Die andere, größere Weinwelt

Wenn ich und viele andere über Wein schreiben, dann handelt es sich bei den Berichtsobjekten in der Regel um Erzeugnisse, die in ihrer Gesamtheit mengenmäßig vielleicht 5 oder maximal 10 % des gesamten Weinmarktes ausmachen. Der Löwenanteil wird von Leuten getrunken, die aus der Sicht eines Nerds oder Geeks aka Weinverrückten eher mäßig bis kaum weinaffin sind und die sich für solches Weingeschreibsel nicht die Bohne interessieren. Das heißt, „wir“ sind eine jämmerliche Minderheit, die aber zumindest partiell und oft auch extrem selbstverliebt meint, das (Wein-) Geschmacksmonopol für sich gepachtet zu haben. Dabei ist es ganz natürlich, daß man mit einer intensiveren Beschäftigung für eine Sache diese irgendwann auch viel differenzierter betrachtet, wahrscheinlich führt so ziemlich jedes Hobby irgendwann zu so einer Art Narzißmus. Deshalb ist es auch ganz gut, wenn man sich diesbezüglich zwischendrin immer wieder mal erdet, um den Anschluß an sein „normales“ Umfeld nicht zu verlieren. Eine gute Gelegenheit dazu war für mich die Aufgabenstellung, für eine Hochzeit in meiner Verwandtschaft die Weinchen für 85 Gäste zu besorgen. Das Durchschnittsalter lag dabei weit unter meinem, der Ort der Veranstaltung war eher eine Bierhochburg (nein, nicht M…) und noch dazu war’s eine Zweiländerveranstaltung. Somit war klar, daß ich meinen eigenen Geschmack für die Weinauswahl nicht dominierend zugrunde legen durfte, auch wenn ich schon den Anspruch hatte, was in die Gläser zu bringen, das ich selbst auch noch ganz gut wegschlabbern kann. Und allzu viel kosten sollte das natürlich auch nicht. Folgende Sachen wurden dann ausgeschenkt:

2021er Cuvée – Nachschlag – Bubbles against Troubles – trocken – Deutscher Perlwein, Stahl, Taubertal

Dieser Schaum besteht übrigens aus Scheurebe und Riesling.

Farblich ein helles Goldgelb, mäßiger, aber dafür ausdauernder, feiner Blubber. Nasal wie gaumal gibt’s dann vor allem grünen Apfel, schmeckt noch etwas dropsig, der recht straffen Säure steht ein bißchen Schmeichelzucker gegenüber, vor allem der Abgang offeriert auch leicht Mirabelle.

Christian Stahl verkauft meines Wissens nach sehr viel in die Gastronomie und weiß anscheinend ziemlich genau, was die Masse da gerne trinkt. Dieser Massengeschmack mit potenter Frucht, etwas Süße und „mit ohne schwieriger Mineralik“ wird hier aus meiner Sicht sehr gut bedient; das Ganze bleibt aber auch für mich (und die schaummäßig von mir regelmäßig verwöhnte beste Frau von allen) noch recht angenehm trinkbar, es blieb beiderseits nicht bei einem Glas. Dennoch aber für uns zwei alleine keine Option…

Meine Wertung: Nachkauf 1 von 3, Gesamt 17 von 25

2018er [Cuvée] – Wild Wedding – weiß – trocken – Qw, Lisa Bunn, Rheinhessen

Dies ist übrigens eine Cuvée aus 70 % Scheurebe und 30 % Sauvignon blanc, die ich schon kannte und bereits im letzten Jahr für die Feierlichkeiten noch besorgt habe, da dies ja kein regelmäßig produzierter Wein ist. Und der Name des Weins paßte halt einfach „wie Faust aufs Auge“…

Im Glas ein mittleres leuchtendes Goldgelb, das Bukett präsentiert Jostabeeren, Kiwi und eine nicht zu vorlaute Kräuterseite. Schmeckt dann etwas gelber als angekündigt, gelbe Pflaumen und eine kleine Kaki liefern einen fast etwas kitschigen Extrakt, die Säure rettet das jedoch souverän, etwas Kalk als Basis. Abgangsmäßig zeigt sich am deutlichsten die 18er-typische Überextraktion, anstrengend wird’s aber nicht.

Im Wesentlichen bestätigt sich der Eindruck der letzten Verkostung, an sich eine schöne Aromatik, aber der Wein leidet ein bißchen unter dem warmen Jahr. Einige Gäste haben mich allerdings auf den Wein angesprochen und ihn ausdrücklich gelobt.

Meine Wertung: Nachkauf 1 von 3, Gesamt 17 von 25

2020er Cuvée Carnuntum Klassik – trocken – Qw, Artner, Carnuntum

Hier haben wir es mit einer Cuvée aus 50 % Blauer Zweigelt und 50 % Blaufränkisch von Schotter-, Lehm- und Lößböden aus der Gegend um Höflein bei Bruck an der Leitha zu tun.

Farblich ein dunkles Rotviolett mit quasi Nulltransparenz, riecht nach einem Mix aus dunklen Kirschen und frischen Pflaumen. Schmeckt dann auch so, die Frucht ist kraftvoll, dabei nicht zu primär, leichte Extraktsüße, potente, aber nicht vorlaute Säure, dezente Kalkbasis. Recht langer Fruchtabgang mit Kreidefinale.

Einfacher und fruchtbetonter Rotwein ohne jegliche Kitschigkeit, im besten Sinne unauf- bzw. gefällig. Für Nerds ist das aufgrund seiner Eindimensionalität eher nix (davon hab ich auch nur ein kleineres Glas getrunken), als Partywein aber i.O., ich wurde sogar zweifach gefragt, wo man den Wein herbekommt.

Meine Wertung: Nachkauf 1 von 3, Gesamt 16 von 25

Fazit: Puuh, anscheinend war meine Auswahl für den Anlaß dann doch nicht sooo schlecht. Gemecker gab’s jedenfalls keins (die haben sich wahrscheinlich alle nicht getraut), dafür gab’s zu allen Sachen von mehreren Leuten ungefragt anerkennende Worte. Und wir selbst fanden’s insgesamt auch ok, was natürlich auch der juxigen Feier geschuldet war. So soll’s sein…

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