Alternativprogramm

Was tun, wenn das Wetter nachhaltig bescheiden ist und nix auf hat, jedenfalls nicht so, daß man unbeschwert was machen könnte? Man verabredet sich zum multiplen Weinaufriß! Jede Partei steuerte zwei Flaschen nach Lust und Laune bei, Folgendes kam dabei heraus:

1. Wein: 2010er Riesling – Trarbacher Hühnerberg – trocken – Kabinett – Pw, Martin Müllen, Mosel

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Farblich ein recht sattes Goldgelb, nasal gibt’s sauren Honig mit Zitrone und Ugli auf kühler, frisch geschnittener Steinplatte, mit Luft dann auch einige Orangen. Am Gaumen hochfrisch mit superklarer und knackiger Verjus-Säure, wieder grün-gelbe Agrumen auf blauem Gestein, auch hier mit Luft eine Entwicklung zu gelberen Agrumen hin. Auch der Abgang offenbart eine blitzsaubere, säuregestählte Agrumenstruktur, das Finale betont wieder die sehr traubige Säure recht schön.

Superklarer Riesling ohne jegliche Altersnoten, kein Gramm Speck auf den Rippen und dennoch klar die Region abbildend. Diesen Wein hatte ich vor gut einem Jahr schon mal probiert, ich war damals auch schon sehr begeistert, und habe noch ein Pünktchen mehr gegeben, was aber auch dem Wetter und / oder der Tagesform geschuldet gewesen sein könnte, allerdings meine ich auch, daß der Schiefer vor einem Jahr noch prägnanter war.

Meine Wertung am ersten Tag: Nachkauf 3 von 3, Gesamt 22 von 25

Nachtrag nach 24 Stunden mit Luft: in der Nase noch etwas mehr Honig, wirkt auch etwas (extrakt-) süßer, die Orangen sind konzentrierter. Am Gaumen noch etwas mehr Spannung zwischen der nun messerscharfen Säure und den fast schon eckigen Agrumen. Auch der Abgang kommt noch ein wenig kompromißloser daher.

Legt noch mal eine Schippe an Knackigkeit oben drauf und ist damit wieder bei der letztjährigen Bewertung:

Meine Wertung am zweiten Tag: Nachkauf 3 von 3, Gesamt 23 von 25

2. Wein: 2018er Grüner Veltliner – [Joiser Lindauer] – Elektra – trocken – Landwein Weinland, Martin Nittnaus, Neusiedlersee

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Martin Nittnaus ist gemäß einer kleinen Netzrecherche der Sohn von Anita und Hans Nittnaus, welche auch als Abfüller auf dem Etikett genannt sind. Die Nachfolgegeneration darf anscheinend mehr und mehr „üben“ und dabei eigenständig entscheiden, wie der Wein werden soll, mal sehen was dabei heraus kommt:

Ein leicht trübes, mittleres Altgold im Glas, nasal sehr reduktiv und leicht schwefelig mit getrockneten Apfelringen und etwas Tamarinde, schmeckt dann ein bißchen leichter als erwartet, auch wenn man dem Plättchen-Schwefel sowie dem Korundcocktail keinerlei Zurückhaltung unterstellen kann; dazu eine selbstbewußte und kantige Säure sowie grüner Pfeffer. Der Abgang setzt das konsequent und lang fort, im Finale ein blaues Bitterchen.

Das ist schon sehr eigen, aber aus meiner Sicht auch sehr gekonnt, mehrheitsfähig ist das allerdings eher nicht. Aus meiner Sicht jedoch eine geglückte Vorgehensweise der Elterngeneration, hoffentlich wird der freche Stil bei zumindest einigen Weinen des Guts beibehalten!

Meine Wertung am ersten Tag: Nachkauf 2 von 3, Gesamt 20 von 25

Nachtrag nach 24 Stunden mit Luft: in der Nase jetzt etwas weniger reduktiv bzw. schwefelig, bleibt aber noch genügend davon übrig. Am Gaumen kommen die Apfelringe etwas nach vorne, die Mineralik bleibt aber bestimmend. Der Abgang ist nun bitterchenfrei, jedoch nach wie vor kühl-kantig.

Insgesamt immer noch ein recht krasser GV, ein paar der Ecken sind aber nun etwas runder, insgesamt ein schöner Schritt nach vorne.

Meine Wertung am zweiten Tag: Nachkauf 2 von 3, Gesamt 21 von 25

3. Wein: 2016er Portugieser – Große Fabrik – Naiv – [trocken] – Landwein Rhein, Teschke, Rheinhessen

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Hier ist übrigens die linke Seite des weit umlaufenden Etiketts zu sehen, der offizielle Teil befindet sich weiter rechts (siehe Beitragsbild).

Ein leicht trübes und dunkleres Kirschrot mit mäßiger Transparenz im Glas, riecht nach staubiger, ankompottierter Kirsche beim Torfstich, dazu etwas Tabak sowie ein Hauch Weihrauch, mit Luft auch Morcheln. Am Gaumen dann ordentlich Holzteer, dann etwas kantigerer Tabak und ein bißchen Ziegenbart, kaum Frucht, vielleicht etwas Pflaumenkompott, recht animierende Säure, dazu eine zementige Steingrundlage. Der Abgang ist fast etwas schroff und erinnert mich an ein Zementwerk. Der Abgang ist dann ziemlich warm, leicht teerig, dann wieder Tabaksud, im Finale ein kaum enden wollender Braunwürzestrom.

Sehr kantiger, auch sicher polarisierender Wein, der vermutlich mit der normalen Rebsortencharakteristik nichts zu tun hat (ich hab einfach keine Portugiesererfahrung!) und seinem Namen vor allem beim Nachhall alle Ehre macht. Großer Spaß, war übrigens die einzige Flasche, die wir im Laufe des Abends ganz leer gemacht haben, deshalb gibt’s auch keinen Nachtrag…

Meine Wertung: Nachkauf 3 von 3, Gesamt 21 von 25

4. Wein: 2015er Pinot noir – Longeroies – Marsannay AC, La Maison Romaine, Bourgogne

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Farblich ein dunkleres Rubinrot mit erhöhter Transparenz, nasal gibt’s Sauerkraut mit geräuchertem Kassler bzw. Jambon persillé, dazu eine kleine Klebernote; mit Luft wird das Ganze dann etwas geschmeidiger, es tauchen dann auch ein paar Kirschen und Himbeeren auf. Am Gaumen dann anfangs eher etwas plakative Kirsche, dazu ordentlich Würze, fast an Glühwein erinnernd, mit Luft auch hier eine leicht versöhnliche Entwicklung in Richtung eines kleinen, grünen Wäldchens; dazu eine fordernde Säure, etwas klebriger Kalkbaaz als Grundlage. Der recht lange Abgang wirkt auch etwas chemisch und fast unnahbar.

Ich mag ja kantige Weine, aber dieser Pinot wirkt aktuell auf mich bei aller Spannung, die er verursacht, sehr distanziert, fast klebrig, teils unangenehm chemisch. Ich hatte den Wein ja eigentlich in Erwartung einer deutlich freudvolleren Verkostung ins Rennen geworfen, war er doch vor gut 3½ Jahren noch ein super „3er“. Aber bei solchen nicht geschwefelten Sachen weiß man ja nie so genau, wohin die sich entwickeln, hier jedenfalls hätte ich besser nicht so lange bis zur zweiten Flasche warten sollen. Schade!

Meine Wertung am ersten Tag: Nachkauf 1 von 3, Gesamt 16 von 25

Nachtrag nach 48 Stunden mit Luft: das Bukett hat das Sauerkraut abgestoßen, Kleber gibt’s aber noch in Form eines Gutenberg Klebestifts, was schon deutlich angenehmer ist; dazu gesellen sich dann jedoch grüne Cocktail-Oliven der Sorte, die ich nicht so mag sowie eine kleine Pepperoni. Geschmacklich kommen sekundäre, mit Pulpe versetzte, reduktive Kirschen mehr zum Vorschein, Oliven und Kleber dezimieren sich soweit, daß eine schöne Kante übrig bleibt; die Säure zeigt sich besser integriert, ist aber nach wie vor eher auf der leicht kratzbürstigen Seite unterwegs, die steinerne Grundlage ist leicht zementig. Der Abgang zeigt die Frucht am frischesten und kantigsten, zur Kirsche bzw. hier eher Weichsel gesellt sich noch etwas Aronia; die Säure ist auch hier ziemlich kantig und bestimmt vor allem das minutenlange Finale.

Das ist nun tatsächlich deutlich attraktiver als am ersten Tag, die Größe seiner Jugend erreicht der Wein aber auch heute bei Weitem nicht, die Nachkaufhürde wird nicht gerissen, obwohl ich eine gewisse Qualität heute schon (wieder) anerkennen kann, ist aber aktuell dennoch nicht „my glass of wine“. Ich bin mir auch nach wie vor nicht im Klaren darüber, wohin sich das noch entwickeln wird.

Meine Wertung am dritten Tag: Nachkauf 1 von 3, Gesamt 19 von 25

Fazit:

Wenn man mal von der Enttäuschung am Ende absieht, waren das ausnehmend schöne und vor allem auch sehr ausdrucksstarke, teils auch recht eigenwillige Weine, welche die Basis eines sehr gelungenen Abends waren! Ich freue mich schon auf unser nächstes Alternativprogramm!

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