Riesling in schräg

Es ist nun schon eine ganze Weile her, daß wir eine Runde mit nicht ganz alltäglichen Weinen veranstaltet haben, bei der das Thema schlicht „Riesling schräg“ lautete. Das war kurz vor meinem letzten Urlaub, so daß ich erst jetzt dazu gekommen bin, mein Geschreibsel zu den Weinen hier in Form zu bringen:

1. Wein: [2020er] [Cuvée] – Guefen – Vin de France, Belly Wine Experiment, France

Dies ist eine Cuvée aus Riesling aus dem Elsaß sowie Terret Bourret von der Rhône, also nicht ganz die reine Riesling-Lehre…

Farblich ein leicht trübes Messing, ganz leichter Bizzel; anfangs ein deutlicher Stinker, aber auch Osterfladen, konzentriert sich im Laufe der Zeit auf Apfelmost. Am Gaumen dann sehr gerbstofflastig, hier eher grüne Mostäpfel, vegetabile Säure, deutliche Kalk- und Salzspur, insgesamt eine gewisse Nachgäraromatik. Auch der sehr lange Abgang lebt von den grünen Gerbstoffen plus Eisen(III)oxid.

Flutscht äußerst gut und zeigt sich auch recht eigenständig, dieser wahre „Vin de France“, ist aber kein ganz billiges Vergnügen, was gemäß meiner persönlichen PLV-Wertung einen Einzug in die „3er-Riege“ verhindert.

Meine Wertung: Nachkauf 2 von 3, Gesamt 19 von 25

2. Wein: 2018er Riesling – [Dienheimer Tafelstein] – [trocken] – Rheinischer Landwein, Moritz Kissinger, Rheinhessen

Ein klares Messing im Glas, riecht leicht sekundär zitrisch mit Orange, Ugli und Pomelo plus angekündigte weiße Tannine. Am Gaumen dann eher grünliche Gerbstoffe, leichte Adstringenz, hier eher Limette und Zitrone, präsente, aber flaumige Säure, etwas Naphtalin sowie herber Kalk als Basis. Der Abgang ist fast etwas staubig, agrumenseitig gibt hier die Limette den Ton an…

Würde ich als „halbschrägen“ Riesling einstufen, was dessen Qualität und Trinkfluß jedoch in keinster Weise einschränkt, großer Spaß!

Meine Wertung: Nachkauf 3 von 3, Gesamt 20 von 25

3. Wein: 2019er Riesling – Deidesheim „Am Kirchenberg“ – [trocken] – Qw, Seckinger, Pfalz

Der Riesling zeigt sich in Messing mit ganz leichter Trübung, riecht anfangs eher verhalten, mit Luft entwickelt sich ein leichter Stinker, eine fermentierte Limette entwickelt sich über Minneloa zu Mirabellen. Gaumal drängt sich dann die einerseits klare, aber irgendwie doch angeflaumte und damit auch moderat wirkende Verjus-Säure in den Vordergrund, auch hier gibt die Limette in sekundär geschmeidig den Ton an (verändert sich mit Luft zur orangen Seite hin), das Ganze bleibt aber dennoch klar auf der knackigen Seite; etwas grüner Pfeffer blitzt auf, blauer Kalk mit Algenbesatz als Basis. Der sehr lange und leicht adstringierende Abgang bringt ein leichtes, anorganisches Bitterchen mit, irgendwie wie Flechten auf Schiefer.

Relativ fordernder Riesling aufgrund der dann doch irgendwie straff wirkenden Säure, schielt etwas in die burgundische Richtung. Diesen Wein hatten wir schon mal vor nicht allzu langer Zeit im Glas, auch wenn die Beschreibungen nicht 1:1 den gleichen Wortlaut zeigen, zeigt sich eine deutliche Übereinstimmung.

Meine Wertung: Nachkauf 3 von 3, Gesamt 21 von 25

4. Wein: [2019er] [Riesling] – Le Roi des Cépages – „nez blanc“ – Vin de France, l’Octavin – Alice Bouvot, Alsace

Der Wein ist übrigens in Zusammenarbeit mit Philippe Brand aus dem elsässischen Ergersheim entstanden, die Trauben stammen von dort.

Deutlich trübes Braunorange, nasal gibt’s Gutenberg-Klebestift und sehr sekundäre Mandarine, anfangs auch rote Blumen, viel angekündigter Gerbstoff. Schmeckt dann leicht und dicht zugleich, straff adstringierend, hier nur ein Hauch Kleber, dann sehr reduziert Mandarine, Kaki und Physalis, recht kernige Säure, die aber durch Gerbstoffe und Salze auf die leicht geschmeidige Seite geholt wird. Der ewige Nachhall lebt dann auch von dem pelzigen, orangen Zitruskorb, die fluffig samtige Säure will im Finale quasi gar nicht abflauen.

Das ist tatsächlich richtig schräg, verkauft sich anfangs eher als oranger Traminer und offenbart seine wahre Natur erst am Gaumen, wenn man’s weiß. Ist aber eher versöhnlich freakig.

Meine Wertung: Nachkauf 3 von 3, Gesamt 22 von 25

5. Wein: 2018er Riesling – Cole Ranch – Elimelech – Zero – dry, Ruth Lewandowski, California

Ein recht trübes Gelborange im Glas, riecht nach kühler Zitrustrockenfrucht wie getrocknete Orangenringe gepaart mit einer straff verdünnenden Säure, am Gaumen dann deutlich Bitterorange und Johannisbeeren -die Runde außer mir meinte fast einhellig auch Rhabarber-, weiters etwas Karamellsüße, wobei das Karamell selbst eher sauer ist; die Säure ist anfangs ziemlich rauh bzw. kantig, wandelt sich aber mit Luft deutlich zum Geschmeidigen hin, leicht Gips als Basis. Ziemlich langer Abgang mit latenter Fruchtsüßespur, dabei aber letztlich knalltrocken.

Ganz eigener Riesling mit einer Art Fake-Süße, fand ich recht interessant, kam beim Rest der Runde nicht ganz so an.

Meine Wertung: Nachkauf 2 von 3, Gesamt 20 von 25

6. Wein: [2019er] [Riesling] – Le Roi des Cépages – „nez rose“ – Vin de France, l’Octavin – Alice Bouvot, Alsace

So, jetzt ist’s passiert, wir hatten erstmals von zwei Spendern den gleichen Wein in der Runde! Oder doch nicht? Wer genau hinschaut, wird einen Unterschied in der Nase des Königs finden, außerdem sind die Kapseln unterschiedlich. Eine Recherche brachte die Information, daß der „nez rose“ länger auf der Maische lag als der „nez blanc“. Zumindest soll das in früheren Jahrgängen so gewesen sein, vom 19er (erkennbar an der Lot-Nr. auf dem Rückenetikett) hat’s anscheinend nur eine Partie gegeben und das Etikett mit der rosa Nase soll wahrscheinlich aus Versehen auf die Flasche gelangt sein. Oder ist vielleicht das Rückenetikett falsch und der Wein ein 18er oder 17er oder? Jedenfalls hatten wir blind zwei signifikant unterschiedliche Weine im Glas:

Trüb Braunorange im Glas, riecht deutlich nach Pattex, dazu Grapefruit. Schmeckt etwas weniger nach Kleber, auch hier herbe Grapefruit und Zitrone, straffe Gerbstofflast, klare und doch fluffige Säure, staubiger Kalk als Unterlage. Der ziemlich lange Abgang ist dann weitgehend kleberfrei, der Restpattex sorgt aber doch für eine lang anhaltende Adstringenz.

Ist aufgrund des stark abweichenden Kleberanteils für mich klar uncharmanter als der weißnasige „Roi“, welchen ich deswegen vorziehen würde, auch wenn sich die beiden Weine mit Luft etwas annähern.

Meine Wertung: Nachkauf 2 von 3, Gesamt 20 von 25

Damit war das Thema erstmal durch und es gab noch ein paar Leckerlis im Nachgang:

Wein A: oJ [Cuvée] – Edelzwicker – Vin d’Alsace, Gérard Schueller, Alsace

Zu diesem jahrgangslosen Edelzwicker (da anscheinend tatsächlich aus mehr als einem Jahrgang bestehend) gibt’s keine Angaben zu den enthaltenen Rebsorten, aber üblicherweise werden hauptsächlich Gutedel und Silvaner verwendet, weiters sind noch Riesling, Pinot gris, Pinot blanc und Gewürztraminer zulässig.

Der edle Zwicker präsentiert sich in einem sehr trüben Ockergelb, fürs Näschen gibt’s anfangs Penaten-Creme und volatile Säure, später schwindet die Creme etwas und ein bißchen Tapetenkleister taucht auf. Am Gaumen dann erstaunlich fruchtsüß mit Abate-Birne und Waldmeister bzw. grünen Gummibärchen (später auch orange), dagegen steht eine relativ deutliche Säure. Der Abgang ist sehr lang und sauerbirnig, dabei ergibt sich trotz der leichten Süßespur keinerlei Breitenwirkung.

Sehr schöner Zisch-Naturinger aus der Literflasche, allein dieses Format ist für den unkonventionellen Inhalt schon ungewöhnlich. Weine aus der Naturecke sind ja (leider) preislich bis dato relativ weit vom Durchschnittspreis abgehoben, da relativieren sich die zwölffuffzich für den Natur-Liter schon. Für den „normalen“ Literkunden dürfte das aber nichts sein, denn dazu ist das Ganze dann doch deutlich zu freakig.

Meine Wertung: Nachkauf 2 von 3, Gesamt 20 von 25

Wein B: 2018er [Gamay] – Ultimatum Climat – Beaujolais AC, Vignes du Maynes – Julien Guillot, Bourgogne

Leicht trübes Kirschrot, mittlere Transparenz, nasal deutlich Weihrauch und Basalt, aber in insgesamt gemäßigter Form, dahinter sehr sekundäre, etwas würzige Kirsche. Am Gaumen dann weitgehend fruchtbefreit, lebt von leicht grünlichen Hölzern sowie alter Berghütte, ein Hauch Piment, relativ kühle Säure, knarzige Mineralik aus der Blähtonecke. Schön langer und recht kühler Abgang, hier die deutlichste Adstringenz .

Wieder mal ein Gamay, der nicht nach Gamay schmeckt, sehr erfrischend und in erster Linie mineralisch; kann man sich gerne mal wieder antun!

Meine Wertung: Nachkauf 2 von 3, Gesamt 20 von 25

Fazit: sehr schöne Runde, welche den sprichwörtlichen Facettenreichtum des Rieslings noch um einige, den meisten Riesling-Fans wohl völlig unbekannte Attribute erweitert. Allerdings wird der typische Riesling-Fan wahrscheinlich eher die Nase rümpfen über solch aromatische Entgleisungen. Uns hat’s jedoch sehr gefallen, gerne mehr von diesen Querschlägern!

Und ich bedanke mich zum wiederholten mal bei unseren Gastgebern für das perfekte Setting, wir haben uns sehr wohlgefühlt!

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