„Einfach so“-Runde

Auch wenn man als vakzinierter Weinfreund mittlerweile eigentlich keine relevanten Beschränkungen mehr hinsichtlich gemeinsamer Runden hat, ist unsere Blindtastigrunden-Tradition seit dem zweiten Comeback mit eher überschaubarer Beteiligung etwas ins Stocken geraten, weiß auch nicht warum. Deshalb fanden in letzter Zeit vermehrt Zusammenkünfte statt, die unter Beteiligung einiger der früher mehr oder weniger regelmäßigen Teilnehmer quasi „außer Konkurrenz“ verliefen, eine davon vor gut zwei Wochen bei einem meiner Bekannten, dessen Focus sehr klar zur innovativen Seite ausgerichtet ist. Dementsprechend geprägt war auch dieses sehr schöne Tasting, zu dem jeder mitbringen sollte / konnte, was einem so in den Sinn kam. Meine Weinbeschreibungen sind teils etwas kurz geraten, das heißt aber in diesem Falle nicht unbedingt, daß mir zu den Weinen nicht mehr eingefallen wäre, ich konnte bzw. wollte mich einfach nicht so sehr aus dem gesellschaftlichen Geschehen heraushalten; ich hoffe, daß die Texte dennoch einigermaßen hilfreich sind:

1. Wein: oJ [Cuvée] – „Alpino Macerato“ – Vino spumante, Furlani, Trentino

Gemäß Heimseite des Guts ist dies eine Cuvée von alten weißen bzw. Aromasorten aus einem 30 Jahre alten Weingarten, gemäß einer Netzquelle wird das mit 50 % Gewürztraminer und 50 % Müller-Thurgau konkretisiert, andere Quellen schwören auf 100 % Pinot grigio; m.E. ist letztere Annahme schlüssiger, da man so viel GT eigentlich auch in einem PétNat klar rausschmecken müßte…

Farblich ein helleres Strohgelb, deutlich trüb, mittelfeiner und anhaltender Blubber. Nasal leicht extraktsüße, gelbe Agrumen, feine Hefespur. Gaumal vor allem Pampelmuse mit trockener Süße, leicht hefig, kalkige Grundlage. Recht langer Abgang mit einer hier sehr geschmeidigen Pampelmuse.

Sehr belebender Pampelmusenschaum, eher für die spaßige Seite gedacht -aber mit Anspruch gemacht- und mit einem Preis von gut 10 Euronen ab Hof ein super Zeuch. Muß ich auch mal vorbeifahren…

Meine Wertung: Nachkauf 3 von 3, Gesamt 20 von 25

2. Wein: 2020er Sémillon – Splash! – Naturellement pétillant – Vin de France, Château Barouillet, Sud-Ouest

Die Farbe ist ein trübes Strohgelb, sehr schöne Blubberei, Riecht nach Kohlrabi und Holunderblüte, schmeckt dann eher nach Yuzu mit trockener Süße, dabei ganz leicht reduktiv, geschmeidige aber deutliche Säure, flaumige Hefe, etwas Tuff. Langer speichelfördernder Abgang, etwas adstringierend, im Finale süße Zitronenschale.

Auf dem Rückenetikett steht „French wine is not dead!“, wenn damit gemeint ist, daß es nicht nur eher behäbiger Bordeaux, sondern auch mal ein knallig-frecher PétNat sein kann, der trotz seiner eher unkomplizierten Ausrichtung mit einer recht eigenständigen Aromatik auftrumpfen kann, dann kann ich dem nur zustimmen!

Meine Wertung: Nachkauf 3 von 3, Gesamt 21 von 25

3. Wein: 2019er Žlahtina – Zlatna Vrbnička – Grand cru – suho – Vinogorje Krk – Kvalitetno Vino, Poljoprivredna Zadruga Vrbnik, Primorje

Žlahtina ist eine fast ausschließlich auf Krk kultivierte Rebsorte.

Im Glas präsentiert sich der Wein strohgelb, fürs Näschen gibt’s Fleischpfanzl und blasenfreie „Puffbrause“ sowie einen Hauch Fondor. Am Gaumen recht breit und fast ölig wirkend, helle Gelbfrucht aus der Katusfeigenecke, moderate, aber durchaus effektive Säure, als Unterlage etwas Speckstein. Der Abgang ist ebenfalls ölig mit Mango aus dem Plastikbecher.

Dieser Žlahtina reiht sich in meine überschaubaren Erfahrungen mit den mediterranen weißen Kroaten ein, welche dann doch recht viskos daherkommen, mir war er darüber hinaus vor allem beim Nachhall ein bißchen zu polystyrolig.

Meine Wertung: Nachkauf 1 von 3, Gesamt 17 von 25

4. Wein: [2019er] Aligoté – Troma-Onirique – Vin de France, L’Insolent, Bourgogne

Ein leicht grünliches und trübes Strohgelb im Glas. Das Bukett liefert Hansaplast ohne VOC’s, dazu leicht Grapefruitschalen. Schmeckt dann recht salzig mit Zitronendominanz, geschmeidige Säure, gelöschter Kalk als Basis. Der Abgang ist extrem lang und offenbart ein Salzbergwerk mit trockensüßen Gelbagrumen.

Superspannender Aligoté, den man aufgrund der amtlichen Salzfracht erst mal an eine entsprechende Küste verorten würde, ist aber doch Burgund, wenn auch aus dem weniger beachteten Bereich Yonne.

Meine Wertung: Nachkauf 3 von 3, Gesamt 21 von 25

5. Wein: 2017er Neuburger – Freyheit – trocken – Wein aus Österreich, Heinrich, Neusiedlersee

Hier sehen wir ein trübes Orangegelb, in der Nase weiße Tannine und salzige Birne. Am Gaumen dann säurelastiger als erwartet, leicht an grüne Kiwi erinnernde Frucht, fast kantige Säure, grüne Gerbstoffe, ebenso grüner Kalk bzw. bemooster Tuff. Der sehr lange, kalkig-moosige Abgang hat neben der frischen Säure noch etwas Papaya im Gepäck, welche sich vor allem im Finale bemerkbar macht.

Ein grüner Halborange, der aber nicht wirklich grün im Sinne von unreif ist, sondern der genügend ausgleichende Komponenten im Gepäck hat, um die Spannung hochzuhalten. Genau diesen Wein hatte ich schon zur alsbaldigen Vernichtung in meinen eigenen Kühlschrank gestellt, mittlerweile lagert er natürlich wieder normal im Keller, hol ich frühestens in zwei Jahren wieder rauf. Das ist auch der Grund, warum ich von der Flasche im Nachgang noch ein etwas besseres Foto machen konnte…

Meine Wertung: Nachkauf 3 von 3, Gesamt 21 von 25

6. Wein: 2012er Pinot noir – Corton Clos du Roy Grand cru AC, Domaine Maratray-Dubreuil, Bourgogne

Rubinrot mit mittlerer Transparenz im Glas, der Riechkolben erlebt klassische Kirsche mit dezentem Holz in Form eines kleines Steinpilzwalds, mit Luft aber auch etwas Eukalyptus. Am Gaumen dann eine sehr klare Frucht, aber bereits angenehm sekundär, dazu ein feiner Wald mit etwas Schnupftabak und Pfifferling, roter Kalk (sic!), sehr klare aber nicht vorlaute Säure. Der sehr lang hallende Nachhall lebt in erster Linie von einer Art tertiärer Waldkirsche und mündet in ein wärmendes, aber keinesfalls brandiges Finale.

Klassischer Pinot noir mit wunderbarer Balance der Kräfte, der zeigt, daß auch in einer Runde mit mehrheitlich freakigen Weinen sowas Althergebrachtes souverän seinen Platz einnehmen kann.

Meine Wertung: Nachkauf 3 von 3, Gesamt 22 von 25

7. Wein: 2019er Pinot noir – M∀R∀NY – suho – Vino, Tomac, Plešivica

Das Glas zeigt ein dunkleres Ziegelrot mit hoher Transparenz, fürs Näschen gibt’s scharfe Grapefruit, tonige Rotlage und Salami, dazu leicht flintig-schwefelig. Am Gaumen dann eher wenig Rotfrucht, dafür eine deutliche Trockenkräuterfront, satte kühle Säure, wieder Rauch und Schwefel nebst roter Mineralik. Sehr langer Abgang mit kräuterig-salzigem Finale.

Das müßte mein erster Amphoren-Pinot gewesen sein; die Rebsorte war allen Beteiligten sofort klar, aber von woher solch eine doch recht schräge Pinot-Aromatik stammen könnte, hatte letztlich niemand auf dem Schirm. Hohe Eigenständigkeit gepaart mit ordentlicher Spannung trotz gefühlter Leichtigkeit.

Meine Wertung: Nachkauf 3 von 3, Gesamt 22 von 25

8. Wein: 2018er [Gamay] – Juliénas AP, Vin Noé, Bourgogne

Farblich ein dunkles Rubinrot, kaum durchsichtig, riecht nach herben Weichseln und Aronia, ein geschmeidiger Kalkwind noch. Schmeckt nach hypergeschmeidiger Kreidekirsche, etwas rustikal aber auch andererseits edel wirkend, straffe Säure, etwas kantige Kräuterspur. Der recht lange Abgang endet mit einem deutlichem Chininbitterchen im Finale.

Gamay und / oder Beaujolais sind bisher noch nicht meine allerbesten Freunde geworden, auch wenn ich schon das eine oder andere mal durchaus erfreuliche Sachen von dort im Glas hatte. Aber wenn’s nicht so sehr nach „Bojo“ schmeckt, laß ich mir das durchaus gefallen!

Meine Wertung: Nachkauf 2 von 3, Gesamt 20 von 25

9. Wein: 2018er [Cuvée] – Fortercole – Marche IGT, Tenuta Santi Giacomo e Filippo, Marche

Dies ist übrigens eine Cuvée aus Sangiovese und Montepulciano.

Hier ein dunkles Violettrot mit mäßiger Transparenz im Glas, in der Nase Specksteinkirsche und Kreide. Am Gaumen kalkige, ganz leicht staubige Sauerkirsche gepaart mit einer flaumigen Säure, auch abgangsmäßig staubig-herbe Sauerkirsche.

Gegenüber den zuvor probierten Granaten hatte es dieser Wein recht schwer, irgendwelche Besonderheiten herauszustellen, ist halt einfach ein ganz netter Toscaner…

Meine Wertung: Nachkauf 1 von 3, Gesamt 18 von 25

10. Wein: [2018er] [Savagnin] – Encore Autrement – Vin de France, Domaine de Saint Pierre, Jura

Ein dunkleres, trübes Braunorange, geruchlich zeigen sich erstmal in angenehmer Konzentration UHU und Gutenberg Klebestift, dahinter Kletzen und Aprikosen in sekundärer bzw. fermentierter Form, auch eine Art Hefeschnaps. Geschmacklich dann fermentierte Aprikosen und Physalis, straffe Säure mit Apfelessig, deutliche Kalkbasis. Der Abgang ist extrem lang, wieder die animierende Essigsäure, welche sich vor allem im Finale ausbreitet.

Sehr polarisierender, hochfrischer Naturweinvertreter, allerdings ist ein säureresistenter Magen erforderlich, dann aber richtig goiles Zeuch!

Meine Wertung: Nachkauf 3 von 3, Gesamt 22 von 25

11. Wein: [2016er] Ve[rnatsc]h – Ca[mpil]l – Vino rosso, Pranzegg, Südtirol

Kirschrot mit mittlerer Transparenz im Glas, nasal gibt’s Flintkirsche, ganz leicht alkig, auch etwas laktisch wirkend. Gaumal dann eine saftige Sauerkirsche in oder neben einem kleinen Wäldchen, deutliche Säure, kühle Mineralik. Sehr langer und kühl-stahliger Nachhall mit glasklarer Frucht.

Die Tipps schwankten zwischen Pinot noir und Blaufränkisch, jedenfalls kam niemand auf Vernatsch. Ich selber kann ja regelmäßig mit dieser Sorte gar nichts anfangen, egal ob nun Vernatsch oder Trollinger auf der Flasche steht. Aber wenn’s dann mal so gar nicht typisch ist, dann spiele ich auch ganz gerne mal mit…

Meine Wertung: Nachkauf 2 von 3, Gesamt 20 von 25

12. Wein: 2018er Zweigelt – Strekov · Kürt – Naturálne Víno, Melecsky, Južnoslovenská

Der Zweigelt präsentiert sich violettrot mit mäßiger Transparenz, es riecht nach Schattenmorellen und etwas Berghütte. Schmeckt nach klarer, sekundärer Kirsche, schmeichelnde und doch deutliche Säure. Der Abgang hat eine schöne Länge und bewegt sich mit hoher Frische eher bei den Johannisbeeren.

Das ist zwar durchaus einer der schöneren Zweigelts, an die ich mich so erinnern kann, es reicht aber irgendwie nicht ganz zum möglichen Nachkauf. Dennoch interessant, denn das war mein erster Slowake ever…

Meine Wertung: Nachkauf 1 von 3, Gesamt 18 von 25

13. Wein: 2017er Cabernet Sauvignon – Foxglove – Paso Robles, Varner, California

Ein kaum durchsichtiges, dunkles Rubinrot zeigt sich hier, das Bukett bietet einiges an warmer Rotfrucht, dazu relativ dezentes und doch prägendes Holz mit morschen Stämmen und Pfifferling. Am Gaumen setzt sich das mit der warmen Rotfrucht mit Pflaume und Preiselbeeren fort, dann Kakao und dezent Vanille. Langer und saftiger Abgang mit fast malzig-pilzigem Holz.

Das paßte zwar ganz gut zum geschmorten Rindfleisch, das es zwischendurch zur Stärkung gab, ist mir aber letztlich doch zu wuchtig. Auch wenn ich objektiv nichts Negatives zu dem Wein sagen kann, begeistern kann mich so ein im Grunde doch recht mainstreamiger Bordeaux-Ersatz dann doch nicht, ist einfach nicht meine Baustelle.

Meine Wertung: Nachkauf 1 von 3, Gesamt 17 von 25

14. Wein: 2019er [Cuvée] – Toscana rosso IGT, La Madonnina, Toscana

Dies ist eine Cuvée aus aus Merlot, Petit Verdot, Syrah, Cabernet Sauvignon und Cabernet Franc.

Im Glas ein quasi undurchsichtiges Violett. Riecht ziemlich opulent beerig mit Schnupftabak und Bärendreck. Am Gaumen setzt sich die primäre Fruchtopulenz so fort, das Holz ist recht dominant, die Tannine gehen fast etwas unter, dennoch eine dehydrierende Adstringenz, gepaart mit einer Ladung Holzteer. Ziemlich langer Abgang, der jedoch auch recht sättigend wirkt.

Hier habe ich nur einen recht kleinen Schluck probiert; auch wenn dieser Wein schon einige Zeit offen war, denke ich, daß das keine Option für mich ist, wahrscheinlich wirkt der Wein in frisch geöffnet noch dicker als erlebt.

Meine Wertung: Nachkauf 1 von 3, Gesamt 16 von 25

Zum Abschluß dann noch was Nichtweiniges:

15. Getränk: [2018er] Lambic – Gueuze, Cantillon, België

Ein trübes Rotorange im Glas, feine und nachhaltige Schaumbildung. In der Nase saure Hefeknödel mit Aprikose, am Gaumen zeigt sich dann eine straff saure und herb-bittere Hopfenschorle, ein paar exotische Aromen aus der Maracuja-Ecke spielen noch mit, der Abgang ist recht lang und staubig-bitter mit kühlendem Frischefaktor.

Sehr erfrischendes Bierchen, aufgrund der strammen Säure aber auch ziemlich fordernd, was zumindest für mich jetzt kein Problem darstellt. Hat aber leider einen recht strammen Preis, zumindest wenn man sich auf Internet-Fundstellen beschränkt, vor Ort zahlt man nach Angabe des Spenders nur gut die Hälfte, dann wär’s absolut i.O…

Meine Wertung: Nachkauf 1 von 3, Gesamt 19 von 25

Fazit: so geht Weinrunde! Diesmal war die Granatendichte gemäß meinem Geschmack ziemlich hoch, die „déjà bu“-Erlebnisse hielten sich auf erfreulich niedrigem Niveau. Darüber hinaus ging’s nicht übermäßig weinakademisch, sondern sehr entspannt bis heiter zu, dennoch waren die mitgebrachten Getränke weitgehend fern jeder Beliebigkeit. Vielen Dank an die Gastgeber für die freundliche Aufnahme und die liebevolle Bewirtung; ich komm wieder!

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