3 + 1 x 11

Wieder mal mit ordentlicher Verspätung haben wir die Weine einer WRINT-Online-Verkostung geöffnet. Das Thema war diesmal Sizilien, eine Region, die durchaus schöne Weine zustande bringt, allerdings nach meiner Erfahrung bzw. beruhend auf meinen persönlichen Vorlieben insbesondere bei Weiß eher dann, wenn sie aus größerer Höhe stammen (z.B. vom Etna) bzw. das Gut auf ggf. andere Weise dafür sorgt, daß die Säure in der Hitze nicht untergeht. Also mal sehen, wie die Weine von Vino Lauria aus dem äußersten Nordwesten der Insel frischemäßig aufgestellt sind, immerhin bringen sie zumindest teilweise laut Etikett auch 400 Höhenmeter mit. Zum Einstimmen gab’s aber erst mal was nicht ganz Konventionelles aus dem Heimatland:

Wein A: 2020 [Cuvée] – Tacheles – [trocken] – Deutscher Wein, Weinreich, Rheinhessen

Vom Weingut gibt es keine offizielle Aussage zur Zusammensetzung dieses Weinchens, aber der Händler meinte, es müßte sich bei diesem Jahrgang um eine Cuvée aus Bacchus, Kerner und Silvaner handeln, welche einen Monat spontangärend auf der Maische lag, dann fünf Monate im 600 Liter Faß, anschließend Feinhefelagerung bis zur Abfüllung, welche ohne Schwefelzugabe, Filtration bzw. Schönung von sich ging.

Leicht trübes Honiggelb, riecht nach völlig zuckerlosem, gekräuterten Honig mit gegerbter und sehr frischer Frucht aus der Maracuja-Ecke, schmeckt dann auch knarztrocken exotisch mit ordentlich Eisensalz, satte und doch distinguierte Säure, kreidige Unterlage. Sehr langer, leicht adstringierender Abgang.

Das meiste Naturweinzeugs, das ich in den letzten Jahren so getrunken habe, war preislich eher in der Region ab 17 Euronen aufwärts angesiedelt und meist war es das auch wert. Mit gerade 11,50 € ist dies quasi ein Guts-Naturwein, der sich aber vor so manch teurerem Gewächs dieses Genres nicht zu verstecken braucht. Dabei ist das „Naturweinige“ klar definiert, es fehlt aber an jeglicher Freakigkeit, die Aromatik ist nicht unbedingt hyperkomplex, aber der „Tacheles“ überzeugt mit einer sehr klaren Gesamtstruktur. Das macht ihn zu einem wunderbaren Terrassen-Naturinger mit hohem Trinkfluß, deshalb gibt’s auch keinen Nachtrag…

Meine Wertung: Nachkauf 3 von 3, Gesamt 20 von 25

1. Wein: 2020er Catarratto – [Grisì] Costabisaccia – Terre Siciliane IGT, Vino Lauria, Sicilia

„Costabisaccia“ ist eine Weinlage, die gemäß Heimseite auf ca. 600 m Höhe liegen soll, das Rückenetikett weist allerdings nur 400 Höhenmeter aus; das Alter der Reben wird mit 30 Jahren betitelt, der Wein hat 6,3 g/l Säuregehalt.

Sattes Altgold, riecht nach trockenem Himbeerhonig, dazu Physalis, Netzmelone und Zanzibar-Ananas in eher sekundärer Verfassung. Schmeckt dann recht leicht trotz der Honigbeigaben nach reiferer, nicht vorlauter Gelbfrucht, relativ deutliche Säure, leicht specksteinige Unterlage. Der Abgang ist von ordentlicher Länge, hier stehen Säure und Extrakt etwas nebeneinander, wodurch sich ein leichtes geschmackliches Loch ergibt.

Einerseits durchaus eigenständig und mit einiger Frische ausgestattet, insgesamt schon ein recht ordentlicher Wein ohne die typisch italienische Weißweinbreite, aber ein Nachkaufreflex stellt sich dann doch nicht ein, weil bei aller objektiver Qualität immer die Assoziation der angezogenen Handbremse vermittelt wird.

Meine Wertung am ersten Tag: Nachkauf 1 von 3, Gesamt 16 von 25

Nachtrag nach 24 Stunden mit Luft: insbesondere die Honigseite legt zu, am Gaumen intensiviert sich auch die Frucht etwas, die Säure kommt dadurch aber noch nicht aus dem Gleichgewicht. Beim Abgang nun ein leichtes, braunes Bitterchen. Einen kleinen Zuschlag mach ich, zum Nachkauf reicht’s aber noch nicht.

Meine Wertung am zweiten Tag: Nachkauf 1 von 3, Gesamt 17 von 25

2. Wein: 2020er Grillo – [Rapitalà] Giardinello – Sicilia DOC, Vino Lauria, Sicilia

Auch hier weist der Beiname auf die Einzellage hin, sie liegt laut Heimseitenbeschreibung in 600 bis 700 m Höhe und ist nach Norden ausgerichtet. Der Säuregehalt wird mit 6,4 g/l angegeben.

Leuchtendes Altgold im Glas, anfangs ein leichter Stinker plus bleibendem Bariumchlorid, dahinter recht wenig Steinfrucht, etwas Moos. Am Gaumen noch mineralischer, leicht herbes Bitterchen, prägnante Säure, deutlich Zement als Basis. Der sehr lange Abgang ist ebenso karg bzw. steinig, die Säure ist hier recht bestimmend.

Irgendwie wirkt der Wein auf mich etwas zerfleddert, die einzelnen, teils auch durchaus für sich animierenden Aromenbestandteile ergeben kein wirkliches Ganzes.

Meine Wertung: Nachkauf 1 von 3, Gesamt 15 von 25

Nachtrag nach 24 Stunden mit Luft: insgesamt wirkt der Wein jetzt etwas fülliger, die Einzelaromen stehen aber nach wie vor mehr für sich, insgesamt für mich kein Fortschritt.

3. Wein: 2019er Nero d’Avola – Zio Paolo – Sicilia DOC, Vino Lauria, Sicilia

Auch hier weist der Weinname auf einen Weinberg hin, allerdings handelt es sich hier um eine „inoffizielle“ Lagenbezeichnung, wenn ich das richtig verstanden bzw. übersetzt habe.

Dunkles Rubinrot mit violetten Rändern, riecht nach Brombeeren, schwarzer Johannisbeere, etwas Zedernholz und Eisen(III)oxid. Am Gaumen eine recht kernige, aber nicht abweisende Tanninstruktur, sehr reduzierte Waldfrucht, relativ straffe Säure, herbe Kiesunterlage. Sehr langer, pelziger Nachhall, hier bleibt noch die Johannisbeere bzw. auch etwas Aronia übrig.

Sehr jugendlich ruppiger Nero d’Avola, der durchaus schöne Anlagen hat, muß sich mit zwei bis drei Jahren Lager wohl erst noch finden.

Meine Wertung am ersten Tag: Nachkauf 1 von 3, Gesamt 17 von 25

Nachtrag nach 24 Stunden mit Luft: in der Nase nun auch etwas nasses Leder sowie ein bißchen Pflaume, geschmacklich nach wie vor vom Tannin geprägt; die Fruchtseite wird jetzt auch von einer nicht gerade kleinen Blutorange begleitet, welche die nach wie vor deutliche Säure auf einmal recht harmonisch integriert. Der sehr lange Abgang ist nun bei Weitem nicht mehr so adstringierend, die Frucht wirkt fast schmatzig im besten Sinne.

Der „Zio Paolo“ zeigt nach einem Tag mit Luft am deutlichsten, welches Potential er für die mittelferne Zukunft hat, hier kann sich nach neuesten Erkenntnissen -auch angesichts des Preises- ein Nachkauf schon lohnen…

Meine Wertung am zweiten Tag: Nachkauf 2 von 3, Gesamt 19 von 25

Fazit:

So eng lagen die Weine einer Runde preislich wohl noch nie zusammen, die drei Sizilianer schlagen jeweils mit 11 Euronen zu Buche, der „Tacheles“ hat mich 50 ct mehr gekostet. Der hat dann gleich zu Beginn die Latte sehr hoch gelegt, die beiden weißen Sizilianer konnten da trotz regionstypisch eher überdurchschnittlicher Frische bei Weitem nicht mithalten; vielleicht wäre unsere Bewertung wohlwollender ausgefallen, wenn wir diese Konkurrenz nicht im Spiel gehabt hätten, die am Ende das Ranking auch nochmals klar gefestigt hat. Dennoch bleibt hinsichtlich der weißen Sizilianer die für uns gültige Schlußfolgerung: „Warum in die Ferne schweifen, wenn das Gute liegt so nah?“ Beim Nero d’Avola sehe ich das tatsächlich anders, sowas gibt’s in Deutschland einfach nicht, schon gar nicht in der Qualität und zu dem Preis; auch wenn’s mit dieser Erkenntnis einen Tag gebraucht hat…

Last but not least vielen Dank an die Teilnehmer für die teils auch kontroverse Gestaltung der Runde, ein zweites Sizilien-Treffen steht noch aus!

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