Ungewohntes Elsaß

…um die Weinrundenkultur nicht ganz untergehen zu lassen, machen wir ja mittlerweile recht regelmäßig bei diversen Online-Verkostungen mit, häufig nach wie vor bei WRINT-Flaschen, diesmal mit dem Thema Elsaß. Die Weine von dort werden ja gerne in die süssere und / oder behäbigere Ecke gestellt; insbesondere in Verbindung mit dem Jahrgang 2018 bei den beiden Weißweinen war ich zwar etwas skeptisch, ob das letztlich was mich bzw. uns ist, aber: „No risk, no fun!“ Zum eigentlichen Sendetermin am Mittwoch haben wir’s natürlich wieder nicht geschafft, sondern das Ganze für uns auf Freitag Abend vertagt, was aufgrund des Wegfalls der Ausgangsbeschränkungen bei uns dann ganz kommod geklappt hat. Etwa eine Viertelstunde vor Beginn hat Holger Klein dann die oben verlinkte Podcast-Konserve eingestellt, paßte also alles…

So konnten wir dann auch vorweg und ohne jeglichen Zeitdruck einen Einsteiger der ganz anderen Art genießen:

Wein A: 2018er Adams Parmäne – brut – Apfelwein, Gutshof Kraatz, Uckermark

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Im Glas ein sattes, leicht trübes Altgold. Riecht nach schön mostigen, sehr reifen Äpfeln mit ordentlicher Gerbstofffracht. Am Gaumen knalltrocken bei für Apfelwein amtlichen 9,5 Umdrehungen, wieder deutliche Gerbstoffe, durch die ordentliche Säure wird der Trinkfluß auch durch das quasi-Apfelkonzentrat in keinster Weise gehindert, dazu gibt’s ein leicht rauchiges Bitterchen. Auch der sehr lange Abgang wirkt recht maischevergoren, schön sekundärfruchtig, mit einiger Hefe und weißem Tannin.

Geniales Zeuch mit gefährlichem Trinkfluß, welches so manchem maischevergorenem Natur(trauben)wein in nichts nachsteht. Das ist tatsächlich „richtiger Wein“, würde als Pirat z.B. in einer Orangewein-Runde vermutlich auch so durchgehen…

Meine Wertung: Nachkauf 3 von 3, Gesamt 20 von 25

Jetzt aber ins Elsaß:

1. Wein: 2018er [Cuvée] – Granite – Alsace AC, Rieffel, Alsace

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Dies ist übrigens eine Cuvée aus Pinot blanc und Auxerrois.

Im Glas ein helleres Strohgelb, riecht leicht buttrig-stinkig, weißer Rauch, Wolfsmilch (weiß leider nicht, wie die Art, die ich meine, exakt heißt) und Löwenzahn, dahinter etwas hellgelbe, leicht apfelige Frucht sowie Gutenberg-Klebestift. Am Gaumen zeigt sich eine grünlich-frische Textur, etwas Essigbaum, kaum Frucht, vielleicht etwas grüne Rambutan mit Limette, recht satte Säure (vor allem für Burgundersorten), untendrunter kühler Kalkstein. Der ziemlich lang hallende Nachhall lebt ebenfalls von dieser essigbaumgrünen Mineralik mit druckvoller Säureunterstützung, im Finale ein betörender Kleber- / Säuremix mit Kalkpuffer.

Sehr frischer und äußerst niederviskoser, dabei aber keinesfalls substanzloser WB, der sich mit seiner Mineralik auch recht klar von der Burgunderbenchmark absetzt bzw. kaum als solcher erkennbar ist, obwohl die Zutaten weitgehend die gleichen sind; großer Spaß!

Meine Wertung: Nachkauf 3 von 3, Gesamt 21 von 25

2. Wein: 2018er Riesling – Vieilles Vignes – Alsace AC, Rieffel, Alsace

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Im Glas ein leuchtendes Strohgelb, für den Riechkolben gibt’s erstmal Flint, Schiefer und 600er Naßschleifpapier sowie einen Mini-Stinker, dahinter ansatzweise Ananas und Zitrone. Schmeckt dann auch so, hier eine sehr frische, glockenklare Struktur mit deutlicher Zitruslastigkeit, diese aber doch leicht elegantisiert ohne Breitenwirkung, straffe und doch versöhnliche Säure, kühle, wenn auch leicht puffernde Mineralik. Der Abgang ist minutenlang und ebenfalls sehr klar und frisch, hier kommt die Säure fast kantig-sechzuan-pfeffrig daher, sehr kühle Kalkbasis.

Entgegen dem ersten Wein ist die Rebsorte klar erkennbar, durchaus eigenständig, aber doch nicht so outstandig wie die vorhergehende Burgundercuvée.

Meine Wertung: Nachkauf 2 von 3, Gesamt 19 von 25

Nachtrag nach 48 Stunden mit Luft: die flintige Seite ist praktisch nicht mehr präsent, allenfalls in sehr flaumiger Form, ansonsten zeigen sich einige weiße Tannine / Gerbstoffe sowie Rambutan. Am Gaumen nun auch sehr gegerbt-flaumig, das vorgestern statierte Glockenklare ist klar Vergangenheit, dafür zeigt sich nun eine herb-samtige Struktur ohne Spannungsverlust. Recht deutliche Änderung auf gleichbleibendem Niveau

3. Wein: 2019er Pinot noir – Nature – Alsace AC, Rieffel, Alsace

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Im Glas dunkler himbeerrot mit mittlerer Transparenz, riecht nach Waldkirsche mit weißem Rauch und etwas rosa parfümierter Seife, leicht alkig. Am Gaumen zeigen sich einige Tannine, leichte Adstringenz, samtige säuerliche Kirsche und Cranberry-Saft, wieder etwas rosa Seife, deutliche Säure, etwas Hydrogencarbonat. Der Abgang bestätigt das Ganze nochmal, hier einiges an grünen Stengeln und ganz leicht Hustenbonbon.

Dieser PN ist meiner Meinung nach noch deutlich zu jung, auf mich wirkt das alles noch arg ungeordnet bis uncharmant. Dennoch nicht uninteressant, möglicherweise schmeckt sowas in 5 Jahren ja richtig gut, aktuell aber nur

Meine Wertung: Nachkauf 1 von 3, Gesamt 16 von 25

Nachtrag nach 72 Stunden mit Luft: insgesamt hat der „Nature“ seinen Charakter weitgehend behauptet, er wirkt nun etwas aufgeräumter, eine leichte Himbeernote hat sich entwickelt, fast etwas deutsch. Eine klare Entwicklung nach oben ist das jedoch noch nicht…

Zum Abschluß gab’s dann noch einen Spätburgunder von der anderen Seite des Rheins; trotz des nicht ganz geringen Preises hab ich uns mal blind ein Probefläschchen gegönnt, nachdem der Riesling aus gleichem Haus seinerzeit wirklich hervorragend abgeschnitten hat:

Wein B: 2017er Spätburgunder – [Bötzinger Eckberg] – Parabole – trocken – Badischer Landwein, Tomislav Marković, Baden

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Farblich ein leicht angeziegeltes Rubinrot mit mittlerer Transparenz, in der Nase Ziegelschlämpe im Wald, dazu würzige Kirsche, leicht Erdbeeren in ankompottierter Form, ein Hauch Haarwasser. Am Gaumen schönes, feines Holz in Form von dezenter Vanille mit Essigbaum und leicht Kiwi, der Wald wird mit Luft größer und größer; die Säure ist ziemlich ausgeprägt, dazu eine recht kühle Steingrundlage. Der sehr lange Nachhall zeigt die Säure am deutlichsten, das Holz ist hier auf der sehr reduktiven, leicht grünen Seite unterwegs und die Kirsche wirkt extrem frisch bis fast grün.

Auch wenn dieser Spätburgunder noch etwas jung ist und tatsächlich eher etwas deutsch im besten Sinne denn burgundisch daherkommt, ist er aufgrund seiner reduktiven Grundstruktur und der weitgehenden Beerenabstinenz für mich ein hochanimierendes Getränk, auch deswegen, weil man nach 10 Minuten immer noch eine deutliche Wirkung verspürt. In weiteren 5 Jahren wahrscheinlich ein „3er“, jetzt aber

Meine Wertung: Nachkauf 2 von 3, Gesamt 21 von 25

Fazit:

„Sieger der Herzen“ war für mich klar der Apfelwein zum Entrée! Es ist schon lange her, daß ich mal welchen im Glas hatte (Cidre natürlich schon), aber es blieb damals nicht mal im Ansatz die Assoziation „Wein“ zurück und so geriet dieses Thema bei mir recht schnell in Vergessenheit. Ich hab dann gleich was davon nachgeordert (vielen Dank an den Spender!)…

Die eigentlichen Weine des Abends fand ich insgesamt sehr erfreulich, auch wenn der Pinot noir erst noch beweisen müßte, ob er sein Geld im Erwachsenenalter wirklich wert ist. Vielleicht wage ich dieses Experiment ja noch, mal sehen. Vor allem war’s jedoch erfreulich abweichend von den oben angeführten, allgemeinen Einschätzungen über Elsässer Wein. Und beim badischen Spätburgunder reut mich eigentlich nur, daß ich ihn wohl ein paar Jährchen zu früh geöffnet habe; vielleicht kann ich ja noch ein oder zwei Fläschchen für später ergattern, wert ist er seinen Preis wohl allemal.

Vielen Dank an die Mitstreiter für den wiederum gelungenen und zum Glück diesmal auch nicht zeitlich limitierten Abend, wir bleiben dran!

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