Holz hat sich weiter integriert, der GB wirkt charmanter, auch filigraner, das Holz ist jedoch nach wie vor deutlich prägend, geht nun auch Solist sehr gut. Dieser GB taugt nun sogar problemlos als Pirat in einer durchaus anspruchsvolleren Chardonnay-Runde, muß ich mir mal vormerken…

Meine Wertung: Nachkauf 3 von 3, Gesamt 21 von 25

Nachtrag nach 48 Stunden mit Luft: in der Nase ein schöner, reduzierter Mix aus grüner und brauner Würze, dazu einige dezente Fruchtfetzen, die dennoch einigen Druck ausüben, mit mehr (Frisch-) Luft und Temperatur meldet sich das Holz mit Vanille und Anis zurück. Am Gaumen wieder etwas filigraner, grüner, reduktiver, jedoch weniger als gestern, der „mehr Chardonnay als Grauburgunder“-Eindruck bleibt aber bestehen; die Säurestruktur wirkt etwas eleganter. Auch der Abgang ist nun runder und harmonischer als gestern.

Ich denke, so manchem gefällt der GB nun am besten, für mich war es allerdings ein Rückschritt sein gestern, wenn auch kein allzu großer.

Meine Wertung: Nachkauf 2 von 3, Gesamt 20 von 25

3. Wein: 2019er Spätburgunder – Rosé – trocken – QbA, Schloss Schönberg, Hessische Bergstraße

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Farblich ein helles Dunkelrosa (sic!) mit Graustich, hohe Transparenz, riecht etwas verhalten, aber doch deutlich flintig, dahinter einige Walderdbeeren ohne Plakativität. Geschmacklich auch eine präsente, aber nicht kitschige Erdbeernote plus Johannisbeere, leicht Fruchtjoghurt, ein paar schmelzige Tannine, dazu eine recht frische, aber auch geschmeidig-elegante Säure, darunter ein eher kühles Steinbett. Der gut lange Abgang ist der frischeste Teil, auch hier keinerlei Primärfruchtigkeit, auch wenn die Erdbeere hier am meisten betont wird.

Irgendwie kein ganz extraordinärer Rosé, aber einer, der bei aller Normalität jede Mainstreamigkeit verhindert, richtig schöner Zech-Rosé mit deutlichem Anspruch.

Meine Wertung: Nachkauf 2 von 3, Gesamt 17 von 25

Nachtrag nach 24 Stunden mit Luft: in der immer noch eher schüchternen Nase taucht jetzt auch ein Anflug von Holz auf, am Gaumen aber deutlich dichter als gestern, die Erdbeere hat sich weitgehend zur Waldhimbeere gewandelt, wirkt noch etwas ernsthafter als am Vortag. Insgesamt ein kleiner Schritt nach vorne, ist mir auch ein Pünktchen mehr wert.

Meine Wertung: Nachkauf 2 von 3, Gesamt 18 von 25

Nachtrag nach 48 Stunden mit Luft: die Himbeerisierung schreitet weiter voran, wenn man noch länger wartet, landet man wahrscheinlich bei der entsprechenden Ahoi-Brause. Fand ich gestern am schönsten, wird mir heute schon zu eisbonbonig…

Meine Wertung: Nachkauf 1 von 3, Gesamt 15 von 25

Fazit:

Daß die Weine von der Hessischen Bergstraße in der Regel unter „ferner liefen“ gebucht werden können, daran ändert auch das Schloss Schönberg nichts. Aber immerhin gibt es mit diesem Gut nun wenigstens bzw. mindestens einen Leuchtturm in der Gegend, vielleicht hat das ja mittel- bis langfristig auch entsprechend positive Auswirkungen auf diese bis dato „Schmuddel-“ Weinregion…

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