Die fränkische Silvaner-Spitze…

würde ich jetzt nicht unbedingt einem einzigen Weingut zuschreiben, aber zu der Handvoll, die da oben mitmischen, zähle ich das Weingut May aus Retzstadt auf jeden Fall. Nun gab es pandemiebedingt mal wieder eine Online-Verkostung von Edel & Faul aus Berlin, bei der 3 Erste-Lagen-Silvaner des Gutes im Rennen waren, und da das Ganze auch freundlicherweise an einem Freitagabend stattfand, bin ich dem Vorschlag eines meiner nächsten Weinfreunde gerne gefolgt, daran teilzunehmen.

Zum Einstieg gab’s aber erst mal was ganz Anderes:

Wein A: 2018er [Tocai Italico] – Cocài …gabbiani… – Veneto IGT, Vignale di Cecilia, Veneto

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Die Farbe würde ich schon als Bronze beschreiben, riecht leicht oxidativ nach reduziertem Steinobst mit etwas Honig, zarte Sherry-Anmutung, mit Luft dann deutlich frischer wirkend. Am Gaumen etwas viskos unterwegs, hier reduzierter Pfirsich und ansatzweise auch getrocknete Orangenscheiben, moderate Säure ohne Breitenwirkung, steinseitig etwas belegt wirkender Speckstein. Der sehr lange Abgang zeigt „frischen Honig“ mit anfermentierten, sekundären Aprikosen und ist dennoch relativ frisch.

Etwas dicklich, aber doch gut flüssig, gewinnt mit Luft deutlich, da hier die Spannung zwischen Säure und leicht oxidativ wirkendem Extrakt steigt. Paßt aus meiner Sicht ganz gut zu etwas sahnigeren Gerichten, mit Belüftung flutscht der Friulano aber auch so ganz gut.

Meine Wertung: Nachkauf 2 von 3, Gesamt 19 von 25

Nun aber zu den Silvanern, in dem Video-Meeting waren auch Rudolf May und sein Sohn Benedikt May dabei und haben sehr viel Interessantes zu den Weinen und zum Weingut zu berichten gewußt. Begonnen haben wir mit einem 2018er; da ich bezüglich dieses Jahrgangs kein besonders großer Fan bin, war ich da ehrlich gesagt etwas skeptisch, aber mal sehen, was in diesem Fall aus den aus meiner Sicht widrigen Jahrgangsumständen gemacht wurde:

1. Wein: 2018er Silvaner – Retzstadter Langenberg – trocken – Erste Lage, Rudolf May, Franken

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Farblich ein leicht zum Messing schauendes Goldgelb, riecht leicht flintig-basaltisch, dazu mürbe Äpfel sowie Mirabellen, weiters Steinchen mit Raucharoma. Am Gaumen cremige Grundstruktur, die leicht rauchige Frucht kommt aufgrund der recht potenten Säure sehr spielerisch daher ohne dabei an Ernsthaftigkeit zu verlieren, der Fokus liegt hier auf der recht erdigen Mineralik ohne dabei ins Behäbige abzugleiten. Der Abgang ist von ordentlicher Länge,

Sehr rieslingesker Silvaner, der auch als 18er Jahrgang jede Überextraktion vermeidet und eine gute Spannung zwischen Eleganz und Frische bietet. Würde mir wohl als Kaltjahrausgabe noch etwas mehr schmecken, aber Chapeau für das, was das Weingut May hier aus dem Jahrgang gemacht hat, einen noch besseren Wein hatte ich bisher aus 18 und D nicht im Glas!

Meine Wertung: Nachkauf 2 von 3, Gesamt 20 von 25

2. Wein: 2019er Silvaner – Stettener [Stein] – Rossthalberg – trocken – Erste Lage, Rudolf May, Franken

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Farblich ein helleres Goldgelb mit leichtem Rotstich, dann eine deutliche, leicht reduktive Steinobstnase, auch Reneclauden, dezentes, leicht grünliches Großholz. Am Gaumen ebenfalls angegrünte reduzierte Frucht incl. etwas Williamsbirne, vom Holz her leicht Essigbaum, dazu eine sehr geschmeidige, aber nicht behäbige Säure sowie eine erdige Kalkgrundlage. Sehr langer, sekundär fruchtbetonter Abgang, im Finale durch das perfekte essigbaumgrüne Holz recht burgundisch wirkend.

Eher nach Frankreich schmeckender Silvaner, der vom typisch Fränkischen aus meiner Sicht sehr weit weg geht, was mich aber nicht im geringsten stört; mich wundert fast, daß das noch ein Qualitätswein ist.

Meine Wertung: Nachkauf 3 von 3, Gesamt 22 von 25

3. Wein: 2019er Silvaner – Retzstadter [Langenberg] – Der Schäfer – trocken – Erste Lage, Rudolf May, Franken

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Hier ein helleres Altgold im Glas, riecht vornehmlich nach grünlichem, warmen Holz ohne Vorlautigkeit (gibt’s das Wort?) und läßt die dahinter stehende Frucht wie Bratquitte und Reneclaude noch erkennen. Am Gaumen auch ganz leicht malzig-karamellig, die Frucht hier nur noch als Idee, dabei jedoch durchaus prägend, das Holz ebenfalls recht karamellig und grünholzig zugleich, ohne dabei „bebbig“ zu werden. Sehr langer, warmer, aber nicht alkiger Abgang, sehr dicht wirkend und dennoch flutschig im besten Sinne, sehr elegantes Holz, das minutenlang nachwirkt.

Hier nun ist das Weingut -ob beabsichtigt oder nicht- endgültig in der gehobenen Burgund-Stilistik angekommen. Ist natürlich kein Burgunder, da die Rebsorte ganz andere Akzente setzt als es Chardonnay oder Aligoté können und tun, aber da das Burgund halt eher als Benchmark gesetzt ist als Franken, bemühe ich den Vergleich gerne und anerkennend trotzdem…

Meine Wertung: Nachkauf 3 von 3, Gesamt 23 von 25

Zum Abschluß habe ich noch einen Wein mitgebracht, den ich einfach gerne probieren wollte, zudem paßt nach so viel Weiß ein bißchen Rot zum Abschluß in der Regel ganz gut:

Wein B: 2013er [Pinot noir] – Volnay AC, Domaine de Chassorney, Bourgogne

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Farblich ein leicht trübes Kirschrot, geruchlich zeigen sich fluffig-samtige Kirschen bzw. Schlehen, dazu was leicht Rauchig-kalkiges, mit Luft auch ein paar dezente Pilzaromen. Geschmacklich zeigen sich die Kirschen von einer ganz leicht waldigeren Art plus dezent sekundäre Walderdbeere, umwabert von kalkigen, weichen Gerbstoffen, dazu eine sehr milde, aber beileibe nicht schmächtige Säure, samtige Adstringenz, tuffige Basis. Der sehr lang hallende Nachhall fährt ebenfalls auf der samtigen Spur, was die Spannung jedoch nicht hemmt, hier ist der Tuff am deutlichsten ausgeprägt, von der Holzseite taucht hier noch eine dezente Berghütte auf.

Aus meiner Sicht ein wunderschöner Natur-Pinot, der stilistisch mit dem Burgund im Allgemeinen und Volnay im Speziellen nur wenig bis gar nichts zu tun hat, sondern von mir blind wahrscheinlich eher ins Jura verortet worden wäre. Ist mir aber Wurscht, der Wein weist keinerlei Trinkhemmnisse auf, ist gefällig im allerbesten Sinne und dabei in keinster Weise angepaßt. Großer Spaß!

Meine Wertung: Nachkauf 3 von 3, Gesamt 22 von 25

Fazit:

Eine sehr hochklassige und informative Runde (vielen Dank an den Moderator sowie die Familie May!), die probierten Silvaner zeigen sehr eindrücklich, daß diese Sorte keine Zweitklassrebe ist, wie es ihr teils immer noch unterstellt wird. Ich kenne die May’schen Weine nun schon seit ein paar Jahren und da war noch nie was Schlechtes dabei, dennoch hab‘ ich zugunsten anderer Häuser ein paar Jahre ausgesetzt. Was man mit diesem Abstand bei der jetzigen Runde sehr schön sehen bzw. schmecken konnte, ist, daß sich das Weingut in den letzten Jahren von der Stilistik doch deutlich bewegt hat, was wohl auch auf den vermehrten Einsatz von Stückfässern zurückzuführen ist, was von Seiten der Winzer auch so erläutert wurde. Beim letzten Silvaner -dem Schäfer- habe ich mich am deutlichsten an das Burgund (und zwar eher das der Naturweinseite) erinnert gefühlt, konkret an einen Chardonnay von der Domaine de Chassorney, ein Wein, der mich in diesem Jahr herausragend geflasht hat. Wahrscheinlich gefördert durch die Tatsache, daß ich ja zufällig auch den Volnay aus gleichem Hause dabei hatte, aber auch mit etwas Abstand muß ich sagen, daß dieser Vergleich absolut nicht hinkt. Benedikt May hat sich übrigens in dem Meeting so geäußert, daß er den Vergleich mit dem Burgund eigentlich nicht schätzt, was ich auch in gewisser Weise nachvollziehen kann. Aber der Stilistik-Hammer der eher filigran-elegant-distinguierten Weine hängt aus meiner Sicht halt einfach dort (oder auch im Jura, je nach Ausrichtung) und nicht in Franken, zumindest bisher noch nicht, auch wenn manche Weingüter gut dran arbeiten.

Zu guter Letzt noch vielen Dank an unseren immer wieder gern besuchten Gastgeber, insbesondere auch hinsichtlich des perfekten Caterings!

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