Edel & Faul in Georgien

Letzten Freitag haben wir wieder mal an einer Online-Verkostung von Edel & Faul teilgenommen, diesmal waren 3 Weine aus Georgien am Start, allesamt von Iberieli Wines in Kachetien, der östlichsten Weinbauregion des Landes. Der Winzer Zurab Topuridze war in der Video-Konferenz auch dabei und hat viel über den Weinbau dort und seinen persönlichen Weg der Weinwerdung berichtet.

Wir hatten -ganz regelkonform- einen Gast, der aber rechtzeitig wieder zuhause sein mußte, deshalb haben wir gut eine Stunde vor der VK bereits angefangen und auch keine begleitenden Weine aufgemacht, daher geht’s gleich mit den Georgiern los, die übrigens alle in der Amphore vergoren und ausgebaut wurden:

1. Wein: 2019er [Cuvée] – Golden Blend – Tsinandali, Iberieli, Kacheti

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Dies ist eine Cuvée aus Rkatsiteli, Mtsvane, Kisi und Khikhvi zu gleichen Teilen und hat eine Maischestandzeit von 7 Monaten hinter sich.

Farblich sieht’s aus wie Rotguß, in der Nase zeigen sich ein paar Mangochips sowie leicht Quitte in sehr reduzierter Form, alte gerebelte Kräuter. Geschmacklich viel Keller, aber nicht muffig, dazu stark reduzierte Trockenfrüchte, keinerlei Restsüße, Ziegelschlämpe und ein paar Gerbstoffe, dazu eine schön bemessene, leicht samtig wirkende Säure. Der Abgang zeigt die Frucht etwas weniger reduziert, die Gerbstoffe sind hier sehr samtig, der Wein wirkt leicht belegt.

Soweit ein recht schöner, jedoch auch recht zurückhaltender, fast schüchterner, sehr schmeichelnder Wein, der sich in keinster Weise aufdrängt. Muß man sich erarbeiten, von selber kommt da wenig.

Meine Wertung am ersten Tag: Nachkauf 1 von 3, Gesamt 17 von 25

Nachtrag nach 24 Stunden mit Luft: in allen Phasen hat sich die Schüchternheit des Golden Blend deutlich vermindert, etwas Karamell und Lakritze spielen noch mit, die Frucht hat sich dabei etwas weniger entwickelt als der Rest, was dem Wein nicht zum Nachteil gereicht. So ist das schon ein ganz anderer Schnack!

Meine Wertung am zweiten Tag: Nachkauf 2 von 3, Gesamt 19 von 25

2. Wein: 2019er Chkhaveri – Sakvavistke, Iberieli, Guria

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Im Gegensatz zu den beiden anderen Weinen stammt dieser aus der diametral entgegengesetzten Ecke Georgiens, nämlich aus Gurien, das liegt an der Ostküste des Schwarzen Meeres; dort werden in der Regel Süßweine hergestellt.

Farblich ein ganz leicht angetrübtes, dunkleres Bernstein, in der Nase vor allem reduzierte Quitte, unreife Aprikose und nasser Ton, ein Hauch Rauch; driftet mit der Zeit ein bißchen in Richtung Cognac ohne jeglichen Alkohol ab. Am Gaumen dann etwas fülliger, auch wenn die Frucht zumindest anfangs ein sehr zurückgezogenes Dasein führt, die Gerbstoffe sind der Farbe entsprechend relativ orange, eher moderat wirkende Säure, im Laufe der Zeit auch ein bißchen was Hellmalziges. Der Abgang ist recht warm und auch ein klein bißchen lakritzig.

Man kann hier relativ viel finden, aber alle Aromen sind sehr zurückhaltend und stehen teils auch etwas isoliert da. Finde ich zwar recht interessant, für 21 Euronen hätte ich mir jedoch etwas mehr Expressivität erwartet.

Meine Wertung am ersten Tag: Nachkauf 1 von 3, Gesamt 18 von 25

Nachtrag nach 24 Stunden mit Luft: nasal jetzt zuerst deutlich brauner Staub, etwas Mahagonischliff, die Frucht ist fast verschwunden. Gaumal nun eine Gerbstofforgie mit braunbitteren Noten, Kellerstaub, kleine Fehlfunktion in der Elektrik, etwas „Eschacher Luft“ (ohne Alk), feine, aber ausdauernde Adstringenz, hier ebenfalls kaum noch Frucht, allenfalls etwas hypersekundäre Quitte. Der Abgang ist nun ein Mehrminüter, er lebt von den leicht süßlichen und feinen Bitterstoffen plus etwas Weihrauch, im Finale übernimmt die rauchige Seite die Pole und sorgt für einen feinen Dauerpelz.

Ist nun ziemlicher Freakstuff und polarisiert deutlich, ich durfte dann auch alleine weitertrinken…

Meine Wertung am zweiten Tag: Nachkauf 2 von 3, Gesamt 21 von 25

Nachtrag nach 48 Stunden mit Luft: farblich hat sich in das Bernstein ein Schlag Apricot eingeschlichen, in der Nase zeigt sich nun wieder etwas mehr reduzierte Quitte, ein Hauch likörig, dazu samtiger Rauch. Am Gaumen dann weitgehend wie gestern, etwas Menthol taucht auf, aber auch ein kleines geschmackliches Loch. Auch der Abgang wirkt irgendwie etwas leerer als am Tag zuvor.

Es scheint so, als ob der Zenit bereits gestern erreicht wurde…

Meine Wertung am dritten Tag: Nachkauf 1 von 3, Gesamt 18 von 25

3. Wein: 2019er Saperavi – Tsinandali, Iberieli, Kacheti

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Farblich ein mittleres Kirschrot mit höherer Transparenz, in der Nase deutlich beerig mit einiger Waldhimbeere und leicht Preiselbeere, am Gaumen ebenfalls recht himbeerig, zwar nicht plakativ, aber doch eher „easy going“, unauffällige, aber gut arbeitende Säure, ein Hauch sehr heller Tabak, dezente Kalkspur. Auch der Abgang ist in erster Linie himbeerig, nicht sonderlich komplex, aber auch nicht banal.

Dieser Wein wirkt auf mich noch klar zu jung, er präsentiert hauptsächlich die recht primäre Himbeere, vermeidet aber gekonnt jede Kitschigkeit. Aktuell irgendwie anspruchslos mit Anspruch, ich frage mich, wie sich dieser Saperavi in erwachsen präsentiert.

Meine Wertung am ersten Tag: Nachkauf 1 von 3, Gesamt 15 von 25

Nachtrag nach 24 Stunden mit Luft: in der Nase nun noch Schlag mehr Waldhimbeeren, durch einige braunwürzige Komponenten wird die Kitschgrenze jedoch nicht erreicht. Am Gaumen hat sich die Beerenseite ebenfalls weiterentwickelt, ist nun auch etwas ernsthafter und auch fülliger unterwegs, aber das Saftige bleibt prägend, auch wenn weiterhin einige Spuren von Tabak und Lakritz vom Banalen wegführen. Der äußerst lange Abgang ist warm und der unfruchtigste Teil, hier übernimmt die würzig-tabakige Seite die Pole.

Aufgrund der Entwicklung mit Luft keimt bei mir die Hoffnung, daß das noch ein recht anständiger Wein wird, wenn sich die Himbeeren erst mal weitgehend verabschiedet haben, die Zweitflasche hat jetzt jedenfalls ein paar Jahre Zeit, sich hoffentlich zu ihrem Vorteil zu entwickeln. Denn Himbeeren im Wein haben es bei mir relativ schwer, auch wenn sie nicht als Drops daherkommen…

Meine Wertung am zweiten Tag: Nachkauf 1 von 3, Gesamt 16 von 25

Nachtrag nach 48 Stunden mit Luft: in der Nase haben sich die Himbeeren weiter in den Wald zurückgezogen und mit einigen Pilzen und Laub umgeben. Geschmacklich ebenfalls ein Ausflug in den Herbstwald, allerdings wirken die Himbeeren hier leicht deplaziert. Der Abgang ist dann wieder etwas beeriger.
Ich bestätige dem Saperavi gerne, daß er über die drei Tage eine erstaunliche Entwicklung hingelegt hat, aber so richtig dicke Freude sind wir noch nicht geworden, dazu ist mir die Himbeere nach wie vor zu aufdringlich. Geschmackssache halt…

Meine Wertung am dritten Tag: Nachkauf 1 von 3, Gesamt 17 von 25

Fazit:

Am Abend der Verkostung war ich fast ein bißchen enttäuscht, denn keiner der Weine hat die Nachkaufschwelle überschritten, dazu waren sie mir allesamt nicht expressiv genug. Damit meine ich nicht, daß ein Wein dick und fett daherkommen muß, um mir zu gefallen (wer mich kennt, weiß das), aber hier kam halt doch alles, was die Weine zu bieten hatten, auf sehr zurückhaltende Weise zutage. Bei jeweils mehr als 20 Euronen pro Flasche hatten wir uns da deutlich mehr erhofft. Allerdings sind auch alle drei Weine noch sehr jung, deshalb hab ich einfach zwei Pakete bestellt und lasse die Zweitflaschen ein paar Jahre im Keller liegen, bevor ich da nochmals rangehe.

Die Nachverkostungen waren dann allerdings teils deutlich erfreulicher, was mich in der Hoffnung bestärkt, daß da noch was Schnuckeliges draus wird. Einfach in ein paar Jahren nochmal hier vorbeischauen!

Zu guter Letzt noch vielen Dank an unseren immer wieder gern gesehenen Mittrinker, der unermüdlich mitkämpft, die Kultur des ambitionierten Weingenusses im Münchener Umland nicht untergehen zu lassen!

2 comments on “Edel & Faul in Georgien

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