Die Erste und die Zweite Lage

Nachdem ich den Verdacht hatte, daß von dem Weinchen, dem dieser Bericht gewidmet ist, mehr als eine Abfüllung auf dem Markt ist (s.u.), habe ich ein bißchen rumgeschaut und bin tatsächlich fündig geworden! Es gibt auch Fläschchen mit der AP 3000 038 20; mal sehen, ob diese Variante signifikant anders daherkommt:

2019er Silvaner – Würzburger Stein – AP 038 – trocken – Erste Lage, Juliusspital, Franken

Ein äußerliches, auffälligeres Unterscheidungsmerkmal zwischen den zwei Varianten als die AP-Nummer im Kleingedruckten gibt es übrigens auch, während auf der AP 054-Variante (siehe obiges Bild) die „Franken Gold“-Medaille des Fränkischen Weinbauverbands prangt, ist der „038er“ frei davon:

20201115_171356

Das konnte ich übrigens an deutlich mehr als einer Flasche beobachten, wurde also nicht einfach nur auf Einzelflaschen vergessen.

Farblich ein dichteres Strohgelb, riecht anfangs deutlich kaltvergoren, dieser Eindruck verringert sich mit Luft etwas und das Ganze konzentriert sich auf allerlei Exotik wie Rambutan, Guave und einen Hauch Tonkabohne, auch etwas geschmolzenes Polystyrol. Am Gaumen dann leicht Weihrauch über der Exotik, die Säure ist ordentlich bemessen, wirkt aber auch etwas grünlich, das erkennbare Kalkbett ist deutlich bemoost. Der relativ lange Abgang zeigt hauptsächlich die deutlich bekräuterte Exotik, schlägt aber auch etwas in die Kaugummi-Richtung.

Das ist nun tatsächlich deutlich besser als die unten beschriebene 054er Variante, aber an den gehabten Spaß mit früheren Jahrgängen reicht auch diese Abfüllung bei Weitem nicht heran. Tatsächlich befremdlich für mich, daß unter ein demselben Namen zwei doch nicht unerheblich unterschiedliche Weine verkauft werden! Vielleicht gibt’s sogar noch weitere? Und: die oben erwähnte Goldmedaille ziert ausgerechnet den der beiden Weine, der bei mir am deutlichsten durchgefallen ist…

Meine Wertung: Nachkauf 1 von 3, Gesamt 17 von 25

Nachfolgend der Text der Verkostung der „AP 054“ vom 14. Oktober 2019:

Ich habe hier ja schon einige male beklagt, daß sich die Weine vom Juliusspital in den letzten Jahren kontinuierlich von meinen geschmacklichen Vorlieben wegbewegen, zuletzt fand ich den 2018er Weißburgunder vom Würzburger Stein für eine Erste Lage recht unterirdisch und aus 2019 war der Würzburger Orts-Silvaner auch nicht viel besser. Deshalb hab‘ ich für mich die aktuelleren Weine vom Juliusspital erst mal abgeschrieben. Ich las dann öfters mit ziemlichem Erstaunen an anderen Stellen Verkostungsnotizen über die JS-Weine von 2017, 2018, 2019, die für mich kaum zu glauben waren, ich hatte jedoch nie genau den gleichen Wein parat, um meine Eindrücke dagegen stellen zu können. Jetzt habe ich vor ein paar Tagen ein Video gesehen, in dem alle 4 verfügbaren Erste-Lagen-Silvaner vom Würzburger Stein aus 2019 gegeneinander verkostet wurden und der Wein „vom Julius“ als deutlicher Sieger gekürt wurde. Jetzt gibt’s aktuell bei unserem örtlichen Edegga (der schon immer ein recht umfangreiches Juliusspital-Sortiment hat) eine Kleberabattaktion, so daß mich der eh schon märchensteuerbedingt vergünstigte Wein damit nur noch 10,76 Euronen kostet. „Einmal riskier‘ ich’s noch!“ hab‘ ich mir dann gedacht. Also mal sehen:

2019er Silvaner – Würzburger Stein – AP 054 – trocken – Erste Lage, Juliusspital, Franken

Farblich ein helleres Strohgelb, in der Nase kommt vor allem hellere Exotik (wie Papaya, Guave und gelbe Pitahaya) zum Tragen, auch ein bißchen gelbes Maoam, was das Ganze leider klar zur Kitschfrucht treibt; wirkt recht kaltvergoren bzw. reinzuchthefig auf mich. Am Gaumen wiederholt sich das Ganze mehr oder weniger, wirkt etwas überextrahiert, die Säure ist eher mäßig präsent, wirkt aber (noch) nicht breit, da eine Prise weißer Pfeffer für etwas Belebung sorgt; als Unterlage dient eine ordentliche Schicht Kräutersalz. Der Abgang bläst ins gleiche Horn, hier dominiert die Kräuterseite mit Rauke und etwas Brennessel, dieser Teil ist jedoch insgesamt der am wenigsten plakative.

Ich kann mit dieser leicht überextrahierten Kaltvergärungs-Maoam-Frucht einfach nichts anfangen; hätte ich auch nicht unbedingt als Silvaner erkannt und ist jetzt auch kein typischer Muschelkalk-Vertreter für mich, wenn schon aus der Gegend, dann eher Keuper-typisch aus meiner Sicht. Die Bewertung aus dem oben verlinkten Video (17,5 von 20) kann ich unter Berücksichtigung meiner persönlichen Geschmackspräferenzen gar nicht nachvollziehen; die Eindrücke weichen allerdings so stark ab (z.B. habe ich nicht mal im Ansatz was Rauchiges wahrnehmen können), daß ich mich gefragt habe, ob ich eine andere Füllung im Glas habe (meine hat die AP 3000 054 20, bei einem Guts-Silvaner hatte ich schon mal zwei an sich gleiche Flaschen mit unterschiedlichen AP-Nummern), möglicherweise eine LEH-Sonderabfüllung? Ich fände es jedenfalls höchst befremdlich, wenn es unter ein und derselben Bezeichnung zwei oder mehr signifikant unterschiedliche Abfüllungen geben sollte. Wie auch immer, zumindest das, was ich im Glas hatte, animiert mich absolut nicht zum Nachkauf und ist in der Form auch ein weiterer Hinweis für den von mir wahrgenommenen stilistischen Absturz des Juliusspitals. Mir gefällt diese Art von Wein nicht, schon gar nicht für den Preis, auch nach Abzug des oben erwähnten Rabatts…

Meine Wertung: Nachkauf 1 von 3, Gesamt 15 von 25

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